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Das Geistliche Wort | 08.01.2023 | 08:40 Uhr

Mit Jesus über den Jordan gehen

„Über den Jordan gehen“ – das klingt nicht gut. Denn wer „über den Jordan gegangen ist“, der ist gestorben und nicht mehr unter uns. Dabei meint die Redewendung doch zunächst einmal: da hat jemand die Seite gewechselt, ist von einem Ufer ans andere gelangt, eben über den Jordan. Das klingt dann schon wieder sehr harmlos.

Heute, am Fest der Taufe des Herrn, das in der katholischen Kirche am Ende der Weihnachtszeit gefeiert wird, möchte ich etwas über diese Doppeldeutigkeit nachdenken: „Über den Jordan gehen“. Guten Morgen!

Musik I:

Die Bibel erzählt, wie Menschen von überall her zu Johannes dem Täufer strömten, um sich von ihm taufen zu lassen – und zwar im Jordan. Einer von ihnen war Jesus von Nazareth. Auch er wollte sich von Johannes taufen lassen. So stellte er sich unauffällig in die Reihe der vielen Menschen, die dem Aufruf des Johannes gefolgt waren: „Kehrt um!“ Ja, die Menschen waren gekommen, um Buße zu tun. Sie wollten bekennen, dass sie Sünder sind und hatten sich aufgemacht, ein Zeichen der Umkehr zu setzen. Und das Zeichen dafür war, in den Jordan zu treten, in ihm einzutauchen und am anderen Ufer wieder aus ihm herauszusteigen. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Die Menschen damals, so die Bibel, wollten sozusagen alle Schuld und jeden Makel abwaschen. Sie wollten „clean“ werden am Jordan und damit bereit für einen Neuanfang, gerade dann, wenn etwas so richtig schief gelaufen war in ihrem Leben. Aber im Blick auf Jesus stelle ich mir schon die Frage: Hatte er als Sohn Gottes so etwas überhaupt nötig? Schließlich nennt ihn die Bibel doch auch das „Lamm ohne Makel“ (1 Petr 1,19) und gilt er doch als „den Menschen gleich – außer der Sünde“ (vgl. Hebr 4,15).

Eine Antwort finde ich bei der Betrachtung alter Ikonen aus der Ostkirche, die die Taufe Jesu im Jordan abbilden. Auf einer dieser Ikonen steht Jesus im Wasser, und dort, im Jordan, tummeln sich die Fische und ein Seedrache. Die Ikone wird so gedeutet: Jesus taucht ein in den Jordan, nicht um sich zu reinigen und um frei von Sünden zu werden, sondern er taucht ein in den Jordan, um damit die ganze Welt, die ganze Schöpfung heil und gut zu machen. Und das im umfassenden Sinne, bis heute: Jesus taucht ein in diese unsere konkrete Welt bis heute. In eine Welt, die dabei ist, über den Jordan zu gehen, weil Kriege, Terror, Umweltzerstörung, Korruption, Habgier, Neid und Machthunger dabei sind, alles in der menschlichen Zivilisation Erreichte in Gefahr zu bringen oder sogar ins Verderben zu ziehen. Die alte Ikone zeigt mir: Für die Welt, für die Menschen, für Sie, für mich geht Jesus in der Taufe in und durch, ja, über den Jordan, damit wir nicht zu Grunde gehen, will heißen, damit wir nicht „über den Jordan gehen“. Ich sehe einen Anhaltspunkt für diese umfassende, heilbringende Tat Jesu in einem Detail auf der Ikone: Sie zeigt Jesus nur mit einem Lendenschurz bekleidet, genauso wie er später am Kreuz hängen wird. Dort geht Jesus dann endgültig über den Jordan. Denn sein Weg verläuft von der Krippe über den Jordan geradewegs zum Tod am Kreuz. Das ist seine Bestimmung. Mehr noch: Das ist der Plan Gottes mit seinem Sohn.

Das Fest der „Taufe des Herrn“ wird übrigens in den orthodoxen Kirchen auch „Theophanie“ genannt, zu Deutsch: „Fest der Erscheinung Gottes“ - will sagen: Gott erscheint, um die Welt und damit jeden Menschen heil zu machen.

Musik II:

Bei der Vorbereitung auf meinen Beitrag hier bin ich auf ein Buch des Hildesheimer Priesters Christian Hennecke gestoßen. Es trägt den Titel: „Kirche, die über den Jordan geht“. In dem Buch hat Hennecke schon vor über 10 Jahren auf ein Phänomen hingewiesen, das sich mittlerweile zu einer gravierenden Kirchenkrise entwickelt hat. Vieles in den Kirchengemeinden vor Ort geht nämlich tatsächlich über den Jordan, wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Die Zahl der praktizierenden Christen nimmt deutlich ab; junge Menschen sind in den Gemeinden kaum noch zu sehen; Kirchenaustritte haben ein erschreckendes Niveau erreicht; ehrenamtliches Engagement vor Ort schwindet spürbar; Kirchen und kirchliche Einrichtungen werden geschlossen. Gremien und Ehrenamtliche, Priester, Diakone, Ordenschristen, Seelsorgerinnen und Seelsorger mühen sich ab, und sie sorgen nach Kräften, dass das Glaubensleben lebendig bleibt – und das oft nur mit mäßigem, wenn nicht sogar „fortlaufendem“ Erfolg. Darüber zu jammern – das ist nicht schwer. Und Jammern macht ja bekanntermaßen gesellig; aber es hilft nicht! „Es ist, was es ist“, kann man frei nach Erich Fried sagen.

Aber ich will nicht dabei stehen bleiben und nur nüchtern realistisch die kirchliche Lage beschreiben oder gar den Untergang heraufbeschwören. Ich frage mich vielmehr: Worum geht es denn eigentlich? Und da hilft mir der Blick auf diesen Jesus von Nazareth, auf seinen Weg über den Jordan. Es geht darum, mit ihm diesen Weg zu gehen. Und dann reicht eben nicht der Blick auf das, was die Kirche in Zeiten der Krise und Konflikte anders machen müsste. Mir geht es in erster Linie darum zu fragen: Was trägt mich, und was lässt mich leben, wo doch so vieles tot ist oder gerade stirbt? Ich bin froh und dankbar, wenn ich gegenwärtig Menschen erlebe, die zwar die Kirchen- und Glaubenskrise wahrnehmen und an ihr leiden, die sich aber gleichzeitig nicht beirren lassen, ihren Glaubensweg weiterzugehen – auch in der Kirche: Sie sind nicht nur nachdenklich und bleiben im geduldigen Dialog mit Gleichgesinnten und Kritikern, sondern sie schöpfen ebenso Kraft aus Gebet und Gottesdienst, um sich im Sinne Jesu im Dienst am Mitmenschen und im beruflichen und privaten Alltag zu engagieren. Ich staune über die Unverzagten und freue mich über ihren Mut und ihre Ausdauer – und ich spüre, dass sie offensichtlich Rückendeckung und Ermutigung erfahren. Und zwar von dem, für den und mit dem sie sich unterwegs wissen: Gott, der bei der Taufe im Jordan Jesus zugesagt hat: „Du bist mein geliebter Sohn!“ Und gilt diese Zusage nicht auch jeder und jedem Getauften, auch mir?

Musik III:

Es gibt übrigens noch ein weiteres markantes Ereignis in der Bibel, bei dem auch wieder davon die Rede ist, über den Jordan zu gehen. Es ereignete sich in alttestamentlicher Zeit und ist im Buch Josua (Jos 3) aufgezeichnet. Josua selbst war Nachfolger des Moses und Feldherr. Er durfte die Israeliten in das versprochene Land Kanaan führen. Um in dieses Land zu gelangen, mussten die Israeliten allerdings noch eine letzte Hürde nehmen: Es galt, den Jordan zu überqueren. Ein wichtiger Schritt! Aber was sich so leicht anhört, war alles andere als einfach: Die Israeliten waren ausgelaugt durch ihren vorausgegangenen vierzig Jahre dauernden Zug durch die Wüste. An einen Brückenbau über den Jordan war nicht zu denken; die Suche nach einer bequemen Furt für den Übergang gestaltete sich schwierig. In einer großartigen Erzählung berichtet nun das Buch Josua folgendes: Die Priester des Volkes Israel tragen die Bundeslade zum Jordan. Sie ist ein Holzkasten, in dem die wichtigsten Dinge aufbewahrt werden, die an die enge Beziehung des Volkes mit Gott erinnern, ja die Zeugnisse seiner Gegenwart sind: Da sind vor allem die Tafeln mit den Zehn Geboten. Als die Füße der Priester nun das Wasser des Jordan berühren, da hört der Fluss auf zu fließen, die Fluten bleiben einfach stehen und bilden einen Wall, so dass ein trockener Weg entsteht, auf dem alle Israeliten samt der Bundeslade ohne Schwierigkeiten in das lang ersehnte Land einziehen können. Was für ein erneutes starkes Zeichen der Gegenwart Gottes bei seinem Volk! Da werden Erinnerungen wach an eine ähnliche Geschichte, an den Durchzug durch das rote Meer ganz zu Beginn der vierzigjährigen Wanderschaft von Ägypten nach Kanaan. Damals zog Gott in der Gestalt einer Feuersäule dem Volk voran. Jetzt, am Jordan, ist er in der Bundeslade gegenwärtig.

Und nachdem das Volk Israel über den Jordan gegangen ist, erfüllt sich eine alte Verheißung. Das Volk betritt das Land, in dem Milch und Honig fließen! Es ist das von Gott verheißene Land. Und es gilt eine weitere Verheißung: Hier, in diesem Land wird Gott in der Mitte seines Volkes wohnen. Anders formuliert: Wer über den Jordan geht, der gelangt zur Gemeinschaft mit Gott.

Ich komme noch einmal zurück zur Taufe des Johannes am Jordan: Jetzt wird klar, warum Johannes gerade im Jordan tauft. Es braucht den Übergang, um in die Gemeinschaft mit Gott zu gelangen – und zwar durch die Taufe. Die Juden zurzeit Jesu verstanden die Symbolik, in die Fluten des Jordan eingetaucht zu werden, sehr gut: Es geht hier um ein Zurück zum guten Anfang, zu einem harmonischen und vitalen Miteinander von Gott und Mensch. Der Gläubige lässt so das Schuldhafte und Schmerzliche hinter sich und kann einen Neustart wagen. Und Gott steht dafür ein, dass der Weg in ein neues Land, in einen neuen Lebensabschnitt gelingt. Immerhin verehren die Juden ihren Gott unter dem Namen „Ich bin für euch da“. Mit diesem Gott im Bunde zu sein heißt, ihn als Wegbegleiter an seiner Seite zu wissen – nicht als strengen Richter, sondern als treuen Freund.

Musik IV:

Gott als Begleiter und treuen Freund zu wissen, das macht mir Mut, mit Jesus auch über den Jordan zu gehen! Will heißen: Ich vertraue darauf, einmal auch im Sterben von ihm begleitet zu werden, um das gelobte Land zu betreten. Aber es muss nicht erst das Jenseits sein. Wer mit Jesus über den Jordan geht, setzt darauf, auch schon hier und jetzt erstaunliche Entdeckungen zu machen, vermutlich andere, als ich mir jetzt vorstelle: Auch wenn es keine vollen Kirchen mehr sind, wenn es keine Scharen von Engagierten und keine blühenden Landschaften im herkömmlichen volkskirchlichen Sinne geben wird – vielleicht wird sich das Leben der Christinnen und Christen an ganz anderen Orten und bei anderen Gelegenheiten regen: womöglich außerhalb unserer Kirchen, vielleicht nur im Kleinen und Unscheinbaren, aber vital und kreativ, zukunftsorientiert, weil vom Geist Gottes inspiriert. Nicht die Besitzstandswahrung steht dann im Vordergrund, sondern die Freude am Neuen, am Ungewohntem, am Überraschenden – wer weiß?! Ich bin da neugierig und zuversichtlich! Und ich habe Verständnis für die vielen Christinnen und Christen heute, die unterwegs sind wie die müden Israeliten auf dem Weg durch eine nicht enden wollende Wüste der Kirchenkrise und des Glaubensschwunds. Aber der Weg ist für die Bibel nicht das Ziel. Das Ziel ist die Verheißung einer besseren Welt. Und um das zu erreichen, müssen wir über den Jordan gehen. Dabei dürfen wir jedoch das Ziel nicht aus dem Blick verlieren. Immerhin ist es doch Gott – so glaube ich –, der uns begleitet und uns eine bessere Welt verheißen hat.

Musik V:

Mit Gott mutig und zuversichtlich über den Jordan gehen auf ein Ziel hin. Was es dazu allerdings immer wieder braucht, sind Menschen, die als Kundschafter den ersten Schritt wagen, die vorausgehen und anderen zeigen, dass der Übergang gelingen kann. Wer könnten heutzutage solche Kundschafter sein? Manchmal sind es für mich die Menschen, die treu zu der Aufgabe stehen, die sie einmal übernommen haben: ich denke an die vielen Pflegerinnen und Pfleger und an die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in den Vereinen und Hilfsorganisationen und an die, die ohne viel Aufhebens in der Nachbarschaft helfen. Sind sie nicht Kundschafter einer besseren Welt – schon hier und jetzt? Einen Botschafter finde ich auch in der Literatur. Es ist der 2017 verstorbene Schweizer Dichter Kurt Marti der von den Kundschaftern auf seine Weise erzählt. Er sagt:

Sprecher:

„Wo kämen wir hin,

wenn alle sagten,

wo kämen wir hin,

und niemand ginge,

um einmal zu schauen,

wohin man käme,

wenn man ginge.“[1]

Einmal schauen, wohin man kommt, wenn man erst einmal aufbricht und geht. Das wünsche ich mir für mich, für meine Kirche, ja für die ganze Gesellschaft. Es bedarf einer Sehnsucht dazu. Die Bibel lehrt: Wer unterwegs ist und wer es sich etwas kosten lässt, auf eine Verheißung zu vertrauen – auch in diesen winterlichen Zeiten –, der geht trockenen Fußes und gestärkt über den Jordan.

Heute, am Fest der Taufe Jesu, wo Jesus über den Jordan geht, gilt ihm und allen Menschen die Zusage Gottes: Wir sind seine geliebten Söhne und Töchter, die zwar in einer buchstäblich „ver-rückten“ Zeit unterwegs sind, die aber fragen, suchen und durchaus gläubig aufbrechen dürfen in eine bessere Zukunft. Diesen unverdrossenen Optimismus wünsche ich Ihnen auf den Wegen durch das immer noch neue Jahr!

Ihr Michael Menke-Peitzmeyer aus Paderborn


[1] Zitiert nach: https://www.aphorismen.de/zitat/132773

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