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Das Geistliche Wort | 26.06.2022 | 08:40 Uhr

Sommersonnenwende

Oh Schreck, die Tage werden schon wieder kürzer. Vor fünf Tagen war ja bereits Sommersonnenwende. Und das heißt: der Sommer – gerade erst angefangen – geht schon wieder zu Ende. Bald liegen die Strohballen auf den Feldern und die Ernte ist eingefahren. Danach wird es Herbst, die Lebkuchenherzen und Spekulatius kommen in die Supermärkte, Allerheiligen, Weihnachten und schon ist das Jahr 2022 vorbei. So schnell geht das!


Gerade zur Sommersonnenwendezeit erfasst mich so eine Melancholie. Ich nenne sie die Melancholie der zweiten Halbzeit. Und je älter ich werde – ich bin jetzt 53 Jahre alt –, desto empfindlicher werde ich für dafür, denn wie beim Jahreslauf in der zweiten Hälfte die Tage kürzer werden, so kommt es mir auch für den Lebenslauf vor: In der zweiten Hälfte werden die Jahre kürzer. Die Zeit fliegt immer schneller dahin. Trotzdem erstmal: Guten Morgen!


Musik I: Reinhard Mey, 50 -was jetzt schon


Die zweite Halbzeit – anders als in einem Jahreskalender – die kann man im richtigen Leben ja gar nicht so eindeutig bestimmen, weil man die Gesamtlänge seines eigenen Lebens nicht kennt. Und selbst wenn man 50 Jahre alt ist, gilt doch das, was Reinhard Mey in dem schönen Geburtstagslied „50 -was jetzt schon?“ besungen hat: „Nun, auch ein großer Optimist weiß, dass dies nicht die Halbzeit ist.“[1]

Wenn es darum geht, die Halbzeit festzustellen, sprechen Psychologen von der „Midlife-Crises“ und verorten sie so zwischen dem 35. und dem 50. Lebensjahr. Es ist jedenfalls die Zeit, in der die Frage anklopft: Und? Bist du zufrieden, mit dem, was du hast oder kommt da noch was? Die Frage kommt zu einer Zeit, in der sich das Leben tatsächlich oft ändert: Dann heißt es Abschied zu nehmen von den Eltern, die alt oder krank geworden sind oder auch sterben, Abschied zu nehmen von den Kindern, die flügge geworden sind und das Nest verlassen. Es ist die Zeit, in der ich spüre: Es gibt doch einiges, auf das ich schon zurückblicken kann: Erfolge und Niederlagen. Und dann kommt vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Zeit, die vor mir liegt, vermutlich kürzer ist als die, die hinter mir liegt. Na ja, und das macht doch irgendwie melancholisch – mich jedenfalls.


Musik II: "Little" Willie Littlefield, As time goes by (Rudi Valley)


Die zweite Halbzeit, die zweite Lebenshälfte ist oft davon geprägt, dass ich mehr loslassen muss als neu ergreifen kann, dass vieles in meinem Leben eben abnimmt und nicht zunimmt, so wie die Tage, die ab der Sommersonnenwende kürzer werden.

Dieses Abnehmen und Geringerwerden spiegelt sich interessanterweise auch in einer Gestalt des neuen Testamentes wider, deren Geburtsfest mit der Sommersonnenwende zu tun hat. Ich meine Johannes den Täufer. Neben Maria ist er der einzige Heilige, dessen Geburtstag gefeiert wird, nämlich am 24. Juni. Das Datum leitet sich ab vom Geburtstag Jesu, der ein halbes Jahr später gefeiert wird, passend zur Wintersonnenwende. Das geht zurück auf die Feier des römischen Gottes Sol invictus, des unbesiegten Sonnengottes. Dessen Fest übernahmen die Christen, um auszudrückten: Die wahre Sonne, das ist Jesus Christus. Und weil es in der Bibel heißt, Johannes sei sechs Monate älter als Jesus (vgl. Lk 1,36), stand damit auch dessen Geburtstag fest, passend zur Sommersonnenwende. Nach den so festgesetzten Geburtstagen nimmt die Sonne nach Johannes Geburt ab und nach der Geburt Jesu wieder zu. Eine Deutung dieses Zusammenhangs sahen große Theologen der frühen Christenheit in einer Selbstaussage von Johannes dem Täufer im Neuen Testament. Hier bekennt Johannes (Joh 3,30): „Er, Jesus, muss wachsen, ich aber geringer werden.“

Damit sind also beide Geburtsdaten symbolischer Natur und verbinden Johannes und Jesus miteinander wie die Jahreshälften durch die Sonnenwenden verbunden sind.

Das Lukasevangelium verbindet nicht nur die Geburten der beiden, sondern bereits die Ankündigungen der Geburten miteinander in ganz wunderbarer Weise.

Von der Ankündigung der Geburt Jesu heißt es da (vgl. Lk 1,26-38): Der Engel Gabriel besucht Maria, die junge Frau, die irgendwo in einem verschlafenen Nest in der Provinz lebt, und verkündet ihr, sie werde den Messias gebären. Sie kann das nicht verstehen, denn sie kann keinen Mann als Vater ausmachen. Der Engel betont: „Bei Gott ist nichts unmöglich!“

Die Ankündigung der Geburt des Johannes läuft ganz ähnlich (vgl. Lk 1,5-25), aber die Unterschiede sind doch bemerkenswert: Gabriel besucht Zacharias, einen alten Priester, der gerade im Tempel in Jerusalem seinen Dienst tut. Er verkündet ihm: Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären.

Gabriel war für die Leserinnen und Leser des Lukas nicht irgendein Engel, sie kannten ihn aus einer Szene des Alten Testaments, in der er dem Propheten Daniel die Befreiung Jerusalems ankündigt. Und der Tempel, wo er den Zacharias trifft, ist nicht irgendein Ort, er ist die Wohnstätte Gottes auf Erden. Dorthin kommt also Gabriel, der Künder der Freiheit, und spricht zu einem Priester, der gerade Gottesdienst feiert. Mehr Gottesdichte geht also eigentlich nicht. Doch was geschieht? Zacharias, der Priester, glaubt es nicht. Er zweifelt und fragt nach einem Beweis! Das ist einerseits erstaunlich, andrerseits aber auch nicht, denn Zacharias war schon alt, seine Frau, Elisabeth auch. Auf ein Kind konnten sie nicht mehr hoffen. Von diesem Wunsch hatten sie sich sicher längst verabschiedet. Doch die Sehnsucht war noch wach, vielleicht war es mehr ein Schmerz als eine Sehnsucht. Es war gewissermaßen ein Wunsch aus der ersten Halbzeit ihres Lebens, der als Narbe in der zweiten Halbzeit geblieben ist.

Vielleicht hat Zacharias irgendwann einmal auf seine erste Lebenshalbzeit zurückgeschaut, vielleicht hat er das sogar im Tempel getan und sich gefragt: Was hab ich erlebt? Was hat mich geprägt? Was trägt mich bis heute? Von was muss ich mich verabschieden? Und die Antwort auf diese Frage war ganz sicher der Wunsch nach einem Kind. Zacharias hatte ihn längst ad acta gelegt, aber Gott offenbar noch nicht. Auch hier gilt wohl: Für Gott ist nichts unmöglich!


Musik III: Louis Armstrong, What a wonderful world (Weiss, Douglas)


Zur Vorbereitung dieses Beitrags habe ich mal eine Umfrage gestartet und Freundinnen einer WhatsApp-Gruppe befragt: Was erwartet Ihr denn so von der zweiten Halbzeit eures Lebens? Was fällt euch dazu ein? Die Antworten lassen sich zu drei Punkten zusammenfassen und haben mich überrascht, weil sie sehr gegensätzlich ausgefallen sind. Die einen meinten: Gelassenheit. Ich werde dann ruhiger und rege mich nicht mehr so schnell auf. Andere meinten: Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich empöre mich viel schneller, weil ich ungeduldiger werde. Und wieder andere meinten, ich werde bestimmt aufmerksamer – auch für die kleinen Dinge. Und die, die das schrieben, die schickten mir zum Teil Fotos von blühenden Bäumen.

Was meine Freundinnen hier genannt haben, das findet sich auch in einer heftigen Rede von Johannes dem Täufer, als der nämlich in seine zweite Lebenshälfte blickt. Auch da ist er der Vorläufer Jesu. Er kommt nicht nur ein halbes Jahr eher zur Welt, er bereitet auch das öffentliche Wirken Jesu vor. Und er tut es mit einem fulminanten Auftritt. Mit geharnischten Worten predigt er zur Volksmenge (Lk 3,7-9):

Sprecher: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt? Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen, und fangt nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“

Die Predigt klingt vor allem empört. Ihr Schlangenbrut. Sowas gilt heute als Publikumsbeschimpfung und kommt nicht mehr gut an. Ich vergleiche das einmal mit den aggressiven Reden von Greta Thunberg. Die jedenfalls führten eher dazu, dass man sich über ihren Tonfall aufregte und weniger über das, was sie anprangert. Dabei hat sie doch recht: Der Klimawandel, der längst ein bedrohliches Ausmaß angenommen hat, und die allgemeine Zögerlichkeit in der Gegenwehr sind empörend! Und es gibt noch so viel in der Welt, das Empörung vertragen könnte: Das Kriegstreiben und der Hunger und die Angst ganzer Völker. Leuten, die das verantworten, möchte ich mit Johannes sagen: Wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt?

Empört also redet Johannes, aber ist er auch aufmerksam?

