Aktuelles

Beiträge auf: wdr5 

katholisch

Kirche in WDR 5 | 31.01.2022 | 06:55 Uhr

Das Kalenderblatt

Heute ist schon der letzte Tag vom ersten Monat des neuen Jahres. In meiner Küche hängt ein Tageskalender, von dem ich wieder ein Blatt abreißen werde. Ich liebe ihn. Er lehrt mich, meine Tage zu zählen. Meine Zeit erhält ein Maß. In einem Jahr reiße ich 365 Mal ab, und jedes Mal beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Was ich mir vor Jahren niemals vorstellen konnte, seit Kurzem vergesse ich dann und wann, das Kalenderblatt abzureißen. Einfach so. Ich rühre den Kalender dann gar nicht an. Üblicherweise führte früher mein erster Weg zu ihm. Sobald ich aufgestanden war, riss ich das Blatt des vergangenen Tages ab. Wie selbstverständlich begann ich so den neuen Tag. Inzwischen verdrängt alles Mögliche den eingeübten Ritus, der mir einmal wichtig war wie das Morgengebet. Nachrichten, Frühstück und Tageszeitung interessieren mich mehr als das korrekte Datum des Kalenderblattes.

Ich erinnere mich genau an das erste Mal. Abends las ich „Samstag 31. Juli“, und ich nahm mir fest vor, am anderen Morgen diese schwarze Zahl abzureißen, damit die rote Eins des Sonntags aufleuchtete. Aber ich vergaß den 1. August. Wie sonst brühte ich mir einen Kaffee auf, das Frühstücksei brauchte seine sieben Minuten und ein Blick in die Sonntagszeitung diente der Information. Die Aussicht durch das Küchenfenster verwöhnte mich mit Sonne und einem blauen Himmel. Es würde ein schöner, heißer Sommertag werden, der mich zum Schwitzen bringen würde. Aber schon morgens verschwitzte ich das Kalenderblatt. Meine Vergesslichkeit wiederholte sich. Weitere Tage im August gingen vorbei, bevor ich überhaupt den Kalender anfasste. Der erste, der zweite und der dritte August, sie blieben für mich der 31. Juli. Erst am vierten August fiel mir etwas auf.

Aus Kalenderzuverlässigkeit hatte sich Nachlässigkeit entwickelt. Steckte dahinter eine Absicht? Riss ich deshalb nicht weiter ab, um die verrinnende Zeit zu bändigen? Wollte ich vielleicht unbewusst meine Gegenwart erweitern, indem ich aus einem Tag drei Tage machte. Wenn ich am 4. August das Kalenderblatt vom ersten August abgerissen hätte, würde das Jahr um drei Tage länger. Vergessene Kalenderblätter als Jungbrunnen? Schön wäre es, wenn sich die Sehnsucht des Menschen nach Ewigkeit auf diese Weise erfüllte. Kein Kalenderblatt hält die Zeit auf. Tage vergehen, auch ohne dass ich mich mit dem Abreißkalender beschäftige.

Ich blieb mir selbst gegenüber ehrlich. Am 4. August riss ich alle Blätter ab, den 1., den 2. und den 3. Ob ich es wollte oder nicht, in einer Sekunde war ich drei Tage älter geworden. Ich hatte nichts gewonnen. Der Trick, der vergehenden Zeit zu entkommen, war ein billiger Bluff. Es nützt dem Menschen nichts, die Kalenderblätter zu übersehen. Der Tag des Sterbens kommt mit oder ohne Kalender. Wie heißt es in der Bibel (Koh 3,1-2): „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben.“

Machen Sie aus diesem Tag eine erfüllte Zeit, wünscht Albert Damblon aus Mönchengladbach.

katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen