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Das Geistliche Wort | 26.12.2015 | 08:40 Uhr

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Weihnachten trotz Weihnachten

Autor: Guten Morgen! Es ist geschafft, sage ich zu meiner Frau, mit Weihnachten sind wir für diesmal durch – bis auf heute. Heiligabend war der Gipfel. Von da an ein allmählicher Abstieg. Ja, wie ein Berg lag das Fest lange schon vor uns. Gut, dass wir es jetzt bald hinter uns haben.

Mein Name ist Henning Theurich, ich bin Pfarrer im Ruhestand aus Bonn.

Ich höre noch eine Küsterin sagen: „Manchmal wollte ich, es gäbe einen großen Knall und das ganze Fest wäre vorbei.“ Dabei liebte sie ihre Kirche und das Weihnachtsfest: vor allem die Menschen, die zu den Gottesdiensten kamen. Aber ich konnte sie verstehen. Schließlich hatte sie nicht nur ihren Beruf, in dem sie gewissenhaft arbeitete, sondern auch ihre Familie, um die sie sich kümmern wollte und musste. Doch wenn es auf Weihnachten zuging, war es oft einfach zu viel, was alles so an ihr zerrte.

Aber wem sage ich das!? Ich denke, es geht vielen so – selbst mir, obwohl ich schon einige Jahre im Ruhestand bin. Andere mögen da gelassen sein. Ich bin es noch nicht. Allein schon jedes Jahr von neuem rechtzeitig überlegen zu müssen und zu planen, wer, wann, mit wem und wo zusammen feiert, das erfordert regelrechte Logistik und kostet Nerven. Schließlich sind alle erwachsenen Kinder mit ihren Familien und mit eigenen Kindern zu bedenken. Dabei haben alle auch ihre besonderen Vorstellungen und Wünsche ans Fest. Und alle – außer den noch kleinen Enkeln - sind hochgradig gereizt, aufgeladen mit Gefühlen – nicht nur guten, denn vieles tut ja auch weh. Aber ohne Abstriche, ohne Kompromisse geht es nun mal nicht. In einer großen Familie, zumal in einer sogenannten „Patchworkfamilie“ wie meiner, sind sich auch nicht immer alle grün. Kein Wunder, wenn es gelegentlich heftig knallt. Nach dem Streit ist dann oft lange Funkstille. Ja, auch aus meiner Sicht kann ich die Küsterin verstehen: „Ich wollte, es gäbe einen großen Knall und Weihnachten wäre vorbei.“

Track 11 „Stille Nacht“ von CD Jazz Tannenbaum Latin, Interpret Ewood Brothers, Komponist: Rick von Bracken; Label: Casino Records, Copyright: 2010 Casino Records, ohne LC.

Autor: Dass besonders oft in der Weihnachtszeit der Haussegen schief hängt, das ist nicht neu. Und es gibt viele Gründe, warum jemand sich wünscht, Weihnachten wäre schon vorbei.

Ich denke dabei an eine Geschichte, die der Schriftsteller Heinrich Böll schon vor über einem halben Jahrhundert erzählt hat. Sie heißt: „So ward Abend und Morgen.“

Sie spielt an Heiligabend, nach Betriebsschluss. Ein junger Mann – er heißt Brenig – traut sich nach der Arbeit nicht nach Hause zu seiner Frau. Anna hat ihn bei einer – wie er meint - „kleinen“ Lüge ertappt und bestraft ihn jetzt, indem sie nicht mehr mit ihm spricht. Zwischen ihnen herrscht „Eiszeit“.

Sprecher: Seitdem Anna nicht mehr mit ihm sprach, fürchtete er sich vor der Heimkehr; ihre Stummheit wälzte sich über ihn wie ein Grabstein, sobald er die Wohnung betreten hatte. Früher hatte er sich auf die Heimkehr gefreut, zwei Jahre lang seit dem Hochzeitstag: er liebte es, mit Anna zu essen, mit ihr zu sprechen, dann ins Bett zu gehen; am meisten aber liebte er die Stunde zwischen Zu–Bett–Gehen und Einschlafen. … Um der Stunde vor dem Einschlafen willen hatte er aufs Kino, aufs Tanzen verzichtet, hatte Verabredungen nicht eingehalten. Abends wenn er im Bett lag kam Frömmigkeit über ihn, Frieden, und er wiederholte sich dann oft den Satz, dessen Wortlaut er nicht mehr ganz genau wusste: „Gott schuf die Erde und den Mond, ließ sie über den Tag und die Nacht walten, zwischen Licht und Finsternis scheiden, und Gott sah, dass es gut war. So ward Abend und Morgen.“ Er hatte sich vorgenommen, in Annas Bibel den Satz noch einmal genau nachzulesen, aber er vergaß es immer wieder. Dass Gott Tag und Nacht erschaffen hatte, erschien ihm mindestens so großartig wie die Erschaffung der Blumen, der Tiere und des Menschen.

Er liebte diese Stunde vor dem Einschlafen über alles. Aber seitdem Anna nicht mehr mit ihm sprach, lag ihre Stummheit wie ein Gewicht auf ihm. Hätte sie nur gesagt: „Es ist kälter geworden...“, oder „Es wird regnen...“, er wäre erlöst gewesen – hätte sie nur „Ja, ja“ oder „Nein, nein“ gesagt, irgend etwas viel Dümmeres als das, er wäre glücklich und der Gedanke an die Heimkehr wäre nicht mehr schrecklich gewesen.

Autor: So aber vertreibt er sich die Zeit auf dem Bahnhof, gibt seine Geschenke für Anna am Schalter zur Aufbewahrung ab, beobachtet, wie in den Schaufenstern der Läden die Weihnachtsdekoration schon durch die für Silvester ausgetauscht wird, und er sinniert: „Weihnachten ist hier schon zu Ende, bevor es angefangen hat.“

Sprecher: Vielleicht, dachte er, ist (auch) Anna zu jung, sie war erst einundzwanzig, und während er im Schaufenster sein Spiegelbild betrachtete…, fiel ihm ein, dass die Alten unrecht hatten, wenn sie von der fröhlichen Jugendzeit sprachen: wenn man jung war, war alles ernst und schwer, und niemand half einem, und er wunderte sich plötzlich, dass er Anna ihrer Stummheit wegen nicht hasste, dass er nicht wünschte, eine andere geheiratet zu haben. Das ganze Vokabular, das einem so zugetragen wurde, galt nicht: Verzeihung, Scheidung, neu anfangen, die Zeit wird helfen – alle diese Worte halfen einem nichts. Man musste allein damit fertig werden, weil man anders war als die anderen, und weil Anna eine andere Frau war als die Frauen der anderen.

Autor: Schließlich – es ist spät und längst schon dunkel - macht Brenig sich doch auf den Heimweg. Im Taxi - die letzte Bahn ist längst weg - und ohne die Geschenke für Anna: als er sie holen wollte, hatte der Schalter schon geschlossen.

Sprecher: Die Straßen waren leer, das Auto fuhr fast geräuschlos durch den Schnee, und in den Häusern konnte Brenig hinter den erleuchteten Fenstern die Weihnachtsbäume brennen sehen: Weihnachten, das, was er als Kind darunter verstanden und an diesem Tag empfunden hatte, das schien ihm weit weg: was wichtig war und schwer wog, geschah unabhängig vom Kalender…

Autor: Vor dem Haus angekommen, sieht Brenig oben im Schlafzimmer noch Licht brennen. In der Wohnung steht der Weihnachtsbaum auf dem Tisch und auch ein paar Geschenke für ihn liegen da. Aber er sieht sofort, dass Anna das Licht in ihrem Zimmer gelöscht hat.

Sprecher: Die Tür zum Schlafzimmer war aber offen, und er rief ohne viel Hoffnung leise in das dunkle Viereck: „Anna, schläfst du?“ Er wartete, lange schien ihm, als fiele seine Frage unendlich tief, und das dunkle Schweigen in dem dunklen Viereck der Schlafzimmertür enthielt alles, was in dreißig, vierzig Kalenderjahren noch auf ihn wartete – und als Anna „Nein“ sagte, glaubte er, sich verhört zu haben, vielleicht war es eine Täuschung, und er sprach hastig und laut weiter: „Ich habe eine Dummheit gemacht. Ich habe die Geschenke für dich bei der Aufbewahrung am Bahnhof abgegeben, und als ich sie holen wollte, war geschlossen. Ist es schlimm?“

Diesmal war er sicher, ihr „Nein“ richtig gehört zu haben … „Es ist ein Schirm“, sagte er, „zwei Bücher und ein kleines Piano aus Schokolade.“ Er sprach nicht weiter, lauschte auf Antwort, aber es kam nichts aus dem dunklen Viereck, aber als er fragte. „Freust du dich?“, kam das „Ja“ schneller als die beiden „Nein“ vorher …

Er löschte das Licht in der Küche, zog sich im Dunkeln aus und legte sich in sein Bett: er hatte seine Stunde wieder, hatte zwei „Nein“ und ein „Ja“, und wenn ein Auto die Straße heraufkam, schoss der Scheinwerfer für ihn Annas Profil aus der Dunkelheit heraus …

Track 3 „Ich steh an deiner Krippen hier“ von CD Jazz Tannenbaum Latin, Interpret Ewood Brothers, Komponist: Rick von Bracken; Label: Casino Records, Copyright: 2010 Casino Records, ohne LC.

Autor: „So ward Abend und Morgen“ - am Schluss der Erzählung von Heinrich Böll ist zwischen den jungen Eheleuten keine Funkstille mehr. Anna hat ihrem Mann zweimal mit „Nein“ und einmal mit „Ja“ geantwortet. Egal was, Hauptsache, sie spricht wieder mit ihm. Das Eis ist gebrochen. Zwischen ihnen geschieht, was Weihnachten wirklich wichtig ist – ganz unabhängig vom Kalender und auch ohne Bescherung: nämlich dass sie wieder miteinander sprechen. So hat Brenig am Ende seine geliebte Stunde vor dem Einschlafen wieder und findet seinen Frieden. Das ist das Geschenk für ihn – ein Neubeginn zu Weihnachten.

Karl - Josef Kuschel, ein katholischer Theologe in Tübingen, deutet die Geschichte so:

Sprecherin: Dort, wo eine erkaltete, versteinerte Beziehung wieder erwärmt, wieder lebendig gemacht wird, da passiert Schöpfung, Neuschöpfung, da passiert Menschwerdung. Da passiert Weihnachten – in dieser Geschichte paradoxerweise an Weihnachten trotz Weihnachten.

Autor: Und wir können jetzt noch das tun, was der junge Mann in der Erzählung von Heinrich Böll sich immer vorgenommen hatte, aber immer wieder vergaß, nämlich in der Bibel nachzulesen, was es mit dem Satz auf sich hat: „So ward Abend und Morgen“. Da steht:

Sprecherin: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe…

Und Gott sprach: Es werde Licht!

Und es ward Licht.

Und Gott sah, dass das Licht gut war.

Da schied Gott das Licht von der Finsternis

und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.

Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

(1.Mose 1,1-8)

Autor: Damit wünsche ich Ihnen einen gesegneten zweiten Weihnachtstag. Wie schön, dass wir ihn noch vor uns haben! Ich bin Henning Theurich, von der evangelischen Kirche in Bonn.

Musik 3 Track „Have yourself a merry little christmas“ von CD Shy Boy, Interpretin: Katie Melua, Komponist: Hugh Martin, Label: Dramatico, Copyright: 2006 Dramatico Entertainment Ltd., LC-Nummer: 13350.

Literatur:

Heinrich Böll, So ward Abend und Morgen (1954), in: Ders., Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln. Berlin 1961, S.91 – 98.

Karl–Josef Kuschel, Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Düsseldorf 1997, S. 330.

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