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Kirche in WDR 5 | 14.06.2022 | 06:55 Uhr

Schöne Ignoranz

Guten Morgen.

Es wuselt nur so in der Altstadt von Jerusalem. Aus allen Gassen kommen Menschen heraus: Hier eine christliche Pilgergruppe mit dünnem Gesang: ein Mann geht voran – lange Haare, weißes Sackkleid, Strick um den Bauch. Er trägt das Kreuz wie Jesus. Dort ein Gruppe orthodoxer Jüdinnen und Juden: die Männer im langen schwarzen Mantel, mit Schläfenlocken und schwarzem Hut, die Frauen mit Kopftuch und Perücke. Sie alle treffen auf eine Gruppe Muslima. Froh gestimmt, lang und festlich gewandet sind die auf dem Weg zum Zuckerfest; der Ramadan, der Fastenmonat findet sein fröhliches Ende.


Hier in den engen Gassen der Jerusalemer Altstadt kommen sich Juden, Christen und Muslime nahe, hautnah.

Denn hier auf engstem Raum sind ihre heiligen Stätten vereint: die jüdische Klagemauer, die muslimische Al-Aqsa-Moschee und die christliche Grabeskirche oder - wie manche Kirchen sie lieber nennen - Auferstehungskirche. In diesem Jahr fielen das jüdische Pessachfest, das christliche Osterfest und der islamische Fastenmonat Ramadan sogar in die gleiche Zeit. Das geschieht nur etwa alle 30 Jahre, weil jede Religion ihrem eigenen Kalender folgt. Viele Pilger sind nun gleichzeitig unterwegs. Wie von einem unsichtbaren Choreografen gelenkt gleiten sie durch die Gassen. Für einen kurzen Augenblick kommen sie einander so nah, dass sich ihre Gewänder berühren und ihr Atem sich kreuzt, dann trennen sich die Pilgerströme wieder. Der Journalist und Autor Wolfgang Büscher hat das in seinem Buch „Frühling in Jerusalem“ die „hohe Kunst des Aneinandervorbeigehens, die schöne Jerusalemer Ignoranz“ genannt. (1)


Damit hätte ich vielleicht nicht viel anfangen können, wenn es nicht gerade erst am Karfreitag wieder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen radikalen jüdischen Siedlern, aufgebrachten muslimischen Gläubigen und israelischen Sicherheitskräften gegeben hätte. 150 Menschen sind verletzt worden, viele verhaftet. Davon war in den Tagen nach Ostern, als ich in Jerusalem war, nichts mehr zu spüren. Die Lage hatte sich beruhigt. Die Juden, Christen und Muslime übten sich wieder in der „hohen Kunst des Aneinandervorgehens, der schönen Jerusalemer Ignoranz.“ Und ich - mittendrin – war froh darüber, auch wenn mir sonst ein Miteinander lieber ist als ein Aneinandervorbei.


Aber manchmal geht das eben nicht. In der Bibel lese ich von Abraham und Lot. Sie sind miteinander verwandt, aber sie kommen nicht miteinander klar. Immer wieder gibt es - wie heute in Israel und Palästina - Streit um das Land. Abraham fasst sich ein Herz:


„Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder“, sagt er zu Lot: „Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.“ (2). So trennen sich Abraham und Lot - um des lieben Friedens willen. Keine schlechte Lösung. Aneinandervorbei macht noch kein Fest, aber Ignoranz kann schön sein – und dem Frieden dienen.


Es grüßt Sie, Pfarrerin Christel Weber aus Bielefeld.



Quellen:

(1) Wolfgang Büscher, Ein Frühling in Jerusalem, Reinbek bei Hamburg, 4. Auflage 2021, 107).

(2) Die Bibel, 1. Mose 13,8+9




Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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