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Das Geistliche Wort | 01.10.2017 | 08:35 Uhr

Heimat – ersehnt, erhofft und oft verloren

Guten Morgen meine Hörerinnen und Hörer!

Nein, ich bin kein Kölner.

Ich wohne im Ruhrgebiet. In der Stadt Essen. Und mit dem Karneval habe ich auch nicht so viel am Hut. Irgendwo spüre ich da in mir eine westfälische Ader. Dennoch mag ich sie, diese Karnevalslieder vom Rhein. Viele von ihnen rühren mich, wecken in mir Wehmut und Sehnsucht. Da gibt es zum Beispiel den alten Karnevalsschlager „Heimweh nach Köln“, hier vorgetragen von dem bekannten Kölner Sänger und Rezitator Burkard Sondermeier.

Lied: Refrain „Heimweh nach Köln“ – Textauszug: „Wenn ich so an meine Heimat denke“ (Interpretation: Burkard Sondermeier – A la Quatsch. Karneval einmal klassisch, Op. 15 – Livesendung WDR 3 - 27.2.2017, 20.03 Uhr)

Das Lied ist, wie ich finde, ein einzigartiger Lobpreis auf die Domstadt Köln. Alles, was Köln ausmacht – hier ist es Thema. Die Stadt am Strom, die in den Herzen wohnt. Die Stadt, deren Ruf nur eine Antwort kennt: Auf nach Hause, auf nach Köln. Und sei es zu Fuß. „Heimweh nach Köln“ wäre allerdings kein echtes rheinisches Karnevalslied, hätte es nicht einen religiösen Hintersinn. Auch deshalb gefällt es mir so gut. Der Dom, dessen Türme hoch emporragen, steht für die kleine und die große Geschichte der Stadt. Und er weist auf den Himmel – und der ist in Köln ganz nah. Köln am Rhein, im Lied wird es – natürlich mit einem Augenzwinkern – zur heiligen Stadt, zur Verheißung himmlischer Seligkeit. Das also ist hier Köln: Ein Ort voller Wärme und Wohlbehagen. Köln im Lied – so viel ist klar – das ist ein anderer Name für: Heimat. Ich finde das beeindruckend. Obwohl ich natürlich weiß: Die meisten Menschen lieben ihr Zuhause, ihre Heimat. Und darum haben auch andere Städte und Landschaften ihre Lieder.

Lied: „Heimat, deine Sterne“ (Freddy Quinn)

„Heimat, deine Sterne.“ Auch eine Art Hymne. Hier gesungen von Freddy Quinn. Ein Lied aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – ein Lied populär geworden im Zweiten Weltkrieg, oft gespielt in der Nachkriegs- und Aufbauphase unseres Landes. Zuhause, aus dem großen Radioapparat in der Küche, habe ich es in meiner Kinderzeit oft gehört. Ein Lied, das viel zu erzählen weiß: Von Menschen in Not, von Krieg und Gefangenschaft, von einem Europa, verwundet im Bombenhagel, geschunden durch Stacheldraht und Mauer. Und letztlich geht es auch hier um Heimat. Die Heimat – das ist nach dem Zweiten Weltkrieg der Traum der zahllosen Menschen auf der Flucht, „Heimat“, das ist in jenen Zeiten die Sehnsucht all derer, die sich nicht mehr zurechtfinden in neuen Grenzen, Sprachen, Lebensverhältnissen. Und sie alle träumen von einem Zuhause. Träumen von ihren Lieben, träumen davon, endlich zu wissen, wohin sie gehören.

