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Das Geistliche Wort | 25.12.2021 | 08:40 Uhr

"Fürchtet euch nicht"

Guten Morgen und zunächst frohe und gesegnete Weihnachten!

Was wäre Weihnachten ohne Engelsfiguren? Weder bei der Dekoration der festlich geschmückten Weihnachtskrippe zuhause oder in den Kirchen dürfen sie fehlen, noch in den Schaufenstern oder in den Innenstädten. Engel sind Boten – nicht bloß für ein heimeliges Gefühl an Weihnachten. Allein in der Bibel werden Engel als Boten Gottes ungefähr 280-mal erwähnt. Sie kommen zu den Menschen, um ihnen Gottes Botschaft zu überbringen. Im Alten Testament begegnen Engel vor allem wichtigen Personen, wie Abraham, Mose und Elia. Auch im Neuen Testament übernehmen sie wichtige Botenfunktionen. Der Engel kommt zu Maria, um ihr anzukündigen, dass sie einen Sohn gebären wird. Der Engel kommt zu Josef im Traum, um ihn zu ermutigen Maria zu seiner Frau zu nehmen. Und in der Weihnachtsgeschichte spielen sie eine wichtige Rolle …


Musik I: Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), Denn er hat seinen Engeln befohlen


In der Weihnachtsbotschaft des Evangelisten Lukas wird ausführlich berichtet vom Botendienst der Engel. Da heißt es:

Sprecher:

In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat! So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war.


Für mich klingt ein Satz der himmlischen Botschaft des Engels wie ein Paukenschlag: „Fürchtet euch nicht!“ Es geht nicht darum, dass sich die Hirten vor den plötzlich auftauchenden Lichtgestalten aus dem Himmel nicht erschrecken sollen. Gemeint ist vielmehr: Fürchtet euch nicht davor, dass Gott in die Welt kommt. Denn da kommt eben kein Krieger, kein starker Mann, kein Kämpfer, der mit Gewalt und Macht herrschen wird, sondern ein Kind wird geboren. Und das ist ohnmächtig. Es muss sich noch entwickeln, muss noch werden und wachsen. Daher: „Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren.“ Und damit beginnt das Heil für die Welt: Es ist im Werden.


Musik II: Zu Bethlehem geboren


„Fürchtet euch nicht!“ Das ist die Weihnachtsbotschaft des Engels an die Hirten. Ja mehr noch: Es ist die Botschaft an alle Menschen, besonders für diejenigen, deren Leben aus Nacht und Angst besteht. Und die Nacht und die Angst haben viele Gesichter:

·







Die Angst, ich könnte versagen, schaffe das Ganze nicht mehr: Beruf, Familie, Erwartungen, die an mich gestellt werden.

·







Die Angst, einer aus unserer Familie könnte schwer krank werden.

·







Die Angst, der Streit in der vergangenen Woche könnte gerade an den Weihnachtstagen eskalieren.

·







Die Angst, die Neigung zur depressiven Stimmung schlägt jetzt gerade an Weihnachten wieder zu.

·







Die Angst, der Knacks in unserer Beziehung könnte zum totalen Bruch führen.

·







Die Angst, die Trauer um einen lieben Menschen könnte mich verschlingen.

Gegen all die Ängste, die Menschen in sich tragen, richtet sich die gleiche Botschaft, die den Hirten verkündet wird: „Fürchtet euch nicht!“

„Fürchtet Euch nicht!“ Das ist das Befreiendste, was einem Menschen zugesagt werden kann.

