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Das Geistliche Wort | 27.03.2022 | 08:40 Uhr

Machen, was ich will

Guten Morgen!

Was sind eigentlich „normale“ Familien? – Etwa die, wo alles glatt läuft? Aber die gibt es nicht. Dafür ist das Leben viel zu komplex und zu kompliziert.

Für viele bedeutet eine „normale“ Familie zu sein: bloß nicht auffallen, das Belastende und Unangenehme besser nicht zeigen. So tun, als ob alles in Ordnung ist. Geht ja auch keinen was an, wenn der Haussegen schief hängt. Hauptsache ist, wir funktionieren – irgendwie. Und mit den Problemen kommen wir schon klar. Das scheint bis zu einem gewissen Grad auch zu gehen, aber hinter der Fassade sieht es dann oft anders aus.

Ich bin in der katholischen Ehe- Familien- und Lebensberatung des Caritasverbandes in Essen tätig und weiß aus meinem beruflichen Alltag: Familie ist ein höchst sensibles und verletzbares System.

Musik I: Lydie Auvray, Ensemble: „Die schnelle Gerdi“

In Zeiten von gesellschaftlichen Krisen ist die Familie mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Das bietet eine Chance zur Besinnung auf das, was zusammenhält und einer möglichen Auseinandersetzung mit bisher unbekannten Dynamiken.

Das biblische Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ ist so eine Familiengeschichte, in der es so richtig scheppert. Als Ehe- und Familienberaterin erkenne ich in diesem Gleichnis eine Familiendynamik, die mir in meinem beruflichen Alltag mit den Klientinnen und Klienten vertraut ist. Es geht um: Ablösung von vertrauten Lebenssystemen: Gehen – Suchen – Verlieren – Wiederfinden. Ein uraltes Thema, das sich durch die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte zieht.

Ich hab’ mich gefragt: Was geht da ab in dieser biblischen Familie, die doch eigentlich eine Wohlstandsfamilie ist? Welche Freiheit und welche Enge werden da deutlich? Warum will ein Kind aus dem Familiensystem fliehen? Und was verändert sich, wenn dieses ins Wanken gerät?

Für mich stellt sich das so dar: Zwei Söhne aus einem wohlhabenden Elternhaus. Da gibt es von allem reichlich. Ein großes Anwesen, einige Angestellte, immer genug zu essen und natürlich viel Arbeit. Von Nix kommt ja nix, daher steht die Arbeit hoch im Kurs. Immer am Ball bleiben, damit der Reichtum gesichert und vermehrt wird. Das bringt vor allem der Vater den Kindern bei.

Die zwei Jungs sind da mitten drin im System. Sie haben sich in dem Leben eingerichtet. Besonders der Ältere ist echt angepasst. Er hält sich an die Regeln, die der Vater vorgibt. Er steht in seinem Dienst. Macht, was von ihm verlangt wird, schlägt nicht über die Strenge. Ein echter Musterknabe. Der Jüngere hingegen, tja der merkt: „Ne keinen Bock. Das ist ja immer das Gleiche: Arbeiten, Geld verdienen und weiterarbeiten. Keine Fete, keinen Spaß und das soll ich mein Leben lang machen?“

Er fällt ziemlich spontan eine Entscheidung: „Ich will hier weg!“ Er fordert scheinbar dreist den Vater auf, ihm sein Erbe zu geben. Er will Bares. Der Vater widerspricht nicht, er gibt und teilt das Erbe zwischen beiden Kindern, obwohl der ältere Sohn gar nicht darum gebeten hat. „Los geht’s“, denkt der jüngere, „die Welt steht mir offen.“ Er braucht gar nicht lange, um seinen Kram zu packen. Er packt alles zusammen, alles, was ihm wichtig ist. „Alles“ spricht für Endgültigkeit, für nicht mehr wiederkommen Wollen. Er will zu Hause nichts von sich zurücklassen. Also keine Erinnerungsstücke für Mama und Papa. Er will raus aus dem alten Leben, verschwinden. Nicht mal nur ein paar Kilometer weit weg, sondern gleich in ein fernes Land. Also dahin, wo ihn niemand kennt, wo er nicht mit seinem Vater, seiner Familie, seiner Herkunft in Verbindung gebracht werden kann. Inkognito, allein und ohne Kontakte. Echt radikal!

Ich frage mich, was der Vater wohl fühlt. Ist er verärgert? Oder sogar erleichtert, dass der Sohn geht? Könnte ja sein, dass der jüngere Sohn immer anstrengend war, dass er aufgemuckt hat – gerade in den letzten Monaten, oder er so eine Art Systemsprenger ist. Der Vater versucht nicht, ihn zurückzuhalten. Kluge Entscheidung! Der Vater weiß wohl: Kinder müssen sich lösen dürfen. Sie dürfen gehen, sich trennen von den Strukturen des familiären Alltags.

Musik II: Rabit, „Family“

Der jüngere Sohn haut ab aus der Familie. Die Sorge des Vaters und sicher auch der Mutter, werden groß sein. Wo geht er hin? Kommt er je wieder? Was haben wir eigentlich falsch gemacht?

Es ist ziemlich weise, die elterliche Verzweiflung nicht zu thematisieren und dem Sohn kein schlechtes Gewissen zu machen. Denn für den Kummer der Eltern sind die Kinder, die gehen, nicht verantwortlich. Damit müssen die Eltern selber klarkommen, auch, wenn es schmerzt.

Nun geht er, der junge Mann, er dreht sich nicht um, obwohl der Vater noch auf einen letzten Gruß wartet. Aber der Sohn will nicht zurückschauen. Der Blick geht nach vorne. Er will selbstbestimmt den Weg gehen und bloß nicht die Bilder der Vergangenheit mitschleppen. Er hat sein Erbe in der Tasche. Da rascheln die Scheine, da winkt das Vergnügen. Es ist aber auch noch ein anderes Erbe in seinem Gepäck. Das Erbe seiner persönlichen Geschichte. Die Bilder der Vergangenheit wird er nicht los. Er will diese nicht sehen, weil er die Welt gerade in vollen Zügen genießen will, da stört das lebensgeschichtliche Erbe.

„Er führt ein zügelloses Leben!“, so steht es im biblischen Text. Da wird die Post abgegangen sein, stelle ich mir vor. Jenseits aller Regeln von Moral und Anstand wird er gezockt, geliebt, gedealt haben. So ein pralles Leben, das viele moralische Ordnungshüter sicherlich verwerflich nennen würden.

Musik III: Philippe Guez, „Family“

Tja. Und dann kommt es, wie es kommen muss. Er verliert den Überblick über sein Leben. Schluss mit lustig. Das Geld ist weg, es bleibt die blanke Realität von Armut, Hunger, irgendwie überleben und – das ist wohl die schwierigste Herausforderung – die individuelle Freiheit wird zur Einsamkeit. Er ist auf einmal allein.

Kein Wunder? Wie soll er auch seine Lebensgestaltung überblicken? Er hat ja bisher im elterlichen System gelebt – wohlbehütet. Da war alles überschaubar, da gab es klare Regeln. Er kannte weder die Abgründe des Lebens noch die subtilen Zwischentöne. Er kannte nur ein entweder – oder. Deshalb war es zuhause ja nicht auszuhalten. Deshalb wollte er ja nix wie weg. Jetzt der Lernprozess – nach den Extremen: Dass dazwischen das wirkliche Leben ist, das muss er lernen.

Der Reihe nach: Er ist am Ende. Perspektivlos übernimmt er Jobs. Das muss ja klappen, denn er will ja nicht zurück. Das wäre ja ‘ne richtige Demütigung, Eingeständnis des eigenen Scheiterns, klein beigeben. Ne, kleinbeigeben, will er nicht. Also weiter von Tag zu Tag kämpfen. Er kennt hier in der Fremde niemanden. Er ist ein Niemand. Ein Niemand zu sein, heißt allerdings, nicht angesprochen zu werden, heißt, keine gemeinsame Erinnerung zu teilen, nicht eingeladen zu werden, jedem gleichgültig zu sein. In diesen dunklen Stunden „geht er in sich“, wie es heißt. Er horcht in sich hinein. Und er spürt genau da, wo alles zu Ende scheint, das Erbe seiner persönlichen Geschichte, die Bilder seiner Vergangenheit. Dieses „in sich gehen“ heißt, eine innere Drehung vorzunehmen. Er überschaut sein bisheriges Leben, sein lebensgeschichtliches Skript und spürt, da war doch Mehr als nur ein erdrückendes System.

Dieses Erbe ist ein lebendiges, das nicht auf den Kopf gehauen werden kann. Es ist das Erbe von Menschen, die ihn ein Leben lang begleitet haben, von Gesichtern der Zuwendung und Zärtlichkeit, von Behütetsein und Sicherheit. Es ist das Gefühl von Angenommen Sein.

Welch ein Mut gehört dazu, jetzt aufzustehen und nach Hause zu gehen. Der Sohn gesteht sich sein Scheitern ein: Ja, ich bin am Ende und ich weiß, ich habe da ‘ne Menge verbockt.

Ich frage mich an dieser Stelle: Ist der Rückweg nach Hause eine Entscheidung der Bequemlichkeit oder eine echte Erkenntnis? Sicher sehnt er sich nach Vertrauten, nach Menschen, die ihn kennen und mit Namen ansprechen und die ihm gut sind. Ich unterstelle ihm mal, er hat was vom Leben gelernt. Gelernt, dass ein Abbruch von Beziehungen auch emotionale Einsamkeit bedeutet, dass das ganze Geprotze und extrovertierte Gehabe keine tragfähigen Beziehungen schaffen. Ja, Leben tickt anders. Der Sohn, der durch seinen Reifungsprozess innerlich zu einem jungen Mann geworden ist, hat es jetzt wohl verstanden und weiß: Nur im täglichen Einsatz für gelingende Beziehungen und dem berechtigten Wunsch, mich selbst wahrzunehmen und einzubringen, kann Leben gelingen.

Musik IV: Sweat Pink, “Pink family”

Der junge Mann steht auf und geht. Er geht den langen Weg zurück aus einem fremden Land in seine Heimat. Im Gepäck Angst, abgewiesen zu werden. Wollen sie mich da noch zu Hause? Spüren sie meine Veränderung und geben mir ‘ne Chance? Noch um die letzte Wegkurve, dann sieht er sein Elternhaus. Es steht da, als ob er nie weggewesen wäre, vertraut kommt es ihm vor, aber es ist keine Leichtigkeit in seinem Schritt. Doch dann wird sein Name gerufen, er wird erkannt, so abgewrackt wie er aussieht. Vertraute Stimme. Der Vater ist es, der ihm entgegenläuft. Und der Sohn spürt: „Ich glaube, er hat mich vermisst, er erwartet mich, ich werde willkommen geheißen, ich werde berührt.“ Jetzt erkennt der Sohn, welche Not der Vater ausgehalten hat. Nicht nur der Sohn – nein auch der Vater ist wie erlöst.

Welche Qualen werden die Eltern erlebt haben? Und das ist bis heute so, wenn Kinder weggehen – ohne Abschied – ohne Rückendeckung, in die Fremde des Lebens.

Nun ist der Sohn als junger Mann zurückgekehrt. Er gibt sich echt kleinlaut, spricht von Sünde und davon, nichts mehr wert zu sein. Davon allerdings will der Vater nichts hören. So denkt er nicht. Der Vater ist ein lebenserfahrender Mann. Er weiß, dass Wege, die augenscheinlich im Chaos enden, nicht umsonst gegangen werden. Es sind Erfahrungswege zum eigenen Inneren. Sie sind notwendig, um dem Sohn Sicherheit für sein zukünftiges Handeln zu vermitteln. Der junge Mann kennt sich jetzt besser aus, um seine Wünsche abzuwägen, und um vertraute Strukturen besser zu bewerten. Er wird überwältigt von der Reaktion des Vaters. Dicke Fete, mit allem Drum und Dran, leckeres Essen, guten Wein, Musik. Er bekommt sogar einen Ring. Ein Symbolgeschenk für eine nie endende Verbindung zwischen Sohn und Vater.

