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Das Geistliche Wort | 28.05.2017 | 08:35 Uhr

„Ich kenne alle Vögel des Himmels“

O-Ton Vogelstimme

Das war ein Hausrotschwänzchen. Vögel sind Frühaufsteher und das Hausrotschwänzchen ist ein sehr früher Vertreter.

Guten Morgen!

Gut 70 Minuten vor Sonnenaufgang fängt das Hausrotschwänzchen an zu singen, wenn die Lichtverhältnisse passend sind. Heute Morgen ist die Sonne gegen 20 nach fünf aufgegangen, das Hausrotschwänzchen hatte also schon kurz nach 4 Uhr seinen ersten Auftritt.

Singvögel fangen morgens nicht an, wenn sie Lust haben, sondern in einer bestimmten Reihenfolge. Vogelexperten können morgens in der Dämmerung anhand des Gesangs sagen, wie lang es noch bis zum Sonnenaufgang dauert.

Jetzt, wo es schon lange hell ist, kann man draußen ein wunderbares Konzert hören, wenn nicht der Verkehrslärm alles übertönt – heute, am Sonntag, stehen die Chancen gut. Man muss sich nur die Zeit nehmen und einmal gezielt hinhören. Zum Glück tun das immer mehr Menschen. 47.000 Vogelfreunde haben sich vor zwei Wochen an der „Stunde der Gartenvögel“ beteiligt, einer alljährlichen Zähl-Aktion des Naturschutzbundes NABU. 47.000 – das sind laut NABU mehr als in den letzten zehn Jahren. Der vielfältige Vogelgesang im Frühjahr fasziniert offensichtlich immer mehr Menschen – und womöglich beruhigt er sie auch. Anders kann ich mir den Trend nicht erklären. Und: Ich finde es einfach schön ein vielfältiges Vogelkonzert zu hören, so wie es ein bekanntes Lied beschreibt.

Musik I

Lied

1.Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle! Welch ein Singen, Musiziern, Pfeifen, Zwitschern, Tirilier'n! Frühling will nun einmarschier'n, kommt mit Sang und Schalle.

2.Wie sie alle lustig sind, flink und froh sich regen! Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen.

3.Was sie uns verkünden nun, nehmen wir zu Herzen: Wir auch wollen lustig sein, lustig wie die Vögelein, hier und dort, feldaus, feldein, singen, springen, scherzen.

Ja, alle Vögel sind schon da. Das Lied stammt aus dem 19. Jahrhundert. Hoffmann von Fallersleben hat es gedichtet. Eine Zeile in dem romantischen Lied lautet: „...und die ganze Vogelschar wünschen Dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen“. Ich finde das interessant Vögel, die Heil und Segen wünschen. Das ist richtig romantisch. Aber ernsthaft betrachtet: Ein Segen ist ja eine Zusage, ein Zuspruch, eine Ermutigung. Im Lateinischen heißt es „bene dicere“ – „gutes sagen“. Und das Gute wird mir aus der Schöpfung zugesagt – so empfinde ich das.

Ich verbinde mit dem segensvollen Vogelgesang im Frühjahr eine große Sehnsucht, die zugleich eine alte und doch immer wieder staunenswerte Erfahrung ist: Nach der Kälte des Winters kommt die Wärme zurück. Das tote Holz der Bäume ist gar nicht tot, sondern darin wohnt doch eine Lebenskraft, die nun wieder hervorbricht. Also, mit einem Satz: Der Gesang der Vögel bringt die Botschaft, dass das Leben weitergeht.

Es gibt aber auch noch andere Zeichen der Vögel, die den Frühling ankündigen. Am Himmel habe ich vor Wochen Kranichformationen beobachtet, wie sie den Weg nach Norden ziehen. Da bin ich immer wieder fasziniert: Woher wissen sie und die anderen Zugvögel eigentlich, dass es Zeit ist, nach Norden aufzubrechen? Woher finden sie den Weg? Und was haben sie alles überflogen: Länder und Kontinente und damit nicht nur Landesgrenzen, sondern auch Lebensräume mit menschlicher Not, mit kriegerischen Auseinandersetzungen, Menschen auf der Flucht. Doch das alles interessiert sie anscheinend nicht. Sie sind unterwegs mit diesem einen Ziel: Das Leben weiter zu geben. Mich bewegt das: In einer Welt, von der wir Menschen sagen, sie sei aus den Fugen geraten, wiederholt sich dieses Wunder der Natur mit zuverlässiger Regelmäßigkeit. Als ob die Vögel nichts erschüttern könnte.

Musik II

Lied

1.Ein Vogel wollte Hochzeit machen in dem grünen Walde. Fidiralala, fidiralala, fidiralalalalala!

2.Der Gimpel war der Bräutigam, die Amsel war die Braute. Fidiralala, fidiralala, fidiralalalalala!

3.Die Lerche, die Lerche, die führt die Braut zur Kerche. Fidiralala, fidiralala, fidiralalalalala!

4.Der Auerhahn, der Auerhahn, der war der würd'ge Herr Kaplan. Fidiralala, fidiralala, fidiralalalalala!

5.Die Meise, die Meise, die sang das Kyrieleise. Fidiralala, fidiralala, fidiralalalalala!

Vögel haben für mich immer etwas von Freiheit und Unbeschwertheit. Dennoch folgt ihr Leben einer gewissen Ordnung: Der Gesang vor dem Sonnenaufgang, der Zug in den Süden und zurück in den Norden, die Sorge um den Nachwuchs. Mir kommt das Ganze vor, wie so eine eigene Welt für sich – und die fasziniert mich: Die Vögel sind um mich herum, sie sind in meinem Garten, in meiner Nähe, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie sich für mich interessieren. Irgendwie bleiben wir nebeneinander. Irgendwie bleibt mir die Welt der Vögel, ja der ganzen Natur, verschlossen. Wir Menschen kennen und erforschen und beschreiben die Gesetze der Natur zwar, aber ich frage mich andersherum: Was nehmen die Vögel wohl von meiner Welt war, von der Welt der Menschen? Niemand weiß das.

Was ich aber weiß:

Der Mensch breitet sich rücksichtslos auf dieser Erde aus und den Vögeln – und nicht nur ihnen – nimmt er Nahrung und Lebensraum. Die Folgen sind ja weltweit zu beobachten und wohl nicht nur ich spüre, dass das uns und der Natur nicht gut tut. Früher war das Verhältnis zwischen Mensch und Natur anders. Die Bibel erzählt gleich auf den ersten Seiten von der Schöpfung.

Schöpfung, das bedeutet für mich: Es gibt das Leben, weil Gott es wollte. Und bis heute steht es unter seinem besonderen Schutz. Und die Bibel erzählt vom Paradies, vom harmonischen Miteinander im Garten Eden, womöglich ist das mehr eine Vision als nur eine Erinnerung. Der Mensch aber, weil er überheblich war und wie Gott sein wollte, zerstörte die Harmonie und wurde aus dem Paradies vertrieben. Und hier wird es interessant. Der Mensch ist raus aus dem Paradies. Und die Tiere – wo sind sie? Der Theologe Rainer Hagencord, der sich mit Zoologie und Theologie befasst, schreibt:

Sprecher:

„Über das Schicksal der Tiere nach dem Sündenfall schweigt die Bibel. Da sie aber von ihrem Sündenfall nicht spricht, ist der Gedanke, dass sie immer noch ,dort' sind, nicht abwegig. Wenn die Tiere also noch im Garten Eden sind, bedeutet das, sie sind noch in der unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott.“

Musik III

Lied

1.Auf einem Baum ein Kuckuck simsaladimbam basaladusaladim, auf einem Baum ein Kuckuck saß.

2.Da kam ein junger Jägers-, simsaladimbam basaladusaladim, da kam ein junger Jägersmann.