Ich finde ja. Nach seiner Wutrede sind die Leute nicht weggegangen, sondern geblieben. Und sie fragen nun, was sie tun sollen. Und nun antwortet er sehr zugewandt (Lk 3,11):

Sprecher: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso!“

Und den Zöllnern sagt er (Lk 3,13):

Sprecher: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist!“

Sogar für die Soldaten hat Johannes noch eine Mahnung (Lk 3,14):

Sprecher: „Misshandelt niemanden, erpresst niemanden, begnügt euch mit eurem Sold!“

Während der erste Teil für mein inneres Ohr sehr laut und sehr energisch gesprochen klingt, wird der Tonfall danach in meiner Phantasie freundlicher.

Und das hat, wie ich finde, mit Gelassenheit zu tun, zumal Johannes weiß, dass er nur Vorläufer von Jesus ist und dementsprechend sagt (Lk 3,16):

Sprecher: „Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.“

Gelassen schätzt sich Johannes selbst ein, er weiß um das rechte Maß seiner eigenen Bedeutung. Solches Maß ist für mich wahre Gelassenheit. Keine falsche Gelassenheit, die in Wahrheit Selbstgefälligkeit oder schlimmer Gleichgültigkeit ist, im Sinne von: Ist doch egal, was da kommt. Geht mich nichts an! Macht doch, was ihr wollt. Ist jetzt mal echt nicht mein Problem! So ist Johannes nicht eingestellt, sondern er ist besonnen und ruhig. Diese Art von Gelassenheit wünsche ich mir für die zweite Halbzeit: eine innere Ruhe, eine Ausgeglichenheit, eine gewisse Robustheit. Aber wie dahin kommen?

Ich habe da bei Reinhard Mey eine Antwort gefunden, in seinem Lied „50, was jetzt schon.“

Musik IV: Reinhard Mey, 50 -was jetzt schon

Von Dankbarkeit singt Reinhard Mey. Ja, Dankbarkeit ist wichtig, auch wenn es nicht immer leicht fällt, dankbar zu sein. Als Kind hat es mich oft genervt, wenn ich etwas geschenkt bekommen hatte und irgendein Erwachsener meinte: Na, was, sagt man denn? Heute finde ich: Dankbarkeit ist so etwas die Voraussetzung für Gelassenheit, für Aufmerksamkeit und dann auch für Empörung zur rechten Zeit. Das ist mir bewusst geworden, als mir eine alte Frau einmal in wenigen Sätzen aus ihrem Leben erzählte. Es war eine einzige Aneinanderreihung von Niederlagen, Kränkungen und Zurückweisungen. Alles keine dramatischen Ereignisse, eigentlich waren es nur eher banale Erlebnisse, die sie getroffen und bis ins Alter nicht losgelassen haben. Obwohl ich die Rolle der beleidigten Leberwurst gelegentlich auch gut beherrsche, habe ich mir damals geschworen: So möchte ich dereinst nicht auf mein Leben zurückblicken. So nicht! Das kann doch nicht sein. Es kann doch im Leben nicht alles nur schlecht sein. Klar, es ist umgekehrt auch nicht alles gut. Aber hier genau setzt doch die Gelassenheit an: Im Abwägen und Annehmen dessen, was mir das Leben beschert. Dankbarkeit ist eine Frage der Haltung. „Dem vergangenen Dank, dem kommenden ja“, so hat diese Haltung einmal der frühere UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld in seinen selbstkritischen Lebensaufzeichnungen „Zeichen am Weg“ formuliert. Für Hammarskjöld ist Dankbarkeit ein Fundament, um die Zukunft anzugehen, gerade auch mit Blick auf die zweite Lebenshälfte.

Musik V: Die Ärzte, Danke (Martin Gotthard Schneider)

Ich komme noch einmal zurück zu Zacharias, dem ungläubigen Priester aus dem Tempel in Jerusalem, dem Vater Johannes des Täufers. Als er Gabriel nicht glaubt, entzieht ihm der Engel gewissermaßen die Lehrerlaubnis. Zacharias wird stumm. Erst als das Kind geboren ist, wird seine Zunge gelöst und er kann wieder sprechen. Und was sagt er? Er spricht ein Gebet, das bis heute zum Morgengebet der Kirche gehört, das sogenannte „Benediktus“. Und darin findet sich dieser Satz, der für mich etwas mit dem Fundament der Dankbarkeit zu tun hat (Lk 1,74f): „Gott hat uns geschenkt, dass wir – aus Feindeshand befreit – ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit all unsere Tage.“ Ich höre die Worte „befreit“ und „furchtlos“. Ja, sicher auch „dienen“, aber die Voraussetzung ist frei und furchtlos zu sein. Das ist das entscheidende Fundament: Ich kann mich von Gott her frei und furchtlos der Welt zuwenden, auch in der zweiten Lebenshälfte, wenn die Dinge sich neigen.

Aus Paderborn grüßt Sie ganz herzlich Claudia Auffenberg

Musik VI: Die Ärzte, Danke (Martin Gotthard Schneider)


[1] Zitiert nach: https://www.songtexte.com/songtext/reinhard-mey/50-was-jetzt-schon-6bda0606.html

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