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Das Geistliche Wort | 05.02.2023 | 08:40 Uhr

Bitte keine Eindeutigkeit!

Guten Morgen!

Ein neuer Fernseher musste her. Meine alte Röhre – endgültig dahin. Ersatzteile für das alte Gerät: Fehlanzeige. Also: Ein neuer Fernseher. Ein Flachbildschirm natürlich. Sehr groß im Durchmesser. Die ersten Monate mit dem neuen Gerät, für mich ein echtes Sehabenteuer: Herrliche Farben, beeindruckende Bildkontraste, das Bild von einer Detailgenauigkeit, die ich bislang bei einem TV-Gerät nicht kannte. Irgendwann gewöhnt man sich aber auch daran. Und irgendwann kamen mir auch ganz eigene Gedanken. Steht so ein moderner Fernseher nicht auch für unsere Zeit? Ist der Farbglanz, sind die klaren Bilder nicht auch ein Ausdruck unseres Lebensgefühls? Soll heutzutage nicht alles klar, gut unterscheidbar sein? Verlangt die Gesellschaft momentan nicht sehr gebieterisch danach, dass es überall eine Tiefenschärfe gibt und alles genau erkennbar, „transparent“ ist? Jeder will und soll jederzeit den Durchblick haben. Dafür sorgen dann unter anderem die Medien, die rund um die Uhr berichten, aufklären, aufdecken. Skandale werden enthüllt, Fehler, Versagen und Verbrechen offen benannt: Es scheint, als habe die Unschärfe, das Vage nun wirklich keine Chance mehr. Alles verlangt nach Eindeutigkeit. Ja mehr noch: Verlangt nach klarer Positionierung, und nach Öffentlichkeit.


Musik I: Philipp Glass, Violinkonzert 1


Klarheiten und Eindeutigkeiten werden von einer wachsamen Öffentlichkeit geschätzt und erwartet. Und das ist auch gut so. Aber es ist schon eigentümlich: Viele Klarheiten, viele Eindeutigkeiten sind derzeit auch im Verschwinden begriffen. Die großen Institutionen unserer Gesellschaft, einst Garanten für Eindeutigkeiten und Klarheit, sie verlieren an Bedeutung. Die Parteien kämpfen um ihre Glaubwürdigkeit. Industrie und Wirtschaft werden kritisch auf ihr Handeln und Lassen befragt. Und nicht zuletzt die Kirchen, zumal die Katholische Kirche, stehen unter Verdacht und Anklage im Bereich von Gewalt und Machtmissbrauch und vernebeln ihren eigen Auftrag: Diener der Menschen zu sein. Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Auch unsere Vorstellungen vom internationalen Zusammenhalt, vom Frieden und von der Sicherheit in Europa geraten ins Wanken, seitdem Russland die Ukraine angegriffen hat. Worauf kann man sich eigentlich noch verlassen? Wer ist Freund, wer Feind? Wer gibt Orientierung in einer Gesellschaft, deren Gewohnheiten so im Wandel sind und die so offensichtlich unterwegs ist?


Musik II: Philipp Glass, Violinkonzert 2


Nun ist es mit der Klarheit, dem selbstverständlich Gewohnten und Bekannten, dem Eindeutigen, so eine Sache. Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer beobachtet in unserer Welt von heute einen Zwang zur Vereindeutigung.[1] Und er beklagt für die Gegenwart den Verlust von Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Dafür benennt er vor allem ökonomische Gründe. Die aktuelle Wirtschaftsordnung ist sehr an Eindeutigkeiten interessiert. Über die Mechanismen des Marktes kann zum Beispiel jedem Menschen und jeder Ware ein exakter Wert zugemessen werden. Es geht nur noch um Zahlen, Daten, Fakten aber damit wird „jedes Nachdenken über Wert und Werte beendet“[2], so Thomas Bauer weiter. Das erleichtert natürlich Vieles. So lässt sich Konsum und Kaufverhalten steuern.

Der Wunsch nach Eindeutigkeiten äußert sich aber auch in der gesellschaftlichen Tendenz zu Fundamentalismen: Dann gibt es nur noch die eine Sicht auf die Geschichte, die all den Zufälligkeiten mit großer Skepsis begegnet, die aber doch in Ereignissen und Begebenheiten wohnen. Dahinter steckt wohl die Sehnsucht nach der einen Wahrheit, die eindeutig erkennbar ist. Die Dinge sollen unverfälscht sein, man will genau wissen, woher etwas kommt. „Authentisch“, sagt man dazu. Alles, was anders ist, das, was nicht in ein bekanntes Deutungsmuster passt, all das wird von vielen Menschen schlichtweg abgelehnt.[3] Das aber hat Konsequenzen: So nimmt die Bereitschaft beständig ab, Neues zu leben, Vielfalt anzuerkennen. Die Politik wird so zum Spielball von Populisten, die mit einfachen Rezepten die Welt regeln, ja retten wollen. Die Religion gerät in den Sog des Fundamentalismus.

Bemerkenswert ist dabei die Aussage des Islamwissenschaftlers Thomas Bauer, die mich selbst überrascht hat, dass die Katholische Kirche von ihrer Geschichte her zum Teil eine Ausnahme zu dieser Entwicklung darstellt: Ihr Leben entfaltet sich in unterschiedlichsten Sprachen, Kulturen, Regionen, Ländern und Kontinenten. So steht sie also für Vielfalt und Lebendigkeit. Dennoch bleibt ein Problem mit Konsequenzen bis heute: Denn gerade unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. kam es innerhalb der Katholischen Kirche zu lähmenden Vereinheitlichungen und hinderlichen Reglementierungen. Die Folge: Die Kirche blieb so hinter ihren eigenen Möglichkeiten, unter den Menschen eine lebendige Vielfalt zu fördern. Mit bitterer Bilanz: Die Katholische Kirche ist – auch dadurch – in ihrer Kommunikationsfähigkeit gestört, sie ist innerlich zerrissen, ja, gespalten.[4]


Musik III: Philipp Glass, Violinkonzert 3


Eine Welt voller Eindeutigkeiten wäre das die beste aller Welten? Eine Welt, in der letztlich der Mensch genormt wird? Eine Welt voller eindeutiger Lösungen und einfacher Rezepte, wie uns Populisten und Ideologen immer wieder vorgaukeln wollen? Mir geht ein Wort des Jesuiten Alfred Delp, den die Nationalsozialisten 1945 umgebracht haben, nicht aus dem Kopf, das gegen diese Art von Fundamentalismus und Uniformität steht und wie eine Mahnung klingt. Alfred Delp sagt:

„Es fehlt vielleicht uns modernen Menschen nichts so sehr als die echte Erschütterung. Wirklich da, wo das Leben fest ist, seine Festigkeit zu spüren, und da, wo es labil ist, uns unsicher ist, und haltlos ist und grundlos ist, das auch zu wissen und das auch auszuhalten.“[5]

Ein starkes Wort, das auf mich heilsam beunruhigend wirkt. Ein Wort, das mir daher aber auch Mut macht, von liebgewonnenen Eindeutigkeiten, die mir scheinbare Sicherheiten geben, Abschied zu nehmen. Ein Wort, das mich einlädt, das Andere, Nicht-Eindeutige zu entdecken, mich von ihm hinterfragen, mich von ihm erschüttern zu lassen. Ich weiß nicht, ob Alfred Delp eine spezielle Person vor Augen hatte, als er das schrieb. Ich denke jedenfalls dabei an die Person des Jesus von Nazareth, der völlig ungebunden und unbefangen mit seinen Jüngern umherzog. Und sich dabei um die kümmerte, die sich an ihn wandten – er sah und heilte die Kranken, er redete mit den Gelehrten, er segnete die Kinder. Jesus lebte Vielfalt. Er wusste um Gott, den er seinen „Vater“ nannte und von dem er glaubte, dass er seine Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt (vgl. Mt 5,45). Jesus hatte keine Scheu vor Situationen, die vielleicht nicht ganz eindeutig so sind. Er hatte ein Herz gerade für Menschen mit komplizierten Lebensgeschichten. – Mir kommt Jesu handeln so vor: So vielfältig wie das Leben, so vielfältig sind doch die Wege Gottes, Wunder bei den Menschen zu tun.

Wenn aber Gott ein Gott der vielfältigen Wege ist, dann dürfen auch wir Vielfalt wagen. Schon die ersten Christinnen und Christen deuteten in diesem Sinne die Entstehung der Kirche. Am Pfingsttag kommt der Heilige Geist auf die Menschen herab. Er formt die Kirche aus dem Kreis der Jüngerinnen und Jünger, die mit einem Male allen Menschen in allen Sprachen von Jesus erzählen und über ihn Zeugnis geben können – in allen Kulturen, auf allen Kontinenten.

Soweit die Taten Gottes. Das bedeutet doch: Alle, die von Gott angesprochen sind, sind auch dazu berufen, das Fremde, nicht immer Eindeutige, also die ganze Vielfalt unterschiedlicher Lebenssituationen, anzunehmen. Im Sinne Alfred Delps müssen die, die zu Jesus gehören, lernen, das Leben „auszuhalten“ und damit auch die Erschütterungen zu ertragen, die Neues und Fremdes zweifellos in einer Lebensgeschichte auslösen kann. Uneindeutigkeiten und Unschärfe werden so zum Motor von Wandel und Aufbrüchen.


Musik IV: Johannes Brahms, Symphonie IV, 4. Satz


So schön Eindeutigkeiten sind, so sehr sie Klarheit und Festigkeit, Sicherheit und Orientierung geben: Die Welt ist aber nicht so eindeutig, wie wir es gerne hätten. Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der Kulturen, Religionen, Sprachen und Wertevorstellungen aufeinandertreffen. Heinz Bude, Soziologieprofessor an der Universität Kassel, stellt zu Recht fest, dass es kein großes „Wir“ mehr gibt, unter dessen Dach alle eine Heimat finden. Im Gegenteil. Zu unterschiedlich sind politische Ansichten, sozialer und wirtschaftlicher Status, konfessionelle Anschauungen und Lebenskonzepte. Und alles und alle gleichzuschalten wäre doch fatal, denn jeder Mensch will doch als eigenständige Persönlichkeit leben. Gleichzeitig gilt aber auch: Menschen sind soziale Wesen, sie sind aufeinander angewiesen, ja, Menschen brauchen einander. Und diese Spannung zwischen eigenständiger Persönlichkeit und sozialer Notwendigkeit muss jeweils neu miteinander ausverhandelt werden.[6] Anders formuliert: Die Gesellschaft, fordert mich heraus, mich um meine Mitmenschen zu bemühen auf immer neue Weise. Es geht um meine Solidarität, die den Anderen, Fremden, Unbekannten wahrnimmt und anerkennt, auch und gerade, weil er und sie anders ist und unbekannt.

Das gilt übrigens auch umgekehrt, denn für die allermeisten Menschen bin und bleibe ich als vielschichtige und Persönlichkeit ein anderer, ein fremder, ein unbekannter. Und auch ich möchte von den anderen Menschen ja geachtet werden. Ein mühsamer, anstrengender Prozess also im Umgang mit dem, was nicht immer eindeutig ist. Diese Form der Solidarität ist ein sehr bewegliches Ding. Solidarität geht erst einmal durch das „Nadelöhr des Ichs“[7], wie der Soziologieprofessor Heinz Bude sagt. Also: Was kann ich mir zumuten, wofür stehe ich, was sind meine Ansprüche an mich und an meine Mitmenschen? Solidarisch zu sein und zu handeln, das entscheidet sich von Situation zu Situation[8]: Wem soll ich helfen? Für wen da sein? Wofür soll ich mich einsetzen? Solidarität lebt sehr elastisch aus Anschlüssen, gegenseitigen Verbindungen und Hilfen, sie erhofft die Verbundenheit mit Vielen und erweist Großzügigkeit gegenüber Fremdem.[9]


Musik V: Johannes Brahms, Symphonie IV, 3. Satz


Wir leben in einer Welt, die massiv im Wandel und im Umbruch ist. Eine Welt schwindender Eindeutigkeiten. Vielleicht ist die Haltung einer Solidarität, die sich für die Vielfalt und Unterschiedenheit stark macht und sich um immer neue Formen eines „Wir“ müht, gar nicht so schlecht in bewegten Zeiten. Nicht zuletzt um selbst auch als individuelle und vielfältige Persönlichkeit angenommen zu werden. Für Christinnen und Christen mag hier die Botschaft Jesu vom Reich Gottes Inspiration sein, denn Gott macht keinen Unterschied, wenn er die Sonne über allen Menschen aufgehen lässt, egal ob sie gut oder böse sind (vgl. Mt 5,45). Und auch das Leben Jesu selbst zeigt, was gemeint ist: Nicht auf alte Gewissheiten in Kultur und Religion zu pochen, sondern die Bereitschaft einzuüben, mit dem Anderen, dem Fremden, ungewohnte Wege zu wagen. Mich ermutigt das jedenfalls. Denn worum geht es in schwierigen Zeiten? Ich glaube: Vielfalt wahrzunehmen, Uneindeutigkeiten zuzulassen; dem betont Eindeutigen aber mit Skepsis zu begegnen. Es geht ganz klar um meine Bereitschaft, Uneindeutigkeiten auszuhalten. Denn in ihnen verbirgt sich möglicherweise das Neue und Andere, das, was sich unter uns entwickeln möchte. Verbirgt sich die spannende Einladung, solidarisch zu werden. Mit meinem Nächsten, mit Gott und der Welt.


Es grüßt Sie nachdenklich – Wilhelm Tolksdorf aus Essen.


Musik VI: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier I, Präludium I


[1] Vgl. Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 5. Auflage, Reclam: Stuttgart 2018.

[2] Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 5. Auflage, Reclam: Stuttgart 2018, 20.

[3] Vgl. Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 5. Auflage, Reclam: Stuttgart 2018, 28-30.

[4] Vgl. Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 5. Auflage, Reclam: Stuttgart 2018, 20-24.

[5] Zitiert nach: Ulrike Gentner/Tobias Zimmermann SJ: Licht in allen Dingen finden. Adventskalender mit ignatianischen Impulsen. Echter: Würzburg 2022, Tageseintrag 07.12.

[6] Vgl. Heinz Bude: Und jetzt alle. Klima, Krieg, Corona: Ständig müssen wir jetzt solidarisch sein. Was heiß das eigentlich genau?, in: Süddeutsche Zeitung vom 03. 11.2022.

[7]Heinz Bude: Und jetzt alle. Klima, Krieg, Corona: Ständig müssen wir jetzt solidarisch sein. Was heiß das eigentlich genau?, in: Süddeutsche Zeitung vom 03. 11.2022.

[8] Vgl. Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Hanser: München 2019, 148.

[9] Vgl. Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Hanser: München 2019, 148-149.

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