Mit einer solchen Zusage ist zugleich eine Aufforderung verbunden: Geh, mach dich auf den Weg. Mag der Zustand dieser Welt auch noch so beklagenswert sein. Hab keine Angst! Angst macht dich nur tatenlos. Wer von Angst bestimmt ist, nimmt die Katastrophe schon vorweg, zieht sie geradewegs in sich hinein. Dagegen steht die Botschaft der Engel an Weihnachten: „Fürchtet euch nicht!“

Der Weihnachtsengel wäre durchaus falsch verstanden, wenn er beklemmende Verhältnisse mit einer lässigen Flügelbewegung einfach wegwischen würde. „Fürchtet euch nicht“ – diese Botschaft ist weder zynisch noch naiv. Sie ist auch nicht kitschig, sondern von geradezu tollkühnem Trotz. Sie will Mut machen. „Fürchtet euch nicht“, will heißen: Schärft euren Möglichkeitssinn. Ihr sollt nicht blind vor Sorge werden oder den Kopf in den Sand stecken, sondern euch nach Hoffnungszeichen umschauen, selbst da, wo ihr keine erwartet. Rechnet mit dem Unmöglichen: Warum soll sich die Liebe nicht am Ende doch durchsetzen gegen allen Hass? „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“


Musik III: Alfred Hochedlinger „Heute ist euch der Heiland geboren“

Oder

Händel Messias: Denn es ist uns ein Kind geboren


Seit der Geburt Jesu gibt es einen Grund zur Furchtlosigkeit: Gott hat sich nämlich auf den Weg gemacht zu den Menschen. Er will kommen: in mein und in dein Leben. Damit du im Leben nicht allein bist. Was für eine tröstliche Botschaft.

Für mich wird diese Botschaft in einem Weihnachtsbild sehr deutlich. Es stammt von der Künstlerin Beate Heinen. Seit mehr als 30 Jahren malt sie jedes Jahr ein Weihnachtsbild. In diesen Bildern finden sich immer aktuelle zeitgeschichtliche Bezüge, um so zu zeigen: Weihnachten hat mit dem Leben heute zu tun und ist relevant für die Menschen aller Zeiten.

Das eine Weihnachtsbild, was mir besonders gefällt, zeigt drei Personen: einmal Maria, vor ihr das Jesus-Kind, das allerdings nichts Kindliches mehr an sich hat, sondern eher die Züge eines kleinen Erwachsenen trägt. Rechts davon eine dritte Person, die auf ihren Händen die Erdkugel dem Jesus-Kind hinhält. Es ist eine eigenartige Erdkugel, die durchzogen ist von Rissen, will heißen: Es ist eine verwundete Welt. Marias Hand stützt diese Weltkugel von unten, während das Jesus-Kind seine Hände darauflegt – heilend und tröstlich.

Ein wichtiger Unterschied fällt mir auf: Während das Jesus-Kind die Augen weit geöffnet hat und genau die Wunden der Erdkugel betrachtet, sind die Augen dessen, der die verwundete Welt hinhält, geschlossen. Als könnte oder wollte er all das Elend und das Leiden nicht mehr sehen: „Hier nimm, Jesus, sieh du zu. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Die Heilung, die Rettung der Welt, das ist deine Sache.“ So könnte man seine Haltung und Geste verstehen.

Als Beate Heinen dieses Bild 1989 malte, lagen schwere Schatten über der Welt. In Lateinamerika war nicht nur Argentinien wirtschaftlich bankrott, sondern auch die anderen Volkswirtschaften kämpften ums Überleben. In China hatte das Regime die friedlich auf dem Platz des himmlischen Friedens demonstrierenden Studenten zu tausenden massakriert – ein böses Omen gerade auch für die immer weiter um sich greifenden Protestbewegungen in den Ländern Osteuropas. Die Welt schien aus den Fugen geraten zu sein, die Brüche tief, wie es auf dem Bild die Weltkugel zeigt.

Dennoch gab es eben auch manche Brüche, die Neues im Guten ermöglichten. Beate Heinens Bild gibt auch davon Zeugnis: Ende August 1989 öffnete sich der Eiserne Vorhang erst ein klein wenig zwischen Österreich und Ungarn. Und dann fiel am 9.November die Mauer in Berlin – das waren heilsame Brüche. Möglich, weil Menschen, die eigentlich nur kleine Rädchen im großen Weltgetriebe sind, sich nicht gefürchtet haben, mit offenen Augen und oft zitternden Knien aufgestanden sind für Freiheit und Selbstbestimmung.

In ihrem Bild deutet Beate Heinen diese Möglichkeit an, das Menschen auch Heil schaffen können. Maria, Jesus und die Person mit der Weltkugel, sie alle tragen den gleichen Kopfschmuck, unterschiedslos. Ich verstehe das so: Allen Menschen wird Heilsames zugetraut, jedem Menschen, egal zu welcher Weltanschauung oder Religion er gehört. Und um heilsam wirken zu können, ist es unerlässlich, die Augen zu öffnen, hinzusehen, was Sache ist. Maria ist da schon weiter als die dritte Person auf dem Bild. Maria hat schon den Mut, das Leid der Welt in den Blick zu nehmen, ermutigt von ihrem Kind. Und deshalb gilt die Botschaft des Engels:

„Fürchtet euch nicht!“ Macht die Augen auf, seht hin und denkt nach.

„Fürchtet euch nicht!“ Dann könnt ihr heilsam sein für die Wunden der Gesellschaft.

Übrigens hat Beate Heinen ihrem Bild auch einen Titel gegeben. Er lautet: „Christ, der Retter ist da.“ Und das gilt eben auch noch heute. Denn trotz allem, was Christen auch verbrochen haben: Dieser Christus, der Jesus, was für einen Wandel hat er angestoßen; wieviel Heilsames und Aufrichtendes! Er, der Retter ist auch heute noch da in den vielen Menschen, die hinschauen und anpacken, um die Welt zu verbessern. Jesus selbst hat sich nicht geschont, sondern ist für seine Überzeugung sogar in den Tod gegangen. Er, der als ohnmächtiges Kind in die Welt kam und ohnmächtig am Kreuz gestorben ist, gerade er ist es, auf den die Botschaft des Engels zurückgeht: „Fürchtet euch nicht.“ Und ich ergänze: Denn er, Jesus, der Retter ist da.


Musik IV: Meine Zeit steht in Deinen Händen


Das geht einigen Menschen vielleicht zu leicht über die Lippen: „Jesus, der Retter ist da!“ Ich kenne Menschen, die trotz dieser Weihnachtsbotschaft, ja, vielleicht sogar gerade im Kerzenglanz des Christbaums und während sie die Krippenfiguren in den Händen halten nach Gott in ihrem Leben Ausschau halten. Sie rufen nach Gott, von dem alle anderen gerade so laut und fröhlich singen. Manchmal zweifelnd, manchmal traurig, manchmal wütend rufen sie: Warum spüre ich eigentlich nichts von Jesus in meinem Leben? Schaut er überhaupt zu mir? Hört er, wenn ich rufe? Ist er überhaupt da?

Ich verstehe diese Fragen nur zu gut. Ich kann Gott und seine Gegenwart auch nicht beweisen. Ich weiß allerdings, dass Menschen nach Gott suchen und fragen, solange es sie gibt. Beschrieben hat das ein niederländischer Theologe und Dichter in einem Lied, das für mich wie ein Weihnachtslied klingt, wenn ich vor das Bild von Beate Heinen trete mit Jesus, Maria und der weiteren Person. Das Lied stammt von Huub Oosterhuis und wurde von Lothar Zenetti übersetzt. Der Text geht so:

Sprecher:

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.[1]

Und ich möchte ergänzen, das Wort, das tröstet und befreit: Fürchtet euch nicht!

Aus Brakel grüßt Sie Pfarrer Andreas Kurte

Musik V: J. S. Bach "Das Weihnachtsoratorium" BWV 248 - Chor: Jauchzet, frohlocket (1. Teil)

[1] Zitiert nach Gotteslob Nr. 422, Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 2013.

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