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Das Geistliche Wort | 26.09.2021 | 08:40 Uhr

Der Weg ins Paradies beginnt in der Hölle

Guten Morgen!

Fast auf den Tag ist es her. Vor 700 Jahren starb einer der größten Dichter Italiens: Dante Alighieri. Bis heute lernt jedes Kind in Italien seine Verse auswendig. Sein bis heute weltweit bedeutendstes Werk ist „Die Göttliche Komödie“. Es wurde zur Inspiration für viele Künstler und Dichter. Und auch heute noch packt dieses Epos viele Leser unmittelbar – mich persönlich eingeschlossen. Denn in keinem anderen Werk lernt man so viele Personen der Geschichte kennen, die in kurzen und markanten Versen unverwechselbar beschrieben werden. Ich möchte Sie mitnehmen auf den Weg, den Dante durch die Hölle, das Fegefeuer bis ins Paradies in seiner Göttlichen Komödie geht, weil es hier für mich bis heute so viele Anknüpfungspunkte an das eigene, aktuelle Leben gibt.

Musik I: Solitude No.1 (Lubomyr Melnyk Illirion)

In seiner Göttlichen Komödie schreibt Dante Alighieri in der Ich-Form und schlüpft so in die Rolle eines Wanderers durch das Jenseits. Zunächst beginnt alles damit, dass er am Karfreitag des Jahres 1300 in einem finsteren Wald erwacht. Er weiß nicht, wo er sich befindet. Angst steigt in ihm hoch. Da blickt er hoch und bemerkt einen von der Sonne angestrahlten Hügel. Dahin könnte ich jetzt gehen, das ist meine Rettung, denkt er in seiner Not. Aber da stellen sich ihm drei Raubtiere in den Weg. Von diesen wilden Bestien bedrängt, taumelt der Mann zurück. Erst in diesem Moment bemerkt er, dass jemand neben ihm steht. Er weiß nicht, ist dies ein Mensch oder nur ein Schatten. Dieser gibt sich zu erkennen: es ist der Dichter Vergil. Er, der schon lange tot ist, wurde vom Himmel erwählt, ihn, den Verirrten zu befreien. Vergil zu Dante:

Sprecher: „Daher denke ich und halte es für dein Bestes, dass du mir folgst, und ich werde dein Führer sein und werde dich von hier fortbringen.“[1]

Damit beginnt die gewagteste und gewaltigste Reise, die je ein Mensch unternommen hat.

Eine Woche lang durchwandert der Verirrte mit seinem Begleiter Vergil, dann später geführt von seiner Geliebten Beatrice und am Schluss geleitet vom heiligen Bernhard alle Zonen des Jenseits. Wo kein Lebender Zutritt hat, da eröffnet sich diesem Wanderer das Reich des Jenseits.

Zunächst betreten Vergil und Dante das unterste und finsterste Reich des Todes, die Hölle. Durch neun Höllenkreise geht es immer tiefer hinab. Die Sünden, die dort gebüßt werden, werden von Stufe zu Stufe immer grässlicher, die Strafen dafür immer drastischer. Aber mit jedem Sünder, der dort auf ewig leidet, kommen die beiden Wanderer ins Gespräch. Das ist das ganz erstaunliche dieser Höllenfahrt: Jedem Verurteilten wird die Chance gegeben, seine Lebensgeschichte kurz und knapp zu erzählen. Für sie ist diese Begegnung mit den beiden Wanderern die einmalige Gelegenheit, sich zu offenbaren: der eine voller Reue, der andere in Hochmut und Stolz. So kommt uns jeder dieser Menschen ungemein nahe und plastisch entgegen.

Musik II: Sunset (Lubomyr Melnyk Illirion)

Mit Dante und Vergil auf dem Weg, beschrieben in der Göttlichen Komödie. Als ich diese Verse in den letzten Tagen wieder einmal las, kam mir der Gedanke, dass ich selber auch schon solche Begegnungen erlebt habe, wie sie hier beschrieben sind. Denn so wie Dante sich bei seiner Schilderung der Höllenkreise an den engen, finsteren Gassen der damaligen Städte orientierte, so erlebe ich es selber, wenn ich als Innenstadtpfarrer durch die Kölner Straßen gehe. An vielen Ecken sieht man Bettler, die auf Bänken liegen, verwirrte alte Menschen, Jugendliche, die betrunken oder bekifft sind. Und wenn ich sie anspreche, schauen sie erst einmal verdutzt und skeptisch. Und genauso beschreibt auch Dante die Reaktionen der Toten in den Höllenkreisen. Sie können gar nicht glauben, dass sie jemand befragt. Und dann erlebe ich oft, dass diejenige oder derjenige nach einer ersten Phase des Widerwillens oder der Scham zu reden beginnt, aus dem eigenen Leben erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sie oder er nun hier gestrandet ist. Und mich lassen diese Geschichten nicht kalt, sie rühren mich an und wühlen mich auf. Und genau das lese ich auch in der „Göttlichen Komödie“, dass der Wanderer Dante oft in Tränen ausbricht vor Mitleid mit den toten Sündern. Wer den Beschreibungen Dantes folgt, quasi mitgeht auf der Wanderung gerade durch diese Höllenkreise, der begibt sich in eine „Schule der Empathie“, also eine Schule der Einfühlung. So hat das der Schweizer Schriftsteller Ralph Dutli zu Recht genannt.

Besonders deutlich wird dies bei einer Begegnung in der Hölle. Im siebten Höllenkreis kommt den beiden Wanderern, Dante und Vergil eine Gruppe von Seelen entgegen. Eine von ihnen, dessen Gesicht völlig verbrannt ist und dessen Züge schrecklich entstellt sind, ergreift Dante am Saum seines Gewandes. Daraufhin erkennt er ihn: es ist sein alter Lehrer Brunetto Latini. Da in diesem Höllenkreis alle Gepeinigten ständig laufen müssen, läuft Dante mit ihm, aber mit gesenktem Kopf, voller Ehrfurcht. Und so kann er seinem verehrten Lehrer beteuern:

Sprecher:  „Denn ich trage euch noch fest im Gedächtnis, das liebe, gütig väterliche Bild von Euch, als ihr noch droben auf der Welt mich ein ums andere Mal lehret, wie man sich ewiges Andenken verdient. Und wie sehr ich dafür dankbar bin, das soll, solange ich lebe, durch meine Worte sichtbar sein.“[2]

Anders formuliert: Die Toten sind erst dann endgültig tot, wenn sich keiner mehr an sie erinnert, ihr Gedächtnis hochhält. Aber die kleinste Spur an Güte und Liebe genügt bereits, um auf immer aufbewahrt zu bleiben. Aber können das noch diejenigen erhoffen, die in der Hölle sind? Dante hält sich streng an die überlieferte Lehre der Kirche: Jede und Jeder, der ohne Reue und in Todsünde gestorben ist, erhält die ewige Höllenstrafe. Umso erstaunlicher und wagemutiger ist es, wie oft Dante bei den Begegnungen mit den Sündern Tränen vergießt und in Ohnmacht fällt. Und nachdem sein Lehrer Brunetto Latini wieder mit den anderen Sündern weiterlaufen muss, bemerkt Dante:

Sprecher: „Damit wandte er sich ab, und kam er mir vor wie einer von denen, die in Verona beim Palio um das grüne Tuch laufen; doch unter denen schien er der Gewinner, nicht der Verlierer.“[3]

Was für eine Perspektive: Ein Sieger in der Hölle. Gibt es also doch eine Hoffnung für die armen Seelen?

Musik III: Cloud No.81  (Lubomyr Melnyk Illirion)

Hoffnung, selbst in der Hölle? Dante deutet das nur sehr vorsichtig und zurückhaltend an. Denn die Hölle ist eigentlich ein Ort der Unveränderlichkeit, ein Zustand der Endgültigkeit. Will konkret heißen: Man hat eine große Sache im Stich gelassen, man hat Möglichkeiten verschenkt, man kann eine Handlung nicht mehr rückgängig machen. Diese Menschen - so schildert sie Dante in den einzelnen Höllenkreisen - bleiben in sich erstarrt. Sie sind ganz auf sich selbst bezogen. Es zählt nur noch ihr eigenes Lebensschicksal, selbst für die mit ihnen Verbannten haben sie kein Auge mehr. Die Zeit ist für immer für sie stehengeblieben. Und was noch schlimmer ist: Sie haben den Glauben an die Güte Gottes verloren.

