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Das Geistliche Wort | 23.01.2022 | 08:40 Uhr

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Engel – wo Himmel und Erde sich berühren

Autor: Einmal Gottes Herrlichkeit sehen. Das ist seine Sehnsucht. Er kennt die Geschichten, die von seinem Gott erzählt werden. Er vertraut darauf, dass Gott irgendwie da ist. Unsichtbar. Nicht von dieser Welt. Und doch anwesend, voller Kraft. Aber müsste die Welt nicht anders aussehen, wenn Gott wirklich da ist? Müssten sich die Menschen nicht ganz anders verhalten, wenn Gott wirklich in den Herzen wohnt?

Einmal Gott sehen, mit eigenen Augen. Das würde die Zweifel vertreiben. Einmal den Raum im Innersten des Tempels betreten. Vielleicht würde sich dort das Wunder ereignen? Aber der Ort ist tabu. Nur der Hohepriester darf dieses Allerheiligste betreten. Einmal im Jahr, am Versöhnungstag.

Jesaja heißt der Mann, der sich so nach Gott sehnt. Er gehört zur Oberschicht in Jerusalem. Hat Zugang zum König. Den Tempel darf er betreten. Aber das Allerheiligste ist auch für ihn verboten. Stattdessen liest er in den Heiligen Schriften. Sie beschreiben diesen geheimnisvollen Raum. Und das, was in ihm steht:

Eine Kiste aus Akazienholz, mit Gold überzogen. Die so genannte Bundeslade. In ihr liegen die Steintafeln mit den 10 Geboten. Darauf eine Platte aus reinem Gold, etwa einen Quadratmeter groß. Auf dieser Platte stehen zwei Engelsfiguren aus Gold. Einander zugewandt, mit den Flügeln nach oben.  Dem Mose hatte Gott gesagt: „Das ist der Ort, wo ich Dir in Zukunft begegnen will!“

Warum darf es eigentlich Figuren geben, die Engel darstellen? Es ist doch verboten, das Himmlische abzubilden. Das steht sogar auf den Tafeln, die in der Kiste liegen. Anscheinend sind die Engel etwas ganz Weltliches. Geschöpfe Gottes – wie Menschen und Tiere. Deshalb sind Bilder von ihnen erlaubt.

Eines Tages sieht Jesaja die Engelsfiguren vor seinem Inneren Auge. Golden strahlend, auf der goldenen Platte. Im verbotenen Raum des Allerheiligsten. Sechs Flügel haben sie. Zwei vor ihrem Gesicht. Zwei vor den Füßen. Mit zweien fliegen sie. Jesaja sieht ihre Bewegung. Und er hört sie rufen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herre Zebaot. Voll sind Himmel und Erde seiner Herrlichkeit.“ Der Tempel bebt von diesen Stimmen. Er füllt sich mit Rauch. Der Rauch ist wie der Saum eines Gewandes. Eines Mantels, der auf die goldene Platte fällt. Von ganz oben herab. Von einem hoch aufragenden Thron, auf dem Gott selber sitzt. Ein Traum? Eine Vision?

Das alles sieht Jesaja vor dem inneren Auge. Als er erwacht, ist er überzeugt, einen Auftrag von Gott zu haben. Kein Zweifel: Gott ist da, voller Kraft. Und er, Jesaja, soll den Menschen von Gott berichten. Dies ist der Moment, wo Jesaja zum Propheten wird. Der Engel hat ihn dafür vorbereitet. Der Engel, von dessen künstlicher Statue er gelesen hatte. Und der für ihn lebendig geworden ist.

 

Musik 1: Wolfgang Haffner: Shapes

Titel: Shapes; Komponist/Interpret: Wolfgang Haffner; Album: Shapes (Feat. Nils Landgren + Lars Danielsson); 2006 ACT Music + Vision GmbH & Co. KG; LC: 85387 

 

Autor: Engelsfiguren erobern die Welt. Auf Gräbern und Taufkerzen. Im Weihnachtsschmuck und als gemütliche Deko. Mal erhaben. Mal niedlich. Mal überirdisch schön. Einige sind die Nachkommen der beiden Lümmel von Raffael, die sich zu Füßen der Sixtinischen Madonna langweilen. Mit verschränkten Armen und aufgestützem Kinn. Heute sind sie auf unzähligen Tassen und Postern verewigt. Andere ähneln den Lichtgestalten der Präraffaeliten. Kitsch und Kommerz. Aber auch Sehnsucht und Ahnung.

Viele sehnen sich nach Schutz und Geborgenheit. Oder nach etwas mehr Glanz und Schönheit in der Welt. Vielleicht ist da auch der Wunsch, dass Wesen aus Gottes heiler Welt bei mir sind, vor denen ich keine Angst haben muss. Weil sie so zart und rein sind.

Und manche ahnen: Meine Welt ist mehr als das, was ich anfassen kann. Mehr als das, was die Wissenschaft erklären kann. Und dieses Geheimnisvolle muss mir keine Angst machen. Sondern begegnet mir freundlich und zart.

Immerhin ist die Idee, Engelsfiguren herzustellen, gut biblisch. Das 2. Buch Mose sagt, es war Gottes Auftrag: Arbeite die Cherubim aus dem Gold der Platte heraus.  Auf der Bundeslade. Es sind also keine Götzenbilder wie das goldene Kalb. Engel sind keine Götter. Sondern Geschöpfe Gottes. Deshalb dürfen sie dargestellt werden. Sie verbinden die irdische mit der himmlischen Welt. Sie stehen auf der irdischen Kiste mit den Geboten. Dort tragen sie sozusagen den unsichtbaren himmlischen Thron Gottes.

Das ist die Idee, die hinter dem Kunstwerk steht. Genau so hat es Jesaja vor dem inneren Auge gesehen. Das Kunstobjekt im Allerheiligsten soll darstellen, wie Himmel und Erde verbunden sind. Die Engel sind das Bindeglied. Von Gott eingesetzt. Was die Künstler im Tempel gestaltet haben und wovon Jesaja gelesen hat, das ist für ihn lebendig geworden.

Nur für diesen Ort gibt es den biblischen Auftrag, Engelsfiguren zu bauen. Die Inflation der Engel ist alles andere als biblisch. Aber gut. Was Jesaja erlebt, kann dennoch ein Muster sein: Wenn ich eine Engelsfigur mit Herz und Verstand ansehe, können sich Himmel und Erde berühren.

Dann berührt Gott mein Innerstes. Ich fühle mich unmittelbar angesprochen. Gewärmt. Geschützt. Nicht von einer Idee. Nicht nur von Worten. Sondern von einer Botschaft, die mir ganz nahekommt. Die ich sogar sehen kann. Und die vor dem inneren Auge lebendig wird.

Gleichzeitig kann ich mir sagen: Es sind Kunstwerke. Bilder, die Menschen geschaffen haben. Ich muss nicht an Fabelwesen glauben. Aber ich ahne etwas von Gottes Kraft, für die Künstlerinnen und Künstler Bilder gefunden haben.

 

Musik 1: Wolfgang Haffner: Shakes

 

Autor: Die Nomaden Abraham und Sara haben ihr Zelt bei einem Eichenwäldchen aufgebaut. Abraham sitzt am Eingang. Da kommt Besuch. Das alte Ehepaar bewirtet ihn nach allen Regeln der Gastfreundschaft. Während der Unterhaltung erfahren die Beiden: Sie sollen Eltern werden. Trotz ihres biblischen Alters. In einem Jahr will der Besuch wiederkommen. Dann soll ihr Sohn schon geboren sein.

Aber wer ist da zu Gast? Die Erzählung im ersten Buch Mose gehört zu den geheimnisvollsten Geschichten der Bibel. Das fängt schon an bei der Frage: Wie viele Gäste sind es eigentlich? Als Abraham seine Augen hebt, sieht er drei Männer. Er läuft ihnen entgegen und spricht sie an, als wäre es nur einer: „Herr, habe ich Gnade vor Deinen Augen gefunden, dann geh nicht vorüber.“ Und im gleichen Atemzug redet er wieder mehrere an: „Man soll Euch Wasser und Brot bringen.“ Die Gäste – oder der Gast? – werden bewirtet. Sie unterhalten sich mit Abraham und Sara. Mal heißt es, dass drei Männer sprechen, mal nur einer.

Und wer ist dieser Besuch? Mal wird gesagt, dass es Männer sind. Mal wird der eine Jahwe genannt. Also Gott selbst, der Abraham und Sara begegnet. Und der ihnen die wunderbare Aussicht schenkt, doch noch Eltern zu werden. Am Ende der Geschichte heißt es, dass Abraham zu seinem Zelt zurückkehrt. Dass Gott, der Herr, fortgeht. Und dass zwei Engel weitergehen nach Sodom.

Auf den ersten Blick sind es drei ganz normale Männer. Erst im Gespräch ist zu spüren, dass sie ein Geheimnis umgibt. Irgendwie ist Gott anwesend. Irgendwie sind es Gottes Worte, die durch die Worte der Männer hindurch zu hören sind. Und dann passt es auch, Engel in ihnen zu sehen. Boten Gottes in menschlicher Gestalt. Weil Gott und seine Verheißung durch sie spricht. 

Über meinem Schreibtisch hängt eine Ikone. Eine Nachbildung der berühmten Troiza-Ikone von Andrej Rubljow. Sie zeigt die drei Besucher, die von Abraham bewirtet werden. Drei bartlose, androgyne Männer in klassischen Gewändern. Zwischen ihnen herrscht ein tiefer Austausch. Man kann sie auch als Einheit empfinden. Aber fürs Auge sind es drei Männer.

Rubljow hat ihnen Flügel auf den Rücken gemalt. Golden, sodass sie mit dem Goldgrund des Bildes verschwimmen. So signalisiert er: Es sind Engel, die ich male. Fürs körperliche Auge drei Männer. Fürs innere Auge jedoch Engel. Mit den Flügeln als Hinweis. So wie Heilige durch ihren Heiligenschein gekennzeichnet werden, den das körperliche Auge ebenfalls nicht sieht.

Beim Künstler Rubljow sind die drei ein Zeichen für die Dreieinigkeit Gottes. So setzt er das tiefste Geheimnis ins Bild. Drei Männer für das bloße Auge. Künstlerisch als Engel erkennbar, durch das Attribut der Flügel. Offen für das spirituelle Geheimnis, dass sich bei ihnen Himmel und Erde begegnen. Die Engel, diese eigenartigen Geschöpfe, sind Boten Gottes in menschlicher Gestalt.

 

Musik 2: Wolgang Haffner: Space Calzone

Titel: Space Calzone; Komponist/Interpret: Wolfgang Haffner; Album: Shapes (Feat. Nils Landgren + Lars Danielsson); 2006 ACT Music + Vision GmbH & Co. KG; LC: 85387 

 

Autor: Engel treten auf, wo sich Himmel und Erde berühren. Ganz besondere Geschöpfe Gottes. Künstlerisch werden sie oft als Wesen mit Flügeln dargestellt. Chimären: Mischwesen aus Mensch und Vogel. Ihr menschlicher Körper macht sie zu irdischen Wesen. Die Flügel zeigen an, dass die Engel die Erde mit dem Himmel verbinden. Vor dem inneren Auge können die kunstvollen Bilder lebendig werden. So, wie Jesaja es erlebt hat.

Aber muss ich als moderner Mensch an Zauberwesen glauben? An zarte, strahlende Geschöpfe mit Flügeln? Flügelwesen sind es nur in der Kunst. Im alten Jerusalemer Tempel. Bei Andrej Rubljow. Oder auf den herrlichen Bildern von Fra Angelico. Im Herzen können diese Bilder lebendig werden. Weil sie mich nicht nur als Wort erreichen. Sondern mit der ganzen Palette der Gefühle, die der Kunst zur Verfügung steht.

Mir hilft, dass in den Geschichten immer Menschen zu sehen sind, wenn Engel auftreten. Männer, wie die drei Gäste von Abraham und Sara. Menschen, die ein Geheimnis umgibt. Menschen, in denen Gott seiner Schöpfung nahekommt. Aber eben Menschen.

Von einem dieser engelhaften Menschen erzählt das Buch Tobit. Eine märchenhafte Geschichte aus dem Umfeld des Alten Testaments. Die Ausgangslage ist verzwickt. Tobit ist ein alter, frommer Mann. Durch ein Unglück hat er sein Augenlicht verloren. Einen Teil seines Vermögens hat er in einer fernen Stadt angelegt. Er hat einen Sohn, der den Weg dorthin nicht kennt. Und er hat eine unglückliche Verwandte, die ebenfalls in der Ferne wohnt. Sie war schon siebenmal verheiratet. Und siebenmal hat ein böser Geist ihren Bräutigam in der Hochzeitsnacht getötet.

Tobit beauftragt seinen Sohn Tobias, die gefährliche Reise Richtung Osten zu unternehmen. Vorher betet dessen Mutter um Hilfe. Als Tobias vor die Tür tritt, steht da ein Mann. Zur Reise gerüstet. Er sagt: „Ich kenne den Weg. Und ich kenne auch den, bei dem Dein Vater sein Silber angelegt hat.“ Die beiden brechen auf.

Am Fluss Tigris lagern sie sich. Tobias lässt seine Füße im Wasser baumeln. Da beißt ihn ein Fisch und will seinen Fuß verschlingen. Der Begleiter weiß, was zu tun ist. Er sagt: „Pack den Fisch. Nimm sein Herz und seine Leber heraus, damit kannst Du böse Geister vertreiben. Und nimm die Galle, sie ist eine wunderbare Medizin.“

Von da an nimmt die Geschichte einen glücklichen Verlauf. Der Unbekannte führt Tobias zu seiner Verwandten. Tobias heiratet sie und verbrennt in der Hochzeitsnacht Herz und Leber des Fisches. Der tödliche Geist, der die junge Frau im Griff hatte, wird durch den Geruch vertrieben. Die beiden werden ein glückliches Paar, mit reicher Mitgift.

Während der Hochzeitsfeier zieht der Begleiter los und holt das Silber des alten Tobit. Und als Tobias mit Braut und Reichtümern zurückkehrt, heilt er auch noch seinen Vater. Er reibt die Galle des Fisches auf die Augen des Alten, so, wie der Begleiter es geraten hat. Da kehrt die Sehkraft zurück.

Erst ganz am Ende verrät der Begleiter seine wahre Identität. Er ist Rafael, einer der Erzengel. Er trägt keine Flügel und hat kein einziges Wunder gewirkt. Aber er hat immer wieder den Weg gewiesen. Und seine Ratschläge haben alles zum Guten gewendet.

 

Musik 3: Wolfgang Haffner: Some other time

Titel: Some other time; Komponist/Interpret: Wolfgang Haffner; Album: Shapes (Feat. Nils Landgren + Lars Danielsson); 2006 ACT Music + Vision GmbH & Co. KG; LC: 85387 

 

Autor: Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Seit vielen Jahren ist das der beliebteste Taufspruch. Mit Abstand. Auch zur Konfirmation wird er immer öfter gewählt. Und manchmal sogar bei einer Beerdigung. Denn in der Trauer gibt er Trost. Eine tiefe Sehnsucht kommt darin zum Ausdruck. Behütet sein. Geschützt vor den unberechenbaren Gefahren des Lebens. Nicht nur in der Pandemie. Aber jetzt erst recht.

Eltern wünschen sich das für ihre Kinder: Da, wo sie selbst einmal nicht helfen können, soll trotzdem ein Schutz sein. Wo ein Mensch seine eigenen Wege geht, soll er dennoch nicht allein sein. Wahrscheinlich trägt jeder und jede diese Sehnsucht in sich. Dass es eine Verbindung gibt zwischen Himmel und Erde, die trägt. 

Der Vers ist ganz offen für die Bilder, die jeder Mensch von den Engeln hat. Manchmal angeregt durch die Kunst oder die unzähligen Engelsfiguren, die im Alltag begegnen. Manchmal inspiriert von den Vorstellungen, die alle großen Religionen kennen – von den Genien, also den persönlichen Schutzgeistern der Römer, bis zu den Bodhisattvas, den Erleuchtungswesen im Buddhismus.

Mir hilft, dass die Engel in der Bibel fast immer als Menschen begegnen. Ich muss nicht zum Esoteriker werden, wenn ich auf Engel hoffe. Ich kann mich an Menschen halten, in denen mir Etwas von Gott begegnet. Ein Rat. Eine Hoffnung. Ein Schutz. Etwas, das mir hilft, mich ermutigt, etwas heil werden lässt, weil sich Himmel und Erde berühren.

Für mich sind Engel letztlich keine eigene Art von Geschöpfen. Sondern Geschöpfe werden zu Engeln, wenn Gott durch sie einem Menschen nahekommt. Engel sind da, wo Himmel und Erde sich berühren. Eine behütete Woche wünscht Ihnen Sven Keppler, Pfarrer aus Versmold.

 

Musik 4: Till Brönner: Lavender Fields

Titel: Lavender Fields; Komposition: Till Brönner; Interpreten: Till Brönner, Bob James, Christian von Kaphengst & Wolfgang Haffner; Abum: On Vacation; 2020 Till Brönner under exclusive license to Sony Music Entertainment; LC: 02604

 

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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