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Das Geistliche Wort | 06.03.2022 | 08:40 Uhr

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Jesus

Autorin: „Jesus ist Gottes Sohn…?“, sage ich etwas verunsichert, als der Pfarrer fragt: „Wer ist eigentlich Jesus für dich, Friederike?“ Da bin ich 13 Jahre alt und Konfirmandin, sitze mit 18 anderen Gleichaltrigen zwei Jahre lang jeden Dienstag im Gemeindezentrum – und manchmal stellt der Pfarrer uns direkt Fragen. „Wer ist Jesus? Was meinst du, Friederike?“ Vielleicht hat er mich gar nicht gefragt, wer Jesus für mich persönlich ist. Aber wenn du 13 Jahre alt bist, sind alle Fragen, die persönlich an dich gerichtet sind, persönliche Fragen. „Jesus ist Gottes Sohn…?“ Ich höre mich diesen Satz noch genau so sagen. Ganz bewusst mit diesem Fragezeichen am Ende. Weil es peinlich ist, die eigene Meinung zu sagen, besonders, wenn es um Glaubenssachen geht.


In diesen Tagen denke ich oft an die Frage des Pfarrers und an meine Antwort damals. Denn es ist Passionszeit. Die Zeit, in der wir in den christlichen Kirchen sieben Wochen lang Jesus begleiten auf seinem Weg zu Tod und Auferstehung. Für uns stirbt er und für uns lebt er. Wer die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Karfreitag bewusst erlebt, konzentriert sich auf Jesus. Was er getan und gesagt, wovon er erzählt und was er gelehrt hat. Wie er gelebt und was er gelitten hat. In dieser Zeit frage ich mich oft: „Wer ist Jesus für dich, Friederike?“ Welche Antwort gebe ich heute? Es ist doch nicht mehr die gleiche wie damals als Konfirmandin. Meine Konfirmation ist 23 Jahre her. Meine Meinung zu sagen und über meinen Glauben zu sprechen, ist mir längst nicht mehr peinlich.

Ich weiß, dass sich meine Antwort im Laufe der Jahre immer wieder verändert hat. Vielleicht ist das bei Ihnen auch so. Je nachdem, wie Sie die Kirche kennengelernt haben, welche Menschen Ihnen von Gott erzählt haben – und vor allem, was –, welche Krisen und Höhen es in Ihrem Leben bisher gab.


Musik 1: Personal Jesus, von CD Karen Souza Essentials, Interpretin: Karen Souza feat. Jazzystics, Komponist und Texter: Martin L. Gore, Verlag: unbekannt, Label: Victor, LC-Nr.: 00316, EAN-Nr.: 7798141335596.


Autorin: Mit 16 war ich ein Jahr in den USA. Anschluss finden in der Schule und in einer fremden Familie, besser Englisch sprechen, eine andere Kultur kennenlernen, das war der Plan. Ich lernte aber auch eine ganz andere Art zu glauben kennen, denn meine Gastfamilie besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst in einer Pfingstgemeinde. Er fand in einer Turnhalle statt, denn das Gemeindezentrum war gerade noch im Bau. Es wurden Stühle aufgestellt, aber die Leute standen mehr als dass sie saßen, vor allem bei den Liedern. Die Melodien klangen wie Popsongs aus dem Radio, die Texte wie Liebeslieder. Und fast alle Lieder richteten sich an Jesus.

Übersetzt klangen die Texte in etwa so:

Jesus, öffne die Augen meines Herzens, damit ich dich sehe.

Jesus, danke, dass du gekommen bist, um uns zu retten. Vom Himmel auf die Erde, von der Erde zum Kreuz, vom Kreuz ins Grab, vom Grab in den Himmel.

Jesus, du bist wunderschön.

Es geht mir immer nur um dich.

Von deiner Liebe könnte ich ewig singen.

Ich bin dein und du gehörst zu mir.