An den Liedern lässt es sich ablesen – in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren singt der Rheinländer Heino den Deutschen von der Heimat. Meine Eltern haben seine Lieder gerne gehört und seine Platten gesammelt. „Ännchen von Tharau“, „In einem kühlen Grunde“ – durch Volkslieder und Schlager wird der blonde Barde mit der tiefdunklen Sonnenbrille, zum Wegbegleiter einer Generation, die von der Kriegs- und Nachkriegszeit geprägt ist und nun das Wirtschaftswunder genießt. Die Urlaubsindustrie profitiert davon kräftig. Die Fremde wird zur Heimat. Die Kataloge der Reiseunternehmen erwecken den Eindruck, der moderne Zeitgenosse wäre überall daheim. In der Pauschalreise ist ja schließlich für alles gesorgt. Doch das Wirtschaftswunder und seine Reiseindustrie, sie lassen die Menschen bald spüren: Das, was früher Heimat war, gibt es nicht mehr. Eine neue Ordnung politischer und wirtschaftlicher Bündnisse ist an die Stelle der alten Staatenwelt getreten. Und die neugewonnene Mobilität der Bundesbürger tut ihr übriges: In nur wenigen Jahrzehnten ist die Gesellschaft durch eine Vielfalt geprägt, die keine Grenzen kennt – weder die der Sprache, noch die von Kultur und Religion – und daran kann kein Schlager, kein Heimatfilm, aber auch kein Urlaub unter Palmen irgendetwas ändern. Heimat – deine Sterne? Ein klingender Zauberton – ja. Und zugleich: Ein verlorenes Paradies.

Antonin Dvorak, 9. Symphonie, Beginn 2. Satz

Aufnahme: Münchner Philharmoniker – Ltg. Sergiu Celibidache (1985)

Aber was ist das nun – „Heimat“? Hier einige Klärungsversuche. „Heimat“ – das ist „nach Hause“, so der Pate der deutschen Romantik, der Dichter Josef von Eichendorff. „Heimat“, das ist das, „worin noch niemand war“. So sagt es Ernst Bloch, der Philosoph der Hoffnung. „Nach Hause“, das, „worin noch niemand war“ – so unterschiedlich die beiden Klärungsversuche ausfallen, in einem stimmen sie überein: Es ist schwer, das, was Heimat ist, auf den Begriff zu bringen. Sie ist schwer zu fassen, die Heimat: Eigentlich ist sie nie. Denn der Mensch ist ein Wesen – zum Wandern bestimmt. Sein Dasein besteht darin, sich auf Unbekanntes hinauszuwagen, in der Begegnung mit dem Neuen sich die Welt anzuverwandeln. Jeder von uns kennt solche Erfahrungen: Ein neuer Wohnort, eine andere Arbeitsstelle, ein neuer Freundes- und Bekanntenkreis. Wenn man es so sieht, dann ist das entscheidende Wort für die menschliche Existenz nicht „Heimat“, sondern: „Fremde“.

„Fremde“ und „Heimat“ – beide gehören eng zusammen. Ohne die Erfahrung der Fremde keine Sehnsucht nach der Heimat. Und ohne das Wissen um die Heimat kein tägliches Mühen, Fremdsein und Fremde hinter sich zu lassen. Aus dieser Spannung lebt jede Lebensgeschichte.

Nun mag es sein, dass es Menschen gibt, die von sich behaupten, eine Heimat gefunden zu haben. Eine Arbeit, die sie erfüllt. Eine Familie, die ihnen Freude macht. Das alles ist schön. Vor allem es ist ein Grund, von Herzen dankbar zu sein. Aber dennoch glaube ich: Kein menschliches Leben ohne die Erfahrung, in der Fremde zu leben. Bei allem persönlichen Glück: Keinem von uns bleiben Krankheit, Abschied und Trauer erspart. Jeder weiß um Unrecht und Ungerechtigkeit – sei es in der Familie, sei es an dem Ort, an dem ich lebe. Die Fremde ist im Leben immer präsent. Und damit auch das Thema „Heimat“: Selbst dann, wenn es mir augenscheinlich gut geht. Es bleibt die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich ohne Wenn und Aber angenommen bin. Und diese Sehnsucht treibt mich, fordert mich, lässt mich Ausschau halten nach der Heimat, dem unbekannten Land.

Antonin Dvorak, 9. Symphonie, Beginn 4. Satz

Aufnahme: Münchner Philharmoniker – Ltg. Sergiu Celibidache (1985)

In Lüdenscheid, in der katholischen Kirche St. Joseph und Medardus, befindet sich im Altarraum eine Skulptur, die mich geradezu fasziniert. Sie zeigt mir, was es mit der Heimat auf sich hat – und wo ich sie finden kann. Geschaffen wurde die Skulptur von der Bildhauerin Beate Peilert im Jahr 1991.

