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Das Geistliche Wort | 24.07.2022 | 08:40 Uhr

Feilschen mit Gott

Guten Morgen!

Um Preise zu feilschen, das ist eigentlich nicht meine Sache. Denn bei uns hier in Deutschland, da stehen die Preise beim Einkaufen in den Geschäften in der Regel fest, da wird nicht verhandelt. Anders ist das in vielen orientalischen und afrikanischen Ländern dieser Welt, zum Beispiel in Ghana, in Westafrika. Da bin ich einmal im Jahr und halte eine Vorlesung über christliche Kunst in einem Priesterseminar. Dieses Priesterseminar liegt in der Stadt Tamale, im Norden Ghanas. Von dort bringe ich dann immer ein paar kleine Souvenirs mit für meine Nichten, Freunde und Kollegen: eine einfache handgearbeitete Kette, aus Holz geschnitzte Tiere, Brieföffner und Serviettenringe oder Flaschenöffner und Zettelkästen. Diese Souvenirs gibt es auf einem eigenen Touristenbasar mitten in der Stadt. Und dort wird dann gehandelt und gefeilscht. Das ist ein richtiges Ritual, an dem ich inzwischen sogar etwas Spaß habe und die Händler auch. Zunächst schaue ich mich nur um und sage das auch dem Verkäufer an seinem Stand. Sobald er merkt, dass ich mich für ein bestimmtes Souvenir interessiere, fragt er mich, was ich ihm dafür geben würde. Zunächst gebe ich die Frage höflich zurück – immerhin, er ist der Verkäufer und kennt seine Ware. In der Regel hat er sie sogar selbst angefertigt. Also nennt er die erste Preisvorstellung. Und dann beginnt das Feilschen. Ich schaue überrascht und wehre ab: „Viel zu viel! Das ist nur die Hälfte Wert.“ Der Verkäufer: „Unmöglich! Dafür habe ich zu lange an dem Stück gearbeitet. Außerdem muss ich meine Familie davon ernähren.“ So geht das eine ganze Weile hin und her, und am Ende einigen wir uns preislich irgendwo in der Mitte. Er hat sein Geld und ich die Souvenirs und beide sind wir zufrieden. Das Feilschen hat sich gelohnt.

Musik I: Weather Report, Black Market: Black Market

Feilschen ist ein echtes Ritual. Und am Ende muss es für alle Beteiligten fair ausgehen. Was auf afrikanischen oder orientalischen Basaren Gang und Gäbe ist, finde ich ebenfalls wie ein Ritual beschrieben und zwar im Alten Testament. Ok. Das ist auch orientalisch, aber hier feilscht ein Mensch mit Gott. Nicht allein die Tatsache verwundert, dass hier der Patriarch Abraham mit Gott direkt spricht, sondern auch, worum es geht und wie Abraham verhandelt. Der entsprechende Text stammt aus dem Buch Genesis und wird heute in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen (Gen 18,20-32) – und es lohnt sich, dem nachzugehen.

Hintergrund des Feilschens mit Gott ist folgender: Die Städte Sodom und Gomorra sind total verdorben – so sagt es die biblische Erzählung. Gott will sich von der Gott- und Sittenlosigkeit dort ein persönliches Bild machen und die Städte aufsuchen, um sie anschließend zu vernichten. In der einen Stadt, in Sodom, lebt allerdings Lot, ein Verwandter Abrahams mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Obwohl Abraham es mit Lot nicht gut kann, nimmt er allen Mut zusammen, wendet sich an Gott und nennt ihm den Preis, den Gott für die Zerstörung in Kauf nimmt. Er fragt (Gen 18,23): „Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?“ Will sagen: Soll auch der Anständige leiden für die Sünden der andern? Und dann beginnt Abraham mit Gott zu feilschen (vgl. Gen 18,24): „Wenn da nur fünfzig Gerechte sind, willst du, Gott, dem Ort nicht vergeben?“ Gott kommt Abraham entgegen (Gen 18,26): „Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.“ Abraham fasst nach und handelt die Zahl der Gerechten herunter auf 45, 40, 30, 20 und schließlich bis auf zehn. Zehn Menschen markierten im damaligen Verständnis die kleinste Gruppeneinheit im Volk (vgl. Ex 18,21). Und so handelt Abraham Gott also bis zur kleinsten Einheit herunter; er reizt alles aus. Und Gott? Der gibt immer wieder nach, bis er schließlich über die Stadt Sodom sagt (Gen 18,32): „Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen.“ Hier endet das Feilschen zwischen Gott und Abraham. Beide trennen sich.

Um es gleich zu sagen. Gott findet nicht einmal zehn Gerechte, und so wird die Stadt Sodom zerstört, und ihre Einwohner kommen um. Das ist die traurige Nachricht. Allerdings wird die Familie des Lot als einzige aus der Stadt gerettet. Das ist die gute Nachricht, auch wenn Lots Frau auf der Flucht im letzten Moment dennoch stirbt, weil sie sich nicht an eine Absprache gehalten hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Untergang von Sodom und Gomorra klingt für viele wie eine drastische Gerichtsgeschichte: Die Bösen werden bestraft, die Guten gerettet. Aber so einfach lässt sich das Leben der Menschen doch nicht aufteilen: hier gut – da böse. Und bei vielen, die die Geschichte kennen, regt sich der Widerstand: So, wie hier vergolten wird, hat das nichts zu tun mit dem christlichen Gottesbild. Denn da siegt am Ende doch die Barmherzigkeit Gottes über die Gerechtigkeit. – Ist das aber nicht zu einfach gedacht? Wer weiß denn schon, was am Ende tatsächliche kommen wird? Daher will ich jetzt nicht über Gerechtigkeitsvorstellungen, Gericht und Barmherzigkeit nachdenken, sondern noch einmal auf Abraham schauen. Von ihm wird zwar nicht berichtet, wie er die Vergeltung Gottes an Sodom letztlich bewertet, aber an ihm zeigen sich beim Feilschen im Vorfeld eine ganze Reihe von Haltungen und auch Umgangsformen, die bis heute bemerkenswert sind.

Musik II: Al di Meola, John Mc Laughlin, Paco de Lucia: Friday Night in San Francisco “Mediterranean Sundance”

Abraham zeigt beim Feilschen mit Gott eine ganze Reihe an Haltungen, die nachahmenswert sind. Er mischt sich ein, wenn er der Meinung ist, hier geschieht eine Ungerechtigkeit (Gen 18,23): „Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?“ Genau das wäre aber doch ungerecht. Abraham stellt nicht in Frage, dass es Verfehlungen gibt wie Gott- und Sittenlosigkeit. Aber deswegen alle gleichzubehandeln, sprich alle zu vernichten, das kann nicht richtig sein. Sein Feilschen um die wenigen Gerechten macht deutlich: Hier muss unterschieden werden. Pauschalurteile nutzen nichts. Allein die Rede von „den Sündern“, „den Betrügern“, „den Sittenlosen“ hilft im Einzelfall überhaupt nicht. Wer tut eigentlich was und warum? So muss doch im Einzelfall gefragt und dann auch entschieden werden. Solche Unterscheidungen sind wichtig – bis heute.

Mit dieser Unterscheidung, die Abraham von Gott einfordert, nimmt er sogar Gott in Schutz, damit nicht schlecht über Gott geredet wird. Denn was wäre das für ein Gott, der Gerechtigkeit fordert, aber selbst ungerecht handelt. So sagt Abraham zu Gott (Gen 18,25): „Fern sei es von dir, so etwas zu tun: den Gerechten zusammen mit dem Frevler töten. Dann ginge es ja dem Gerechten wie dem Frevler. Das sei fern von dir. Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ Natürlich weiß Abraham auch, dass Gott als Gott in allem frei ist. Aber Gott ist kein Tyrann, der willkürlich herrscht. Gott soll sich und seinen eigenen Maßstäben treu bleiben. Darin nimmt Abraham Gott sehr ernst und nimmt ihn zugleich in die Pflicht, denn erst dann ist Gott ein verlässlicher Partner. Für diese Vorstellung bricht Abraham eine Lanze, wenn er Gott mahnt, nicht die Gerechten mit den Ungerechten zu bestrafen. So trägt Abraham dazu bei, den Ruf Gottes zu schützen, ein gerechter Gott zu sein und zu bleiben.