Ehrlich gesagt: Jesus Liebeslieder zu singen, war mir neu und fremd. Leicht über die Lippen ging mir das nur auf Englisch. „Ich liebe Jesus“, „Jesus ist mein bester Freund“ – das waren für die amerikanischen Jugendlichen und überhaupt für die Kirchenmitglieder ganz selbstverständliche Sätze. „I love you“ sagten sie auch zu mir und ich zu meiner Gastfamilie und zu den neuen Freunden, die ich dort fand.

Auf Deutsch habe ich es noch nie gesagt. Obwohl es stimmt. Ich liebe Jesus. Wie einen sehr guten Freund, wie meinen Herzensmensch. Ich vertraue ihm. Wenn wir zu lange keinen Kontakt mehr hatten, vermisse ich ihn. Wir sind uns nah. Ein Leben ohne ihn kann ich mir nicht vorstellen.


In der evangelischen Landeskirche ist es unüblich, zu sagen, dass man Jesus liebt. Dabei ist doch die Christologie, also die Lehre und Rede von Jesus Christus, das Zentrum der christlichen Theologie. Man könnte auch sagen, sie ist ihr Herz. Ohne Jesus Christus kann man im Christentum nicht über Gott sprechen. Auch nicht über Versöhnung, Schuld, Kirche, Liebe, das Leben nach dem Tod und viele andere Themen des christlichen Glaubens.

Wo ist Jesus in Ihrem Leben? Im Kopf, im Herz? Steht er Ihnen zur Seite? Ist er für Sie eine historische Figur, ein vorbildlicher Mensch oder ein Freund und Bruder oder Gottes Sohn? Nichts von alledem? Etwas ganz anderes?


Musik 2: Personal Jesus (wie Musik 1)


Autorin: Im Neuen Testament wird viel von Jesus und der Liebe erzählt. Schon mit Jesu Geburt schenkt Gott der Welt seine Liebe. Der erwachsene Jesus erzählt den Menschen von Gottes Liebe, erinnert sie an die Nächstenliebe und erklärt, dass nur der wirklich liebt, der sein Leben für seine Lieben gibt. Als er das sagt, wissen die Jünger noch nicht, dass er zuerst sich selbst damit meint. Petrus, ein Jünger, der ihm besonders nah steht, verleugnet die Beziehung zu Jesus nach dessen Tod dreimal. Später zeigt sich ihm der auferstandene Jesus. Genau so oft, wie Petrus ihn verleugnet hat, begegnet Jesus ihm mit Liebe.


Sprecher: Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Petrus gab ihm zur Antwort: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Darauf sagte Jesus zu ihm: „Sorge für meine Lämmer!“Jesus fragte ihn ein zweites Mal: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ Petrus antwortete: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Hüte meine Schafe!“

Jesus fragte ihn ein drittes Mal: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Petrus wurde traurig, weil Jesus ihn nun schon zum dritten Mal fragte: „Hast du mich lieb?“ – „Herr, du weißt alles“, erwiderte er. „Du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Darauf sagte Jesus zu ihm: „Sorge für meine Schafe!“ (Joh. 21,15-17; NGÜ)


Autorin: „Sie müssen mehr zu Jesus beten“, sagt mir ein Mann um die 60 nach einem Gottesdienst. Da bin ich schon in der Ausbildung zur Pfarrerin. „Wenn jemand zum ersten Mal in einen christlichen Gottesdienst geht, muss man ja merken, dass es hier um Jesus Christus geht.“ Ich diskutiere damals nicht mit ihm, sondern sage: „Heute habe ich so gebetet, wie es zum Thema des Gottesdienstes passt. An anderen Sonntagen werde ich das anders machen.“ Denn der Mann hatte Recht. Anscheinend lege ich Jesus zumindest in meiner Gebetssprache ab, wenn ich den Talar anlege. „Sie müssen mehr zu Jesus beten“ – hinter dieser Kritik oder Aufforderung höre ich wieder die Frage: Wer ist Jesus für dich? Ist er dir so wichtig, dass du zu ihm betest?

Ich finde eine Antwort in einem Lied.


Musik 3: Du tust, von CD 1: Näher zu dir 01, Interpret: unbekannt, Komponist und Texter: Tobi Wörner, Verlag: SCM Hänssler Musik, LC-Nr.: 07224; EAN-Nr.: 4010276028864.


Das könnte ein ganz normales Liebeslied sein. Ist es auch. Nur nicht von Mensch zu Mensch, sondern von Mensch zu Jesus. Tobi Wörner hat es geschrieben. Er hat eine Zeitlang in Brasilien gelebt und in den Slums in São Paolo gesehen, was Drogen und Armut mit Menschen machen. Genau da hat er Gott gesehen, sagt er. Da, wo er heute lebt (im Raum Stuttgart), hat er später eine Gruppe gegründet, die er Jesustreff genannt hat. Das waren junge Leute, die eine Gemeinde aufbauen wollten, in der man erleben kann: Als Gemeinschaft sind wir stärker als alleine. Das war vor 20 Jahren. Immer noch kommen viele hundert Leute zu den Gottesdiensten zusammen. Der „Jesustreff“ heißt inzwischen „KesselKirche“, weil der neue Name die junge, dynamische und große Gemeinde besser beschreibt. Sie sind Kirche für den Kessel, für Stuttgart. In der KesselKirche engagieren sich Menschen für mehr Miteinander. Sie lesen zusammen in der Bibel, bereiten Gottesdienste vor oder schnippeln Gemüse für die „Wärmestube", eine diakonische Einrichtung für wohnungslose Menschen, die dort eine warme Mahlzeit und ein offenes Ohr bekommen. Außerdem beteiligt sich die Gemeinde an einem kirchlichen Projekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Oujda, Marokko. Dort bekommen sie regelmäßige Mahlzeiten, einen Schlafplatz und die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen, um eine Existenz aufzubauen.

Die Menschen, die sich in der KesselKirche engagieren, tun das, weil sie Jesus nachfolgen. Nicht nur mit dem Kopf, sondern mit Herz und Hand. Er hätte auch getan, was sie tun.


Musik 4: Breathe, von CD We Worship You, Interpret: Tapestry Worship Jazz Ensemble, Komponisten und Texter: Marie Barnett, Verlag: unbekannt, Label: CD Baby, LC-Nr.: unbekannt.


Autorin: Wenn Menschen zu mir kommen, weil ich Seelsorgerin bin, dann oft, weil sie sich verloren haben. In sich, einem Gefühl, einer Sicht auf ihr Leben. Sie suchen Rettung aus der Verlorenheit. In diesen Gesprächen überrascht mich ein Bild von Jesus, das mir hin und wieder begegnet.


Ich denke an die Frau, die süchtig ist nach Rauschmitteln und die eigentlich etwas ganz anderes sucht. Sie möchte wieder ein normales Leben führen, für ihre Geschwister da sein, eine Arbeitsstelle finden und Glück. Sie sucht zwar den Kontakt zu Jesus. Aber sie sagt, der Teufel scheint dem im Weg zu stehen. Sie merkt das zum Beispiel daran, dass sie aufgehört hat zu beten.


Ja, das gibt es. Dass Menschen sich einer Macht ausgeliefert fühlen, die ihr Leben negativ beeinflusst, sie auf die Probe stellt. „Der Teufel hat über mein Leben einen Fluch gelegt“, sagen manche. Wenn auf eine Diagnose die nächste folgt, wenn der Kontakt zu den eigenen Kindern oder Eltern nicht mehr gelingt, und auch nicht zu Gott. Ich kenne das. Aber für mich sind das alles keine gottlosen Zeiten, sondern gerade dann ist mir Jesus nah.


In der Bibel ist der Teufel der Gegenspieler Gottes. Er bringt Beziehungen durcheinander und versucht den Menschen. Im Matthäusevangelium wird erzählt, wie Jesus in der Wüste dem Teufel widersteht.

Dreimal führt er Jesus in Versuchung. Der Teufel verspricht ihm schließlich alle Königreiche der Welt, wenn er ihn anbetet. Jesus widerspricht mit einem Zitat aus der Schrift: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihn allein verehren!“ Schließlich lässt der Teufel von ihm ab, Engel kommen zu Jesus und sorgen für ihn.


