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Das Geistliche Wort | 16.06.2022 | 08:40 Uhr

Den Chef vergessen

Franz Kafka gelingt es – zugegeben- nicht sehr oft mich in seinen Bann zu ziehen. Irgendwie habe ich nie einen Draht zu ihm bekommen. Obwohl ich der Literatur an sich ja zugetan bin. Aber Kafka? …

Eine Ausnahme gibt es: Seine Kurzgeschichte „Ein Hungerkünstler“ hat mich seit Schulzeiten bewegt und auch irritiert. Nicht nur deshalb, weil uns in unseren Tagen die Erscheinung eines Hungers, der auch noch Kunst sein soll, eher verstört. Hunger, der gehört ja schließlich abgestellt!

Kafka erzählt aber von einem solchen Künstler und davon, wie er durch die Lande zieht und Bewunderung und Applaus – also quasi als „Brot des Künstlers“- für sein Hungern und den Verzicht auf Nahrung erntet. Mehr noch: er genießt es, dass die Menge ihn bewacht und akribisch beobachtet um ihn zu überführen, dass er doch irgendwie heimlich essen müsse…Das, so sagt er, erleichtere ihm sogar das Hungern und sporne ihn an.

Dann aber die Wende in der Erzählung: Die Menschen wollen ihn nicht mehr sehen und dieser Umstand bringt ihn zu einem Zirkus. Nicht im Hauptprogramm, sondern am Rande der Vorstellung findet er seinen neuen Ort. Irgendwie… abgestellt. Dort sitzt der Hungerkünstler, zwischen Zirkuszelt und Raubtiergehgen, in einem Käfig, wo er vor sich hin hungern kann. So gut wie unbemerkt. Leute, die früher eigentlich wegen ihm kamen, ziehen nun einfach vorbei und registrieren ihn und die Tafel mit der Aufschrift seiner Hungertage (wenn überhaupt) nur zufällig.

Man vergisst ihn und eines Tages schauen die Zirkusleute beiläufig in den Käfig und sehen… nichts! Halbtot und abgemagert zieht man ihn heraus. Was für eine Tragik.


Ketil Bjornstad: Floating. Ab 5:10

https://www.youtube.com/watch?v=53brST0OetU


Und dann: Fronleichnam. Heute vielleicht nicht weniger unverständlich, als Kafkas Hungerkünstler. Heute feiern die Katholiken dieses Fest Fronleichnam: Ein einfaches Stück Brot (und noch nicht mal eines der schmackhaftesten Sorten) wird in einem goldenen Tragegefäß durch unsere Straßen getragen. Brot, das einzig und allein aus Wasser und Mehr besteht. Gestanzt in kreisrunde Oblaten. Durch das Gebet der Gemeinde
und des Priester wird dieses unscheinbare Brot zu weitaus mehr: zum „Leib Christi“. Das muss man erst mal verdauen.- und das eben auch im übertragenen Sinne. Wir Katholiken tragen dieses Brot in der Monstranz durch unsere Straßen und Orte, weil wir glauben, Jesus müsse und wolle und solle mal „an die frische Luft“. Die Welt brauche ihn und die Menschen dieser Zeit auch. Aber eigentlich ist es doch anders. Die „Entkirchlichung“ schreitet voran. Immer weniger Menschen kennen diesen Jesus. Die Skandale und Katastrophen der Kirche machen zunehmend Menschen sprachlos, wütend und lassen viele Menschen mit einem bitteren Geschmack der Ohnmacht zurück. Jesus, so meine wir Kirchenleute, wird kaum noch verstanden und für den lieben Gott ist kaum noch Platz. Und dann holen wir Gold, Silber und Blasmusik raus, mobilisieren Mann und Maus und bringen ihn „vor die Türe“. Wir tragen ihn, so ist das zunehmend mein Eindruck, durch Straßen an denen oft schon längst der traditionelle Wegealtar gewichen ist gegen das verdutzte Staunen der Brötchenkäufer in den Schlangen vor den Bäckereien. Vor drei Jahren rief ein Mann bei so einer Fronleichnamsprozession, hier in Kevelaer aus dem Fenster: „Ihr habt den Chef vergessen!“. Puh! Das hatte gesessen… und vielleicht stimmt es auch irgendwie?!

Schumann: Romanze Opus 94 Nr. 2 – Albrecht Mayer

https://www.youtube.com/watch?v=ENp3-sH8f8w&list=OLAK5uy_kDJt_AVL_1XmwC0cpldMA5-EeCxyl-aJE&index=3


Sie erinnern sich an Kafka und seinen Hungerkünstler? Als der geschwächt und abgemagert aus seinem Käfig gezogen wird, kommt er mit den Zirkusleuten ins Gespräch: „Hätte ich sie gefunden, die Speise, die mir schmeckt, glauben sie mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle!“. Das irritiert die Zirkusleute: Er hat also nicht aus Applaus- und Bewunderungssucht gehungert, sondern, weil er an nichts Geschmack fand, was sich ihm bot.
Er war (um das Bild zu deuten) irgendwie appetitlos und ihm fehlte der eine, besondere, schmackhafte „Appetizer“, der ihn wirklich „betraf“. Kafkas Hungerkünstler hungert vor allem nach etwas, das ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Etwas, das seine Vorlieben und seinen Geschmack ernst nimmt.
Er wollte wirklich satt werden…
Wahrscheinlich ist das heute mit vielen Gläubigen, oder ehemaligen Kirchenmitgliedern nicht viel anders. Vielleicht liegt genau da der Denkfehler im „System Kirche“.

Francis Poulenc: O magnum mysterium (Voces 8) ab 0:19

https://www.youtube.com/watch?v=dSq4wM-yAqA

Bei der Fronleichnamsprozession vor drei Jahren in Kevelaer rief ein Mann jedenfalls zwischen Altar eins und zwei aus dem Fenster den Menschen zu: „Ihr habt den Chef vergessen!“. Wahrscheinlich hat das kaum einer gehört, oder wir gingen irgendwie betreten darüber hinweg. Vielleicht setzte direkt danach auch die Blasmusik ein und wir sangen aus vollem Halse „Deinem Heiland, deinem Lehrer“…. Tja: Was würde dieser Jesus, den wir Christen ja den Heiland nennen, in dieser Situation „heil machen“ wollen? Was würde er uns, seine Kirche, lehren? Vielleicht, ich bin da nicht sicher, würde er uns tatsächlich vorhalten, dass wir ihn vergessen haben. Also klar: ich bin überzeugt, dass er in der Hostie dabei war… aber vielleicht haben wir seinen Geist vergessen? Vielleicht ist diese unbeirrbare Liebe, Sanftmut und dieser Tick, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind – vielleicht ist das alles noch irgendwo in den Kirchen und den hintersten Ecken weggesperrt? Vielleicht ist es so, weil wir Angst haben, dass uns dieses „Ernstmachen“ mit seiner Idee doch mehr abverlangen könnte, als ein Umzug mit Glanz, Gloria und Blasmusik und vielleicht das „Pfarrfest danach“? Vielleicht nehmen wir von Kirchens nicht ernst, durch welche Straßen wir diesen „Heiland und Lehrer tragen“. Viel schlimmer noch: Wir übersehen die vielen Menschen hinter den Fassaden den Häuser und Wohnungen… vor allem, die die nicht mehr mitgehen, oder grade auf leckere Brötchen warten.

Ola Geijlo: Ubi Caritas (Voces 8) ab
0:33

https://www.youtube.com/watch?v=JnfJL-fFMbU

Hinter den Fenstern und Türen dieser Häuser und Wohnungen wohnen und leben Menschen und sie leben dort mit ihnen ihre Geschichten und Erfahrungen.

Da leben ihre Ängste… vielleicht davor, dass sie nicht mehr gesund werden, oder sie einsam bleiben werden… wer weiß!

Da leben ihre Verletzungen. Vielleicht solche, die nicht heilen wollen. Die Trauer, die einfach nicht aufhören will und lähmt.

Da leben Menschen, die einander lieben. Egal ob sie Mann, oder Frau sind, und die sich der Vielfalt und Buntheit eigentlich nicht schämen müssten.

Das alles liegt am Wegrand jeder Prozession, die heute durch die Straßen der Dörfer und Städte zieht. Und – jetzt kommts – um das geht es heute. Sonst müssten wir von Kirchens Jesus ja da nicht hinführen. Fronleichnam ist nicht zuerst eine Demonstration unseres Glaubens und unserer vorbildlichen Frömmigkeit. Wir tragen eben nicht unsere Kirche und ihre Lehren vor die Türen unserer Kirchen, nicht unsere kaputten Systeme und ihre lähmende Erscheinungsform. Wir tragen Jesus heraus…

Er war es ja, der Lähmungen erst nahm und der es schaffte Menschen wieder mobil zu machen und herauszuholen, in die Mitte der Gesellschaft.

Seine Lehre ließe eigentlich die Augen auf und übergehen, wenn er sagt, den Kindern gehöre das Himmelreich und ihnen solle nichts zugefügt werden.

Jesus war es, der Trauernden Menschen, mitten im einsetzenden Verwesungsgeruch das Leben zurückgeben konnte.

Dieser Jesus liebt alle, versteht alle, nimmt alle mit, spricht alle an, steht in jeder Brötchenschlange am Prozessionsrand und nickt wahrscheinlich am Fenster neben dem Menschen, der fragt, ob wir von Kirche den Chef vergessen haben.

Die Frage, die hatte nämlich gesessen. Die Frage, ob wir ihn, den Chef, den „Heiland und Lehrer“ vielleicht vergessen hätten. Ich frage mich das auch und denke an den Hungerkünstler von Kafka. Er hatte gehungert, weil er nichts fand, was ihn Appetit bekommen ließ. Nicht unwahrscheinlich, dass es vielen Menschen mit der Kirche heute auch so geht. Vielen ist der Appetit vergangen. Sie tragen die quälende Frage vor sich her, ob es irgendetwas in diesem „Laden Kirche“ gäbe, was es schaffen könnte, ihnen Hunger zu machen und an dem sie Geschmack fänden. Sie finden diesen Geschmack vielleicht selten, zu selten und deswegen gehen sie. Ich kann das oft verstehen… und ich frage mich selber: bin ich, sind wir so unappetitlich? Und: Wie könnten wir das mal wieder ändern?


John Rutter: A Clare Benediction (The Cambridge Singers) Ab: 1:29

https://www.youtube.com/watch?v=4amyhUC4is8

Vielleicht wundern Sie sich? Nein! Keine Sorge: Ich traue diesem Jesus noch viel zu und damit eigentlich auch seiner Kirche. Aber es müsste irgendwie gelingen, die Hungerkünstler dieser Tage zu finden. Menschen, die nicht hungern und denen nicht etwas fehlt, weil sie damit anders sein wollen, unangepasst, und applaussüchtig, sondern denen etwas an UNS (also der Kirche) fehlt. Wie werden wir wieder appetitlich? Das wäre die Frage. Zu allererst sollten wir heute schon überprüfen, ob wir den Chef (also Jesus) dabei haben… also auch und besonders im Herzen. Und dann müssten wir das annehmen, was wir singen: Wir brauchen Jesus als „Heiland und Lehrer“. Er ist in diesem unscheinbaren Brot dabei, das wir der Welt zeigen wollen. Hilde Domin sagte einmal: „Denn wir essen Brot, aber wir leben von Glanz.“ – Das müsste die Botschaft dieses Festes sein. Das, was wir essen, was vom Brot (so glauben wir) in Jesus verwandelt wurde, muss so glänzen, dass es Appetit und Hunger auf das Leben macht. Es geht kein Weg daran vorbei: Uns sollten mehr denn je jene Menschen interessieren, die nicht mit bei der Prozession gehen. Und: Wir Katholiken sollten diese trotzdem gehen und trotzdem froh und kräftig die Lieder singen, vom „Heil der Welt, dass zugegen ist“ und eben vom Heiland und Lehrer. Wir gehen diesen Weg nicht für uns, sondern für die Menschen. Gemeinschaft mit ihnen (ob hinter den Scheiben, oder in der Brötchenschlange) ist dann der vollendete Glanz der Kirche… von diesem Glanz leben wir.

Ich wünsche diese Vorstellung vom Glanz und die Neugierde am Menschen heute allen Fronleichnamsprozessionen. Ich wünsche mir, dass es gelingt die echte und ehrliche Botschaft dieses Jesus mitzunehmen und sie nicht zu vergessen.- Egal ob man Fronleichnam auf der Domplatte in Köln feiert, oder in einem kleinen Dorf in Ostwestfalen.

Der "Hungerkünstler" von Kafka ist dann übrigens mehr eine Parabel als es eine Kurzgeschichte. Es geht zuerst um eine altbekannte Wahrheit: Menschen brauchen Anerkennung! So wollte es übrigens auch Jesus! Vergessen wir ihn heute nicht und: seien wir appetitlicher!


W. A. Mozart: Ave Verum (Consonanz a / Elmar Lehnen)


https://www.youtube.com/watch?v=FPabgzYQ7II

Darin: Aus Kevelaer grüßt sie: Bastian Rütten.

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