Musik III: Herbie Hancock, Spider: People Music

Bei all dem Feilschen handelt Abraham äußerst bescheiden, denn er kennt und akzeptiert seine Rolle vor Gott. Er weiß, dass Gott die Macht hat zu richten und zu retten, weil er Schöpfer ist. Und er weiß von sich selbst, dass er nur Geschöpf ist. So entschuldigt er sich fast dafür, dass er zu feilschen beginnt und spricht sehr bescheiden. In Anlehnung an den Schöpfungsmythos, der davon erzählt, dass der Mensch aus Staub geschaffen ist (vgl. Gen 2,7), formuliert Abraham daher: „Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.“ Und etwas weiter formuliert er einen weiteren Schritt sehr höflich aus Sorge darüber, Gott mit seiner Feilscherei zu nerven (Gen 18,30): „Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede.“ Abraham bleibt hartnäckig in der Sache. Immerhin feilscht er mit Gott sechs Mal. Und doch bleibt er jedes Mal bescheiden und höflich, wenn er bittet. Er plappert nicht einfach drauflos. Er fordert auch nicht und schreit auch nicht, sondern man merkt ihm förmlich an, wie er mit sich ringt, um sein Anliegen so vorzutragen, dass es gehört wird. Das nenne ich eine hohe Kunst der Umgangsformen und letztlich auch der Diplomatie. Wie gut wäre es, solche Formen der Verhandlungen auch heute weit verbreitet zu pflegen?

Abraham weiß geschickt sein Anliegen vor Gott zu tragen, bescheiden, höflich und doch auch hartnäckig. Dabei bittet er gar nicht für sich selbst. Er denkt nicht an sich. Er denkt und bittet für andere – in diesem Falle einmal für seinen verwandten Lot, mit dem er es noch nicht einmal so gut kann, und für dessen Familie. Immerhin hatten die Hirten Abrahams und Lots früher einmal Streit miteinander, und so hatten sich beide voneinander getrennt und unterschiedliche Gegenden besiedelt (vgl. Gen 13). Jetzt wäre also eine gute Gelegenheit gewesen, Lot loszuwerden. Aber so denkt Abraham nicht, sondern er setzt sich für ihn ein. Und Abraham bittet für die anderen Gerechten, die er in Sodom vermutet. „Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt“, fragt Abraham (Gen 18,24). Er weiß es nicht, wenn er so fragt, aber er nimmt etwas Positives an: Da sind noch Gerechte. Wie viel Wohlwollen klingt da mit! Erst einmal etwas Gutes unterstellen und nicht gleich das Böse. Ist das nicht eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt in Verhandlungen einzutreten, gar zu feilschen. Eine solche positive Einstellung würde ich mir für viele Verhandlungen wünschen, ob im Großpolitischen zwischen Kriegsparteien oder im Kleinen bei den alltäglichen Konflikten und Auseinandersetzungen.