Wenn das die Höllenvorstellung zurzeit Dantes beschreibt, dann kann ich nur sagen: Solch eine Hölle gibt es schon hier auf Erden. Auch wir Lebenden machen uns gegenseitig das Leben oft schwer und unerträglich. Der Philosoph Jean-Paul Sartre meinte: „Die Hölle, das sind die anderen.“[4] Aber genauso zutreffend kann man sagen: „Die Hölle. Das bin ich selbst.“ Das fängt damit an, dass ich mich selbst gegen alle anderen abkapsele, ich zu keinem Gefühl mehr fähig bin. Dann bin ich in mir selbst gefangen. Und auch den anderen kann ich das Leben zur Hölle machen: indem ich sie verleumde, belüge und Hassreden über sie verbreite, ganz zu schweigen von Missbrauch, Vergewaltigung und Folter.

Dante hat dies übrigens selber in seinem eigenen Leben erfahren. Aus politischen Gründen wurde er 1302 in seiner Heimatstadt Florenz zum Tode verurteilt. Von da an lebte er im Exil bis zu seinem Tode 1321 in Ravenna. Hier schreibt er „Die Göttliche Komödie“ und beschreibt auch, was es heißt ein Flüchtling, ein Geächteter zu sein:

Sprecher: „Du wirst alles verlassen, was dir am liebsten ist, und das ist der erste Pfeil, den der Bogen des Exils abschießt. Du wirst erfahren, wie salzig fremdes Brot schmeckt und wie hart der Weg ist beim Hinab- und Hinaufsteigen fremder Stufen.“[5]

Musik IV: Illirion (Lubomyr Melnyk Illirion)

In der Göttlichen Komödie folgt nun auf das Hinabsteigen in die tiefsten Höllenkreise das Hinaufsteigen im zweiten Buch, dem „Purgatorium“ – dem „Fegefeuer“. Mit Vergil besteigt er den Läuterungsberg, der in sieben Terrassen gegliedert ist. Dort begegnen die beiden Wanderer nun denjenigen, die im Fegefeuer von ihren Sünden geläutert werden. Und während die Menschen in der Hölle nur um sich kreisten, in sich versteinert waren, in einer Welt ohne Licht leben, strahlt hier die Sonne in eine milde Frühlingslandschaft.

Die Menschen sind hier auf der Suche nach den anderen, sie tasten sich vorsichtig aneinander heran, sie erkunden Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Langsam entdecken sie, dass sie nicht alleine sind, dass sie einer Gemeinschaft angehören.

Auch bei dieser Lektüre des zweiten Gesangs der „Göttlichen Komödie“, in dem Dante das Fegefeuer als Läuterungsort beschreibt, kamen mir ganz aktuelle Parallelen in den Sinn. Denn wenn ich an die letzten Monate denke, habe ich da nicht auch einen mühsamen Weg von der Vereinzelung zur Gemeinschaft neu lernen müssen. Ich denke an die Konsequenzen der Pandemie. Am Anfang mussten wir uns alle in Isolation begeben. Für viele Menschen wurde dies zur Geduldsprobe: kaum auszuhalten. Einsame, Kranke und Alte wurden regelrecht separiert, Kinder durften ihre Spielkameraden nicht treffen, Enkelkinder nicht ihre Großeltern, Schüler nicht ihre Lehrer. Alles war wie eingefroren, die Zeit stand still. Es blieb nur ein banges Hoffen und Warten, dass es hoffentlich irgendwann wieder vorbei gehe. Und inzwischen können wir langsam und vorsichtig wieder die Fühler ausstrecken, erleben wieder das Glücksgefühl der Gemeinschaft. Uns geht es genauso wie dem Wanderer Dante als er endlich das finsterschwarze Loch der Hölle verlassen konnte, um in die lichtdurchflutete Welt des Läuterungsberges einzutauchen. Ein großes Aufatmen und Durchatmen, ein beherzter Neuanfang.