Zu sehen sind die stilisierten Figuren zweier Personen, deren Gesichter und Körper einander zugewandt sind. Die beiden Personen umschlingen einander scheinbar, eröffnen aber zwischen sich einen Raum. In dessen Scheitelpunkt ist eine Metallkugel untergebracht. Die Kugel dient als Tabernakel, als Aufbewahrungsort für die Eucharistie. In Form und Gestalt ist sie der Erdkugel nachempfunden.

Auf beeindruckende Weise stellt die Skulptur die Dreifaltigkeit dar: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Vater und Sohn stehen einander gegenüber. Der Raum zwischen ihnen ist Bild für den Heiligen Geist, die Liebe, die den Vater mit dem Sohn verbindet. Eine Liebe, die Raum gibt und Begegnung möglich macht. Und die Welt, sie ist mit all ihren Schönheiten und Abgründen ganz und gar hineingenommen in diese Liebe, in der der Vater und der Sohn füreinander leben.

So zeigt mir die Skulptur:

Es gibt nichts, was nicht seinen Platz hätte in dieser Liebe. Bei Gott, dem Dreifaltigen, hat alles Bestand, ist alles aufgehoben. Bei Gott hat alles, was unsere Welt und unser Leben ausmacht, seinen festen Platz. Nichts geht verloren. Keine Träne. Kein Schmerz. Keine einzige Begebenheit meiner Lebensgeschichte. Und sei sie noch so unbedeutend. Ein solcher Gott ist Grund zur Hoffnung. Ein solcher Gott ist Heimat. Auch dort, wo ich mich verraten, verlassen, müde, fremd fühle. Ich sehe sie gerne, die Skulptur in der Kirche von Lüdenscheid. Sie tröstet mich auf ihre Art – und lässt mich ahnen, wo und bei wem ich zuhause bin.

Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5, Beginn 2. Satz.

Aufnahme: Jevgeni Kissin – London Symphony Orchestra – Sir Colin Davis (2007)

„Heimat“ – ein Name für das, was Menschen mit jedem Atemzug leben und erhoffen: Geborgenheit, Ruhe, Frieden. Und es gibt nur ganz wenige Zeitgenossen, so vermute ich, die schon jetzt von sich behaupten können, sie hätten den Ort gefunden, den man die „Heimat“ nennt. Der Mensch ist und bleibt ein unruhiger Wanderer. Das erfahren nicht nur die, die in Europa, die in unserem Land als Flüchtlinge angekommen sind. Diese Erfahrung macht jeder Mensch. Auf die Erfahrungen von Zerrissenheit, Unfrieden und Fremde gibt aber die Botschaft von einem Gott in drei Personen eine starke Antwort: Gott bleibt uns Menschen in seinem Sohn zu jeder Zeit nahe. Jeder Moment, jede Stunde, jeder Tag meines Lebens ist hineingenommen in die Liebe zwischen Vater und Sohn. In ihr darf ich wachsen und reifen, gewinnt mein Leben Raum, sammelt sich alles, was ich erlebe, zu meiner eigenen, ganz unverwechselbaren Geschichte.

Es mag schon sein: Unsere Erdenzeit ist eine Zeit der fortgesetzten Heimatlosigkeiten. Aber der Glaube sagt mir auch: Egal, wie es kommt – der Mensch ist immer geborgen bei Gott, dem Dreifaltigen. „Heimat“ ist also nie. Und ist doch immer.

Das ist tröstlich. Und bleibt Herausforderung.

Dass Sie die Sehnsucht nach der Heimat nie verlieren – und tief im Herzen ahnen, wo Ihr Zuhause ist – das wünscht Ihnen Ihr Wilhelm Tolksdorf aus Essen.

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467

Aufnahme: Alfred Brendel, The Academy Of St. Martin-in-the-Fields

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