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Das Geistliche Wort | 30.09.2018 | 08:35 Uhr

Hier nicht zu Hause

"Eigentlich wissen wir, dass 'wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.'"

(Heinrich Böll)

Guten Morgen!

"Eigentlich wissen wir, dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.'" Der Satz stammt nicht von mir. Vor kurzem bin ich beim Lesen auf ihn gestoßen und er hat mich tief berührt, denn wenn ich zum Beispiel nach der Arbeit Heim komme, dann fühle ich mich zu Hause. Der Satz traf mich daher wie eine Provokation: "Eigentlich wissen wir, dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.'" Der Satz stammt von Heinrich Böll, dem Literatur-Nobelpreisträger, der im letzten Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. An ihn erinnerte noch im vergangenen April Bundespräsident Steinmeier bei einer Feierstunde in der Bonner Villa Hammerschmidt und bemerkte, dass ihm einer wie Heinrich Böll fehle, weil einer wie er auch heute angesichts unruhiger Zeiten Orientierung geben könne .

Musik I

Heinrich Böll, zählt zu den großen deutschen Nachkriegsliteraten. Wieso? Was macht Böll bis heute aus? Eine erste Annäherung geht über seine Biographie: Als er am 21. Dezember 1917 in Köln geboren wird, tobt noch der Erste Weltkrieg. Während des Zweiten Weltkrieges kämpft Böll als Soldat an der Front. Bald nach Kriegsende beschreibt er die Wunden, die dieser geschlagen hat, in seinen Geschichten, um zu mahnen: Nie wieder Krieg! Doch zu dieser Zeit wollen viele in Deutschland vom erlebten Leid, Sterben und der eigenen Schuld nichts hören. Man schaut lieber nach vorn. Böll bleibt ein genauer Beobachter und setzt sich als kritischer Zeitgenosse für Frieden und Gerechtigkeit ein.

Als Heinrich Böll nach Kriegsende nach Köln zurückkommt, erkennt er die völlig zerstörte Stadt kaum wieder und empfindet die Ruinen bestenfalls im Rückblick als Heimat. Den Krieg erlebt er als Zäsur. Fortan fühlt er sich als Fremder in der eigenen Stadt. Damit geht es ihm nicht allein so, denn in Westdeutschland kommen ständig Menschen an, die aus dem Osten vertrieben worden sind und nun eine neue Bleibe suchen. Auch sie spüren jeden Tag, dass sie an ihrem Zufluchtsort nicht zu Hause sind. Und dieses Gefühl der Heimatlosigkeit teilen bis heute Millionen von Menschen – weltweit.

Noch im Jahr 1974 beschreibt der spätere Kölner Ehrenbürger Böll in seiner berühmten Jerusalemer Rede in poetischen Worten das Fremdsein in seiner Stadt:

Sprecher:

„Was noch zu meiner Erinnerung gehört: der Staub und die Stille. Der Puder der Zerstörung drang durch alle Ritzen, setzte sich in Windeln, Bücher, Manuskripte, aufs Brot und in die Suppe, er war vermählt mit der Luft, sie waren ein Herz und eine Seele“

Musik II

"Eigentlich wissen wir, dass 'wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.'" Das meint Heinrich Böll nicht nur vordergründig, aufgrund seiner Kriegs- und Nachkriegserfahrungen im zerstörten Deutschland. Der gebürtige Kölner war in einem katholischen Elternhaus groß geworden. Die Religion hatte er sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Als junger Mann nahm er dann an einem Glaubensgesprächskreis mit dem damaligen Kölner Stadtdechanten Robert Grosche teil : ein Intellektueller, der Werke bedeutender Schriftsteller, Philosophen und Theologen deutete. Als gegen Kriegsende viele aus der Stadt flohen, blieb Grosche, um der notleidenden Bevölkerung beizustehen. So wurde er zum Vorbild für die Menschen am Ort. Später warb der Priester in leidenschaftlichen Predigten und Reden dafür, die katholische Kirche aus dem Glauben heraus zu erneuern. So wundert es nicht, dass Böll durch die Auseinandersetzung mit Grosche zu einem reflektierten, kritischen Katholiken wurde, der trotz seines Kirchenaustritts im Jahr 1976 zeitlebens tief in seinem christlichen Glauben verwurzelt blieb. Böll:

Sprecher:

„Im Grunde interessieren mich als Autor nur zwei Themen: die Liebe und die Religion.“

Und genau dazu passt sein Satz, der mich so berührt: "Eigentlich wissen wir, dass 'wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.'" Wenn Böll betont, dass wir „eigentlich“ wüssten, dass wir hier nicht zu Hause sind, dann erwartet er doch von seinen Zeitgenossen, dass sie in ihrem Nachdenken zu dieser Erkenntnis kämen! Denn jeder wache Mensch stelle sich irgendwann im Leben die existentiellen Fragen, die ein Zeitgenosse Heinrich Bölls, der Philosoph Ernst Bloch, dann so formulierte:

Sprecher:

„Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht. (…) Es kommt wieder darauf an, das Hoffen zu lernen.“

Und Heinrich Böll sucht Antworten darauf, indem er die Vorstellung hat: Wir Menschen müssen uns immer wieder bewusstwerden, dass wir als Geschöpfe nicht von dieser Welt, sondern „nur Gast auf Erden“ sind, wie es in einem Kirchenlied heißt. Und wenn es Zeit ist, müssen wir gehen und unsere irdische Herberge verlassen. Denn, so ein weiterer Zeitgenosse Bölls, der Schriftsteller Werner Bergengruen lakonisch: „Wir sind alle zum Sterben auf die Welt gekommen.“

Musik III

"Eigentlich wissen wir, dass 'wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.'" Damit spricht Heinrich Böll die Grunderfahrung an, die jeder Mensch in diesem Leben machen muss: ich bin letztlich fremd in dieser Welt. Trotz aller Erfahrungen von Vertrautheit und Nähe erlebt der Mensch immer wieder, wie vorläufig und brüchig beides ist. Kein Ort, kein Mensch und kein Zustand auf dieser Welt geben letztlich das Gefühl einer dauerhaften und endgültigen Geborgenheit. All das sind Zeichen einer größeren transzendentalen Obdachlosigkeit. Letztlich bleiben wir begrenzte Geschöpfe ruhelos, ständig auf der Suche nach Heimat, aber finden doch keine. Die Sehnsucht treibt uns, aber wir finden nirgendwo ein Zuhause.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto nüchterner und fast hoffnungslos kommt mir die Perspektive vor: als Unbehauste ständig auf der Suche nach einer ewigen Heimat zu sein.

Ist dies das ewige Schicksal des Menschen? Oder gibt es nicht doch eine Hoffnung, einmal zu Hause zu sein? Muss der unbehauste Mensch nicht automatisch zum Atheisten werden? Oder gibt es doch eine andere Lösung, eine Erlösung?

Vor 35 Jahren wollte der Theologe Karl-Josef Kuschel von Böll einmal wissen, welches Gottesbild ihn leite und weshalb seine Figuren nie atheistisch gesinnt seien. Die Antwort lautete:

Sprecher:

„Vielleicht ist es ein intellektueller Mangel, aber ich habe eigentlich noch nie einen sensiblen hochintelligenten Atheisten getroffen, … der für mich nicht eigentlich ein Beweis dafür war, dass wir Menschen – sagen wir – von außerirdischen Kräften herkommen. Der Mensch ist ja ein Gottesbeweis.“

Auf die Rückfrage, wie er das meine, verwies Böll auf das menschliche Unbehaustsein, das Unruhige des Herzens, das Gefühl, dass wir hier auf Erden eigentlich nie zu Hause sind:

Sprecher:

„Ich glaube an Gott, weil es den Menschen gibt. Und weil die Menschen Gott durch den Menschgewordenen auch in sich haben.“

Mich berührt dieses persönliche Bekenntnis von Heinrich Böll, in dem ein bekannter Vers des Kirchenvaters Augustinus nachklingt. Augustinus spricht in seinen Bekenntnisses, quasi seiner Lebensbeichte von seiner lebenslangen Sehnsucht und bringt es auf die knappe Antwort: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir.“

Augustinus würde also in Bezug auf das menschliche Leben keineswegs sagen: Der Weg ist das Ziel, denn dann könnte der Mensch auch im Kreis laufen. Sondern für Augustinus steht fest: Die Ankunft bei Gott ist das Ziel. Oder anders gesagt: „Unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20), wie es der Apostel Paulus ausdrückt.

Ich würde daraus bewusst ein Lebensmotto ableiten: Nicht einrichten, sondern ausrichten – auf ein Ziel hin, über alles hier und jetzt hinaus. Und das kann ich letztlich nur aufgrund meines Glaubens und einer tiefen Hoffnung und Zuversicht, die auch über den Tod hinausgeht .

Musik IV

Mit dieser Zuversicht grüßt Sie Eva-Maria Will aus Köln.

1 Martin Oehlen, „Ich vermisse ihn“. Bundespräsident Steinmeier ehrt Heinrich Böll in der Villa Hammerschmidt, in: KStA vom 24. April 2018, S. 22.

2 Der Literaturnobelpreisträger Böll wurde 1982 aus Anlass seines 65. Geburtstages zum Kölner Ehrenbürger ernannt.

3 Robert Grosche (1888-1967). Vgl. Jürgen Springer, 100 Jahre Heinrich Böll: Wider den Halbschlaf, in: CiG vom 17.12.2017.

4 Vgl. Robert Grosche, Kölner Tagebuch 1944-46. Aus dem Nachlass herausgegeben von Maria Steinhoff unter Mitarbeit von Christian Pesch, Hubert Luthe und Ludger Honnefelder mit einer Einführung von Auguste Schorn (Köln: Bachem 2. Aufl. 1992).

5 Zitiert nach: Jürgen Springer, 100 Jahre Heinrich Böll: Wider den Halbschlaf, in CiG vom 17.12.2017

6 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung. Erster Band, Frankfurt am Main 1973, S. 1, zitiert nach Jürgen Kroth, Dein Reich komme. Studien zu einer politischen Theologie sakramentaler Theorie und Praxis (Würzburg: Echter 2018), S. 33f.

7 Georg Thurmair 1935] 1938, Gotteslob Nr. 505.

8 Werner Bergengruen, Der Tod in Reval. Kuriose Geschichten aus einer alten Stadt (München: DTV 4. Aufl. 2014), S. 66.

9 Vgl. Ralf Schnell a.a.O., S. 17.

10 Heinrich Böll, in Kuschel, Karl-Josef, weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen, München 1985, 64-75, hier S. 65, zitiert nach: Paulus. Bibelauslegungen mit Praxisvorschlägen, hrsg. vom KBW Stuttgart 2008; S. 32).

11 Zitiert nach Jürgen Springer a.a.O.

12 Zitiert nach Jürgen Springer a.a.O.

13 Aurelius Augustinus, Bekenntnisse 1,1.

14 Der Literaturwissenschaftler Jochen Schubert, zitiert bei Springer.

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