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Das Geistliche Wort | 07.08.2022 | 08:40 Uhr

Den Himmel finden

Guten Morgen!

Im letzten Urlaub habe ich ein Buch gelesen, das mich sehr begeistert hat. Es heißt: „Den Himmel finden“ und stammt von dem italienischen Autor Erri de Luca. Davon möchte ich erzählen, weil es mich nicht nur als Theologin, sondern auch als Kunsthistorikerin sehr angesprochen hat und weil es eine Antwort zu geben versucht auf die Frage: Wie kann ich den Himmel finden? Und was ist das überhaupt „Himmel“? Allein im Englischen gibt es für Himmel schon zwei Begriffe: „sky“ und „heaven“. „Sky“ steht für den physischen Himmel und „heaven“ für einen religiösen Himmel, als Bild für das Überirdische, Transzendente.

Das Buch „Den Himmel finden“ ist ein Roman. Der spielt in einem kleinen norditalienischen Dorf. Der namenlose Erzähler spricht da von sich. Er ist Bildhauer, Gelegenheitsarbeiter und versteht sich selbst ganz bescheiden einfach nur als Handwerker. Eines Tages erhält er den Auftrag den Corpus eines Kruzifixes originalgetreu zu restaurieren. Was im ersten Moment vielleicht nach einer Handwerkergeschichte klingt, entpuppt sich bald als eine religiöse Geschichte und als eine Suche. Denn der Erzähler – alias der Handwerker – beschreibt in dem Roman wie er sich der Aufgabe nähert, welche Gedanken er bei der Arbeit hat, und wie er darüber hinaus versucht, sich mit der Gestalt des Gekreuzigten auseinanderzusetzen. Mich hat der Roman fasziniert.

Musik I: Claude Debussy, Images, Livre 1: Reflets dans l’eau

Es geht in dem Roman „Den Himmel finden“ um einen Handwerker, der ein lebensgroßes Kruzifix aus Stein restaurieren soll. Das sieht allerdings gar nicht beschädigt aus.

Der Auftraggeber, ein Pfarrer erläutert die Besonderheit des Auftrages: An der Christusfigur soll der Lendenschurz entfernt werden: Der wurde nämlich erst nachträglich angelegt. Das bringt zwei Probleme mit sich: zum einen wird die Demontage des Lendenschurzes zweifelsohne die Figur beschädigen. Zum anderen wird der Jesus auf diese Art und Weise entkleidet und so nackt und schutzlos den Blicken ausgesetzt sein.

Bevor der Handwerker mit Hammer und Meißel ans Werk geht, schaut er sich die Skulptur immer wieder an und betastet die Materialoberfläche, um sie – im wahrsten Sinne des Wortes – zu begreifen. Das geht soweit, dass er beginnt, selbst seine Muskeln so zu dehnen, um die verzerrte Körperhaltung der Jesusfigur einzunehmen.

Er geht in die Bibliothek, um zu recherchieren: Wer war der Bildhauer, der dieses Kruzifix vor vielen Jahren ohne Lendenschurz geschaffen hat? Er findet heraus, dass der Bildhauer auf dem Gipfel eines Berges erfroren ist, was ihn erschüttert. Auch das will er begreifen, ja nachvollziehen. Deshalb dreht er die Heizung in der Remise, wo das Kruzifix steht, ab, bis sie schließlich eiskalt ist. Offensichtlich verändert die Temperatur die Wahrnehmung der Christusfigur, die aus Marmor besteht. Denn der Marmor beginnt zu leuchten wie Schnee. Und das bringt ihm den erfrorenen Bildhauer näher.

Der Handwerker versucht sich einzufühlen, dass er seine Arbeit möglichst so ausführen kann, wie es wohl der Bildhauer ursprünglich getan hat. Dabei fällt ihm dann die angedeutete Gänsehaut der nackten Christusfigur auf. Dies und die angenagelten Füße erregen schließlich sein Mitgefühl. Er verspürt in dieser Kälte das Bedürfnis, den Jesus zu umhüllen und zu wärmen.

Gleichzeitig irritiert ihn sein Mitgefühl. Immerhin – es geht hier nur um eine Figur, nicht um einen richtigen Menschen. Und doch rührt es ihn so an, dass er sich an seinen christlichen Religionsunterricht erinnert: Da ging es um Barmherzigkeit: „Was ihr einem meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan“, so hatte Jesus doch gesagt. Aber es ist ihm irgendwie auch fremd, dies mit dieser Christusfigur in Verbindung zu bringen. Offenbar hatte das aber der Bildhauer mit der Christusfigur geschafft. Der hatte sich in die Christusfigur hineinversetzt. Ob ihm, dem Handwerker das auch gelingen würde? Immerhin versucht er wiederum, den Bildhauer nachzuahmen, sich in ihn hinein zu fühlen, um sich so dessen ursprünglicher Aussageabsicht anzunähern. Was bewegte den Bildhauer, die Christusfigur so und nicht anders zu gestalten? Das ist seine Frage.

Musik II: Claude Debussy, Images, Livre 1: Hommage à Rameau

Der Handwerker in dem Roman „Den Himmel finden“ soll ein Kruzifix restaurieren und will dabei schließlich der Gestalt des Jesus auf die Spur kommen: Wer ist der, der da am Kreuz hängt?

Diese Frage ist eigentlich eine Frage, die nicht nur Christen durch die Jahrhunderte hindurch beschäftigt hat. Und damit verbinden sich weitere Fragen auch für die Hauptfigur des Romans, den Handwerker: Wer ist dieser Jesus von Nazaret? Wie hat sich die Todesstrafe der Kreuzigung auf seinen Körper ausgewirkt? Was bedeutet das Sterben Jesu für die Menschen? Und was ist heute von dieser Botschaft übriggeblieben?

Um Antworten zu finden, beginnt er im Neuen Testament zu lesen. Das reicht aber nicht. Und so macht er sich auf den Weg nach Neapel ins Archäologische Museum, um antike Heldenfiguren zu studieren: nackte Heroen aus der Mythologie. Aber die lassen ihn kalt. Sie haben nichts mit dem sterbenden Jesus am Kreuz zu tun.

Daher sucht er nach anderen Anregungen für seine Arbeit. Er spricht mit Vertretern verschiedener Religionen. Zunächst mit dem Pfarrer, von dem er den Auftrag hat. Mit ihm ist er regelmäßig im Gespräch. Darüber hinaus nimmt er Kontakt mit einem jüdischen Rabbi auf. Und bei seinen Abendspaziergängen am Hafen spricht er immer wieder mit einem frommen Muslim aus Algerien. Von allen bekommt er wichtige Hinweise, die ihm helfen, Jesus von Nazaret als religiöse Gestalt besser zu verstehen.

Schließlich geht er noch weiter und macht ein persönliches Experiment. Im Roman heißt es (S. 185): „Ich habe mich dem Werk von Körper zu Körper genähert, bis zur Nachahmung der Beschneidung.“ Es bleibt also nicht bei einem Arbeitsauftrag, sondern der Handwerker will am eigenen Leib spüren, wer dieser Jesus ist – und für ihn sein kann.

Nach der ganzen Recherche, den vielen Fragen und dem persönlichen Experiment entblößt er schließlich die Christusfigur – wie der Pfarrer beauftragt hat – und er sieht die nackte, unverstellte Gestalt Jesu. Er stellt fest, die ganze Arbeit hat ihn verwandelt: Er sieht jetzt auch die Menschen um sich herum mit anderen Augen. Er erkennt in den Flüchtlingen, die übers Meer kommen und am Hafen eintreffen, Suchende: Sie brauchen nicht nur sein Mitgefühl, sondern auch seine tatkräftigen Hände. Beim Anblick dieser Menschen wird die christliche Barmherzigkeit für ihn zum Impuls, so zu handeln, wie Jesus es vorgelebt hat. Es geht also im Roman schließlich um Nachahmung, die Veränderung bewirkt.

Musik III: Claude Debussy, Images, Livre 1: Mouvement

Ich habe mich bei der Lektüre des Romans „Den Himmel finden“ von Erri de Luca gefragt, warum der Handwerker beauftragt wird, den Lendenschurz zu entfernen. Ich kann es für mich nur so deuten, dass die Jesusfigur nicht nur von einem schmalen Stoffstreifen, sondern von den damit verbundenen gewohnten Bildern und Vorstellungen befreit werden soll.

Und ich merke: Ich selbst habe mich im Laufe der Zeit zu sehr an dieses klassische Bild vom Gekreuzigten gewöhnt. Es ist doch eigentlich eine brutale Darstellung: Hier wird doch eine Person gezeigt, die aufgehängt wurde und unter Qualen gestorben ist. Man stelle sich vor, statt eines Kreuzes würde man einen elektrischen Stuhl an die Wand hängen. Was für ein Skandal, eine Torheit, eine Herausforderung? Kann ich das überhaupt noch nachempfinden, wenn ich ein Kruzifix sehe?

Die im Roman beschriebene Entblößung der Christusfigur fragt auch mich an: Wer ist dieser Jesus von Nazaret – für mich? Und was bedeutet mir der Gekreuzigte? Im Roman heißt es: Der Handwerker beginnt zu verstehen: „Der Gekreuzigte soll nicht von weitem bewundert, er soll berührt werden.“

Mich erinnert diese Art der Berührung und der Einfühlung an eine Episode, die die Heilige Teresa von Ávila erzählt: Sie befindet sich schon seit längerem in einer Krisensituation, fühlt sich seelisch ausgelaugt. Ihrer müden Seele entspringen viele schlechte Gewohnheiten, die sie plagen.

Und dann betritt sie eines Tages in der Fastenzeit im Jahr 1554 einen Gebetsraum. Dort fällt ihr Blick auf eine Christusfigur, die ganz mit Wunden bedeckt ist. Als Teresa diese Figur sieht, ist sie von dessen Anblick zutiefst erschüttert. In einem Augenblick erkennt und fühlt sie, was Jesus für sie durchlitten hat, welche Qualen er für sie ertragen hat. Sie bleibt aber nicht bei dieser Erfahrung und Deutung stehen. Sie empfindet auch Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer, der ihr den Lebensatem eingehaucht hat. Sie kommt zu dem Schluss: Dieser Gott erweist ihr täglich seine Liebe. Eine Liebe, die sie unverdient empfängt.

Und Teresa von Ávila schreibt: „Es zerreißt mir fast das Herz.“ Aufgelöst in Tränen fällt sie vor dieser Christusfigur nieder und bittet um Kraft für ihren weiteren Weg. Sie sieht in diesem Ereignis, in dieser Begegnung ihre zweite Bekehrung. Durch sie wird ihre Bindung zu Jesus vertieft und ihr Vertrauen gestärkt.

Mir zeigt dieses erschütternde Zusammentreffen der Teresa mit dem leidenden Christus, welche Kraft von solch einer Begegnung ausgehen kann: In der Christusfigur fühlt sich Teresa von diesem Jesus angeschaut. Und sie empfindet wie ihr dieser Blick guttut: Er ist wie ein unverdientes Geschenk für ihre Seele. Sie fühlt, dass ihre Zuversicht gestärkt und ihre müde Seele geheilt ist.

Musik IV: Claude Debussy, Images, Livre 2: Poissons d’or

Auch die Episode, die Teresa von Ávila schildert, kreist um die unerwartete Begegnung mit einem Kunstwerk. So hat es auch Erri de Luca in seinem Roman „Den Himmel finden“ ausgedrückt. Und ich würde sagen: Ja, Kunstwerke können berühren und einen Menschen verändern, wenn er sich berühren lässt. Bei Teresa ist das in der geschilderten Episode die Begegnung mit der Christusfigur. Es handelt sich – wie man weiß – um eine besondere Figur, mit dem Fachbegriff: „Schmerzensmann“. Es ist ein mittelalterliches Andachtsbild in dem sich Leiden und Sterben mit dem Hinweis auf die Überwindung des Todes verbinden. Menschen, die sich in dieses Andachtsbild vom Schmerzensmann versenken, tun dies, um sich dadurch mit dem Dargestellten zu identifizieren. Sie sehen ihr eigenes Leiden in dem Leiden Jesu, um daraus Kraft zu schöpfen. Und zwar in dem Wissen, dass Jesus durch Leiden und Tod hindurchgegangen, aber auch von Gott daraus befreit worden ist. Sie haben die Hoffnung, dass auch ihr eigenes Leiden und Sterben nur der Durchgang in ein neues ewiges Leben ist. Daraus ziehen diese Menschen Kraft und Trost.

Dem Handwerker aus dem Roman, der das Kruzifix restaurieren soll, scheint es ähnlich zu gehen. Das Kunstwerk lässt ihn nicht kalt. Denn vielmehr als die technischen, bewegen ihn schließlich die religiösen Fragen nach der Gestalt des unverstellten Jesus.

Auch er setzt sich dem Werk aus und macht seine eigene Erfahrung mit der Christusfigur. Und er will den Bildhauer nachahmen, der seinerseits versucht hatte, in seinem Kunstwerk Jesus nachzuahmen. Es geht schließlich darum, am eigenen Leib spüren, wer dieser Jesus ist – und sein kann.

Der Handwerker fühlt sich von dem Gekreuzigten in die Entscheidung gerufen. Er erfährt, was Glauben heißt: eine Beziehung einzugehen. Und ich würde ergänzen: Christlicher Glaube verlangt danach, das zu tun, was Jesus getan hat, als er Beziehungen eingegangen ist: Er war barmherzig. Und das ist vielmehr als nur ein Gefühl. Barmherzigkeit fordert den Einsatz, aus mitfühlender Liebe heraus zu handeln. So wie der Handwerker im Roman schließlich das Gute tat. Ich bin überzeugt: Wo das geschieht, da ereignet sich bereits hier auf Erden der Himmel.

Musik V: Claude Debussy, Images, Livre 2: Cloches à travers les feuilles

Ich wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag! Ihre Eva-Maria Will aus Köln

Anmerkungen:

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Erri de Luca, Den Himmel finden. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki (Berlin ²2020).

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Teresa von Ávila, Das Buch meines Lebens. Vollständige Neuübertragung. Gesammelte Werke Band 1, hrsg., übersetzt und eingeleitet von Ulrich Dobhan und Elisabeth Peeters, Freiburg 12000, Kapitel 9, Seite 163.

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