Musik IV: Weather Report, Heavy Weather: A Remark You Made

Abrahams Einsatz beim Feilschen mit Gott sagt auch etwas über ihn selbst aus. Er sieht die Wirklichkeit, wie sie ist: Sodom ist offensichtlich verdorben, mit Ausnahme weniger Gerechter. Aber Abraham allein kann Sodom nicht vor dem Untergang bewahren. Dazu reichen seine Möglichkeiten nicht aus. Er kann die Stadt nicht erobern und gefügig machen, vielleicht mit Waffengewalt. Er kann keine Bekehrungskampagne in der Stadt starten. All das liegt außerhalb seiner Machtmöglichkeiten. Da ist er schlicht und ergreifend an seinen Grenzen. Er kann eben nur in Verhandlungen treten und feilschen. Aber das tut er dann auch. Jeder Verhandlung, jedem Feilschen, liegt immer auch eine Selbsterkenntnis voraus: Was kann ich leisten, was kann ich mir leisten und was nicht? Abraham kennt und akzeptiert seine Grenzen und handelt innerhalb der Möglichkeiten, die sich für ihn daraus ergeben. Auch das ist eine große Leistung, die er vollbringt: Selbsterkenntnis und Selbstannahme. Das realistische Wissen um sich und seine Möglichkeiten machen ihn stark und lassen ihn auf Gott zugehen. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt: Ich weiß um mich und meine Grenzen, denn sonst bräuchte ich weder zu bitten noch zu verhandeln, weder zu feilschen noch schließlich zu danken.

Abraham zeigt noch eine letzte Haltung, die hinter all dem steht: Er hat ein Vertrauen, dass da einer ist, der ihn mit seinen Grenzen und Möglichkeiten ernst nimmt. Und dem vertraut er sich an, ohne zu wissen, wie das Ganze ausgehen wird. Dieses Vertrauen hat er schon einmal bewiesen, als er der Verheißung Gottes gefolgt ist und seine Heimat verlassen hat, um neues Land zu finden (vgl. Gen 12). Und er wird das Vertrauen noch einmal aufbringen, wenn es darum geht, Gott nichts vorzuziehen, sogar nicht den eigenen Sohn, der ihm von Gott verheißen worden war (vgl. Gen 22). Vertrauen heißt immer: Ich verlasse mich. Ich verlasse mich auf dich. Und damit gehe ich immer ein Risiko ein, enttäuscht zu werden. Aber ohne dieses Risiko geht Leben nicht. Wie gut also, wenn Vertrauen nicht enttäuscht wird. Am Ende wird Sodom zerstört, aber die wenigen Gerechten, also Lot und seine Familie, werden gerettet. Damit ist Gott sich treu geblieben, sogar unterhalb der Grenze, die er mit Abraham ausgehandelt hatte. Abrahams Feilschen war nicht vergebens. Und sein Vertrauen in die Gerechtigkeit Gottes hat sich wieder bewährt.

Musik V: Hubert Laws, The San Francisco Concert: Modaji

Die biblische Geschichte von Abraham, der mit Gott feilscht, ist kein historischer Bericht. Sie ist vielmehr eine Beispielerzählung, an der man viel lernen kann für das menschliche Leben. Es geht nicht darum, einfach nur Recht zu bekommen. Es geht auch nicht darum, eine Handlungsanweisung zu erlangen, wie man Gott zu etwas bewegen kann, also wie viele Gebete nötig sind, damit Gott hilft, oder was ich ihm geben muss, damit das Schicksal sich wendet. Es geht vielmehr darum, mehr über sich selbst zu erfahren, seine eigenen Grenzen und Stärken zu erkennen. Es geht darum, sich bei Ungerechtigkeiten einzumischen und zu handeln. Es geht darum, sich für andere einzusetzen, den Ruf anderer zu schützen und immer zu unterscheiden. Es geht darum, auch noch etwas Gutes zu unterstellen und dabei hartnäckig, aber doch höflich und bescheiden zu bleiben. Es geht schließlich darum zu erfahren, dass es sich lohnt, Vertrauen zu schenken. So kann Abraham ein Wegbegleiter sein nicht nur beim Feilschen, sondern überhaupt im Leben, wo es viel zu verändern und auszuhandeln gilt.

Aus Duisburg verabschiedet sich an diesem Sonntag Pater Philipp Reichling.

Musik VI: Hubert Laws, The San Francisco Concert: Scheherazade

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