Die Frau, die mich einmal als Seelsorgerin aufgesucht hat, lässt eine Weile nichts von sich hören. Dann erzählt sie mir, sie habe Zeit allein mit sich und ihren Dämonen gebraucht. Und sie habe einen Weg gefunden, sie zu vertreiben. Für sie war es eine Wüstenzeit, ähnlich wie für Jesus in der Erzählung. Sie kann sogar wieder beten. Denn sie hat für sich neu verstanden, dass Gott die letzte Macht hat, selbst wenn sich das Leben wie eine große Versuchung anfühlt.


Musik 5: Have A Talk With God, von CD The Gospel Truth, Interpretin: Ida Sand, Komponisten und Texter: Calvin Hardaway, Stevie Wonder, Label: ACT, LC-Nr.: 07644, EAN-Nr.: 614427951823.


Autorin: Die Jugendlichen, die in meiner Kirchengemeinde dieses Jahr konfirmiert werden, habe ich nicht gefragt, wer Jesus für sie ist. Sondern wie Jesus für sie ist. Überrascht hat mich, dass sie sich ziemlich einig waren. Als wir uns verschiedene Bilder von Jesus anschauen, sind die meisten Jugendlichen von einem Ölgemälde angesprochen mit dem Titel „Das verlorene Lamm“. Es zeigt Jesus, der ein kleines Lamm in den Armen hält und ihm zugeneigt ist. Die Farben sind warm wie bei einem Sonnenuntergang. Ein romantisches Bild. Wenn ich nochmal 13 Jahre alt wäre, hätte ich es auch ausgewählt.

In der Bibel sagt Jesus von sich: Ich bin der gute Hirte.

Im Matthäusevangelium wird erzählt, was das eigentlich heißt.


Sprecher: „Was meint ihr: Wenn jemand hundert Schafe hat und eins von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf der Bergweide zurück und macht sich auf den Weg, um das verirrte Schaf zu suchen?

Und ich sage euch: Wenn er es findet, freut er sich über das eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.

Genauso ist es bei eurem Vater im Himmel: Er will nicht, dass auch nur einer von diesen gering Geachteten verloren geht.“ (Mt 18,10-14; NGÜ)


Autorin: Manchmal verliert man sich in sich selbst. Manchmal ist man selbst unter Menschen allein. Manchmal ist man das schwarze Schaf in einer weißen Herde. Manchmal ist man ohne Orientierung. Ohne Hilfe. Und manchmal hat selbst das pralle und bunte Leben schwarze Löcher.

Wie gut tut es dann, die Stimme zu hören, die Worte sagt, die sich niemand selber sagen kann und die auch sonst niemand sagen kann. Nur Jesus Christus, der sagt:

Ich bin der gute Hirte. Ich bin da.

Wenn du dich allein fühlst, komm ich dir nah.

Was du brauchst, werde ich dir geben.


Mit mir hast du jetzt schon ein besseres Leben.

Wenn du dich verirrst, verläufst und verlierst

und nicht mehr weiter weißt,

und auch, wenn du nicht mehr rastest und nicht mehr pausierst,

sondern nur noch um dich selber kreist,

dann bin ich da. Ich bin deine Pause.

Bei mir kannst aus ausruhen. Und dann bring ich dich nach Hause.


Wer ist Jesus für dich? – wurde ich gefragt, als ich 13 Jahre alt war, Konfirmandin, auf der Suche. Damals war meine Antwort zögernd und nur zwei Worte lang: Gottes Sohn? Fragezeichen. Heute leihe ich mir Worte von Tobi Wörner für mein Bekenntnis: Jesus ist mein Freudeschenker, mein Heimatgeber, mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber. Mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebesspender ist er. Ausrufungszeichen.


Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Pfarrerin Friederike Lambrich aus Erkelenz.


Musik 6: Have A Talk With God (wie Musik 5)



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth


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