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Das Geistliche Wort | 28.06.2015 | 08:40 Uhr

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Veits Tanz

Sprecherin: (weibl) „Viel hundert fingen zu Straßburg an, / zu tanzen und zu springen, Frau und Mann. / Am offenen Markt, in Gassen und Straßen, / ihrer viel Tag und Nacht nicht aßen / bis ihnen das Wüten wieder gela[n]g. / St.

Veits Tanz ward genannt die Plag.“ (1)

Musik 1: Tanzwut, Meer (Album: Ihr wolltet Spaß)

Autor: Guten Morgen! Eine Straßburger Chronik des Mittelalters beschreibt so den sprichwörtlich gewordenen Veitstanz. Mein Name ist Sven Keppler. Ich bin Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Tanz und Taumel. Krankheit und Krieg. Sehnsucht und manches Seltsame verbinden sich mit dem Heiligen Veit. Mit dem 28. Juni ist sein Name untrennbar verknüpft. Und mit der rätselhaften Tanzwut des Mittelalters, die irgendwann nur noch ‚Veitstanz‘ hieß.

Sprecherin: (weibl) Männer, Frauen und Kinder verloren alle Beherrschung. Sie fassten sich an den Händen. Tanzten auf den öffentlichen Plätzen und in den Straßen so lange im Kreise herum, bis sie in Ekstase gerieten. Tanzten, bis sie in ihren Visionen den Himmel offen zu erblicken wähnten. Viele von den Zuschauern, die bis dahin an Leib und Seele gesund waren, wurden plötzlich wie von einem Dämon ergriffen. Sie reichten den Tänzern die Hand und tanzten stundenlang mit, bis sie mit Schaum vor dem Munde halb ohnmächtig oder tot zu Boden sanken. (2)

Musik 2 = Musik 1: Tanzwut, Meer, 1:20-1:38

Wir sind wie der Sturm, wie die Schreie im Wind, wie das Herz eines Narren, der zu tanzen beginnt.

Autor: Immer wieder brach im Mittelalter die Tanzwut aus. Maßlos und zwanghaft – so wurde aus dem lebensfrohen Tanz eine Plage. Am stärksten wütete sie im Rheinland. Giftige Pflanzen hat man dafür verantwortlich gemacht. Tarantelstiche. Oder auch eine hilflose Auflehnung gegen die Pest. Für den Historiker Gregor Rohmann zeigt sich in der Tanzwut eine Sehnsucht nach Gott. Die Tanzenden wollen ein Teil der Engel und Planeten werden, die um Gott kreisen wie um eine Sonne. Aber der mystische Tanz scheitert, weil die Tanzenden doch nur Menschen sind. Er wird zu einem unfreiwilligen Taumel. Zum ‚Veitstanz‘, der heute einer unheilbaren Erbkrankheit den Namen gegeben hat. (3)

Musik 3 = Musik 1: Tanzwut, Meer

Wir sind wie das Meer, wie die schäumende Gischt, die den Sand überspült und die Spuren verwischt.

Autor: Veit oder Vitus lebte um das Jahr 300 auf Sizilien. Sein Vater war ein heidnischer Senator. Der ertrug es nicht, dass sein Sohn Christ geworden war. Ihm war jedes Mittel recht, um den Jungen von seinem Glauben abzubringen. Vielleicht würde er ja durch Musik und hübsche Mädchen auf andere Gedanken kommen? Die mittelalterliche Legenda Aurea berichtet:

Sprecher: (männl) Der Vater führte ihn heim und trachtete, wie er seinen Sinn wenden möchte durch allerlei Musik und schöner Mägde Spiel und Tanz. Durch Wolllust und Kurzweil mancher Art. Mit diesen Verführungen schloss er ihn in eine Kammer. Als er aber durch die Tür blickte, sah der Vater sieben Engel um das Kind stehen. Da ward der Vater von Stund an blind. (4)

Musik 4: Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble, Track 11: Credo (Album: Officium)

Autor: Durch dieses Ereignis wurde der römische Herrscher Kaiser Diocletian auf Vitus aufmerksam. Der Junge schien Zugang zu Engeln, zu göttlichen Schutzkräften zu haben. Und Kaiser Diocletian hatte einen Sohn, der wie von einem bösen Geist besessen war. Vitus sollte ihn heilen – und es gelang. Danach forderte ihn der Kaiser auf, den römischen Göttern ein Dankopfer zu bringen. Aber der fromme Vitus weigerte sich. Und bekam den Zorn der staatlichen Macht zu spüren.

Sprecher: (männl) Der Kaiser ließ ihn in einen glühenden Ofen werfen, doch ging er unversehrt daraus hervor. Danach ließ man einen wilden Löwen auf ihn los, dass er ihn zerreiße. Der ward auch durch die Kraft des Glaubens von ihm gezähmt. Der Kaiser floh voll Schreckens und schlug sich mit der Faust und rief: „Weh mir, ich bin von einem Kinde überwunden.“ (5)

Musik 5 = Musik 4: Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble, Credo

Autor: Tanz und Taumel, Sehnsucht nach Gott und die Grausamkeit staatlicher Macht – all das gehört von Anfang an zur Legende von Vitus. Bald wurde er als Heiliger verehrt. Seine Gebeine kamen im frühen Mittelalter nach Saint Denis bei Paris. Der Sohn Kaiser Karls des Großen brachte sie ins ostwestfälische Corvey. Vitus wurde zum Stammesheiligen der Sachsen. Von dort wurden seine Knochen in Osteuropa verteilt. Sein Schädel wird bis heute in der Prager Kathedrale aufbewahrt, dem berühmten Veitsdom.

Musik 6: Radetzkymarsch

Autor: Sarajevo im Sommer 1914. Es ist der Tag des Heiligen Veit. Der Kalender der Ostkirche schreibt damals den 15. Juni, der westliche Kalender schon den 28. Juni 1914. Der habsburgische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie besuchen die bosnische Hauptstadt. Bosnien war erst vor sechs Jahren von Österreich-Ungarn annektiert worden. Serbische und russische Nationalisten hatten wütend protestiert.

Musik 7 = Musik 6: Radetzkymarsch

Sprecher: (männl) Das Thronfolgerehepaar fährt in einem offenen Automobil am Fluss entlang in Richtung Rathaus. Plötzlich wird eine Bombe auf den Wagen geworfen. Der Fahrer sieht sie und gibt geistesgegenwärtig Gas. Der Thronfolger hebt den Arm, um seine Frau zu schützen. Die Bombe rollt über das Verdeck auf die Straße, bevor sie explodiert. Die Hoheiten bleiben unverletzt und kommen am Rathaus an. Später wird die Fahrt fortgesetzt. Ein zweiter serbischer Attentäter gibt zwei Schüsse ab. Sophie und Franz Ferdinand werden tödlich getroffen. Die durch das Attentat ausgelöste Krise führte zum Ersten Weltkrieg. Der Attentäter Gavrilo Princip wird in Serbien bis heute als Volksheld verehrt.

Autor: Viele Schlüsselereignisse der serbischen Geschichte fallen auf den Tag des Heiligen Veit. 1914 das Attentat. 1921 die Verabschiedung der ersten Verfassung Jugoslawiens. 1989 die Rede von Präsident Slobodan Miloševi? auf dem Amselfeld im Kosovo. Sie war ein Meilenstein auf dem Weg in den Jugoslawischen Bürgerkrieg.

Warum immer an diesem Tag? Was hat der Heilige der entfesselten Tänzer mit dem Krieg zu tun? Warum taumelte der Balkan an seinem Namenstag von Katastrophe zu Katastrophe? Um das zu verstehen, müssen wir 600 Jahre zurückblenden. In die Zeit, als die Tanzwütigen am Rhein in Ekstase gerieten. Damals wurde am Veitstag die Schlacht auf dem Amselfeld geschlagen.

