#
Aktuelles

Beiträge auf: wdr5 

katholisch

Das Geistliche Wort | 03.01.2016 | 08:35 Uhr

Vom Kreuz mit der Freiheit

Im Hintergrund Musik 1: „Walkürenritt“ von Richard Wagner

Chicago Symphony Orchestra – Sir Georg Solti

Nein, das ist keine Weihnachtsmusik, das ist kein süßer Ton – das ist: Richard Wagner. Der Ritt der Walküren. Warum Sie diese Musik hören? Weil ich Ihnen von meinem letzten Sommer erzählen will. Ich habe etwas Verrücktes gemacht: Ich war in Bayreuth. Auf dem Grünen Hügel. Dort, wo seit dem Jahr 1876 Sommer für Sommer die Werke Richard Wagners aufgeführt werden. Eine ganze Woche war ich dort. Was ich mir angehört und angeschaut habe? Den „Ring des Nibelungen“. Der dauert vier Abende – zuerst „Das Rheingold“, dann die „Walküre“, natürlich den „Siegfried“ – und zum gutem Schluss „Götterdämmerung“. Das macht insgesamt 17 Stunden Musik.

Warum ich mir das angetan habe, eine Woche lang in Bayreuth?

Weil es nach wie vor einfach fabelhaft ist, Wagner gerade dort zu sehen und zu hören, wo irgendwie alles begann. Denn hier hat Richard Wagner sein Festspielhaus erbauen lassen. Und dies zu einem einzigen Zweck: Damit die Leute seinen „Ring des Nibelungen“ sehen können. Es lohnt sich, dorthin zu fahren. Bayreuth ist etwas ganz eigenes: Alleine schon die Atmosphäre auf dem Grünen Hügel und im Festspielhaus, wo alles auf Wagners Musik und ihre klangliche Inszenierung abgestimmt ist! Die Aufführungen beginnen meist am frühen Nachmittag. So gibt es viel Zeit, um mit den einen oder anderen Festspielgast ins Gespräch zu kommen. Und die eingefleischten Bayreuth-Pilger und Wagner-Kenner reden gern über ihren Lieblingskomponisten.

Musik 2: „Feuerzauber“ von Richard Wagner: Wiener Philharmoniker – Sir Georg Solti

Richard Wagner: Geboren 1813, gestorben 1883. An ihm scheiden sich die Geister. Kein Wunder: Er selber hat mit üblen antisemitischen Äußerungen der Judenverfolgung im Dritten Reich die Wege bereitet. Seine Nachfahren haben sich mit Bausch und Bogen dem Nazi-Regime verschrieben. Eine unselige und auch sehr deutsche Geschichte.

Dennoch fasziniert das musikalische Werk Richard Wagners. Er war ein guter Menschenbeobachter. In Bayreuth hat er abends in der Kneipe mit den Kutschern, Bauern und Handwerkern sein Bier getrunken – und ihnen sehr aufmerksam zugehört. Hier ging es um die alltäglichen Dinge wie Liebe, Geld, Macht und Scheitern. Und was hat er daraus gemacht? In seinen Opern kann man es erleben. In dem Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“ geht es Richard Wagner um diesen Alltag und um Wandel, Freiheit, Neubeginn.

Musik 3: Richard Wagner: Vorspiel „Rheingold“ – Einzug der Götter in Wallhalla / Wiener Philharmoniker – Sir Georg Solti

Wandel, Freiheit, Neubeginn. In seinem „Ring des Nibelungen“ erzählt Richard Wagner eine starke Geschichte. Vor Urzeiten war die Welt ein einziges Chaos. Die Götter, allen voran Wotan, lagen im Streit mit den Riesen, die in der Natur ihr Unwesen trieben. Um den ewigen Krieg zu beenden, machte Wotan sich daran, Verträge zu schließen – mit der Natur, den Riesen, mit allen. Nun war Frieden möglich. Die schöne geordnete Welt geht aber zu Bruch, als Wotan zum Bauherrn wird. Er kann die Riesen, die ihm den Bau seines Palastes besorgen, nicht bezahlen. Wotan braucht also Gold – Gold, das er stiehlt aus dem Schatz seines Gegenspielers Alberich, dem Herrn der Unterwelt. Unter dem Schatz ist auch ein Ring, den Alberich geschmiedet hat – und der dem, der ihn trägt, für immer alle Macht dieser Welt sichert.

Wotan gerät in eine handfeste Krise: Behält er den Ring, kann er die Riesen nicht bezahlen. Die aber wollen den ganzen Schatz, inklusive Ring. Gibt er nun den Ring ab, muss er auf die Macht verzichten. Ein echtes Dilemma! Wie kann es weitergehen? Die Welt braucht einen Neubeginn. Eine neue Ordnung muss her. Wotan setzt auf einen jungen Helden, der das alte, müde System der Verträge ablöst. Wotan hofft zunächst auf Siegmund. Der kommt aber vorzeitig zu Tode. An dessen Stelle tritt Siegfried, Wotans Enkel. Aber auch Siegfried scheitert. Schließlich bleibt nur die älteste von Wotans Töchtern, Brünnhilde. Aber auch sie kann das Scheitern der alten Welt nicht verhindern, ganz im Gegenteil. Sie setzt die alte Welt in Brand, weil sie eine neue Welt will. Ihre letzte Tat ist es, der Natur den Ring zurückzugeben, der der Welt und ihrem Vater Wotan nur Tod gebracht hat. Am Ende erklingt eine schwärmerische Musik, Sinnbild einer neuen, freien Welt. Alles steht auf Anfang – die Möglichkeit für einen neuen Beginn.

Richard Wagner vermittelt eine klare Botschaft: Die Menschen stehen unter den harten Zwängen von Politik und Wirtschaft, sie leben in Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Aber es gibt Rettung aus Unterdrückung und Zwang. Rettung ist möglich, wenn es tapfere, starke Menschen gibt, die mutig Zwang und Unterdrückung aufbrechen, an ein Ende bringen und eine neue Ordnung schaffen.

Musik 4: Richard Wagner – Vorspiel Feuerzauber / Wiener Philharmoniker – Sir Georg Solti

Soweit die große Bühne. Soweit Richard Wagner und sein „Ring des Nibelungen“ mit seinen Themen von Wandel, Freiheit und Neubeginn.

Genau diese Themen beschäftigen mich, vor allem am Jahresanfang. Was kommt auf mich zu? Was wird sich im neuen Jahr wohl alles ändern? Welche Probleme werde ich zu lösen haben? Im Beginn eines Jahres ruhen viele Geheimnisse, in denen das Leben mich berühren und formen will. Aber ich weiß auch: Neubeginn hin, Wandel her, im neuen Jahr bleibe ich, der ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten. Nichts wird anders oder besser, nur weil jetzt Jahresbeginn ist. Und das geht nicht nur mir so: Wir sind und bleiben verstrickt in einem Netz von Krisen, Konflikten, ungelösten Problemen. Wir kleben an uns selber. Da kann der Zauber, der allem Neuen innewohnt, auch nicht mehr viel helfen – oder?

Musik 5: J. S. Bach - Orgelchoral: „In dulci jubilo“ (Simon Preston)

Bei Wagners Ring geht es um Hoffnung: Die Jugend soll es richten. Helden sollen es wagen. Am Ende aber ist es die Liebe einer tapferen Frau, die aller Welt einen neuen Anfang schenkt. Mir ist das alles allerdings etwas zu einfach, zu plakativ. Opernbühne eben. Im richtigen Leben scheitere ich schon an den eigenen guten Vorsätzen, gelingt es mir doch oft nicht einmal, in einem Streit Vernunft walten zu lassen. Auch wenn ich, auch wenn die Menschheit sich noch so sehr anstrengt – die großen Probleme können wir nicht alleine aus uns selbst heraus lösen. Das kann einen schon herunterziehen. Aber ich spüre trotzdem eine Zuversicht in mir. Die greift zurück auf das, was kurz vor dem Jahreswechsel Jahr für Jahr gefeiert wird: Dass Gott an Weihnachten einen Neuanfang gemacht hat mit dieser Welt. In diesem kleinen Kind, geboren im Stall bei armen Leuten. Darauf vertraue ich, dass Gott mir sagt: Ich bin bei dir, was immer auch geschieht. Und diese Verheißung gilt nicht nur mir, sondern jedem, der diesem Gott glaubt.

Musik 6: J.S. Bach – Orgelchoral: „Vom Himmel hoch“ (Simon Preston)

Das also ist das Geheimnis von Weihnachten. Ein Neuanfang, der den Menschen geschenkt wird. Denn der Mensch ist unfrei, gebunden an sein Versagen, seine Fehler, seine Schuld. Alle Programme, alle Konzepte – sie können es nicht verdecken: Der Mensch ist begrenzt. Aus eigenen Kräften ist er nicht in der Lage, sich von seiner Schuld, seinen Fehlern, seinem Versagen zu lösen. Den Menschen zu sich selbst zu bringen, ihn zu befreien – das kann nur ein Gott.

Jedes Jahr an Weihnachten wird diese Botschaft von Christen verkündet: Gott wird Mensch und setzt damit eigene Maßstäbe. Er bleibt nicht bei sich: Hier ein Gott – da der Mensch. Hier die Allmacht – da die Ohnmacht. Gott durchbricht festgelegte Rollen und wird selbst Mensch. In Jesus.

Jesus überwindet die eisernen Gesetze vom Herrschen und Beherrschtwerden, von Hass und Unterdrückung. Bei ihm werden die Kranken gesund, bekommen die Armen zu essen. Am Ende merkt es sogar einer der beiden Männer, die gemeinsam mit Jesus am Kreuz sterben: Ihm verspricht Jesus den Himmel. Bin ich auch selber in meiner Lebensgeschichte verfangen, stoße ich im Leben immer wieder an Grenzen – ich glaube fest daran: In Jesus ist der Himmel für mich, für alle Menschen offen, öffnet Gott das Gefängnis der Selbstverstricktheit, in dem sich der Mensch befindet.

Musik 7: Siegfried-Idyll (ASMF – Sir Neville Marriner)

Wandel, Freiheit, Neubeginn – mir ist klar: Aus eigenen Kräften kann der Mensch das nicht. Ich denke da anders als Richard Wagner. Die Welt braucht Hilfe von einem anderen, einem Gott, der wirklich Mensch wird. Der zu mir spricht: Ich bin bei Dir. Ich trage Dich. Dieses Wort, das Gott an Weihnachten spricht, macht mir Mut, im neuen Jahr Unbekanntes anzunehmen, Neues zu wagen, menschlich zu sein.

Und das wünscht auch Ihnen für das noch junge Jahr 2016

Ihr Wilhelm Tolksdorf aus Essen.

Musik 8: J.S. Bach – Weihnachtsoratorium, Teil I, Nr. 1: „Jauchzet, frohlocket“ (P. Schreier, Leipziger Rundfunkchor/ Staatskapelle Dresden)

Bildrechte: wikipedia

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen