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Das Geistliche Wort | 26.07.2015 | 08:40 Uhr

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Schonen oder nicht schonen?

Schonbezüge fand ich immer schon komisch. In der guten Stube unserer Nachbarn bin ich ihnen zum ersten Mal begegnet. Unförmige Überzüge aus langweiligen Stoffen wohin das Auge blickte. Dass darunter schöne Möbel waren, habe ich erst viel später entdeckt. Bis heute bedauere ich es, wenn ich sehe, wie schöne Sessel mit unansehnlichen Schonbezügen oder beigefarbenen Wolldecken verschandelt werden.

Guten Morgen! Mein Name ist Karla Wessel, ich bin Pfarrerin in Gelsenkirchen-Buer und grüße Sie, wo auch immer Sie gerade sitzen oder stehen.

Eigentlich habe ich nie verstanden, wofür Schonbezüge gut sind. Sicher, sie schonen. Das gute Sofa. Den schönen Sessel. Sie schützen vor Flecken, vor Abnutzungserscheinungen und vor Staub. Sie halten die Dinge schön. Aber sie verbergen auch die Schönheit. Das Auge kann sich nicht freuen an dem schönen Stoff, an Muster und Farben.

Heute sind Schonbezüge aus der Mode gekommen. Überhaupt hat sich unser Umgang mit den Dingen verändert. So sorgsam wie meine Mutter mit Töpfen und Geschirr umgeht, tue ich das nicht. Sorgfältig spült sie die Gläser, achtet auf Tassen und Teller, dass sie nicht anschlagen. Das gute Porzellan wird geschont und kommt nur zu besonderen Gelegenheiten auf den Tisch. Bei mir wird nichts geschont. Da geht schon mal ein Glas kaputt und angeschlagene Tassen werden schnell ersetzt. Ich bin das Kind einer Zeit, in der die Geschäfte sich füllten und die Preise sanken. Die Dinge wurden erschwinglich. Schonender Umgang ist da nicht mehr nötig. Oder doch? Ist Schonung doch zeitgemäß, ja sogar dringend geboten?

Musik 1: Relax, Take It, Easy - Mika

"Sie müssen sich schonen“, sagt die Ärztin, als ich aus dem Krankenhaus entlassen werde. Ich nicke: „Ja klar.“ Nicht beugen und bücken, nichts Schweres heben und tragen. Ich weiß Bescheid. Doch zuhause bin ich ratlos. Wie soll das im Alltag gehen, wenn alles wieder funktionieren muss?

Die Physiotherapeutin zeigt mir rückenschonende Haltungen und Bewegungen. Die kann ich lernen. Genauso wie die Übungen zum Muskelaufbau, die meinen Rücken stärken. Schonung durch Entlastung, Schonung durch Aktivität. Dem Rücken tut das gut. Aber geht es denn nur darum, den Rücken zu schonen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir der Rat der Ärztin. Mich schonen, anstatt allen Anforderungen gerecht werden zu wollen. Mich schonen: weniger arbeiten, öfter mal Pause machen, kürzer treten, Termine streichen. Mich schonen: mich nicht allem beugen, was so dringlich daher kommt und mich unter Druck setzt. Das Wichtige tun – und das Andere getrost lassen.

Mich schonen. Das klingt so ganz anders als die Botschaft der Vermessungsprogramme, die ich auf mein Handy runterlade. Die sollen meine Effektivität steigern. Ich zähle die Kalorien, die ich zu mir nehme, und berechne, wie viele ich wofür verbrauche. Na, das kann aber in ein besseres Verhältnis kommen! Ich stoppe die Zeit, die ich für Wege und Tätigkeiten brauche, ich messe die Zeit, die ich für Smalltalk brauche. Na, da summiert sich aber manche Zeit, die ich unnütz vergeude! Sogar den Schlaf kann ich messen - um Tief- und Leichtschlafphasen besser auszunutzen. Angeblich brauche ich dann weniger Schlaf insgesamt. So hole ich das Optimale heraus aus meiner Zeit, meiner Kraft, meinen Möglichkeiten. Beim Joggen einfach die Natur wahrnehmen? Was für eine Vergeudung von Zeit! Da kann man doch währenddessen Vokabeln lernen! Einfach mal so im Garten in der Sonne sitzen? Das kann man zumindest für die Vitamin-D-Zufuhr nutzen. In diesem Hamsterrad höre ich mich seufzen: Ach, verschont mich bloß mit dieser Selbstoptimierung. Ich hab‘ schon genug Antreiber in mir stecken, die mir kaum erlauben, mich zu schonen.

Vielleicht ist schonen ja doch gar nicht so unmodern. Vielleicht ist Schonung genau das, was wir brauchen in unserer Zeit und unserer Welt.

Musik 2 = Musik 1

Allerdings ist manchmal auch das Gegenteil nötig. „Ich will mich nicht schonen“, hat die Schriftstellerin Christa Wolf gesagt, als sie ihren letzten Roman „Stadt der Engel“ veröffentlichte. In ihren Büchern stellt Christa Wolf sich ihrer eigenen Geschichte. Dem, was sie erlitten hat. Und dem, was sie zu verantworten hat. In der Stadt der Engel geht es um ihre Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR. Sie war von der Stasi bespitzelt worden - und sie hatte eine Zeitlang mit der Stasi kooperiert. Christa Wolf mutet sich selbst zu, auch auf diesen Teil ihrer Geschichte zu schauen.

Manchmal ist Schonungslosigkeit nötig und richtig. Sich schonungslos der eigenen Geschichte zu stellen. In Deutschland haben wir uns schwer getan damit, haben jahrzehntelang den Blick auf unsere Täter- und Mittäterschaft im Nationalsozialismus vermieden.

Manchmal ist es nötig und richtig, sich schonungslos den Nachrichten zu stellen. Der Schriftsteller Heinrich Böll schreibt am 5. Juni 1942 an seine Eltern: “Schreibt ohne nicht angebrachte Schonung Tatsachen“. Auch später hat Heinrich Böll für Zumutung statt Schonung plädiert. (1)

Sich selbst und andere vor der Wahrheit nicht zu verschonen, das hat sich auch Carolin Emcke auf die Fahnen geschrieben. Als Kriegsberichterstatterin schreibt sie über das, was Menschen erleiden. Dabei schont sie ihre Leserinnen und Leser nicht. Wörter wie ‚unsagbar‘ oder ‚unbeschreiblich‘ sind für sie reine Floskeln. Sie sind ein unredlicher Versuch, die zu schonen, die sich das Leid der anderen nicht vorstellen wollen. Aber Menschen, die Gewalt erlitten haben, wollen sich ihren Kummer von der Seele reden.

Sie wollen, dass ihr Leid redlich dargestellt wird. Erst wenn sie gehört werden, erst wenn sie ernst genommen werden, erst wenn ihnen bestätigt wird, dass ihnen Unrecht angetan wurde, erst dann können die Verfolgten und Geschlagenen ihr verlorenes Weltvertrauen zurückgewinnen. Das Leid anzuschauen, den Klagen zuzuhören, die Gräuel zu dokumentieren ist das Mindeste, was wir diesen Menschen schuldig sind, meint Carolin Emcke. (2)

Schonung kann nicht nur das Schöne verbergen – wie die kostbaren Möbel. Sie kann auch das Schreckliche verbergen, das, was unbedingt aufgedeckt werden muss. Dann aber arbeitet Schonung den Kräften der Zerstörung zu. Dann verbündet die Schonung sich mit den Gewalttätigen, die im Dunkeln wirken und nicht gesehen werden wollen. Wenn Schonung zum Diener der Gewalt wird, dann ist Schonungslosigkeit angesagt. Auch wenn sie eine Zumutung ist.

Musik 3: Piano Relax Music – Klavier Akademie

Als schonungslos beharrlich könnte man den Dichter Christian Wagner beschreiben. Er lebte im 19. Jahrhundert und machte die „Schonung alles Lebendigen“ zum Leitwort seines Denkens und Handelns.

Christian Wagner erbte den Bauernhof seiner Eltern in der Nähe von Stuttgart. Doch der brachte nicht genug Ertrag, um die Familie zu ernähren. So musste der dichtende Bauer als Tagelöhner arbeiten. Geld hätte er also sicher gut brauchen können. Trotzdem war es ihm wichtiger, Pflanzen und Tiere zu schonen, als den Ertrag zu steigern oder das landwirtschaftliche Handeln zu optimieren.

Christian Wagner ließ Unkraut stehen, um Klatschmohn und Kornblumen zu schonen. Er ließ die Kälber aufwachsen, statt sie zum Metzger zu schicken. Dem Wirt kaufte er drei Gänse ab, die dieser zum Mästen verkaufen wollte. Er setzte sich ein für die Schwachen und Geächteten. Er intervenierte beim Gemeinderat, um eine Gruppe von Birken zu retten. So machte er konkret, wofür er in Gedichten und philosophischen Texten eintrat: Die Schonung alles Lebendigen. Im Dorf galt er als Sonderling. Doch im Alter fand er Anerkennung. Hermann Hesse wurde aufmerksam auf ihn und veröffentlichte eine Sammlung seiner Werke.