Musik V: Beyond Romance (Lubomyr Melnyk Illirion)

Mit dem Weg hinauf auf den Läuterungsberg endet Dantes „Göttliche Komödie“ nicht. Es gilt nun, die letzte Station zu erklimmen. Von seiner Geliebten, Beatrice begleitet, steigt der Wanderer Dante nun durch neun Himmel, dem „Paradiso“, um ganz zuletzt vor dem Angesicht Gottes zu stehen. Hier, in diesen Himmeln bewegen sich alle Seligen frei schwebend, niemand ist auf seinem Platz festgelegt. Wie Vögel am Himmel sich in immer neuen Formationen fortbewegen, so durchlaufen die Erlösten alle Himmelssphären. So kommt jeder und jede auf immer neuen und verschiedenen Wegen zum eigenen Ziel. Und Dante, der während der ganzen Reise immer wieder Fragen stellte, hört damit selbst im Himmel nicht auf. Er fragt seine Begleiterin Beatrice, warum selbst im Himmel noch jeder einzelne erkennbar ist und sie antwortet ihm:

Sprecherin:In der Ordnung, von der ich sprach, sind alle Wesen, gemäß ihrer unterschiedlichen Bestimmung, ihrem Urheber näher und ferner, daher bewegen sie sich auf dem großen Meer des Seins unterschiedlichen Häfen zu.“[6]

Das heißt doch: Selbst im Himmel bleibt die Individualität eines jeden Menschen bewahrt, findet jeder Mensch auf seinem Wege, nach seinen Möglichkeiten zum Ziel: Der Mensch fährt in den ewigen Hafen ein.

Hier im „Paradiso“ endet die Wanderschaft Dantes und seiner Begleitung.

Wir haben ihn kennengelernt als unermüdlichen Fragensteller, der selbst noch den schlimmsten Sündern eine Stimme gab, der sich vom Schicksal der Leidenden anrühren ließ, der alle Stufen herab und heraufstieg, die sich ihm bei seiner Wanderschaft darboten, er ist diesen mühsamen Pfad gegangen. Und was er beschrieb, das ist doch bereits im eigenen Leben alles vorhanden: Hölle, Fegefeuer und Paradies. Nach meinem Verständnis breitet Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ unser eigenes Leben, in allen Höhen und Tiefen, Gefährdungen und Glückseligkeiten aus. Als ob er uns einen Spiegel des Jenseits vorhält. Jetzt liegt es an uns dort hineinzuschauen – oder um es noch einmal mit Dantes Worten zu sagen:

Sprecher: „Ich habe dir die Speise bereitet, essen musst du nun selbst.“[7]

Musik VI: Beyond Romance (Lubomyr Melnyk Illirion)

Ich hoffe, Ihnen hat die Wanderung mit Dante durch Hölle, Fegefeuer und Paradies etwas gefallen. Mir hat sie jedenfalls Augen und Ohren geöffnet, um mehr in dieser Welt aufmerksam zu sein für die vielen Menschen mit ihren Fragen, Sorgen, Nöten und Ängsten auf dem Weg zum Ziel ihres Lebens.

Aus Köln grüßt Sie Pfarrer Dominik Meiering


[1] Inf 1. Übers. v. Hartmut Köhler. Dante Alighieri, La Commedia. Band 1, Stuttgart 2010, S. 23., [2] Inf. 15. Köhler, a.a.O., S. 233.

[3] Inf. 15. Köhler, a.a.O., S. 237., [4] Jean-Paul Sartre, Geschlossene Gesellschaft, 5. Auftritt.

[5] Paradiso 17. Zitiert bei Karlheinz Stierle, Dante Alighieri, München 2014, S. 16., [6] Par. 1. Zitiert bei Stierle, a.a.O., S. 145.

[7] Par. 10. Zitiert bei Stierle, a.a.O., S. 154.

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