3.Der schoss den armen Kuckuck, simsaladimbam basaladusaladim, der schoss den armen Kuckuck tot.

4.Und als ein Jahr vergangen, simsaladimbam basaladusaladim, und als ein Jahr vergangen war.

5.Da war der Kuckuck wieder, simsaladimbam basaladusaladim, da war der Kuckuck wieder da.

„Die Tiere sind noch in der unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott“, sagt der Theologe Rainer Hagencord. Was für ein aufregender Gedanke! Wenn ich die Vögel oder auch andere Tiere beobachte, dann fällt mir natürlich auf: Sie sind einfach da. Oder um es etwas philosophischer auszudrücken: Sie sind ganz im Hier und Jetzt. Sie machen keinen Plan, sie haben keine Termine, sie haben keine Haftpflichtversicherung und keinen Bausparvertrag. Sie leben. Punkt. Und es funktioniert. Auch Jesus hat das mal beobachtet. In der Bergpredigt weist er genau darauf hin (Mt 6,26a): „Seht euch die Vögel des Himmels an“, sagt er, „sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen. Euer himmlischer Vater ernährt sie.“ Und weil es Jesus hier nicht um Ornithologie, sondern um Ermutigung der Menschen geht, fügt er an (Mt 6,26b-27): „Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern?“.

Ach, wenn das doch so einfach wäre, möchte ich Jesus manchmal entgegen halten. Der Mensch ist eben kein Vogel, er ist eben nicht mehr im Paradies, er muss vorsorgen. Und er ist auch nicht mehr in der unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott. Und das heißt auch: Er muss Gott suchen. Und bitte, das ist nun wirklich alles andere als einfach.

O-Ton / Atmo: Wald

Es soll ja Menschen geben, die zum Beten lieber in den Wald gehen als in die Kirche. Und vielleicht haben diese Leute gar nicht so Unrecht, womit ich niemanden davon abhalten will, sonntags in die Kirche zu gehen. Aber ich habe schon die Erfahrung gemacht: Im Wald, in der Natur, da fühle ich mich von einer Gelassenheit und einer Würde umfangen, die ich im Gottesdienst so nicht finde. Und wenn ich eine Weile still stehen bleibe und Augen und Ohren aufsperre, dann offenbart sich mir nach und nach, wie lebendig es hier zugeht. Und das vermittelt mir durchaus eine Ahnung von Gott. Für Christen ist die Natur zwar nicht gleich Gott, wir kennen zum Beispiel keine heiligen Bäume, aber in der Natur offenbart sich Gott. Pater Alfred Delp ist ein berühmter Jesuit und einer der großen katholischen Intellektuellen unseres Landes. Er wurde von den Nazis verhaftet und schließlich ermordet. Von ihm stammt ein Zitat, das mir die Verbindung von Natur und Gott erschlossen hat. Ausgerechnet aus dem Gefängnis schrieb er im November 1944 in einem Brief:

Sprecher:

„Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dranzugeben. Das eine ist mir so klar und so spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. In allem will Gott Begegnung feiern und will die anbetende, hingebende Antwort.“

„In allem will Gott Begegnung feiern.“ Wenn ich jetzt in diesen Tagen die Vögel singen höre, dann höre ich mehr, nämlich eine Art froher Botschaft. Ich höre die Zusage Gottes: dass diese Welt gehalten und getragen ist und dass in ihr eine Kraft zum Guten wohnt, die das Leben will und die immer stärker ist als die Mächte des Todes. Wenn ich in diesen Tagen die Vögel singen höre, dann höre ich: Das Leben geht weiter.

Hören Sie doch auch einmal in die Natur auf das Singen der Vögel.

Musik IV

Ich wünsche Ihnen heute einen gesegneten Sonntag.

Aus Paderborn verabschiedet sich Claudia Auffenberg.

Musik V:

*Hagencord. Die Würde der Tiere, S. 97.

** Zitiert nach Hagencord, S. 88.

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