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Das Geistliche Wort | 02.05.2021 | 08:40 Uhr

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Singen!

Musik: Thank you for the music (Abba) 

Thank you for the music; Text und Musik: Benny Andersson & Björn Ulvaeus; Interpret: ABBA; album: ABBA Gold; 2008 Polar Music International AB; LC 80469. 0:00-0:35

 

Autorin: Es gibt Musik, die wird man nicht mehr los. Sie prägt sich einfach ein. Wannabe von den Spice Girls kann ich komplett auswendig. Die Mädchenband landet Mitte der Neunziger Jahre damit ihren ersten Nummer-1-Hit in den Charts.

Von vielen Kinderliedern, die ich rauf und runter gehört habe, ist nur noch der Refrain geblieben, aber der hält sich immerhin hartnäckig.

Genau wie diese Zeilen aus dem berühmten Musical „Joseph“, die die 29 Farben von Josephs Mantel besingen. 

Melodien und Texte sind als Ohrwurm in meinen Kopf und in mein Herz eingezogen, haben entschieden, dort zu bleiben und werden immer wieder lebendig wie die Erinnerung an die besonderen Zeiten, aus denen sie kommen.

 

Musik: Collage, aus: Ich lieb den Frühling; Text und Musik: Traditional; Interpret: Simone Sommerland, Karsten Glück & Die Kita-Frösche; Album: Die 30 besten Oster- und Frühlingslieder; Label: 2014 Lamp und Leute, ein Label der Lamp und Sumfleth Entertainment GmbH; LC: unbekannt. 1:14-1:21

Wannabe (Radio Edit); Text, Musik, Interpreten: Spice Girls; Album: Spice; Label: 1996 Virgin Records Limited; LC 03098.

Jakob & Co / Josephs Kleid; Komponist: Andrew Lloyd Webber; Text (dt.): Heinz Rudolf Kunze; Interpret: Original German Cast of Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat; Album: Joseph and the Amazing Technicolour Dreamcoat (German Cast Recording); Label: 1997 The Really Useful Group Ltd.; LC: unbekannt. 

 

Autorin: Der Sonntag heute heißt Kantate: singt! Er ist allen gewidmet, die Lieder im Kopf und im Herz haben. Allen, die gerne singen. Der Erinnerung wegen, der guten alten Zeit. Er ist allen gewidmet, die sich durch das Singen erinnern, wer sie sind. Und dass sie sind. Im Hier und Jetzt. Wie mag es Menschen gehen, die einer ganz anderen Generation angehören als ich? Die mit Wannabe von den Spicegirls oder dem Musical Joseph so gar nichts anfangen können, aber mit den Hits der Beatles oder den Liedern aus der Dreigroschenoper groß geworden sind? Ich spreche mit Ursula Schacky. Sie ist fast 50 Jahre älter als ich. Sie liebt es, zu singen.

 

O-Ton 1 Ursula Schacky:
Singen ist einfach schön. Ein Tag ohne Singen ist ein verlorener Tag für mich. Bin ich ganz ehrlich. Ich bin schon so bekloppt. Wenn das Fernsehen läuft, auf einmal merk ich, dass ich am Singen bin und guck Fernsehen. 

Autorin: Ich bin mir sicher, anderen geht es auch so. Singen hilft, den Augenblick zu genießen beim Autofahren, Abwaschen, Aufräumen, Arbeiten – oder eben beim Fernsehen. Und Singen wirkt. Die meisten kennen Lieder gegen Herzklopfen, Liebeskummer oder aufgeschlagene Knie. Lieder, die schützen wie ein Pflaster, beruhigen wie eine Tablette und trösten wie eine Umarmung. Der Sonntag Kantate – singt! – ist allen gewidmet, die schon mal angesungen haben gegen die Dunkelheit auf der Kellertreppe, die Aufregung vor der Führerscheinprüfung, die Unruhe eines Babys vor dem Einschlafen oder gegen Einsamkeit. Ursula Schacky hat auch schon oft angesungen. Sie erinnert sich:

 

O-Ton 2 Ursula Schacky:
Ich habe immer gerne gesungen. Anfangs war ich ja kein gläubiger Mensch. Sagen wir mal. Ich bin ja auch…den Glauben, der kommt ja später. Da fällt mir ein, dass ich das…schon im Kinderheim unterm Weihnachtsbaum musst ich singen und im Schlafraum musst ich singen. Da war ich ja noch klein. Ja, also da unterm Weihnachtsbaum hab ich Weihnachtslieder gesungen und im Schlafsaal. Dann ging das immer: „Ursula! Singst du wieder?“ Die anderen wollten gerne, dass ich singe. Die haben jeden Abend gebettelt, dass ich singe. Da habe ich mich ins Bett gesetzt und hab gesungen. Und das hab ich auch nachher noch gemacht. Wie ich alleine war. Bis ich meinen ersten Mann kennengelernt habe. Dann hat es aufgehört. Dann hab ich ja nachts nicht mehr alleine geschlafen.

 

Autorin: Ansingen gegen das Alleinsein, für andere in großer Runde oder ganz allein für sich selbst. Singen, weil es einen Anlass gibt, so wie an Weihnachten, oder einfach so, weil es Spaß macht – es gibt so viele Möglichkeiten. 

Der Sonntag heute ist auch allen gewidmet, die am liebsten dann singen, wenn andere es auch tun: im Chor, auf Konzerten, in der Kirche, mit den Kindern. Manche finden das schöner und manche schämen sich dann weniger für ihre Stimme. Ein Sonntag also auch für alle, die von sich sagen, sie könnten gar nicht singen und für alle, die sich gelegentlich fragen: „Warum tue ich es eigentlich nicht öfter?“

 

Musik: Reinhard Mey, Ich singe um mein Leben

Text und Musik: Reinhard Mey; Album: Rüm Hart; Label: 2002 EMI Music Germany; LC: 06213. 

 

Autorin: In der Bibel wird viel gesungen und musiziert. In allen möglichen Situationen.

In der biblischen Apostelgeschichte wird erzählt, wie Paulus und Silas von der Jerusalemer Urgemeinde nach Europa geschickt werden. Sie haben einen Brief dabei, den sie in den vielen christlichen Gemeinden Europas vorlesen. Paulus und Silas sprechen auch lange mit den Gemeindemitgliedern. Sie ermutigen und bestärken sie, ihren Glauben zu leben. Die kleinen Gemeinden wachsen und ihr Selbstbewusstsein auch – und das sorgt für Aufregung.

So landen sie im Gefängnis, sogar dem innersten. Sie haben nichts mehr – nur ihre Stimme. Und mit der tun sie, was sie sonst auch tun. Sie beten und singen Gott Loblieder.

Sprecher: 23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. (Apg 16,23ff)

 

Autorin: Manchmal ist das Leben wie ein Gefängnis. Es gibt Momente, die sind so schmerzhaft, enttäuschend, ungerecht und sinnlos, dass einem die Luft wegbleibt. Im innersten Gefängnis gibt es keine Fenster, da ist es stickig. Das bisschen Luft, die es dort gibt, stinkt. Sie reicht gerade so zum Atmen und selbst das möchte man eigentlich sein lassen. Denn aus dem innersten Gefängnis gibt es keinen Ausweg. Dort gibt es kein Licht, weder Freunde noch Freude, nur gnadenlose Einsamkeit. Und der einzige Klang, den man hier hört, ist das Rasseln der Ketten, die man mit sich herumschleppt und das Scheppern der Ringe, die sich wie eine Rüstung um das Herz gelegt haben. Manchmal ist das Gefängnis ein inneres. Es gehört einiges dazu, dort seine Stimme wiederzufinden. Ursula Schacky hat auch das erlebt:

 

O-Ton 3 Ursula Schacky:
Als ich mich damals von meinem Mann getrennt hab, trennen musste. Und da bin ich dann aber auch wieder in den Chor reingegangen, wie ich dann alleine war und dann haben die mich abgeholt vom Chor und haben mich auch abends wieder nach Hause gebracht. Durch Singen war ich in der Gemeinschaft und war abgelenkt. Singen lenkt auch ab von Traurigkeit. Wir waren ja in einer Gruppe, die gesungen haben und im Chor singen ist schön.

 

Autorin: Ich frage mich: Wie geht das eigentlich, dass Singen ablenkt? Sänger und Gesangslehrerinnen erklären es ungefähr so: Der Körper holt sich automatisch, was er braucht an Atemluft. Für das normale Sprechen muss man nicht tief einatmen. Wenn man aber zum Beispiel Angst hat, sendet der Solarplexus über das zentrale Nervensystem ein Signal an das Zwerchfell: „Hier ist Gefahr. Bitte hör auf mit dem, was du sonst immer automatisch machst.“ Dann merkt der Mensch, dass er in Gefahr ist. Dann spannt sich das Zwerchfell an – und der Atem stockt. Normales Sprechen mit automatischem Luftholen ist dann schwer möglich, singen ebenso. „Es schnürt mir die Luft ab“, sagen manche dazu. Singen ist dann zwar möglich, aber eben mit Überwindung. Die Angst muss überwunden werden, und mit ihr die Anspannung im Zwerchfell. Man kann also sagen, dass man nicht gleichzeitig frei singen und sich fürchten kann. Man muss sich entscheiden. Und das eine kann das andere überwinden.

Vielleicht war es so bei Paulus und Silas in der biblischen Geschichte. Sie haben sich entschieden. Sie haben die Angst hinter sich gelassen, gebetet – und dann gesungen.

 

Musik: Du meine Seele singe (Sarah Kaiser)
Du meine Seele singe; Text: Paul Gerhardt; Musik: Johann Georg Ebeling; Interpretin: Sarah Kaiser; Album: Gast auf Erden; Label: GerthMedien; LC 13743. 

 

Autorin: Wer singt, äußert sich. Bringt nach außen, was innen ist. Der Klang der Stimme verrät Aufregung, Traurigkeit, Zorn. Profi-Sängerinnen legen genau das Gefühl in ihre Stimme, was gefordert ist. Sie rufen ihr Inneres wach und tragen es nach außen. Dann berührt es besonders. Und auch jeder Kirchenchor will gut zum Ausdruck bringen, was der Text eines Liedes besingt, laut und engagiert, zart und nachdenklich – je nach dem.

Schon wer spricht, äußert sich. Bringt nach außen, was innen ist. Wie schwer fällt es oft, die richtigen Worte zu finden für das, was wichtig ist. Und für Gefühle. Traurigkeit, Sorgen, Liebe. Wie viel besser sagt es oft ein Lied. „Hör mal, unser Lied…“, sagen Pärchen verliebt zueinander, wenn dieses eine gerade im Radio gespielt wird und dann drehen sie es auf und tanzen durchs Wohnzimmer oder singen laut mit oder genießen einfach nur Hand in Hand diese drei Minuten.

Singen bewegt seelische Tiefschichten, die Sprechen nicht erreicht. Das Innere, das Innerste. Und jeder Ton öffnet eine Tür.

 

O-Ton 4 Ursula Schacky:
„Weiß ich den Weg auch nicht“, das ist ein Lied, schon von frühester Jugend an kenne ich das. Das muss ich ja mehrmals am Tag...
das ist…für jede Gelegenheit ist das Lied gut. Ein gesungenes Lied ist ein zweites Gebet oder so ähnlich. Kann man so sagen. Das heitert mich auf, wenn ich es brauch, tut mir gut. Und wenn ich traurig bin, gibt es mir auch das, was ich brauche, um meinen Gedanken…nicht direkt fröhlicher, aber abwendet sind von dem, was mich gerade bedrückt.

 

Musik: Weiß ich den Weg auch nicht (Dennis Thielmann, Klavier)
Weiss ich den Weg auch nicht; Komposition: John Bacchus Dykes; Interpret: Dennis Thielmann; Album: Du Meine Seele Singe; Label: 2008 SCM Hänssler; LC: 07224. 

 

Autorin: Singen hilft, Kontakt zu sich selbst und zu Gott aufzunehmen. Man leiht sich Worte und Melodien. Manche sind viel älter als wir selbst und verbinden uns seit Generationen, manchmal seit Jahrhunderten. Manche Geschichten tun das auch. Wie die Geschichte von Paulus und Silas im Gefängnis und wie sie von Gott durch ihren Gesang befreit werden. Was sie erleben, wird nur in wenigen kurzen Sätzen erzählt. Viele wissen aus ihrem eigenen Leben: Es ist oft ein langer Weg selbst von dem Gefühl, im Gefängnis zu sein, bis zum Wiederfinden der eigenen Stimme und erst recht zu der Erfahrung, dass Singen befreit und den Glauben an Gott sogar stärkt. Auf diesem langen Weg sind Menschen, die an ihrem Gott festhalten, da sind Lobpreislieder, die vielleicht nur gestottert werden und trotzdem Türen öffnen, Holztüren und Herzenstüren, da ist manchmal ein Erdbeben, das Gottes Gegenwart ankündigt, Wunden werden gefunden und verbunden und dann ist da Heilung und Hoffnung.

 

O-Ton 5 Ursula Schacky:
Man merkt es. Von innen her kriegt man ein anderes Gefühl. Und ich habe schon oft gemerkt, wie z.B. letzte Woche irgendwie wann. Und da hab ich nachher so gedacht: Oh, Ulla! Da hat aber Gott auf dich aufgepasst. Das hat er gewusst, dass du jetzt Hilfe brauchtest.

Autorin: Vielleicht erleben auch Sie es gelegentlich: Singen hilft. Es gibt neues Leben im Tod und Befreiung aus dem Gefängnis, dem innersten. Halleluja.

 

Einen stimmungsvollen Sonntag wünscht Ihnen Friederike Lambrich, Pfarrerin aus Erkelenz.

 

Musik: Thank you for the music (Nils Landgren)
Thank you for the music; Text und Musik: Benny Andersson & Björn Ulvaeus; Interpret: Nils Landgren; Album: Funky Abba; Label: ACT, LC: 07644.   

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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