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Das Geistliche Wort | 10.04.2023 | 08:40 Uhr

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Das Geschenk des Rabbis

Sprecherin:
Ein berühmtes Kloster war
in gro
ße Schwierigkeiten geraten. Früher waren seine vielen Gebäude voll junger Mönche. Seine Kirche wurde von ihrem Chorgesang erfüllt. Aber jetzt war es verlassen.


Autor:
Die Geschichte von dem berühmten Kloster begleitet mich schon lange. Erzählt hat sie der amerikanische Prämonstratenser-Mönch Francis Dorff. Sie heißt „Das Geschenk des Rabbis“. Die Geschichte einer wunderbaren Auferstehung. Doch wie jede Auferstehungsgeschichte beginnt sie mit Niedergang, Sterben und Tod.


Sprecherin:
Es kamen keine Menschen mehr in das Kloster, um sich im Gebet Stärkung zu holen. Eine Handvoll alter Mönche schleppte sich mühsam durch die Kreuzgänge. Sie priesen Gott mit schwerem Herzen.


Autor:
Erschöpft. Ausgezehrt. Früher eine blühende Gemeinschaft, die junge Menschen anzog. Heute eine kleine Gruppe alt gewordener Männer. Viele Klöster erleben dieses Schicksal. Das Herz wird schwer dabei. Wer soll noch kommen, um hier gestärkt zu werden?

Die Gefährten von Jesus haben etwas Ähnliches erlebt. Am Karfreitag. In den Jahren davor sind sie durch Israel gezogen. Haben von Gott erzählt. Von seiner Liebe, seiner Menschenfreundlichkeit und seiner Nähe. Haben gemeinsam gebetet. Und erlebt, wie Menschen gesund wurden. Gestärkt an Körper und Geist. Vor allem die Armen fühlten sich angesprochen. Die am Rand lebten, weil sich nicht viel hatten oder krank waren. Eine ganze Bewegung entstand um diesen Jesus von Nazareth. Veränderung lag in der Luft. Die Herrschenden wurden nervös. Dann wurde Jesus gefoltert und getötet. Durch die Willkür eines totalitären Regimes. Seinen Anhängerinnen und Anhängern / seiner Bewegung wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Plötzlich waren sie allein. Vereinsamt. Und priesen Gott mit schwerem Herzen.

Mir geht es gerade nicht anders. Am Ende dieses kalten Winters. Über ein Jahr lang führt Russland nun schon seinen Krieg gegen die Ukraine. Einen Krieg der Systeme: Auf der einen Seite das autoritäre Großreich. Seit Jahrhunderten erobert und kolonisiert es die Völker in seinem Umfeld. Und wie jeder imperiale Staat erstickt es jede freie Lebendigkeit. Dagegen steht das ukrainische Volk, das seine Gesellschaft selbst gestalten will: demokratisch, freiheitlich. Gemeinsam mit den Gleichgesinnten in der westlichen Welt. Wieviel Mut! Aber auch wieviel Leid!

Wer hier in Deutschland in diesem Winter gefroren hat, durfte sich solidarisch fühlen. Und hat doch nur eine kleine Ahnung bekommen von den Leiden des Krieges.

Aber auch sonst war es ein schweres Jahr. Ich habe so viele Menschen beerdigen müssen wie noch nie. Alte. Aber auch viele junge. Die Mediziner sprechen von Übersterblichkeit. Eine Folge der Pandemie. Viele Familien stehen ratlos vor der Frage: Warum soviel Sterben? Warum dieser Tod? Warum so früh? Woher soll Hoffnung kommen? Und neue Kraft?


Musik 1

Nika's Dream;
Komponist: Nils Wülker; Interpreten: Nils Wülker & Arne Jansen; Album: Closer; Label: 2023 Warner Music Group Germany Holding GmbH; LC: 14666


Sprecherin:
Am Rande des Klosterwaldes hatte ein alter Rabbi eine kleine Hütte gebaut. Von Zeit zu Zeit pflegte er dorthin zu kommen, um zu fasten und zu beten. Niemals sprach jemand mit ihm. Aber so oft er erschien, ging die Nachricht von Mönch zu Mönch: „Der Rabbi wandelt im Walde!“ Und so lange er dort weilte, fühlten sich die Mönche von seiner betenden Gegenwart getragen.


Nach einer Weile lud der Rabbi mit einer Handbewegung den Abt in seine Hütte ein. Mitten im Zimmer stand ein hölzerner Tisch, auf dem die geöffnete Heilige Schrift lag. Einen Augenblick saßen sie dort – in der Gegenwart des Buches. Dann fing der Rabbi an zu weinen. Der Abt konnte nicht an sich halten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und begann auch zu weinen. Zum ersten Mal in seinem Leben weinte er sich so richtig aus. Wie verlorene Kinder saßen die zwei Männer dort, ihr Schluchzen erfüllte die Hütte, und ihre Tränen netzten den Tisch.
„Du und deine Brüder dienen dem Herrn mit schwerem Herzen, sagte er, „du bist gekommen, um dir von mir Rat zu holen. Ich werde dir eine Weisung geben, aber du darfst sie nur einmal wiederholen. Danach darf niemand sie je wieder laut aussprechen.Der Rabbi schaute den Abt offen und ernst an und sagte: „Der Messias ist unter euch.“
Eine Weile war es still. Dann sagte der Rabbi: „Du musst nun gehen.“ Ohne ein Wort, ohne auch nur zurückzuschauen, ging der Abt fort.
Die Mönche waren von dieser Aussage bestürzt und jeder fragte sich, was sie bedeuten könne. Ist Bruder Johannes des Messias? Oder Pater Matthäus? Oder Bruder Thomas? Bin ich … der Messias?
Alle waren ganz verwirrt von diesem Wort des Rabbi. Aber keiner erwähnte es jemals wieder. Mit der Zeit begannen die M

Alle waren ganz verwirrt von diesem Wort des Rabbi. Aber keiner erwähnte es jemals wieder. Mit der Zeit begannen die Mönche, einander mit einer ganz eigenen Ehrfurcht zu begegnen.
The Rabbi’s Gift:

Autor:
Die Nähe des Rabbis tut gut. Aber oft ist er fort. Es ist ein weiser Mensch. Wie der berühmte Rabbi Israel ben Elieser. Der Baal Shem Tov aus Martin Bubers Erzählungen der Chassidim. Der lebte im 18. Jahrhundert im Westen der Ukraine. Einmal wurde der Baal Shem Tov gefragt, warum Menschen Gott oft als fern erleben. Darauf sagte er: Wenn ein Vater seinem Kind das Gehen beibringt, dann breitet er seine Arme aus. Wenn das Kind auf ihn zukommt, weicht er langsam zurück. Damit es selbständig laufen lernt.


Sprecherin:
Eines Tages entschloss sich der Abt, den Rabbi aufzusuchen und ihm sein Herz zu eröffnen. Am Morgen nach der Eucharistiefeier machte er sich auf den Weg durch den Wald. Als er sich der Hütte näherte, sah er den Rabbi in der Tür stehen, die Arme weit zum Willkommensgruß ausgebreitet. Es war, als hätte er schon eine Weile dort gewartet. Die beiden umarmten sich wie lang-verlorene Brüder. Dann traten sie zurück und blieben einfach stehen und schauten einander lächelnd an.


Autor:
Männer aus zwei Religionen begegnen sich. Sie kommen sich nahe. Der Vertreter einer religiösen Gemeinschaft. Und ein einzelner Weiser. Bei dem Rabbi denke ich auch an Jesus. Auch er war Jude und wurde immer wieder Rabbi genannt. Eine Begegnung mit ihm konnte das Leben verändern. Heilsam. Auch er suchte immer wieder einsame Orte auf. Um zu beten und sich zu sammeln. Auch zu ihm kamen Menschen, um Rat zu suchen.

Der Rabbi und der Abt begegnen sich. Sie nehmen sich in die Arme. Lesen in der Bibel. Ihrer gemeinsamen Heiligen Schrift. Und weinen gemeinsam über das Leid dieser Welt.


Musik 2

Confluence;
Komponist: Nils Wülker & Peter-John Vettese; Interpret: Nils Wülker; Album: Up; Label: 2015 Warner Music Group Germany Holding GmbH; LC: 14666


Sprecherin:
Als die Tränen versiegten und alles wieder still war, hob der Rabbi seinen Kopf.