Musik 4: Morning has broken – Santec Symphonie Orchester

Auch der schweizerische Schriftsteller und evangelische Theologe Kurt Marti ist überzeugt, dass wir die Schonung alles Lebendigen brauchen. Das 20. Jahrhundert sei zu einem Jahrhundert der Schonungslosigkeit geworden, sagt er und mahnt:

Sprecher: „Falls das 21. Jahrhundert nicht zu einem Jahrhundert der Schonung werden kann, droht die entfesselte Schonungslosigkeit weiterzuwüten... Die Schöpfung (inklusive Geschöpf Mensch!) braucht Schonung. Zahllose An- und Warnzeichen sprechen dafür. Die bisherige Schonungslosigkeit könnte die Selbsterneuerungskraft der Schöpfung eines Tages erschöpft haben. Schonung im Umgang mit allem Lebendigem bedeutet deshalb: Widerstand, Aufstand gegen die rücksichtslose Ausbeutung, Ausplünderung der Erde und ihrer Bewohner in den Lüften, auf und im Boden, in den Meeren.“ (3)

„Du sollst andere schonen wie dich selbst.“ – das wäre doch mal ein schönes Gebot. Steht leider nicht in der Bibel. Aber etwas Ähnliches.

Da steht: „Du, Mensch, bist ein Gottes Geschöpf, von Gott für gut befunden.“ Das ermöglicht mir einen gnädigen Blick auf mich selbst. Und bringt meine Antreiber zum Schweigen.

Und damit ich das auch nicht vergesse, hat sich Gott was ganz Besonderes ausgedacht: Jeder 7. Tag soll ein Tag der Schonung sein.

Sprecher: „Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.“ (4)

Gott hat den Menschen den Auftrag gegeben, seine Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Ein großer Teil der Menschheit hat diesen Auftrag gründlich missverstanden und gedacht: Das kann ja nur bedeuten, dass ich mir die Schöpfung gefügig mache und unterwerfe.

Es ist dringend an der Zeit, dass wir wieder lernen, über die Schöpfung zu staunen. Wie schön ist all das, was da wächst und sich regt, was da kriecht und läuft, was da fliegt und fließt. Wie gut ist es, dass Gott uns mit allem versorgt, was uns schön und stark macht.

Gott hat uns alles anvertraut. Nun ist es unsere Aufgabe, alles Lebendige zu schonen, wo immer es nötig und möglich ist. Und zugleich schonungslos mit uns selbst und anderen zu sein, wenn etwas der Schöpfung oder den Geschöpfen schadet.

Musik 5 = Musik 4

Schonung und Schönheit – die haben miteinander zu tun. Das zeigen ja schon die von mir wenig geschätzten Schonbezüge. Nein, die wünsche ich mir nicht zurück. Ich will das Schöne nicht verbergen. Ich will aber das Lebendige schonen. So kann es schön bleiben. Mich schonen – so werden verkrampfte Gesichtsmuskeln locker und weich. Die Erde schonen. So kommt sie wieder zum Blühen. Andere schonen. So kann sich die Kraft entfalten, die in ihnen wohnt.

Schonen macht das Leben schön. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag. Ihre Karla Wessel, Pfarrerin in Gelsenkirchen-Buer.

Schlussmusik = Musik 4

(1) „Zumutung ist die Parole“, Heinrich Böll 1977 in einer Laudatio für Reiner Kunze.

(2) Vgl. Laudatio auf Eva Menasse Anlässlich der Verleihung des Heinrich-Böll-Preises 2013 am 22. November 2013 von Carolin Emcke, http://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf41/laudatio-auf-eva-menasse.pdf

(3) Kurt Marti, Von der Weltleidenschaft Gottes, Radius Verlag Stuttgart 2011, S. 54f.

(4) 2. Mose 20,10 (Luther 1984).

Musikangaben:

Musik 1 und 2: Relax, Take It Easy (Single), Interpret: Mika, Komp.: Text: , Label: Universal International, Casablanca, Label: Universal Music International Div., Labelcode: 03272, Copyright: (C) 2006 Casablanca Music. Distributed by Universal Records, a Division of UMG Recordings, Inc..

Musik 3: Track 1 Piano Relax Music, von CD: Piano Musik - Entspannungsmusik Klavier, Beruhigende Klänge; Interpreten: Entspannungsmusik Klavier Akademie; Komponist: Giuliano Sacchetto-Giordano Trivellato; Erscheinungstermin: 15. September 2010 , Label: Equilibrium; Labelcode: 23482; Copyright: 2010 Tobacco Music (Gema).

Musik 4, 5 und Schlussmusik: Track 8 Morning has broken, von CD: Symphonic Evergreens (Santec Music Orchestra Plays World-Famous Tracks from Music and Film History); Interpreten: Santec Music Orchestra; Komponist: Cat Stevens, (2007), Label: Santec Music // Entspannen & Wohlfühlen: bekannte Melodien instrumental, Labelcode: 24712.

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