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Das Geistliche Wort | 24.04.2022 | 08:40 Uhr

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Tango - die Kunst zu überleben

Musik: live Klezmer

 

Autorin: Seit 1700 Jahren leben Juden und Jüdinnen in Deutschland. Um dieses Jubiläum angemessen zu feiern, hat der Verein „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ bundesweit 1800 Veranstaltungen organisiert. Da Corona den Kulturschaffenden immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, sind die Feierlichkeiten um sechs Monate verlängert worden.

 

O-Ton: Das ist ein sehr schöner Anlass, um eben jetzt Kultur auf die Bühne zu bringen und immer kleine Fenster zu öffnen. Für mich sind diese 1700 Jahre kulturell kleine Fenster, die geöffnet werden, wo man mal hineinschauen kann. Es hilft verschiedene Facetten der jüdischen Kultur und auch der deutschen Kultur zu beleuchten.

 

Autorin: Sagt Sharon Brauner, Schauspielerin und Tänzerin. Mit dem Stück „Tango – die Kunst zu überleben“ öffnet sie eines dieser Fenster: Einer wunderbaren Begegnung zwischen ihr und der Tänzerin Rosalie Wanka. Im Oktober 21 hatte das Stück Premiere in Bonn und geht jetzt im Juni wieder auf Tournee.

 

O-Ton: Einen wunderschönen guten Abend meine Damen und Herren. Herzlich willkommen zu Tango-die Kunst zu überleben. Es erwartet sie nicht nur noch mehr Tanz von der wunderbaren Rosalie Wanka, die Sie gerade gesehen haben, sondern auch ein kurzer Abstecher in die Welt des Tangos und auch ein ganz kurzer Abstecher in die jüdische Welt.

 

Autorin: Die Idee des Stücks: Den gemeinsamen Nenner zwischen Juden und Nicht-Juden zu suchen. Nach dem zu fragen, was allen Menschen gemeinsam ist. Egal ob Jude oder Nicht-Jude. Es sind die existenziellen Bedrohungen, das Gefühl von nicht mehr weiterwissen, am Ende zu sein. Und was die meisten auch kennen ist: die Kunst, zu überleben. Besonders viel können jene darüber erzählen, die man auslöschen wollte. Und wo sie selbst nicht mehr berichten können, erinnern sich ihre Kinder und Enkelkinder.

 

O-Ton: Es fällt mir auch immer schwer zu sagen, dass ich eine Jüdin bin, weil ich eben nicht religiös bin, aber aus einer jüdischen Familie komme. Und ich bin so eine Berliner Göre, dass ich mich damit so vielmehr identifizieren kann als mit irgendwas anderem.

 

Musik: Klezmer live


O-Ton: Wenn man das Judentum verstehen möchte, dann muss man ganz vorne anfangen. Und am Anfang und am Ende und Maßstab aller Dinge ist die jüdische Mutter. Und es gibt auch nur ein Gesetz: Sie hat immer Recht. Und ich muss das wissen, weil ich bin selber eine. Kennen sie den Unterschied zwischen einem Pitbull und einer jüdischen Mutter? Der Pitbull, der lässt irgendwann mal los. Und davon handelt auch das erste folgende Lied, das wir mitgebracht haben.

 

Autorin: Von der erdrückenden Liebe und Fürsorge der jüdischen Mutter. Die ihrem Sohn ganz viel anzieht: Schal, Mantel, Handschuhe, damit er nicht friert. Dabei träumt der Junge davon, frei wie ein Vogel zu sein. Er klettert auf einen Apfelbaum, kann seine Flügel aber nicht mehr heben.

 

Musik: Oyfn Veg shteyt a Boim live

 

O-Ton: Diese jiddischen Lieder gleichen für mich einem Schatz; deswegen habe ich da auch zwei CDs gemacht, die ich „juwels“ genannt habe, weil es Schätze sind, die so viel Lebensweisheit zum Teil in sich tragen und eben auch Humor, weil man diesen Humor braucht, um zu überleben.

 

Autorin: Sharon Brauner ist die Tochter von Holocaust Überlebenden. Die 52-jährige gehört zur sogenannten second generation, der zweiten Generation. Der Holocaust saß bei ihnen zu Hause am KüchentischIhr Vater stammt aus Polen, den Krieg hat er in Russland überlebt. Mit seinen Eltern und Geschwistern hat er jiddisch gesprochen.

 

O-Ton: Und mit seinen Freunden, wenn er Karten gespielt hat, als ich ein Kind war und die hatten zum Teil Nummern eingraviert, tätowiert auf dem Arm, was ich dann später natürlich mitbekommen habe, dass das Ausschwitz Überlebende waren, und da bin ich so ein bisschen in deren Welt eingetaucht.

 

Autorin: Ohne zu wissen, was der Holocaust gewesen ist. Eher zufällig hat sie später herausgefunden, was den Überlebenden guttut. Als ihr Vater Geburtstag hat, singt Sharon ein jiddisches Lied für ihn.

 

Musik: Bei mir bist du schön, CD „Lounge Jewels Sharon Brauner sing Yiddish Evergreena“, LC 15316, 2013 Solo Musica.

 

Autorin: Was sie bei ihrem Vater und seinen Freunden gespürt hat:

 

O-Ton: Dass denen das gut tut, dass denen das was bedeutet, wenn sie sehen, dass es doch weitergeht und das es eine Kontinuität gibt und dass diese Sprache nicht gerade komplett in Vergessenheit gerät, sondern dass die Kinder und Enkelkinder eben diese Tradition aufrecht erhalten frei nach dem Motto: „Tradition ist nicht das Bewahren und Halten der Asche, sondern die Weitergabe der Fackel“. Und dann habe ich für diese Leute angefangen zu singen, und bin in ein jüdisches Altersheim gegangen und hab da für diese Menschen gesungen.

 

Autorin: Es geht doch weiter – unsere Kultur lebt - man hat uns nicht komplett vernichtet – Gefühle und Gedanken, die den Überlebenden gut tun. Die Muttersprache ist für jede und jeden so etwas wie Heimat. Aber es ist nicht nur die jiddische Sprache, es sind auch die Inhalte der Lieder. Es geht um die jüdische Identität, um die Weitergabe der Fackel, des Feuers, der Tradition wie Sharon Brauner es nennt. Um das, was lebt und leben soll. In diesen Liedern geht es um die Weitergabe der Fackel, des Feuers, der Tradition.

Wie Holocaust Überlebende überhaupt weiterleben haben können nach dem, was sie erlebt haben, das hat Sharon Brauner sich immer wieder gefragt. Heute gibt es dafür das schöne Wort Resilienz – Überleben trotz widriger Umstände.

 

O-Ton: Das ist ein Begriff, aber begreifen werde ich das wohl nie. Vielleicht ist es einfach Stärke oder die Kraft der Liebe. Ich weiß es nicht.

 

Autorin: Vielleicht. Etwas von dem, was Resilienz ausmacht, hat Sharon Brauner bei ihren Eltern beobachtet.

 

O-Ton: Ich weiß nur, dass mein 98-jähriger Papa sich an allem erfreut, was es so gibt. Ob das ein Sonnenstrahl ist, ein Marmeladenbrot, ein schönes Mädchen, das vorbeigeht, sein täglicher Wodka was auch immer. Und genauso meine über 80-jährige Mutter. Und von den beiden habe ich gelernt, das Leben zu umarmen und zu lieben und sich über all das zu freuen, was man hat. Auch wenn es nur Erinnerungen sind.

 

Autorin: Davon handelt ein weiteres Lied in dem Stück „Tango – die Kunst zu überleben“.

 

O-Ton: Es geht um Erinnerungen an Menschen, die es nicht mehr gibt. Aber diese Erinnerungen, die immer wieder kommen und manchmal sind sie schön, manchmal furchtbar schmerzhaft, wie eine Melodie, die manchmal eine Freude ist, manchmal aber auch ein furchtbarer Ohrwurm.


Musik: Friling live


Autorin: Dieser Tango „Friling“ ist sehr bekannt. Geschrieben von dem Komponisten Shmerke Kaczerginski 1943 in Litauen, im Ghetto von Wilna. Er hat den Tango für seine Frau geschrieben, die gerade verstorben war. In dem Stück bittet er den Frühling, ihn von seiner Trauer zu erlösen.

 

Musik: Tango Piazzola live

 

Autorin: Dieser Tango von Astor Piazzola bringt für mich die unendliche Sehnsucht, den Schmerz, das Heimweh der verlorenen Seelen zum Ausdruck. Für sie ist der Tango ein Stück Heimat. Zumindest für diese berühmten drei Minuten – die Dauer eines Tangos. Das ist schon so in Buenos Aires gewesen - in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals lebten dort 250.000 jüdische Immigranten – viele von ihnen sind Musiker gewesen und hatten ihre Lieder aus Osteuropa mitgebracht. Als es in Paris en vogue wurde, Tango zu tanzen, da sind die jüdischen Musiker wieder nach Europa gereist, um damit Geld zu verdienen. Zu dieser Zeit sind viele jüdische Tangos entstanden, die durchaus Humor beweisen.

 

O-Ton: Wie das Folgende. Da geht es um eine Frau, die sich für unwiderstehlich hält und einen Mann auffordert sie so zu packen, wie das nur ein Mann kann, der sich von me too nicht beeindrucken lässt. Das ist quasi eine Aufforderung zum schlechten Benehmen in einer Zeit, wo man das noch männlich nannte.

 

Musik: live Tango el Choclo

 

Autorin: „Der Tango ist ein Stück Heimat für die Heimatlosen – die Zugewanderten, aber auch für die innerlich Immigrierten,“ sagt Rosalie Wanka. Sie tanzt Tango, seitdem sie dreizehn ist, hat mehrere Jahre in Buenos Aires gelebt und hat dort sogar eine eigene Tanz-Companie gegründet. Sie weiß, was es heißt, in der Diaspora zu leben, auch in der inneren. Und hat diese Erfahrung in einem Tanzstück verarbeitet. „Landschaften meiner inneren Diaspora“, nennt sie es. Eigentlich kennen alle die „innere Diaspora“, Juden und Nicht-Juden. Das Verloren sein, das Sich-fremd-fühlen, das Wegwollen, obwohl man doch gerade erst angekommen ist.

Für Rosalie Wanka ist das Tanzen auf einem Tango Tanzabend, einer sog. Milonga, ihre Kunst zu überleben. Sie sagt: „Die Milonga ist ein Ort, der mein zu Hause ist. Weltweit. Egal, wo ich hinkomme, überall gibt es eine Milonga. Ich kenne den Dresscode, den Verhaltenskodex, die Typen.“ Wer selber Tango tanzt, muss jetzt schmunzeln. Weil: Es ist tatsächlich so. Und alle, die Tango tanzen, kennen den Libertango von Astor Piazolla.

 

O-Ton: Wenn man sich diesen Text mal anschaut, was ich getan habe, ist mir aufgefallen, dann fällt Ihnen auf, dass der sehr düster und morbide ist. Und man kann ihn eigentlich so verstehen, dass es um einen Stalker geht, den man gerade abgeschüttelt hat und der dann doch wieder auftaucht. Oder eine Depression. Man dachte, man hat sie gerade überwunden und plötzlich befällt sie einen wieder. Oder eben Judenhass, den man gerade glaubt durch Vernunft besiegt zu haben, der dann aber wie ein Virus an der nächsten Ecke wieder auf sein Opfer wartet. Und deswegen kommt jetzt eine jiddische Version.

 

Musik: Live Libertango von Astor Piazolla, Jiddischer Text: Sharon Brauner, Arrangement: Harry Ermer, Live-Mitschnitt

 

O-Ton: 1700 Jahre jüdisches Leben im deutschen Sprachraum. Wir reden also vom Jahr 321. Katastrophen, Unwetter, Kriege, Seuchen, das gab es ja alles schon zu der Zeit. Also im Prinzip haben wir eigentlich immer dann Glück, wenn das Unglück nicht zuschlägt. Und die Juden können davon nicht nur ein Lied singen und deswegen haben wir gleich mehrere Lieder über das mitgebracht, was eigentlich das Wichtigste im Leben ist. Das Glück.

 

Musik: live Glick Medley

 

Autorin: Ja, manchmal ist es eben auch das Glück, das Menschen rettet. Das was hinzukommt. Plötzlich und unerwartet. Das wir nicht in der Hand haben. Bei den Proben und Aufführungen dieses Tanztheaterstücks habe ich Sharon Brauner kennengelernt.

Mit ihr habe ich wirklich Glück gehabt. Sie ist so sympathisch, die kleine zarte Frau auf den hohen Absätzen, sie ist so offen für Begegnung und so frei von: „Wer bist du, dass ich überhaupt mit dir rede.“ Sie ist so spontan, plaudert mit jedem, der ihr über den Weg läuft und hilft, wo sie kann. „Jüdische Künstlerin“ soll ich sie nicht nennen. Damit stecke ich sie in eine Schublade, aber wenn ich das Schubladendenken brauche – bitte sehr. Sie sagt, sie glaubt an die Macht der Liebe. Das ist ihre Religion.

 

Musik: live Glick Medley

 

Autorin: Sharon Brauner ist so unglaublich lebendig, so kommunikativ – so ernsthaft und so humorvoll. Sie repräsentiert ein Judentum, mit dem man was zu tun haben will.
Die Eltern von Sharon Brauner haben ihren Töchtern gesagt: „Warum haben wir den Holocaust überlebt, wenn ihr Euer Leben vergeudet.“

 

O-Ton: Und das ist vielleicht auch noch so eine sehr jüdische Eigenschaft, dass man probiert, das Beste aus der Situation herauszuholen. Das wirklich Allerbeste für alle Beteiligten zu machen.

 

Autorin: Eine Freundin von mir hat jüdische Wurzeln. Als Kind hat sie gelernt, ihr jüdisch sein zu verheimlichen. Nach der Aufführung sagt sie: „Jüdisch zu sein, ist ja doch was Tolles. Zeit, dass ich mich mal mit meiner jüdischen Seite beschäftige. „Da ist ein Funke der Fackel übergesprungen. „Tango – die Kunst, zu überleben“ ist Anfang Juni gleich in mehreren Städten zu sehen. Unter anderem gibt es auch ein Benefizkonzert für die Ukraine. In der Dortmunder Synagoge am 9. Juni. Alle Termine finden Sie auf der Homepage. Tango-die-Kunst-zu-ueberleben.

 

Musik: live Padam, Padam

 

Autorin: Im vergangenen Jahr haben die antisemitischen Straftaten zugenommen. Die 1800 Veranstaltungen im Rahmen des Jubiläums „1700 Jahr jüdisches Leben in Deutschland“ haben das nicht verhindert. Leider. Was uns bleibt, ist wachsam zu bleiben. Antisemitische Anfeindungen nicht zu dulden. Aufzustehen und uns schützend vor unsere Geschwister im Glauben zu stellen.

Vergessen wir nicht: Wir alle sind Menschen unter Menschen. Existenziell bedroht, durch Krankheit, Krieg, Hunger. Und wir alle wollen überleben. Dazu bitten wir um Gottes Hilfe, in der letzten Musik, einem jüdischen Gebet, das mit unserem Vaterunser vergleichbar ist.

 

Ich wünsche ihnen allen einen friedvollen Sonntag,

Ihre Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius aus Wuppertal.


Schluss-Musik: Adon Olam

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

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