Aktuelles

Beiträge auf: wdr5 

evangelisch

Das Geistliche Wort | 06.10.2019 | 08:40 Uhr

DIESER BEITRAG ENTHÄLT MUSIK, DAHER FINDEN SIE HIER AUS RECHTLICHEN GRÜNDEN KEIN AUDIO.

Gott kennt meinen Weg - Tangostar Nicole Nau

O-Ton: Ich hab ihn immer bei mir. Ich habe Gott immer bei mir. Ich vergesse ihn ganz selten. Manchmal vergesse ich ihn, aber sehr, sehr, sehr selten.

Autorin: … erza?hlt Nicole Nau – fu?r viele die beru?hmteste Tango-Ta?nzerin der Welt. Die große, schlanke Frau mit dem langen, dunklen Haar. Im Moment ist sie wieder auf Deutschlandtournee. La?chelt von den Plakaten und tanzt in ausverkauften Ha?usern. Die Haare streng zuru?ckgebunden. Der Blick ku?hl – manche sagen arrogant. Warum sie so erfolgreich ist - vielleicht hat es mit Gott zu tun:

O-Ton: Es ist immer wieder meine Frage, warum passiert mir was, wo ich dann immer wieder vor diesem Moment stehe, wo ich als Mensch, als kleines Menschenwesen u?berhaupt nicht verstehe und dann auch sage: Lieber Gott, ich u?berlasse es dir. Du weißt, was du mit mir machst. Du kennst meinen Weg.

Autorin: Sich Gott so sehr anzuvertrauen – dass man sagt: Du weißt, wo es fu?r mich langgeht – das finde ich schon stark. Und Nicole Nau sagt das als eine, die auch sehr offen u?ber das spricht, was schwer gewesen ist in ihrem Leben. So schwer, dass sie manchmal lieber tot als lebendig gewesen wa?re. Und dennoch: Sie hat versucht, diesen Krisen einen Sinn abzuringen. Geschafft hat sie das auch, weil sie an Gott glaubt. Sehr fest, sehr stark.

Musik 1: Track 18 “Tango Il Ingeniero” von CD Tango Classics 202, Komponist: Alejandro Junnissi, Interpreten: Carlos di Sarli, Bahia Blanca, Label: Le Chant du Monde, 2013 JPC 244 56 42, Bestell Nr.: 314 90 24
231520, LC-Nr.: 0609.

O-Ton: Mein Vater war Grafiker und Grafikerarbeiten, die enden immer sehr spa?t nachts. Ich habe ihn teilweise tagelang gar nicht gesehen und meine Mutter war alkoholkrank. Und wenn sie nicht diese ganz schlimmen Phasen hatte, in denen sie auch nur Stress und Streit und Chaos gemacht hat, hat sie geschlafen und das waren Momente, wo ich zu mir kommen konnte und in diesen Momenten bin ich zu Papas Plattensammlung gegangen und habe heimlich seine schwarzen kostbaren Scheiben aus den Hu?llen geholt und sie aufgelegt und dazu getanzt.

Autorin: Nicole Nau, in Du?sseldorf geboren, aufgewachsen am Rheinufer, in bevorzugter Lage. Ihr Nachbar: Joseph Beuys. Um die Alkohol-Krankheit ihrer Mutter zu vertuschen, hat Nicole alles gegeben. Neben der Schule hat sie den Haushalt gefu?hrt, sich um die Mutter geku?mmert und die Geschwister versorgt. Und wenn sie mal „frei“ hatte, hat sie heimlich getanzt.

O-Ton: Tanz hat eigentlich etwas, was befreit, aber dieser Tanz damals, den ich hatte als Kind, ich glaub da hab ich erst mal eine ganz große Schicht Traurigkeit weggearbeitet. Und Verzweiflung.

Musik 2: Disk 3, Track 20 „Milonga de mis Amores“ von CD Los 100 Mejores Tangos, Interpret: Luis Borda, Label: El Bandoneon, 2000, Pedro Laurenz, Bestell Nr. 530 87 80.

O-Ton: Ich habe mir glaube ich bei diesen Ta?nzen auch vorgestellt, dass ich diejenige bin, die stirbt. Ich merke es auch, es ru?hrt mich an, es ist ein Gefu?hl u?ber das ich eigentlich nie gesprochen habe - bis heute.

