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Kirche in WDR 5 | 24.11.2021 | 06:55 Uhr

Gute Worte zur rechten Zeit

Wie schwer es sein kann, gute Worte zu finden: Das habe ich im Sommer erlebt. Als wir in einer Stadt an der Ahr waren, um die Totenmesse für den verstorbenen Pfarrer mitzufeiern. Erst wenige Tage zuvor war die Flut über die Stadt hereingebrochen. Überall sahen wir Spuren der Verwüstung: verkrusteter Schlamm und Schutt.

Zu der Totenmesse, dem Gottesdienst, haben sich viele Menschen in der alten Pfarrkirche versammelt. Unter die Trauer um den beliebten Pfarrer mischt sich auch die Trauer um all jene, die von dem Hochwasser überrascht worden waren: Menschen, die sich nicht haben retten können, die ertrunken sind. Menschen, deren Hab und Gut weggespült wurde, deren Häuser unbewohnbar geworden sind.

Wie kann man Gottesdienst feiern, Gott loben und danken, angesichts dieses Elends? Sollte man nicht besser den Mund halten und schweigen? Gibt es überhaupt Worte? Ich jedenfalls fände es in einer solchen Situation unerträglich, wenn mich jemand mit salbungsvollen Worten abspeisen und nur auf später vertrösten wollte. Deshalb war ich dankbar, dass derjenige, der die Totenmesse geleitet hat, nicht über das Leid hinweggegangen ist. Dass Schweigen möglich war. Und dass der Leiter des Gottesdienstes angemessene und tröstliche Worte gefunden hat.

Und: Nach einer Katastrophe wie es die Flut im Sommer war, ist es gut, wenn es Raum und Zeit für ein Innehalten und Gedenken gibt. Ich bin im Erzbistum Köln zuständig für die Trauerpastoral. Und ich meine, dass es weder für die einzelnen, noch für eine Gesellschaft gut ist, stillschweigend zur Tagesordnung überzugehen. Vielmehr hilft es, sich in Erinnerung zu rufen, was geschehen ist, das auch auszusprechen und in der Not zusammenzustehen. Deshalb wurde Ende August der ökumenische Gedenkgottesdienst im Aachener Dom gefeiert.

Am Anfang trägt eine Schauspielerin ein Gebet vor, das unter dem Eindruck der Flutkatastrophe entstanden ist. Den sogenannten „Ahrpsalm“ von Stephan Wahl. Ein poetischer Text – entstanden nach dem Vorbild der biblischen Psalmen. Der Psalm wird mit Orgelklängen unterlegt, die den Liedcharakter des Gebetes unterstreichen.

Es beginnt mit einem Aufschrei der Gefühle: „Schreien will ich zu dir, Gott, mit verwundeter Seele, doch meine Worte gefrieren mir auf der Zunge.“ In den folgenden Versen beschreibt der Dichter die Situation in eindrücklichen Bildern: „Der Bach, den ich von Kind an liebte, sein plätscherndes Rauschen war wie Musik, zum todbringenden Ungeheuer wurde er, seine gefräßigen Fluten verschlangen ohne Erbarmen.“ Stephan Wahls Klage und Wut sind so groß, dass sie mit Macht aus ihm herausbrechen: „So werfe ich meine Tränen in den Himmel / meine Wut schleudere ich dir vor die Füße.“ In anderen Versen regt sich der Dichter auf über die Menschen, die im Nachhinein alles besser wissen und sich ereifern. Auch über diejenigen, die das Hochwasser mit der Sintflut vergleichen, die Gott angeblich als Strafe geschickt habe. Doch umgekehrt verbirgt der Dichter seine Glaubenszweifel auch nicht, wenn er sagt: „Du sendest kein Leid, kein gnadenloses Unheil und hast kein Gefallen an unseren Schmerzen. Doch du machst es mir schwer das wirklich zu glauben.“ Die Klagen scheinen kein Ende zu nehmen. Schließlich versichert der Dichter, dass er die Situation aushalten werde und bittet Gott, bei ihm zu bleiben: „Doch ich halte es aus und halte dich aus, oh Gott. Halte du mich aus! Und halte mich, Ewiger! Halte mich!“

Es ist mir kalt den Rücken heruntergelaufen, als ich dieses Gebet zum ersten Mal gehört habe. Anders als Zahlen und Fakten treffen die Verse den Nerv der Menschen. Pfarrer Stephan Wahl beschreibt eindringlich die Gefühle der Betroffenen, zu denen er sich selbst zählt, denn er hat einen Angehörigen in der Flut verloren. Deshalb ist er, der selbst aus dem Ahrtal stammt, nah an den Menschen dran. Im Ahrpsalm hat der Dichter gute Worte zur rechten Zeit gefunden.

Und sowieso: Gute Worte, zur rechten Zeit – darauf kommt es an. Auch an diesem Tag. Dass er gut werden möge, das wünscht Ihnen Eva Maria Will aus Köln.

Der Ahrpsalm erscheint in Kürze in der dritten Auflage von: Lass die Nacht vorübergehen. Gebete in der Trauer, hrsg. von der Hauptabteilung Seelsorge im Erzbistum Köln, 2. Aufl. 2020.

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