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Das Geistliche Wort | 30.01.2022 | 08:40 Uhr

Bei den Menschen bleiben

Guten Morgen!

Es ist auf den Tag genau 89 Jahre her: Am 30 Januar 1933 kamen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht – mit all den bekannten, schrecklichen Konsequenzen ihres Regimes, bis hin zum Zweiten Weltkrieg. Die Generation, die diese Zeit noch bewusst erlebt hat, ist größtenteils verstorben. Umso wichtiger ist es, sich dieser dunklen Epoche Deutschlands anhand anderer Zeugnisse zu erinnern - um niemals zu vergessen und um aus der Vergangenheit zu lernen.

Ich möchte heute aus der Geschichte meiner Familie berichten: Mein Vater, Jahrgang 1927, war im Nationalsozialismus aufgewachsen. Durch sein umfangreiches Archiv, das er mit seinem Tod hinterließ, habe ich von dieser Zeit und vor allem von der katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus einen sehr unmittelbaren Eindruck erhalten.

Musik I: J.S. Bach, Cellosuite I, G-Dur, Prélude (Track 1)

Den Zweiten Weltkrieg, auf den die Nazis es seit dem ersten Tag ihrer Herrschaft angelegt hatten, hat mein Vater mit 15 Jahren als Flakhelfer und später als Soldat hautnah miterlebt. Durch seinen umfangreichen Nachlass habe ich, die ich beinahe zwanzig Jahre nach dem Krieg geboren wurde, meinen Vater als Jugendlichen und vor allem als Jugendlichen in dieser Zeit kennen lernen können. Was mich unter der Menge von Briefen, Dokumenten und Zeitungsausschnitten besonders berührte, waren drei Dinge, die mein Vater während dieser Jahre in seiner Brieftasche mit sich geführt hat: eine Bildpostkarte seiner Lieblingskirche in Köln-Lindenthal, eine handgemalte Karte mit der Aufschrift „Christusträger wollen wir sein“ und einen Rosenkranz.

Mein Vater hat nie groß über seine Jugend und auch nicht über seinen Glauben gesprochen. Wenn überhaupt, dann nur in kurzen Episoden und skizzenhaft: Von den heimlichen Gruppenstunden der Pfarrjugend im Kirchturm; wie sie dort gemeinsam Lieder gesungen haben, die draußen niemand hören durfte – da sie den Nationalsozialisten als subversiv galten.

Und auch vom damaligen Seelsorger für die männliche Kölner Stadtjugend, Reinhard Angenendt, erzählte mein Vater eher bruchstückhaft. Angenendt war seit 1938 Kaplan an St. Maria im Kapitol in der Kölner Innenstadt. Dort feierte er spätestens seit dem Sommer 1939 jeden Samstagabend eine sogenannte „Deutsche Komplet“, das ist eine Abendandacht, zu der sich damals die gesamte katholische Jugend der Stadt – Jungen und Mädchen – in erstaunlich großen Scharen zusammenfand. Diese jungen Gläubigen nannte Angenendt die „Junge Kirche Kölns“.

Unter welchen Bedingungen machten die Priester zu der Zeit eigentlich ihre Arbeit?, überlegte ich, während ich in den Dokumenten meines Vaters blätterte. Und wie machten sie sie? Um Antworten zu finden, besorgte ich mir ein Buch eines anderen Zeitzeugen: Es ist das Tagebuch des damaligen Kölner Stadtdechanten Robert Grosche von 1944 bis 1946 und heißt: „Bei den Menschen bleiben – Kölner Pfarrer und das Ende des Zweiten Weltkriegs“[1].

Ich erinnere mich: Ich fing an zu lesen und konnte nicht mehr aufhören.

Musik II: J.S. Bach, Cellosuite II, d-moll, BWV 1008, Allemande (Track 9)

Nie zuvor habe ich mir klargemacht, wie das religiöse Leben in Köln im Krieg ausgesehen hat; in der Trümmerlandschaft, zu der die Stadt ab 1942 mehr und mehr wird, und unter der ständigen Gefahr von Bombardements, die ab 1944 auch tagsüber stattfinden – und natürlich auch Kirchengebäude nicht verschonen: Messfeiern werden unterbrochen, und Beerdigungen ebenso. Neben vielen Zivilpersonen kommen auch Geistliche um, weil sie während der Angriffe in ihren Kirchen „nach dem Rechten sehen“ oder das Allerheiligste retten wollen.

Von den rund 250 Priestern, die Köln zu dieser Zeit hatte, bleiben knapp 100 bis zum Kriegsende in der Stadt.

Auch Kaplan Reinhard Angenendt, der Seelsorger der männlichen Jugend, geht während des Krieges nicht fort. Er bleibt bei den Menschen – räumlich und mental.