Ich glaube nicht, dass der Vater mit diesem Geschenk seinen Sohn an sich binden will oder einen erneuten Weggang zu verhindern sucht? Der Vater erinnert mit diesem Geschenk viel mehr den Sohn daran, dass er nie vergessen wird, egal, welche Wege im Leben er auch geht. Die Verbindung hat Bestand!

Musik V: The Cranberries, “Ode to my family”

Sohn zuhause, Eltern erleichtert. Jetzt könnte es eigentlich richtig gut sein mit dem Familienfrieden. Wenn da nicht der ältere Sohn wäre. Der findet das gar nicht so dolle. Fete, für den abgezockten Bruder? Erst haut der ab und lässt den Vater verzweifelt zurück. Daher musste er, der Ältere für zwei arbeiten. Dafür soll der Jüngere jetzt auch noch belohnt werden? Das ist echt ungerecht. Ja, der Ältere wird richtig zornig. Lässt seine angestaute Wut endlich raus. Gutes Zureden des Vaters nutzt da nix. Er streitet mit ihm, gibt ihm Widerworte. „Nie habe ich dein Gebot übertreten, nie konnte ich ‘ne Fete feiern!“

Er, der Ältere, ist der Angepasste, der sich ins System gefügt hat. Er hat wenig erlebt, arbeitet in der väterlichen Landwirtschaft und guckt voller Neid auf seinen Bruder. Der hat was gewagt, was erlebt, sich ausprobiert. Genau das hätte er auch sicherlich gerne gemacht, was anderes tun, mal raus aus der Arbeitsroutine, einfach unbeschwert sein. Aber nein, ging ja nicht. Es reicht, wenn einer aus der Reihe tanzt. Dazu kommt: Er, der Ältere sehnt sich nach der Anerkennung des Vaters, sein Lob würde ihm gut tun. Der Vater aber moralisiert jetzt, wo der jüngere Sohn zurückgekommen ist: „Man muss sich doch mitfreuen“, sagt er. Ne, muss man nicht. Der Ältere hat ein Recht die ungleiche Behandlung des Vaters zu benennen.
Er tut gut daran, seine Wut zu äußern. Denn nur so kann der Vater verstehen: Familienleben ist immer in Bewegung und nicht durch väterlichen Willen in Stein gemeißelt.

Schade nur, dass der ältere Sohn erst jetzt, in dieser Situation der offensichtlichen Kränkung seine Lebenssehnsucht ausspricht.

Am Ende des Gleichnisses kommt es für mich zu einer Überraschung: Der Vater appelliert an den älteren Sohn, sich doch bitteschön mitzufreuen und mitzufeiern. Aber ob der Ältere die Einladung annimmt, davon erzählt das Gleichnis nichts. Hier eröffnet sich ein weites Feld der Spekulationen. Ich vermute, er wird zum Fest gehen, mit brummeligem Blick, die Hände in den Hosentaschen vergraben und dem Gefühl, das Leben verpasst zu haben. Und vielleicht wünscht er sich, sein kleiner Bruder käme auf ihn zu und sähe seine Enttäuschung. Und was wäre das für eine Begegnung, wenn der jüngere Bruder seinem älteren Bruder sagt: „Komm, ist nicht gut gelaufen, hab dich echt in die Pfanne gehauen. Ich konnte nur nicht anders. Lass uns reden, wie es war und wie es sein könnte. Wir gehören doch zusammen.“ Und genau das gehört zu einer familiendynamischen Entwicklung: Komm, lass uns reden.

Musik VI: Sister Sledge, „We are family”

Es grüßt Sie herzlich aus Essen Barbara Mikus-Boddenberg

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