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Das Geistliche Wort | 12.12.2021 | 08:40 Uhr

Gaudete: Freut Euch!


Wissen sie noch, wann Ihnen in Ihrem Leben zum
ersten Mal ein Wort begegnet ist, das Ihnen jemand übersetzen musste, weil es aus einer anderen Sprache kommt? Für mich ist dieses Wort der Name des heutigen Tages. Der dritte Adventssonntag heißt in der katholischen wie auch in der evangelischen Kirche „Gaudete“. Das ist Latein und bedeutet „Freuet euch!“ Dies verbindet sich in unserer Familie mit dem Verlobungstag meiner Eltern am 3. Advent 1957, wobei sie immer sagen: „Wir haben uns am „Gaudete-Sonntag“ verlobt. Schon früh haben sie mir erklärt, was „Gaudete“ bedeutet
und wie schön es für sie ist gerade an einem solchen Tag sich jedes Jahr an ihre Verlobung erinnern zu können. Auch mein Bruder und seine Frau haben dann 1985 diesen Tag für ihre Verlobung gewählt. – „Gaudete“ bedeutet also „Freuet euch!“ Natürlich hat sich diese Freude am kleinen Familienfest für mich auch als Kind schon verbunden mit der frohen Erwartung des nahen Weihnachtsfestes. Und darum geht es wohl auch: Am dritten Advent leuchtet die Freude der Weihnacht schon verheißungsvoll hinein in die Zeit des Advent. Was ist das für eine Freude, zu der diese „Freuet euch!“ auffordert? Vielleicht braucht es hier noch eine weitere Übersetzung.

Musik1: “Tomorrow shall be my dancing day” Rutter

„Gaudete“ – der Name dieses Sonntags bedeutet „Freuet euch!“ Ich erinnere mich an eine kleine Begebenheit vor zwei Jahren hier auf dem Prinzipalmarkt in Münster. Es war an einem Samstag in der Vorweihnachtszeit. Viele Menschen waren in der Stadt. Vor dem Geldautomaten in der Nähe des Rathauses bildete sich eine lange Schlange. Ich reihte mich ein. Bald standen hinter mir drei junge Leute. Ob ich wollte oder nicht, ihr Gespräch konnte ich nicht überhören. Und ich habe – zugegeben – dann auch interessiert zugehört. Einer von ihnen fragte in die kleine Runde: „Sagt mal, worauf freut Ihr Euch eigentlich am meisten an Weihnachten. Und ich meine jetzt nicht die Geschenke.“ Und er fügte sofort hinzu: „Also für mich ist es, wenn das Lied „Stille Nacht“ bei gedämmtem Licht in der vollen Kirche gesungen wird. Da krieg ich immer Gänsehaut.“ Die anderen stiegen dann auf das Liedthema ein. „Ich singe am liebsten „O du fröhliche“, manchmal auch einfach nur für mich allen. Das habe ich schon als Kind geliebt,“ erklärte der Nächste. Und der dritte schloss sich an: „Mein Lieblingslied zu Weihnachten ist „Menschen, die ihr wart verloren, lebet auf, erfreuet euch.“ Das finde ich so ermutigend.“ Irgendwie hatten sie gemerkt, dass ich zuhörte. Und der erste, der anfangs die Frage gestellt hatte, sprach mich an: „Und Sie, was singen Sie gern an Weihnachten.“ Ich fühlte mich ertappt und zögerte erst mit der Antwort, schloss mich dann dem dritten an: Ja, „Menschen, die ihr wart verloren“ ist auch mein liebstes Weihnachtslied.“ – Dann war ich an der Reihe. Der Automat war frei. Noch ein kurzes „Frohe Weihnachten“ und unsere Wege trennten sich.

Musik 2: „What sweeter music“ Rutter

Was hatte ich da eigentlich geantwortet? „Menschen, die ihr wart verloren“: Mein Lieblingslied an Weihnachten? Ich hatte mich wohl eher aus Verlegenheit meinem Vorredner einfach angeschlossen. Jetzt erst ging mir das Lied und seine Botschaft richtig nach. Hier verbindet sich mit einer fast heiteren Melodie die Aufforderung, aufzuleben und sich zu freuen – und zwar an Menschen, die – aus welchem Grunde auch immer – verloren waren oder sich verloren fühlten. Und der Grund dieser Freude: Gott wird Mensch und findet die, die verloren sind. Nun, das ist ja ist genau die Weihnachtsbotschaft. Ich erinnerte mich an den letzten Weihnachtsbrief von Johannes Günter Gerhartz. Der Jesuitenpater war Rektor des Kollegs, in dem ich mich auf die Priesterweihe vorbereitet habe. Später hat er mich lange geistlich begleitet. Er schrieb zu Weihnachten 2015:

Sprecher:

„Weihnachten sagt uns über Gott: Gott ist zu uns gekommen, um zu bleiben. Er ist herabgekommen, ja geradezu „heruntergekommen“ – das Glaubensbekenntnis sagt doch: „descendit de caelis“ (GL 586,2), vom Himmel herunter gekommen-, um beim Menschen zu bleiben, nicht nur zu einem kürzeren oder längeren Besuch. Nicht nur, um sich einmal gütig-herablassend umzuschauen – wie wir das bei den „Großen“ heute so sehen-, um sich dann wieder in sein Reich zurückzuziehen. Nein, „er hat Fleisch angenommen und hat unter uns gewohnt“(Joh 1,14). So bekennen wir: Gott ist einer von uns, der das Menschen Schicksal kennt und es teilt, der bleibt und mitmacht, alles – bis in den Tod! Gott ist einer von uns – auf immer. Und mehr noch: der Mensch ist einer bei Gott: auf immer sitzt der Mensch Jesus Christus zur Rechten des Vaters.“

Sein Wort vom „heruntergekommenen Gott“ ist mir geblieben. „Heruntergekommen“ – das hat für mich einen sehr negativen Klang. Wenn ein Haus ganz heruntergekommen ist, dann ist es nicht mehr ansehnlich, marode, baufällig. Es wird, wenn überhaupt, nur noch geringschätzig wahrgenommen und beachtet. Auch von Menschen sagt man bisweilen: Der ist ganz schön heruntergekommen. Und dann geht es in der Regel nicht um das Ergebnis einer Bergwanderung, sondern um den Verlust der sozialen Stellung.

Musik 3: „O nata lux“ Lauridsen

„Heruntergekommen“ ist zunächst kein Wort, das mit dem Göttlichen verbindbar scheint: Es spricht vom Abbruch, vom Abstieg. Und gerade deshalb packt mich die Formulierung meines ehemaligen Rektors mit Blick auf Weihnachten. Der „heruntergekommene“ Gott: Das ist wie eine Klammer für die große christliche Erzählung dieses Gottes, der in einem Stall Mensch wird, das Leben der Menschen teilt, um sich schließlich aufs Kreuz legen und kreuzigen zu lassen. Und warum?

Hier bin ich wieder bei dem Lied: „Menschen, die ihr wart verloren, lebet auf erfreuet euch. Heut ist Gottes Sohn geboren, heut ward er den Menschen gleich.“ Weihnachten bedeutet: Es gibt keinen Ort, an den sich ein Mensch verlieren kann, wo er nicht gesucht und aufgesucht wird, von Gott, der Mensch geworden ist. Auf für mich sehr bewegende Weise hat dies der Jesuit Karl Rahner einmal formuliert:

Sprecher

„Weihnachten – Eine Stimme sagt: Ich bin Deine Freude, fürchte dich also nicht! Ich bin in Deiner Not, ich habe sie selbst erlitten. Ich bin in Deinem Tod, denn als ich geboren wurde, begann ich mit Dir zu sterben. – Ich gehe nicht mehr weg von Dir. Was immer Dir geschieht, durch welches Dunkel Dein Weg Dich auch führen mag – glaube, ich bin da! Glaube, dass meine Liebe unbesiegbar ist! Dann ist auch für Dich Weihnacht. Dann ist auch Deine Nacht „Heilige Nacht“. Dann zünde getrost die Kerzen an – sie haben mehr Recht als alle Finsternis um Dich herum.“

Was für eine Urkraft spricht da aus den Worten des großen – und zugegeben meist verknöchert schreibenden Theologen. Hier fasst es Rahner ganz klar: Dass Gott Mensch wird, heißt: Gottes Liebe ist unbesiegbar. Nichts ist verloren. An keinem Ort. Gott ist in jeder Not. Gegen jedes Dunkel brennen die Kerzen der Weihnacht. Und daher: keine Furcht – sondern: Freude!