Das ist nicht einfach, denn seit einem Bombenangriff im Jahr 1942 ist die Kirche St. Maria im Kapitol, an der Angenendt tätig ist, eine Ruine. Nur die Krypta ist noch nutzbar. Doch hier, unter den Trümmern, geht die samstägliche Abendandacht, die Deutsche Komplet für die Kölner Jugendlichen weiter. Als Seelsorger der männlichen Jugend kümmert sich Angenendt vor allem um Schüler, die ab 1943 als Flakhelfer oder schon als junge Soldaten in den Krieg eingezogen werden. Und er hält den Kontakt zu ihnen, auch nachdem sie „ausgerückt“ sind. Er verschickt Rundbriefe an ihre Feldpostadressen und besucht die Flakhelfer in ihren Stellungen rund um Köln zum Religionsunterricht.

Gerade weil sich Angenendt so gezielt an die jungen Männer im Krieg wendet, sind seine Aktivitäten der Gestapo ein heftiger Dorn im Auge. Sie hat ihn ohnehin schon seit 1933 auf ihrem Radar. Zu dieser Zeit hatte er sich bereits gegen die Teilnahme der katholischen Jugend an einer Sonnenwendfeier der Nationalsozialisten ausgesprochen und stattdessen eine christliche Lichtfeier organisiert. Seitdem kommt die Gestapo regelmäßig in Angenendts Gottesdienste und überwacht seine Predigten.[2] Er wird bezichtigt, katholische Kinder zur Bespitzelung ihrer Lehrer anzustacheln und sogenannte „Gräuelpropaganda“ gegen das NS-Regime zu betreiben.[3]

Der Begriff „Gräuelpropaganda“ wird von den Nazis weit gefasst. Der Nachweis aber, dass Angenendt sie betrieben haben soll, ist ihnen offenbar nie gelungen. Sonst wäre er verhaftet worden.

Musik III: J.S. Bach, Cellosuite II, d-moll, BWV 1008, Gigue (Track 14)

Kaplan Reinhard Angenendt hat zwar nicht die offene Konfrontation mit dem Nationalsozialismus gesucht, aber er hat sich mit Schriften gegen ihn gestellt. Sogar Flugblätter gegen die Nationalsozialisten soll er gedruckt haben.[4] Allerdings ist keines dieser Flugblätter erhalten. Ein Grund dafür mag sein, dass der Besitz nazikritischer Schriftstücke lebensgefährlich war. Man las sie und vernichtete sie.

Aber ich habe im Nachlass meines Vaters doch noch etwas gefunden: das „Gebet der Jungen Kirche Kölns“. Es wurde von Kaplan Angenendt gedruckt und in seiner Kirche ausgelegt. Darin heißt es:

„Gib, dass unsere junge Kirche in dieser Zeit der Prüfung Zeugnis gebe deiner Gnade und Wahrheit.“ Und an anderer Stelle: „Ermutige unser Gewissen, Wahrheit und Recht die Ehre zu geben.“ Ich lese da zwischen den Zeilen eine deutliche Kritik an den Lügen und falschen Versprechungen des Nationalsozialismus: Die Menschen müssen allein der Wahrheit und ihrem Gewissen verpflichtet bleiben! – Eine Forderung, die bis heute Gültigkeit hat.

Auch von den Rundbriefen, die Angenendt an die jungen Soldaten „im Felde“ geschrieben hat, finde ich welche im Nachlass meines Vaters.[5] Die Briefe beginnen allesamt mit der Anrede „Grüß Gott!“ – als Gegenentwurf zu „Heil Hitler“, der vorgeschriebenen Grußformel der Nationalsozialisten.

Und bemerkenswert ist, wie Angenendt die Propagandasprache der Nazis durchschaut und ihr eine religiöse Wirklichkeit entgegenhält: Sprechen die Nazis im Dezember 1942 von der „Wende“ in der Schlacht von Stalingrad, schreibt Angenendt, dass allein Gott der große Wender und Erlöser sei.

Und in einem späteren Rundbrief im Dezember 1944 zitiert er aus einem Adventslied des katholischen Dichters Georg Thurmair[6], der ebenfalls von der Gestapo als „verdächtige Person“ geführt wird[7]:

Sprecher:

„Der Satan löscht die Lichter aus und lässt die Welt erblinden – die Menschen treiben arge List und sinnen viele Lügen – das Leben ist nicht lebenswert in diesen bösen Zeiten.“

Für Kaplan Angenendt ist dagegen allein Christus das Licht, das mit dem Weihnachtsfest in die Welt kommt und vor Lüge und Arglist bewahren kann.

Außerdem betont er immer wieder die Verbundenheit der Gläubigen in Christus, auch und gerade mit denen, die fern der Heimat sind. Seine Überzeugung ist: „Wir alle sind Kirche!“

Ebenso ergreifend wie in den Ohren der Nazis geradezu „wehrkraftzersetzend“ ist seine Beschreibung des zerstörten Köln:

Sprecher:

„Ein Gang durch die Stadt wird immer wieder zu einem Weg des Erschreckens und Grausens [...] Sie blutet aus tausend Wunden und ist ein Todesacker geworden [...]“[8]

Musik IV: J.S. Bach, Cellosuite I, G-Dur, Menuett II (Track 6)

Wie mein Vater überlebte auch sein Jugendkaplan Reinhard Angenendt den Krieg und damit die Diktatur des Nationalsozialismus. Anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahr 1987 erklärte Angenendt: „Bei uns war das nicht politische Arbeit, sondern kirchlich-religiöse Bildungsarbeit fern aller Parteipolitik.“[9]

Mit dieser Bildungsarbeit und Aufklärung aber und auch mit der emotionalen Anbindung der Jugend an die Junge Kirche Kölns, an den christlichen Glauben und an den Jugendkaplan selbst, ging sicherlich die Entwicklung einer inneren Distanz der jungen Leute zum nationalsozialistischen Regime einher.

Es ist wohl richtig, dass sie nur selten zum offenen Widerstand geführt hat, wie Kritiker den damaligen Geistlichen und jungen Katholiken bis heute vorwerfen, nach dem Motto: Warum habt ihr nichts gegen die Nazis unternommen, ihr habt doch gewusst, was los war?

Ich kann und möchte als Nachgeborene zu diesem Vorwurf nichts sagen.

Ich denke nur an eine Episode im Nachlass meines Vaters, in der er als 17-jähriger Ende Januar 1945 – also wenige Monate vor Kriegsende – noch seine Einberufung als Soldat bekommen hat. Ihm ist klar, was das heißt. „Ich bin ja jetzt auch geliefert“, schreibt er seinem besten Freund. Eine realistische Einschätzung! Denn tatsächlich weiß man heute, dass die zu dieser Zeit einberufenen Rekruten statistisch gerade noch eine Lebenszeit von vier Wochen vor sich hatten.

Ein letztes Mal, bevor er in den Krieg ziehen muss, stapft mein Vater in diesem Januar 1945 durch die Straßen seiner tief verschneiten Heimatstadt – zu seinem Jugendkaplan Reinhard Angenendt.

Ich weiß nicht, was die beiden an diesem Winterabend miteinander gesprochen haben. Ob mein Vater sich einfach verabschieden und seinen Jugendkaplan informieren wollte, dass er jetzt ebenfalls „im Felde“ sei. Oder ob er vor seinem Abschied aus Köln und vielleicht auch aus seinem Leben noch einmal den Zuspruch des Geistlichen suchte – oder seinen Segen.

Die Dokumente, diese mein Vater sein Leben lang aufbewahrt hat, zeigen mir, wie wichtig ihm die Glaubensstärkung war, die er als Jugendlicher durch seinen Jugendkaplan erfahren hat; wie sie ihm durch den Krieg geholfen hat. Dass er Trost in den Rundbriefen des Jugendkaplans fand und in den Erinnerungen an die Junge Kirche Kölns vielleicht manchen verzweifelten Moment überwand.

Für diese Zeichen, für den Mut, den er meinem jugendlichen Vater vermitteln konnte, und für den inneren Kompass, den er ihm ausrichten half, bin ich dem damaligen Kaplan und späteren Monsignore Reinhard Angenendt und allen Geistlichen, die in dieser Zeit bei den Menschen geblieben sind, ganz persönlich und zutiefst dankbar. Und ich hege zwei Wünsche: Dass ein politisches Regime wie der Nationalsozialismus niemals wiederkehren soll. Und dass es unter allen zukünftigen politischen Bedingungen immer Menschen geben wird, die anderen die christlichen Werte überzeugend vermitteln – so wie Kaplan Angenendt.

Es grüßt Sie Ihre Dorothee Haentjes-Holländer aus Bonn

Musik V: J.S. Bach, Cellosuite III, C-Dur, Bourrée I, (Track 19)


[1] Albert, Marcel und Haas, Reimund (Hrsg.): „Bei den Menschen bleiben – Kölner Pfarrer und das Ende des Zweiten Weltkriegs“, Sankt Ottilien 2012.

[2] Vergl. https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Projekte/Widerstandskarte/reinhard-angenendt-sprach-sich-gegen-die-nationalsozialistische-sonnenwendfeier-aus/DE-2086/lido/dc00018851, abgerufen am 10.11.2021.

[3] Ebd. und http://www.museenkoeln.de/ausstellungen/nsd_0404_edelweiss/db_inhalt.asp?L=153, abgerufen am 10.11.2021. Leider ist auf dieser Seite Angenendts Name falsch geschrieben.

[4] Auch das El-De-Haus, das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, erwähnt auf seiner Homepage Angenendts Flugblätter.

[5] Weitere sind zu finden unter: https://jugend1918-1945.de/katholische-jugend/default.aspx?id=31743, abgerufen am 10.11.2021.

[6] https://www.kreuzgang.org/viewtopic.php?t=7516&start=144, abgerufen am 11.11.2021, siehe Beitrag von „sursum corda“ vom 9. November 2008.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Thurmair#cite_note-4, abgerufen am 11.11.2021, siehe Anmerkung 4.

[8] Brief vom November 1944, Nachlass Paul Haentjes. [9] Kölnische Rundschau, 26. März 1987.

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