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Das Geistliche Wort | 04.04.2021 | 08:40 Uhr

Neue Welt, neues Leben - und wir hängen im Alten fest?!

 

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer!

Zunächst wünsche ich Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest – auch wenn vielen vielleicht gar nicht nach Ostern zumute ist. Zu sehr drücken noch die Beschränkungen der Corona-Pandemie aufs Gemüt. Und das schon über ein Jahr. Vor einem Jahr konnte auch nicht richtig Ostern gefeiert werden. Da dachte ich zwar noch: Spätestens Weihnachten wird alles wieder normal gehen – aber Pustekuchen!

Vor Weihnachten gab es erst einen Lockdown-light und dann einen harten Lockdown. Und jetzt geht vieles immer noch nur eingeschränkt – und das gilt auch für das kirchliche Leben, den Gottesdienstbesuch zum Beispiel. Da können viele Menschen die Gottesdienste inzwischen zwar wieder besuchen, aber gemeinsames Singen geht nicht. Viele Menschen sind daher umgestiegen auf die Teilnahme an digitalen Gottesdiensten. Obwohl ich als Priester hier in Köln physisch Gottesdienste gefeiert habe – natürlich mit Abstand und Hygieneregeln – gehöre ich ab und zu auch zu denjenigen.

Aus einem dieser digitalen Gottesdienste ist mir ein Wort eines Pfarrers hängen geblieben, der eine große Zuversicht ausstrahlte, was für mich gerade heute sehr wichtig ist: „Wir werden gemeinsam gestärkt durch diese Zeit gehen. Wir werden das Dunkle nicht verdrängen und das Schwere nicht ignorieren. Aber eines Tages werden wir diese Pandemie überwinden und dann fangen wir ein neues Leben an. Bitte: nicht das alte Leben einfach wiederaufnehmen! Ein neues Leben, ein neues!“

Das ist bei mir hängen geblieben aus einem digitalen Gottesdienst in der Pandemiezeit: „Bitte: nicht das alte Leben einfach wiederaufnehmen! Ein neues Leben, ein neues!“

Allerdings: So einfach sich das anhört, so schwierig ist das praktisch. Wie groß sind gerade heute an Ostern die Wünsche nach dem, was unser sogenanntes altes Leben ausgemacht hat: nach Reisen und Urlaub, nach Auswärts-Essen-Gehen oder ins Fußballstadion mit Tausenden Anderen begeistert den eigenen Verein anfeuern, nach Sport, Konzerten, Theater und vieles andere mehr.

Sehnsüchtig schaue ich nach dem, was mein altes Leben ausgemacht hat. Das will ich wiederhaben! Einfach nur zurück, wie damals vor der Pandemie. Und dann dieses Wort von dem Pfarrer bei dem digitalen Gottesdienst: „Bitte: nicht das alte Leben einfach wiederaufnehmen! Ein neues Leben, ein neues!“

Jeder und jede kann und soll etwas aus der gegenwärtigen Zeit der Dunkelheit, der Einschränkungen, der Isolation und der Zumutungen mitnehmen in die Zukunft. Fragt sich nur: Was? Ist es vielleicht die herausfordernde und anstrengende Konfrontation mit sich selbst? Denn wie viele Menschen waren in den zurückliegenden Wochen und Monaten auf sich selbst zurückgeworfen, konnten nicht unter Leute? Ich sage nur: Kontaktbeschränkung!

Der berühmte Philosoph Blaise Pascal soll gesagt haben: Die größte Krankheit des modernen Menschen ist, dass er es nicht mit sich allein in einem Zimmer aushält. So gesehen, ist die Pandemie eine Therapie, um zu lernen: Wie halte ich es mit mir selbst aus? Wie gehe ich mit Stille um? Wie schaffe ich es, nicht vor mir selbst wegzurennen? Toll wäre es doch, wenn ich durch die gegenwärtigen Zumutungen während der Pandemie zu mehr Tiefe, zu mehr Ehrlichkeit, zu mehr Auseinandersetzung mit mir selbst fände. Aus der Erfahrung bis jetzt weiß ich: Das ist ein anstrengender Weg. Ein aufreibender Weg. Zu sich selbst stehen. Mit sich selbst konfrontiert sein. Und damit bin ich auch nicht ein für alle Mal fertig. Aber ich bin mir sicher: Wer sich das einmal zugetraut hat, der hat sicherlich eine befreiende Erfahrung gemacht.

Für mich zeigt sich dieses neue Sich-selbst-bewusst-Sein konkret in den Fragen: Stehe ich zu meinen Verletzungen? Kann ich die Wunden annehmen, die mir im Leben geschlagen wurden? Kann ich mir eingestehen, dass ich andere verletzt habe? Schaffe ich es, vor mir und vor anderen auszusprechen, dass ich Schwächen habe, dass ich gar nicht der bewundernswerte Mann, der tolle Hecht, der kluge Kopf bin? Vor diesen Fragen und – vor allem – vor den Antworten nicht wegzurennen, sondern den Mut zu haben, sich selbst ehrlich anzuschauen, das kann eine Erfahrung der gegenwärtigen Zeit sein, die auch in der Zukunft trägt.

Und was ist es noch, das ich mitnehmen kann aus der Zeit der Zurückgezogenheit in der Pandemie? Vielleicht die Vertiefung von Partnerschaft, Familie, Freundschaft oder ganz allgemein Gemeinschaft. Wie sehr der eine den anderen braucht. Wie sehr der eine vom anderen getragen wird und selber tragen darf. Wie wichtig es ist, nicht allein zu sein…

Und ich frage mich: Was bleibt noch aus dieser Pandemie? Mehr Bescheidenheit, mehr Dankbarkeit für das Leben, das Bewusstsein gesund zu sein, ein sensiblerer Umgang mit der Natur, mit unserer Schöpfung, mit unseren Ressourcen? Was auch immer bleibt, es prägt das weitere Leben. Das meinte wohl jener Pfarrer, wenn er „bitteschön“ von einem „neuen“ Leben sprach und nicht von einer platten Rückkehr in das alte nach der Pandemie.

Altes Leben, neues Leben. Und jetzt dazwischen die Pandemie, die wie eine Dunkelheit altes und neues Leben verdeckt. Für mich berührt das die Situation von Ostern. An Ostern feiern wir Christen, dass einer aus dem alten Leben durch Dunkelheit, Isolation, Verlust und Verzicht – kurz: durch den Tod – in ein neues Leben gegangen ist. Es geht konkret um die „Auferstehung Jesu“. Dabei hat Jesus das alte nicht einfach hinter sich gelassen, sondern es in dieses neue Leben hineingetragen. Das heißt aber, er hat alles, was sein altes Leben ausmachte, die vielen Begegnungen mit Kranken und Armen, mit Freunden und Gegnern, sogar die Wunden und Spuren des einsamen Todes am Kreuz mitgenommen in das neue Leben.

Was das konkret bedeutet, wird für mich sehr anschaulich in der biblischen Begebenheit mit dem „ungläubigen“ Thomas: Jesus zeigt Thomas die Spuren seines alten Lebens, die Wunden an Händen und Füßen, die bei der Kreuzigung geschlagen wurden. Diese Wunden sind im neuen Leben nicht einfach weg, sie sind noch da, begreifbar. Jesus hat sein altes Leben mitgenommen in den Tod. Im Tod wurden die Wunden angeschaut, gereinigt oder mit der Bibel gesprochen: verklärt. Jesus hat diese Spuren mit in das neue Leben genommen. Es geht um eine neue Qualität, um eine neue Sicht, um eine Verwandlung, aber nicht um einen Bruch.

Das ist genau das, was wir Christen Ostern feiern: altes Leben, alte Welt und alles, was daran erlösungsbedürftig, versöhnungsbedürftig, vergebungsbedürftig, heilungsbedürftig ist, wird durch den Tod in ein neues Leben, in eine neue Welt, zu Gott hingetragen. Und dieses neue Leben, diese neue Welt, das, was Christen Auferstehung oder Himmel nennen, ist nicht einfach ein Bruch. Das alte wird mitgenommen, gereinigt, gewandelt, verklärt, hat im neuen Leben vor Gott Bedeutung und ist bei ihm aufgehoben.

Wenn mit der Auferstehung mein altes Leben mitgenommen wird zu Gott, um dort aufgehoben zu sein, dann gibt es noch eins genauer zu betrachten: Im christlichen Glaubensbekenntnis ist nämlich die Rede davon, dass Jesus gestorben ist und in das „Reich des Todes“ hinabgestiegen ist. Was ist damit wohl gemeint? Die Zeit zwischen Tod und Auferstehung, die Zeit des Übergangs vom alten in das neue Leben verstehe ich als ein Hinabsteigen. Jesus geht dahin, wo nach jüdischer Überlieferung die Menschen voller Schmerz auf Erfüllung warten, weil sie noch keine Perspektive haben und das Neue noch nicht kennen. Das Glaubensbekenntnis nennt dies das „Reich des Todes“. In der jüdischen Überlieferung ist von der sogenannten „Scheol“ die Rede, von einer Art „Nichtexistenz“ des Menschen nach dem irdischen Tod. Hier wartet der Mensch und muss die Trennung von Gott irgendwie aushalten – so die Vorstellung. Eine trostlose Situation, eine tragische Situation. Der Mensch hat allerdings eine tiefe Sehnsucht nach Erfüllung, nach Leben und Licht, aber sie wird noch nicht gestillt. Und das Warten bereitet ihm Schmerz.

In diese Trostlosigkeit kommt Jesus hinein. Er macht das Reich des Todes hell durch seine Liebe. Er bringt Licht in das Dunkel, er bringt Wärme in die Kälte, er bringt Liebe in die ungetröstete, verzweifelte Leere. Das passiert im Tod Jesu, in der persönlichen Pandemie Jesu, in seiner Isolation. Er überwindet den Tod, die Leere, das Chaos, das Ungetröstet-Sein für immer und tut die Tür auf in ein neues Leben.

Ich komme noch einmal zurück zu den Worten des besagten Pfarrers im digitalen Gottesdienst: „Bitte: nicht das alte Leben einfach wiederaufnehmen! Ein neues Leben, ein neues!“ Wir stecken noch mitten in der Pandemie, auch wenn es hoffnungsvolle Zeichen für die Zukunft gibt. Wir leben immer noch stark isoliert und sehnen uns nach Trost, nach dem Ende aller Zermürbungen und nach mehr Freiheit, mehr Gemeinschaft, mehr Genuss. Ich frage mich: Was kann helfen? Wie soll ich mich in dieser gegenwärtig dunklen Lebensphase verhalten?

Genau hier setzt für mich Ostern an. Mit der Auferstehung Jesu vom Tod wird eine Tür aufgetan, fällt Licht in die Dunkelheit des Lebens, gibt es eine neue Welt. Keine Situation, kein Dunkel, keine Zermürbung ist mehr so stark, dass diese Botschaft nicht helfen kann, neue Hoffnung zu schöpfen, Hoffnung auf Licht. Hoffnung auf Befreiung, Hoffnung auf das, was Jesus ein „Leben in Fülle“ nennt.

Ich weiß: Diese Hoffnung hat letztlich mit dem Glauben daran zu tun, dass das Leben stärker ist als der Tod. Aber für mich gibt es Zeichen, dass das glaubwürdig ist:

In jeder Erfahrung von Liebe und jedem Lachen, in jeder Umarmung und jedem Zuspruch, in jedem Zutrauen und jedem Lob, jeder geschenkten Zeit und jeder gehaltenen Hand. Mir zeigen diese Zeichen, dass es etwas gibt, was weit über jede „mentale Pandemie“, über jede Angst und niederdrückende Befürchtung hinausgeht.  Am Ende steht etwas Gutes: das Leben in Fülle!

Ostern will zeigen: Die neue Welt, das neue Leben ist schon da. Die Rückkehr in die alte Welt ist nicht der Weg, der zum Leben führt. Es ist der Glaube, dass Christus der Sieger ist über den Tod und so der Sieger über jede mentale Pandemie. Das lässt doch hoffen. Mehr noch, das ist doch Grund zur Freude – mitten in allen alltäglichen Zermürbungen und nervlichen Anspannungen.

Heute ist Ostern. Das neue Leben beginnt. Das alte Leben bitte nicht wieder aufnehmen! Es gibt einen Grund, zuversichtlich zu sein und zu feiern – trotz und gerade in der Pandemie!

Aus Köln grüßt Sie Pfarrer Mike Kolb.

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