Musik 4: Schottisch Tanz

„Gaudete“ – „Freuet euch!“: Ich möchte Ihnen gern noch von einem Menschen erzählen, der ganz erfüllt war von der Freude über einen Gott, der heruntergekommen ist, um bei den Menschen zu sein – in allen Situationen des Lebens. Ich möchte Ihnen erzählen von Tante Anni. So wurde sie von allen genannt, die sie kannten. In einem gläubigen, evangelisch geprägten Elternhaus wurde sie 1919 geboren. Mit 15 Jahren kam sie zu einem Ehepaar als Hausgehilfin und blieb dort 40 Jahre. Sie war grundsätzlich zufrieden dort. Und doch war sie – wie sie selber oft erzählt hat mit 40 Jahren körperlich und seelisch so weit heruntergekommen, dass sie nur noch wenig Kraft zum Leben hatte. Sie suchte nach einem neuen Anfang und wurde von Gott gefunden. Die Gewissheit von Gott angenommen, geliebt und begleitet zu sein, gab ihr neue Kraft. Sie blieb noch 15 Jahre als Haushaltsgehilfin und kehrte dann – nach dem Tod ihrer Eltern – ins Elternhaus zurück. Mit Hilfe des evangelischen Jugendwerkes wurde daraus ein Freizeitheim für Kinder und Jugendliche. Anfangs hat sie die Gäste noch selber bekocht. Mit zunehmendem Alter ging das nicht mehr. Da mussten sich die Gäste selber versorgen. Aber sie ging immer noch gern in die Gruppen und sprach von ihrem Glauben und von den Erfahrungen ihres Lebens. So habe ich Tante Anni kennengelernt. Oft war ich mit Gruppen in ihrem Haus. Zwischendurch haben wir viel telefoniert. Das Zeugnis ihres Glaubens hat mich geprägt und bereichert und ich bin überzeugt, das ging auch vielen ihrer Gäste so. Bei einem unserer letzten Aufenthalte in ihrem Freizeitheim kam sie mit zwei Gehhilfen in die Gruppe und meinte lächelnd: „Wie gut, dass ich zwei zusätzliche Beine bekommen habe, so kann ich weiter in die Gruppen kommen…!“ Wenn Gruppen sich verabschiedeten, gab sie gern ein kleines Gebet mit auf den Weg, das sie von ihrem Vater bekommen hatte. Es bedeutet ihr sehr viel.
Nach einem Sturz konnte sie nicht zurück in das Freizeitheim. Bevor sie im August 2013 mit 92 Jahren starb, verbrachte sie die letzten Monate in einem Pflegeheim. Das Gebet lag auch dort auf ihrem Nachtisch. Bei einem meiner letzten Besuche gab sie mir dieses Gebet noch einmal mit und dazu den Auftrag: „Und gib es ruhig ganz vielen weiter“. Das möchte ich hier gerne tun. Es geht so:

Sprecherin:

Kraft für den Tag – wo find ich sie heut‘?
Kraft für die Freude und Kraft für das Leid,
Kraft für die Arbeit und Kraft auch zum Ruh’n,
Kraft stets zu wissen, was recht ist zu tun,

Kraft zum Gebet und Kraft zum Vertrau’n,
in dunkle Zukunft hoffend zu schau’n,
Kraft, um zu leben trotz Mühsal und Not?

Hilf mir, du starker, du ewiger Gott!
Hilf mir, mein Heiland, mein Herr Jesus Christ!
Hilf mir, o Geist, der mein Tröster du bist!

Kraft bist DU selbst, bist ja auch hier;
bist bei den Schwachen und bist auch bei mir.
Drum getrost in den Morgen,
was kommen auch mag,
Du, Herr, mein Alles,
bist Kraft für den Tag!


Vielleicht kann sie dieses Gebet über den Advent und die Weihnachtstage hinaus begleiten und einen Funken Freude wachhalten an einem Gott, der heruntergekommen ist, damit wir nie alleine sind. „Gaudete – Freuet euch!“ Für mich ist das einfache Gebet von Tante Anni von Tag zu Tag eine Ermutigung und ein Grund zur Freude.

Musik 5 (darin): Aus Münster grüßt Sie Spiritual Matthäus Niesmann.

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