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Das Geistliche Wort | 21.08.2016 | 08:35 Uhr

"Es kommt alles anders"

„Wenn Sie so weitermachen, dann fällt der Bergurlaub in diesem Jahr für Sie aus!“ – Kurz und knapp fasst mein Hausarzt das Ergebnis des Gesundheits-Check-up zusammen.

„Wie bitte?“, frage ich entsetzt zurück.

Und dann erläutert er: „Ihnen fehlt die Kondition. Sie haben zu wenig trainiert. Wenn Sie so in die Berge fahren, werden Sie kaum einen Gipfel von oben sehen.“

Guten Morgen!

„Schöne Aussichten“ auf meinen Jahresurlaub! Seit mehr als 40 Jahren verbringe ich den nämlich in den Bergen. Dort kann ich richtig abschalten und auftanken. – Zugegeben, in den letzten zwei Jahren waren die ersten Tage mühsam, bis ich mich eingelaufen hatte. Aber das ist für jemanden, der viel am Schreibtisch sitzt, und seine Zeit bei Sitzungen und im Auto verbringt ja nicht ungewöhnlich.

„Genau das ist der Punkt“, erklärt mein Arzt: „Die Erinnerung an alte Sportlichkeit reicht nicht aus. Wenn Sie – innerlich bewegt – Sportereignisse im Fernsehsessel verfolgen, ist das zu wenig. Es geht um Ihre eigene Bewegung – und zwar jetzt! Das sollte Ihnen Ihre Gesundheit wert sein.“

Musik I

Die schonungslose Kritik meines Hausarztes hat gesessen: Ich bewege mich zu wenig! Und das hat Folgen nicht nur für meine Gesundheit, sondern auch für meine Urlaubsplanung, prophezeit mein Hausarzt.

Da ich aber meinen Bergurlaub auf gar keinen Fall absagen wollte, verbringe ich nun zweimal in der Woche meine Mittagspause im Fitnessstudio.

Die regelmäßige körperliche Bewegung zeigt erste Erfolge:

-Beim Treppensteigen komme ich nicht mehr so schnell aus der Puste.

-Auf dem Laufband wird der Kopf frei und es kommen mir dort sogar oft gute Ideen für Projekte, an denen ich als Pastoralreferentin gerade arbeite.

-Nach dem Training fühle ich mich viel frischer als vorher – wie mit neuer Energie betankt.

Inzwischen bin ich meinem Hausarzt dankbar. – Zunächst fand ich seine klare Ansage empörend. Aber ohne seine deutliche Mahnung wäre ich wohl in meinem alten Trott stecken geblieben. Die Tür zur Bergwelt, die mir so viel Lebensqualität bedeutet, hätte sich für mich auf Dauer sicher für immer geschlossen.

Seit diesem Gesundheits-Check-up schaue ich achtsamer darauf, wie ich lebe, was mir guttut und umgekehrt welche Routine nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele schadet.

Eins hat mich übrigens überrascht: Nur 22% der Frauen und Männer ab 35 nutzen das Angebot der kostenlosen Gesundheitsuntersuchung, die die gesetzlichen Krankenkassen ihren Mitgliedern alle zwei Jahre anbieten. Das sollte man doch nutzen! Aber es scheint Überwindung zu kosten, sich einem solchen Check zu unterwerfen, weil die Erkenntnisse und noch viel mehr die Konsequenzen womöglich nicht nur schön sind. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Sich mit der eigenen Lebensführung auseinanderzusetzen und unter Umständen nötige Korrekturen einzuleiten, das ist nicht einfach und kostet so manche Überwindung. Mir hat die klare Ansage meines Arztes jedenfalls dabei geholfen.

Apropos klare Ansage eines Arztes: Der Evangelist Lukas im Neuen Testament war auch Arzt – so die Überlieferung –, und auch der sparte nicht mit klaren Ansagen. Er redet seinen Patienten ins Gewissen, damit sie wachsam bleiben, nicht so sehr in Hinblick auf die körperliche Gesundheit, sondern allgemein auf ihre Lebensführung hin. Seine Patienten, das waren die ersten Christen in einer Gemeinde. Und für sie schreibt er auf, was er selbst von Jesus von Nazareth gehört hat und wie wichtig es ist, die eigene Lebensführung zu prüfen – vor allem im in der Sorge füreinander.

Da heißt es dann (Lk 13, 22-30):

Sprecher:

In jener Zeit zog Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr sagen: Wir haben doch mit dir gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird erwidern: Ich sage euch, ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.

Musik II.

Lukas nutzt – seiner ärztlichen Profession entsprechend – das Gespräch mit den Christen quasi für einen Gesundheits-Check-up in seiner noch jungen Gemeinde. Und er ist auch nicht gerade zimperlich. So schreibt er ihnen eine Geschichte aus dem Leben Jesu ins Stammbuch, damit sie das Ziel christlicher Nachfolge im Blick behalten. Das scheint wohl nötig gewesen zu sein. Denn den Fragern geht es um ihr persönliches Schicksal, nicht so sehr um das Wohl aller. Hinter der Frage: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ steckt eigentlich die Sorge um eigenes Glück, eigene Rettung, eigenes Wohlergehen – im Jenseits, im Reich Gottes, vielleicht auch schon im Diesseits. So sorgenvoll sich die Frage nach der Anzahl der Geretteten auch anhört: Die einen scheinen zu spekulieren, ob sie selbst wohl zu den Geretteten dazugehören. Andere gehen vermutlich ganz selbstsicher davon aus, dass ihnen ihr Platz im Reich Gottes schon sicher ist. Jesus durchschaut diese Frage, wie viele gerettet werden, und bleibt bei seiner Antwort bewusst ungenau. Er streut vielmehr Unsicherheit: Es ist eine enge Tür, die den Zugang zum Reich Gottes erschwert. „Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen.“

Dann geht Jesus aber einen Schritt weiter und macht umgekehrt auch Mut und schenkt Zuversicht: Diejenigen, die angsterfüllt befürchten, nicht ins Reich Gottes zu gelangen, dürfen nämlich Hoffnung schöpfen: „Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein.“ Weil dann aus allen Himmelsrichtungen Menschen im Reich Gottes zu Tisch sitzen werden.

Die Frage nach der Zahl der Geretteten ist für Jesus also keine Frage.

Viel wichtiger ist ihm die: Wie ernst ist es den Menschen, zu Gott zu kommen, in sein Reich? Was sind sie bereit dafür einzusetzen?

Ich verstehe die Aufforderung, sich mit allen Kräften zu bemühen, durch die enge Tür zu gelangen, so: Mach dich stark für alles, was dem Leben dient. Bau ab, was sinnerfülltem Leben im Weg steht. Setze dich ein für gelingendes Leben gerade auch der anderen.

Wichtig dabei: Der Aufwand der Kräfte ist nicht deshalb nötig, weil es an der Tür ein riesiges Gedränge gibt, bei dem sich nur die mit kräftigen Ellbogen durchsetzen. Der Einsatz der Kräfte ist nötig, weil keiner weiß, wie lange ihm die Tür offen steht, wieviel Lebenszeit ihm also gegeben ist.

Musik III

„Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen.“ Mit dieser Empfehlung aus dem Mund Jesu schlägt Lukas, der Arzt, den einzelnen Christen seiner schwächelnden Gemeinde bei seinem Gesundheits-Check-up eine Art Therapie vor: Werde aktiv, komm in Bewegung! Das Reich Gottes kommt nicht, wenn du im bequemen Zuschauersessel sitzt und wartest. Lebe vielmehr das, was du vom Evangelium verstanden hast in deinem Alltag. Lass erkennen, aus welchem Geist du dein Leben gestaltest. Geht es immer nur um dich oder muss es nicht auch um die anderen gehen, um das jeweils größere Ganze bis hin zur Verantwortung für die Welt?

Mich hat kürzlich ein bekannter Fernsehmoderator Tobias Schlegl überrascht, , wie er sein Leben überzeugend lebt. Vielleicht sind das ja Idealtypen, die auch Lukas für die Gesundung der christlichen Gemeinden im Kopf hatte.

Tobias Schlegl, ehemaliger Messdiener, ist Mitglied bei Attac, eine Organisation, die sich für eine ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung einsetzt. Deswegen bezieht er Ökostrom und setzt sich für Nachhaltigkeit ein. Jetzt hat er eine Entscheidung getroffen, die aufhorchen lässt: 21 Jahre stand er vor der Kamera, erst für den Musiksender Viva, später für ProSieben, zuletzt für das ZDF – Kulturmagazin Aspekte. Jetzt wagt Tobias Schlegl einen Neuanfang als Notfallsanitäter beim Deutschen Roten Kreuz. Im Stern Interview sagte der 38jährige:

Sprecher:

„Ich hatte kein Burn-Out, war nicht depressiv, wollte mir nicht die Pulsadern aufschlitzen. Ich hatte tolle Kollegen und fühlte mich in meiner Arbeit wertgeschätzt. Trotzdem wuchs in mir eine gewisse Unzufriedenheit. Eine Sehnsucht. Ich wollte etwas gesellschaftlich Relevantes machen. Etwas, das meinem Dasein Sinn verleiht. Ich habe mir immer häufiger die Frage gestellt: Was will ich im Leben wirklich? Bildungsfernsehen zu machen ist schön und gut, aber es gibt dann doch noch Dinge, die wichtiger sind. […] Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht die Umwelt, er braucht andere Menschen. Ich glaube, dass eine Gemeinschaft nur dann funktioniert, wenn man sich für andere einsetzt. Das ist der Kern Idealismus in mir.“

Mir imponiert das! Aber ich erwische mich auch, wie ich im Sessel sitze und das Interview lese. Wie war das doch gleich: Das Reich Gottes kommt nicht, wenn ich im bequemen Zuschauersessel sitze und warte. Aber: Ich bin auch nicht Tobias Schlegl. Ich bin verheiratet, habe vier Kinder, da kann ich nicht alles stehen und liegen lassen und einfach was anderes machen. – Das ist sicherlich auch nicht gemeint mit dem Auftrag Jesu, durch die enge Tür zu kommen.

Wenn nicht aussteigen wie Tobias Schlegel, was ist denn dann für mich dran? Wie und wofür setze ich meine Talente und Begabungen ein, wenn ich aus meinem bequemen Sessel aufstehe?

Musik IV

Ich beherzige die Empfehlung meines Hausarztes beim Gesundheits-Check-up, allerdings nicht bloß um körperlich fit zu bleiben, sondern ich übertrage das auch auf meinen Umgang mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit Gott:

Ich halte mich fit – indem ich auch auf meine geistigen und geistlichen Bedürfnisse achte, auf Worte, die gut tun, auf einen Ausgleich von Körper und Geist.

Ich arbeite an meiner geistigen Beweglichkeit, indem ich mich in die Sorgen und Nöte anderer hineinversetze: in den Asylanten genauso wie in meinen Chef.

Ich gebe meinem Tag eine Struktur und achte zwischendurch auch auf Zeiten für Gott und mich.

Ich konzentriere mich auf das, was ich erreichen will, nicht alles auf einmal, sondern nur das, was nötig und wichtig ist.

Und – ganz wichtig – ich stehe auf und fange gleich heute damit an.

Musik V

Kommen sie gut durch den Tag, die Tür, das Leben!

Aus Recklinghausen grüßt Sie Pastoralreferentin Cäcilia Leenders-van Eickels

**Zitiert nach Stern vom 14. Juli 2016, S. 99f.

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