Musik 8: Stevan Stojanovi? Mokranjac, Track 6: Liturgija Sv. Jovana Zlatoustog (Album: Beogradski Madrigalisti, Srpska duhovna muzika

Sprecherin: (weibl) Die Schlacht auf dem Amselfeld. Im Kosovo stehen sich 1389 zwei Armeen gegenüber. Auf der einen Seite die Osmanen unter ihrem Sultan Murad I. Auf der anderen Serben und Bosnier unter dem Fürsten Lazar Hrebeljanovi?. In den Jahrzehnten zuvor haben die türkischen Osmanen den südlichen Balkan erobert. Im Verlauf der Schlacht fallen beide Heerführer. Es gibt keinen eindeutigen Sieger. Aber nach dem Gefecht ist der Widerstand gegen die Osmanen gebrochen. In Serbien wird die Schlacht jedoch zu einem Mythos. Fürst Lazar wird schon im Folgejahr als Märtyrer heilig gesprochen. Der Kampf der Serben wird als Opfer eines christlichen Volkes verklärt. Am Veitstag werden bis heute die blutroten Amselfelder Pfingstrosen gepflückt. Sie sollen aus dem Blut der gefallenen Helden hervorgegangen sein.

Autor: 1914 war der 525. Jahrestag der Schlacht. Ausgerechnet an diesem Tag reiste der österreichische Thronfolger nach Sarajevo, ins annektierte Bosnien. Viele Serben empfanden das als Provokation. So war es kein Zufall, dass das Attentat am Veitstag geschah. Slobodan Miloševi? hielt seine Brandrede auf dem Amselfeld am 600. Jahrestag des tragischen Kampfes. Sie bildete den Auftakt zu einem Jahrzehnt der Kriege im zerfallenden Jugoslawien.

Musik 9 = Musik 1: Tanzwut, Meer,

Wir wurden geblendet von magischen Lichtern, den goldenen Kronen der Wellen geweiht. Wir stürzten uns lachend ins eigene Verderben, vom Leben berauscht und zur Abfahrt bereit. Riechst Du die See? Spürst Du den Wind? Fühlst Du Dein Herz, das zu tanzen beginnt?

Autor: Vitus, der Heilige der Tanzwütigen? Der taumelnden Krieger? Was für eine absurde Verkehrung! Vitus war der Junge, der sich gegen den Willen seines heidnischen Vaters zum Christentum bekannte und der durch den Tanz der schönen jungen Frauen verführt werden sollte. Doch er blieb sich und seinem Gott treu. In Vitus Gegenwart wurden aus schmeichelnden Tänzerinnen keusche Engel. Vitus war kein kriegerisches Raubtier. Sondern ein Unschuldiger, der einem Löwen zum Fraß vorgeworfen wurde. Doch Gott beschützte ihn wie einst Daniel in der Löwengrube.

Den Tanzwütigen im Mittelalter scheint das bewusst gewesen zu sein. Sie machten Vitus zu ihrem Schutzheiligen. Mit ihm teilten sie die Sehnsucht nach Gott. Den Wunsch, Gott nah zu sein. Im Tanz hatten sie diese Nähe erfahren wollen. Aber der Versuch war gescheitert. Zunächst hatten sie sich frei gefühlt im Rausch der Bewegung. Aber dann hatte der Taumel sie gefangen genommen. Für mich zeigt die Wahl des Schutzheiligen ihre Sehnsucht nach Freiheit. Wie Vitus wollten sie stärker sein als das, was sie gefangen nahm.

Musik 10: Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble, Track 3: Sanctus (Album Officium

Autor: Wenn ich heute die Kriegsbilder in den Nachrichten sehe, muss ich an den Veitstanz denken. Fanatische Wirrköpfe, die ins Unglück taumeln und andere mit hineinreißen. Gotteskrieger, die den Glauben missbrauchen. Früh gescheiterte junge Männer, die sich mit einer Waffe mächtig fühlen. Die uralte Kulturgüter zerhacken, um Andersgläubige zu schockieren. Und die damit doch nur ihre erschütternde Niedrigkeit zur Schau stellen.

Werden wir nie lernen? Ein einziges Attentat hat 20 Millionen Menschen das Leben gekostet. Das Attentat in Sarajevo hat den 1. Weltkrieg ausgelöst. Reicht das nicht, um vom Taumel der Gewalt abgeschreckt zu werden? 125.000 Tote in den Jugoslawienkriegen. Unzählige Opfer in den arabischen Bürgerkriegen, die uns zurzeit in Atem halten. Der Veitstanz des Krieges will einfach kein Ende nehmen!

Musik 11 = Musik 10: Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble, Sanctus,

Autor: Ausgerechnet zu Vitus fühlten sich die Tanzwütigen im Mittelalter hingezogen – in ihrer Sehnsucht nach Gottes Hilfe gegen Pest, Tod und Teufel. Der Tanz geriet zum gewaltsamen Taumel. Und doch: Mitten drin ahnten die Tänzer, was ihnen gut täte. Spürten sie die Sehnsucht nach Befreiung. Das hoffe ich auch bei den entfesselten Kriegern: Dass sie im Innersten ahnen, was sie von ihrem Gewaltrausch befreien kann. So war es auch Vitus selbst gegangen. Als ihm der Kopf schwindelig wurde, hat er sich daran erinnert. Ihm half das Beten. Als alles um ihn schwirrte, ist er im Gespräch mit Gott zur Ruhe gekommen. Beim Beten fand er Schutz. So können Verführerinnen zu Engeln werden. Und Löwen zu Spielgefährten. In diesem Schutz kann ich die Nähe Gottes erfahren. Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Kirche in Versmold.

Musik 12: Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble, Track 1: Parce mihi Domine (Album Officium)

Quellenangaben:

(1) zitiert nach: Stefan Winkle, Über das epidemieartige Auftreten von Nachahmungssyndromen. Die Tanzwut. Echte und scheinbare Enzephalitiden, erstmalig gedruckt erschienen in „Hamburger Ärzteblatt“ (Hefte 6-9/2000), Internetausgabe 2003 bei Collasius, Anm. 29.

(2) vgl. ebd.

(3) vgl. Gregor Rohmann, Tanzwut. Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts, Göttingen 2012.

(4) vgl. Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine, aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, Gerlingen 111993, S. 403.

(5) vgl. ebd., S. 404.

Vollständige Musikangaben:

Musik 1-3+9:

CD-Name:Ihr wolltet Spaß

Track-Name/-Nr.:Meer / 4

Interpret:Tanzwut

Komponist:Mike Paulenz („Teufel“)

Textdichter:Tanzwut

Verlag:Soulfood Music

LC-Nr.12598

Label:Pica Records (EFA)

Musik 4-5:

CD-Name:Officium

Track-Name/-Nr.:Credo /11

Interpret:Hilliard Ensemble / Jan Garbarek

Komponist:s.o.

Textdichter:Anonymous

Verlag:ECM Records

LC-Nr.02516

Label:ECM

Bestell-Nr.445369-2

Musik 6-7:

CD-Name:Radetzkymarsch

Track-Name/-Nr.:Radetzkymarsch / 1

Interpret:Wiener Johann Strauß Capelle (Dir.: Michael Tomascheck)

Komponist:Johann Strauß (Vater)

Textdichter:-

Verlag:Koch Verlag

LC-Nr.05680

Label:Koch-Records

EAN (Barcode)9002723240733

Bestell-Nr.324073

WDR-Archiv-Nr.:WDR-Archiv-Nr. 6614185109.1.01

Musik 8

CD-Name:Srpska duhovna muzika

Track-Name/-Nr.:Liturgija Sv. Jovana Zlatoustog / 6

Interpret:Beogradski Madrigalisti

Komponist:Stevan Stojanovi? Mokranjac

Textdichter:Sv. Jovana Zlatoustog

Verlag:unbekannt

LC-Nr.99999

Label:Nautilus Records

Musik 10-11

CD-Name:Officium

Track-Name/-Nr.:Sanctus / 3

Interpret:Hilliard Ensemble / Jan Garbarek

Komponist:s.o.

Textdichter:Anonymous

Verlag:ECM Records

LC-Nr.02516

Label:ECM

Bestell-Nr.445369-2

Musik 12

CD-Name:Officium

Track-Name/-Nr.:Parce Mihi Domine / 1

Interpret:Hilliard Ensemble / Jan Garbarek

Komponist:s.o.

Textdichter:Anonymous

Verlag:ECM Records

LC-Nr.02516

Label:ECM

Bestell-Nr.445369-2

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