Autorin: Nicole Nau fasst sich an den Hals, sie ist sichtlich bewegt. Kälte kriecht mir über den Rücken. Ich kann es mir nicht vorstellen. Wie unendlich verzweifelt und einsam die kleine Nicole gewesen sein muss. Und wie groß ihre Scham. Als Teenager versucht sie den Schein nach außen aufrecht zu erhalten. Sie tut so, als sei in ihrer Familie alles in Ordnung. Niemand hilft ihr – sie ist komplett allein. Nach ihrem Abi - Anfang der 80ger - zieht sie dann aus. Studiert Grafikdesign in Du?sseldorf – sucht nach Mo?glichkeiten, sich künstlerisch auszudru?cken.

O-Ton: Weil es einfach in mir etwas gab, wo ich gefu?hlt habe, da ist etwas, wo ich hin mo?chte, wo ich hin muss. Da sind Emotionen in mir, die ich leben mo?chte und muss und wenn sie in mir sind, dann sind sie auch real, aber sie waren noch nicht Teil von meinem realen Leben, aber sie waren ja Teil von mir. Und es ging darum, diese Emotionen und diese Gefu?hle und diese Lebendigkeit in mir zu finden.

Musik 3: CD Nr.1, Track 14 “Mozo Guapo” von CD Tanturi &Castillo: Tangos De Mi Ciudad, Label: Tango Arge, 1988.

Autorin: Eines Tages klebt der Tango quasi an ihrem Absatz. Ein Flyer – Werbung fu?r einen Tango Kurs. Zu einer Zeit als niemand Tango getanzt hat. Nicole Nau geht hin. Wird sehr schnell sehr gut. So gut, dass sie und ihr Tanzlehrer Shows tanzen. Die Kostu?me entwirft sie selber. Und das macht sie bis heute. Mit viel Fantasie und Liebe zum Detail. Als sie ho?rt, dass die Show Tango Argentino in Deutschland gastiert, steht fu?r sie fest: Da muss ich hin. Zu dieser grandiosen Show, einer genialen Mischung aus Tanz und Musik.

O-Ton: Und als ich nach Mu?nchen gefahren bin, um diese Show zu sehen, und ich hab mich in die Reihe drei gesetzt, da war ich plo?tzlich mittendrin. Da gab es das, das, was ich gesucht habe, hat sich da vor meinen Augen abgespielt und das wollte ich erleben, das wollte ich selber zu meinem eigenen Leben machen.

Autorin: Was sie damals nicht wissen kann, der Ta?nzer, der sie am meisten beeindruckt, ist der Mann, den sie spa?ter kennenlernen, lieben und heiraten wird. Luis Pereyra.

O-Ton: Der Luis war ja damals der Ta?nzer, den ich auf der Bu?hne gesehen habe, den ich sehr bewundert habe, den ich am meisten bewundert habe. Zu dem Zeitpunkt war es noch die Kunst, in die ich mich verliebt hatte. Er schafft es ein Lebensgefu?hl da auf die Bu?hne zu stellen, das Menschen einfach mitreißt. Also, eine Atmospha?re, die Menschen lebendig fu?hlen la?sst und das ist großartig.

Musik 4: Track 18 „Tango7/4 Danzarin“ von CD: Tango greatest tangos y milongas, Julian Plaza, Interpreten: Sexteto Mayor, Label: EMI, 2006, Bestell-Nr.: 9799946, LC-Nr. 00542.

Autorin: Nicole Nau hat ihn gefunden. Den Weg, den Gott ihr gezeigt hat.Weihnachten 1988 fliegt sie fu?r sechs Wochen nach Argentinien, in ihre Traumstadt, nach Buenos Aires:

O-Ton: Als ich angekommen bin, war die Stadt weder glamouro?s, noch gab es Tango, noch waren die Ma?nner so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Das war natu?rlich eine Fantasiewelt, die sich da auf der Bu?hne gezeigt hat. Dann bin ich durch die Straßen und hab die Stadt erobert. Ich bin ja ein Mensch, der ja nicht losla?sst. Ich bin ein Mensch, der nicht aufgibt und ich sag: Moment mal, wenn es das da auf der Bu?hne gegeben hat, dann muss es das hier auch geben. Irgendwo muss ich das finden ko?nnen.

Autorin: Am Ende der Zeit ist sie so begeistert, dass sie beschließt, nach Argentinien auszuwandern und Ta?nzerin zu werden. Fu?r eine Frau mit Mitte 20 - ohne Ausbildung im klassischen Tanz - ein sehr harter und steiniger Weg.

Zehn Jahre spa?ter – 2002 - lernt sie Luis Pereyra perso?nlich kennen: bei einer gemeinsamen Produktion. Die beiden verlieben sich. Ein Traum wird Wirklichkeit.

Endlich hat Nicole das Gefu?hl, gesehen, verstanden und geliebt zu werden. Endlich kann sie sich auf ihre Gefühle verlassen. Manche mögen das nicht verstehen. Aber es ist sehr schwer für einen Menschen, seine Gefu?hle zu erkennen und zu verstehen, wenn er als Kind immer verunsichert worden ist.

O-Ton: Ich hab irgendwann mal als Jugendliche festgestellt, dass ich Hunger und Durst nicht auseinander halten konnte. Das hat ganz viel damit zu tun, dass man mir immer erza?hlt hat, das, was Du fu?hlst, stimmt nicht. Wenn ich gesagt hab: Die Mama trinkt wieder, jemand sagt mir nein, das stimmt nicht. Guck mal Deiner Mama geht es doch gut. Und ich sag: Nein, nein die trinkt wieder, kann man sich als Kind nicht auf seine Gefu?hle verlassen, wenn immer ein Erwachsener kommt und sagt: Das stimmt nicht, was Du sagst.

Autorin: Die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, hat fu?r Nicole Nau mit Gott zu tun. Die Liebe ist fu?r sie ein Geschenk Gottes und sie behandelt sie mit gro?ßtem Respekt. Sie weiß, nicht allen ist so ein großes Glu?ck gego?nnt.

O-Ton: Unser Leben findet ja in Gott statt. Das ist ja nicht abtrennbar von Gott, Also ist auch unsere Beziehung, eine Beziehung, die wir geschenkt bekommen haben. Da sind wir uns sehr bewusst. Also, so große Liebe geschenkt zu bekommen, das ist nicht selbstversta?ndlich.

Autorin: Wann die Beiden wirklich mal Zeit fu?r sich haben, ist mir ein Ra?tsel. Jedes Jahr haben sie zwei Shows, mit denen sie auf Tournee gehen. Doch nicht nur der Tanz verbindet die beiden, auch der tiefe Glaube an Gott. Als sie sich das erste Mal trennen, weil Nicole auf Tournee geht, schenkt Luis ihr ein Kreuz. Ein einfaches Blechkreuz, das sie seit diesem Tag tra?gt.

O-Ton: Und Er hat mir mit diesem Kreuz das geschenkt, was uns am meisten bedeutet und hat das geschenkt, was uns verbindet. Jesus ist derjenige, der uns immer helfen wird; an den wir uns wenden mit allen Fragen im Leben.

Musik 5: Track 1 “Mi Corazon” von CD: Sentir Corazon, Jasmin Levy, Label: World Vill (Harmonia Mundi), 2009. LC-Nr.: 07045.

O-Ton: Es ist immer wieder meine Frage, warum passiert mir was, und dann sage: Lieber Gott, ich u?berlasse es dir. Du weißt, was du mit mir machst. Du kennst meinen Weg.

Autorin: Sein Leben Gott zu u?berlassen, das sind große Worte, fromme Wu?nsche, eine Lebensaufgabe. Es wirklich zu tun, wenn es hart auf hart kommt, ist schwer – sehr schwer. Nicole Nau weiß, wovon sie redet. Natu?rlich wollte sie mit Luis Kinder haben.

O-Ton: Und irgendwann ging dieses doofe Kleid nicht mehr zu und dann sind wir zum Frauenarzt gegangen und der saß da und sagte: „Gucken sie doch mal hierher“. Und da klopfte dann dieses wunderbare kleine Herz und ab dem Moment waren wir Papa und Mama.

Autorin: Doch das Glu?ck ist von kurzer Dauer. Bei der na?chsten Untersuchung ero?ffnet ihnen der Arzt:

O-Ton: Ich kann die Schwangerschaft nicht finden. Ich lass sie jetzt mal einen Moment alleine. Da ist nichts mehr. Und dieser Moment: „Da ist nichts mehr“, war vollkommen unakzeptabel, weil wir waren und sind schon Mama und Papa, weil das Kind war ja da. Das ist ja kein Irrtum gewesen. Das ist ja nicht weg.

Autorin: Was folgt, ist ein Krankenhausaufenthalt und eine Reihe von Selbstvorwu?rfen: Wahrscheinlich habe ich zu viel getanzt, mich zu wenig geschont, zu lange mit dem Kinderwunsch gewartet. Doch was dann geschieht, kennen viele, die ein Kind verlieren.

O-Ton: Dann kamen wir nach Hause und waren zwei Menschen, die sich ganz fremd waren. Und das hat sehr, sehr lange gedauert bis wir da rauskamen. Das Gefu?hl war: Unsere Ehe geht daran kaputt. Und dann hatten wir einen Vertrag. Wir mussten wieder trainieren. Und dieses uns wieder umarmen und anfassen und gemeinsam bewegen und etwas bewegen und wieder fu?hlen, weil man kann nicht tanzen, ohne zu fu?hlen, da hat der Tanz uns aus dieser Krise geholfen.

Musik 6 = Musik 1

Autorin: Ein Jahr spa?ter wird Nicole wieder schwanger, doch auch dieses Kind wird nicht geboren. Was dann folgt sind Jahre, in denen sie unglaublich erfolgreich sind. Auf dem Ho?hepunkt ihrer Karriere wird Nicole ein drittes Mal schwanger, aber auch dieses Kind stirbt in ihrem Bauch. Weil die Schwangerschaft jedoch schon so weit fortgeschritten ist, soll sie das Kind geba?ren. Warten, bis der Körper, das tote Kind freigibt. Sechs Wochen tanzt sie mit dem toten Kind im Bauch. Dann hat sie einen Tag frei und just an dem Tag setzen die Wehen ein. Eine furchtbare Geschichte. Trotz allem: Nicole Nau ist ihrem Gott dankbar: Sie sagt. Ich bin dreimal Mutter geworden. Nur dass die Kinder bei Gott leben. Und:

O-Ton: Du hast doch unglaublich viel, was du machen darfst: Es ist ja nicht so, dass du nichts hast. Sei doch dankbar jetzt. Dein Plan, dein Lebensplan fu?r den lieben Herrn da oben ist, dass du tanzt und andere Menschen froh machst und nicht dass du Kinder groß ziehst. Dann ist das eben so.

Autorin: Alle drei Kinder haben Namen – und alle drei Kinder sind zusammen. Sie haben einen Ort, wo sie sind, wo Fotos von ihnen im Mutterleib sind und Anderes, was ihre Eltern mit ihnen verbinden. Denn:

O-Ton: Mit dem Tod von unseren Kindern hat Luis gesagt, ich mach eine Kapelle, weil ich mo?chte gerne, dass sie bei uns sind, aber dass sie auch bei Gott sind, weil sie sind ja bei Gott. Und dann hat er ein kleines Ha?uschen gebaut, eine kleine Kapelle, wo wir hingehen ko?nnen, wenn wir beten und wo wir auch mit unserer Familie zusammen sind. Also, wo sich alle wieder treffen.

Autorin: Was mich bei Nicole Nau besonders beeindruckt ist, wie unglaublich eng Licht und Schatten zusammenha?ngen. Und dass man immer wieder aus dem Schatten heraustreten muss, um im Licht zu stehen. Dort wo Gott einen haben will. Zum Schatten Ja zu sagen, ihn anzunehmen und zu sagen: Gott, du bist da und kennst meinen Weg. Das ist schwer. Und: Es kann gelingen.

Dass dies auch Ihnen gelingen mo?ge, wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen. Ihre Sabine Steinwender-Schnitzius, Rundfunk-Pastorin aus Wuppertal.

Musik 7: Track 18 „Libertango” von CD: Tierra Colorada en el Teatro Colón, Interpreten: Astor Piazzolla, EL Chango Spasiuk, Label: Artista, 2014, Homepage: CMTV.COM.AR

Quelle: Nicole Nau, Tanze Tango mit dem Leben, 1. Auflage, Köln: Bastei Lübbe, 2013


Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen