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Kirche in WDR 5 | 04.07.2022 | 06:55 Uhr

Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht ...

Guten Morgen!

Ach, liebe Hörerinnen und Hörer, was haben viele von uns noch vor knapp
drei Jahren gedacht, damals vor der Pandemie? „Alles ist machbar, Herr Nachbar!“ Oder: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Und wenn doch etwas nicht klappt, dann haben wir eben nicht das richtige Werkzeug angewandt. Wenn etwas nicht gelingt, braucht es andere Methoden. Damals gab es noch einen größeren Optimismus in so vielen Bereichen: Wenn das Klima kippt, brauchen wir ein gutes, in die Zukunft gerichtetes Regierungsprogramm. Wenn ich an einer Krankheit leide, muss ich bloß das richtige Medikament einnehmen. Wenn ich Angst habe, hilft mir eine Therapeutin. Wenn eine Katastrophe geschieht, dann werden wir sie meistern.

Spätestens seit der Covid-19-Pandemie ist der Fortschrittsglaube erschüttert. Dann kam die Flutkatastrophe im Ahrtal und im Sauerland, jetzt tobt der Krieg in der Ukraine schon über vier Monate. Kein Wunder, dass trotz aller Psychologie zahlreiche Menschen unter vielfältigen Ängsten leiden. Trotz hoch entwickelter Medizin sterben viele Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion oder einer anderen Krankheit. Trotz vieler Mühen ist die Erderwärmung nur mühsam zu verlangsamen… Und wer weiß, was als nächste Katastrophe auf uns zukommt? Ich frage mich da schon: Hat es die Menschheit bis heute wirklich weit gebracht?

Ich schaue einmal weit zurück: In dem ungefähr 30 Jahren vor unserer Zeitrechnung entstandenen Buch der Weisheit aus dem Ersten, dem Alten Testament, lese ich (Weish 9,14-16):

„Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen und oftmals hinfällig unsere Gedanken; denn der vergängliche Leib beschwert die Seele, und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist. Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt.“

Also damals schon: Unsicherheit und Zukunftssorgen. Es kommt mir so vor: Je weiter die Menschheit es gebracht hat, desto leerer wird das Leben empfunden, desto mehr wird alles grau in grau gesehen. Bin ich nur ein Pessimist oder gibt es in der Bibel auch einen Ausweg? Etwas weiter heißt es in dem Weisheitsbuch (Weish 9,17f):

„Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast? So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet.“

Was aber ist „die Weisheit“? Wo beginnt sie? Sie ist nicht gleichzusetzten mit Wissen, obwohl das eine mit dem anderen zu tun hat. Sie ist offenbar ein Geschenk Gottes, nach dem ich allerdings suchen muss. Sie ist eine spezifische Form, mit der Wirklichkeit umzugehen. Eine Art Schule des Sehens. Für mich fängt sie dort an, wo ich nicht bei einer oberflächlichen Betrachtung und Deutung stehen bleibe, sondern genauer beobachte und nach Hintergründen frage. Ich weiß, das ist
mühsam und schwer: Aber ich will den Verschwörungstheoretikern nicht das Feld überlassen.

Apropos Weisheitssuche ist schwer. Dazu eine kurze Geschichte der Chassidim, also einer Erzählung osteuropäischer Juden des 18. Jahrhunderts, die der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wunderbar herausgegeben und gesammelt hat (Martin Buber, Erzählungen der Chassidim, 1949):

Im jüdischen Bethaus wird eine neue Schriftrolle eingeweiht. Der greise Rabbi hält sie stolz empor. Alle können sie sehen, eine prächtige Rolle. Da springt ein junger Schriftgelehrter nach vorn. Er will den Alten stützen, der bedrohlich unter dem schweren Gewicht der Rolle zu wanken scheint. Der Alte wehrt ab, sieht den Jungen an und sagt: „Wenn ich sie halte, ist sie nicht zu schwer.“

Die Weisheit zu halten, ist nicht schwer. Ich versteh das so: Die Suche nach der Weisheit, das kritische Fragen und Hinterfragen, es macht auch frei und hilft, dass das Leben gelingt.

Das wünscht ihnen

André Müller aus Gladbeck.

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