Autor:
Das ist Ostern: Der Messias ist da. Er ist unter Euch. Auch wenn Ihr ihn nicht erkennt. Wenn Ihr ihn vielleicht gar nicht sehen könnt. Der Messias lebt. Er ist mitten unter Euch.

Es ist wie bei den Jüngern, die auf dem Weg in das Dorf Emmaus sind. Am dritten Tag nach Jesu Kreuzigung. Sie sind traurig und mutlos. Mit all dem Leid und Tod wissen sie nicht umzugehen. Ein Mann begegnet ihnen. Es ist ihr Rabbi. Jesus selbst. Aber sie erkennen ihn nicht.

Als sie in Emmaus ankommen, laden sie den Fremden zum Essen ein.
Der nimmt das Brot, dankt Gott, bricht das Brot in Stücke und gibt es ihnen. Da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie erkennen ihn. Im selben Augenblick verschwindet er vor ihnen.(Lk 24,30-31) Der Messias ist unter ihnen. Sie wissen dasselbe Geheimnis wie der Abt in der Geschichte. Sie haben es von ihrem Rabbi erfahren.


Musik 3

It Won't Be Long;
Komponist: Nils Wülker & Arne Jansen; Interpreten: Nils Wülker & Arne Jansen; Album: Closer; Label: 2023 Warner Music Group Germany Holding GmbH; LC: 14666


Sprecherin:
Am nächsten Morgen rief der Abt seine Mönche im Kapitelsaal zusammen. Er erzählte ihnen, dass er vom Rabbi, der im Walde wandelte, eine Weisung erhalten habe und dass diese Lehre nie wieder laut ausgesprochen werden dürfe. Dann schaute er seine Brüder einzeln an und sagte: „Der Rabbi hat gesagt, einer von uns sei der Messias.


Autor:
„Der Rabbi hat gesagt, einer von uns sei der Messias.“ Kein Wunder, dass diese Worte Bestürzung auslösen. Ist Bruder Johannes der Messias? Oder etwa ich selbst?

Aber hatte der Rabbi das wirklich gesagt? Diese Frage stelle ich mir jedesmal, wenn ich die Geschichte höre. Die Worte des Rabbi waren: „Der Messias ist unter euch.“ Das ist doch etwas Anderes. Das heißt doch: Er ist da. Er ist bei Euch. Ich höre darin: Er begleitet Euch – auch wenn Ihr ihn nicht sehen könnt. Er ist im Geiste bei Euch. In Gedanken. Er wohnt in Euren Herzen. So, wie der Auferstandene da ist – durch seinen Geist.

Hat der Abt den Rabbi also missverstanden? Oder hat er etwas Tieferes begriffen? Einer von uns ist der Messias. Aber keiner weiß, wer. Also kann jeder von uns der Messias sein. Sogar Bruder Johannes mit seinem Dickkopf. Pater Matthäus mit
… (TR: was wird es jetzt?). Bruder Thomas in seiner Schlichtheit. Ja, sogar ich selbst. Wenn jeder es sein kann, dann heißt das: Wir sind Messias.

Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Doktorarbeit dafür eine Formulierung gefunden: „Christus als Gemeinde existierend.“ Er meint damit: Der Auferstandene lebt in den christlichen Gemeinden. Das ist die Auferstehung, auf die es ankommt: Der Messias hat eine neue Gestalt gefunden. In den Gemeinschaften, die an ihn glauben. Die Gemeinde ist sein neuer Leib. In ihr ist er lebendig und anwesend. So, wie Paulus es der Gemeinde in Korinth geschrieben hat:
Ihr seid der Leib Christi.
(1.Kor 12,27)


Musik 3

It Won't Be Long;
Komponist: Nils Wülker & Arne Jansen; Interpreten: Nils Wülker & Arne Jansen; Album: Closer; Label: 2023 Warner Music Group Germany Holding GmbH; LC: 14666


Autor:
Und die Mönche?


Sprecherin:
Etwas Edles und Aufrichtiges, etwas warmherzig Menschliches war unter ihnen, das schwer zu beschreiben, aber leicht zu bemerken war. Sie lebten zusammen wie Menschen, die endlich etwas gefunden hatten. Gemeinsam betrachteten sie die Schrift wie Menschen, die immer voll Erwartung waren. Gelegentliche Besucher fühlten sich tief bewegt vom Leben dieser Mönche.

Nicht lange dauerte es, und Menschen kamen von nah und fern, um durch das Gebetsleben der Mönche gestärkt zu werden, und junge Männer baten wieder, Mitglieder dieser Gemeinschaft werden zu dürfen. In dieser Zeit wandelte der Rabbi nicht mehr durch den Wald. Seine Hütte war zerfallen. Aber die Mönche, die seine Weisung beherzigt hatten, fühlten sich irgendwie von seiner betenden Gegenwart getragen.


Autor:
Das ist Ostern. Das ist Auferstehung. Ich gehöre zu einer lebendigen Gemeinschaft. Und in dieser Gemeinschaft ist der Messias lebendig. In uns lebt sein Geist. Und wir bilden gemeinsam den Leib, mit dem er in der Welt ist. Das verändert. So, wie sich die Gemeinschaft in der Erzählung verändert. Schwer zu beschreiben. Aber leicht zu bemerken. Zusammen leben wie Menschen, die endlich etwas gefunden haben. Ich finde, das hat etwas enorm Beglückendes.

Ja, es ist viel Leid in der Welt. Viel Tod und viel Ungerechtigkeit. Aber in uns lebt etwas, das stärker ist. Einer, der stärker ist. Einer, der durch seine Liebe die Macht des Tötens und des Todes überwunden hat. Einer, der nicht auf der Seite der Unterdrückung steht. Sondern der diejenigen ermutigt, die frei ihrem Gewissen folgen wollen. Wie anziehend ist eine Gemeinschaft, die von so einem Vertrauen lebt!

Auch der Rabbi Jesus wandelt nicht mehr durch den Wald. Seine Hütte ist zerfallen. Aber es gibt Gemeinschaften, Gemeinden, die von seiner Gegenwart getragen sind. Ermutigt. Engagiert. Und voller Ausstrahlung. Weil der Auferstandene in ihnen lebt. Frohe Ostern wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Kirche in Versmold. Ich grüße Sie mit dem alten Ostergruß: Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!


Musik 5

Bridges;
Komponist: Dominic "Mocky" Salole & Nils Wülker; Interpret: Nils Wülker; Album: Up; Label: 2015 Warner Music Group Germany Holding GmbH; LC: 14666



Quellen:

Ursprünglich verfasst ist die Erzählung 1979 von Francis Dorff, O. Praem., Priester der Norbertine Community of Santa Maria de la Vid Abbey in Albuquerque, New Mexico(https://norbertinecommunity.org/rabbis-gift-untold-story/).

M. Scott Peck hat die Erzählung veröffentlicht in seinem Buch: The Different Drum. Community Making and Peace, New York 1987, 21998, S. 13-15 (deutsch: Gemeinschaftsbildung: Der Weg zu authentischer Gemeinschaft, Verlag Blühende Landschaften, 2014) Dort schreibt Peck: There is a story, perhaps a myth. Typical of mythic stories, it has many versions. Also typical, the source of the version I am about to tell is obscure. I cannot remember whether I heard or read it, or where or when. Furthermore, I do not even know the distortions I myself have made in it. All I know for certain is that this version came to me with a title. It is called The Rabbi's Gift.

Zur ursprünglichen Verfasserschaft von Francis Dorff: s. https://chattanoogaendeavors.org/service/community-building/the-rabbis-gift/

Die hier verwendete deutsche Übersetzung hat die Erzählung von Dorff zur Grundlage, die mir besser gefällt als die gelehrtere Variante von Peck. Sie steht u.a. hier:

https://www.bdkj-speyer.de/mitmachen/auftanken/glaubenskiste/glaubenskiste-detail/unter-uns/

(Websiten eingesehen am 3.3.23)


Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 111990, S. 150


Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio. Eine dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche, hg. v. Joachim von Soosten, München 1986 (DBW 1)



Redaktion:
Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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