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Das Geistliche Wort | 02.04.2023 | 08:40 Uhr

„Theater“

Guten Morgen!


Dass Menschen auf die Straße gehen, um zu demonstrieren, das ist bekannt. Aber haben Sie am Sonntag vor Ostern schon einmal eine Demonstration erlebt? Ich spreche von der Palmsonntagsprozession, die heute mancherorts geschieht. Das ist schon eine merkwürdige Situation: Christ*innen auf den Straßen, in Parks, in und rund um Kirchen beginnen da ihren Gottesdienst. Heute geht es nicht in einer Kirche los. Für mich als katholischen Priester hat das etwas von Fronleichnamsprozession; die kennen sicherlich noch viele von Ihnen. Auch da bewegen sich Menschen bei einem Umzug mit Musik, eventuell mit einer Musikkapelle, durch die Straßen eines Ortes oder Ortsteils. Und heute? Da tragen Kinder bunt geschmückte Stöcke mit Buchsbaum. Erwachsene halten kleine Zweige davon in der Hand. Messdiener*innen schwenken kräftig Weihrauch und ein Vortragekreuz ist festlich geschmückt. Dafür wird schon einmal die eine oder andere Straße gesperrt, Autos halten an, die Musik unterbricht manche beim Frühstück, die am Prozessionsweg wohnen.


Musik I: Marika Hackman „I follow rivers“


Vor ein paar Jahren habe ich bei einer Palmsonntagsprozession in Aachen mitgemacht. Und bei der Palmsonntagsprozession habe ich einen Kommentar aufgeschnappt, der mich nicht mehr loslässt. „Was für ein Theater“, sagte eine Frau, die gerade mit einer prallen Brötchentüte vom Bäcker kam und deren Weg durch unsere Prozession gestört wurde.

„Was für ein Theater!“ Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben. Damals hat mich der Satz zunächst irritiert. Dann nach dem Gottesdienst machte er mich sogar wütend und enttäuschte mich schließlich. Ich begann mich selbstkritisch zu fragen: War das, was wir da taten, wirklich ein Theater? Und was genau muss dann so befremdet haben?

Mittlerweile kann ich aber ganz ehrlich sagen: Diese Frau am Wegesrand hat irgendwie auch recht. Dieser Morgen mit der Prozession hat tatsächlich auch etwas von einem Theaterstück. Und wenn ich den ganzen Gottesdienst dazu nehme, dann spielt sich das alles in mehreren Akten ab.

Der ganze Gottesdienst an Palmsonntag hat sozusagen ein uraltes Drehbuch. Es ist Teil der Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth. Mit dem Palmsonntag startet er in die letzte Woche seines Lebens. In wenigen Tagen wird er sterben. Aber an diesem Palmsonntag wird er in Jerusalem noch gelobt, besungen und wie ein König gefeiert und begrüßt.

Diese Geschichte hat Menschen schon immer fasziniert. Denn sie erzählt einen dramatischen Wechsel: in kürzester Zeit vom Helden zum Verbrecher. Während Jesus von manchen Menschen noch gefeiert wird, schmieden bereits andere Menschen Pläne, ihn zu töten. Denn er stört sie in ihrem Denken, ihrer Macht. – Offenbar passt dieser Jesus nicht in ihre Welt, so wie für Menschen heute diese Prozession zum Teil nicht mehr in die Welt passt und die Sonntagsruhe stört.

Die Geschichte wie Jesus damals gefeiert wird, geht so – der erste Akt am Palmsonntag (Mt 21,7-11):


Sprecher*in:

„[Die Jünger] brachten eine Eselin und ihr Fohlen zu Jesus, sie legten ihre Kleider auf sie und er setzte sich darauf. Viele Menschen, die das sahen, breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, erbebte die ganze Stadt und man fragte: Wer ist dieser? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“


Musik 2: Casey J „Hosanna“ (Album „The gathering“) bis ca. 1:07


Was für ein Spektakel! Wo werden denn heute noch Kleider auf einer Straße ausgebreitet und Zweige von den Bäumen abgerissen, damit der Weg für einen besonderen Menschen geschmückt ist. So etwas passiert gerade noch bei einem Staatsbesuch: dann wird ein roter Teppich ausgerollt. Aber Kleider auf dem Boden? Die Leute damals waren offenbar tief begeistert von diesem Jesus.

Ich finde es ein schönes Detail dieser biblischen Erzählung, dass die Stadt „erbebte“, wie es gerade hieß. Es wird natürlich kein wirkliches Erdbeben gewesen sein. Ich verstehe das eher als ein Gefühl: Menschen beben, weil sie angerührt sind und sich total freuen – oder manchmal auch vor Wut. Auf jeden Fall: Jesus bringt die vielen Menschen in Jerusalem aus der Ruhe. Anders formuliert: Die Sicherheit in der Stadt und das Gewohnte der Öffentlichkeit beginnen zu wackeln als er auftritt. Denn letztlich sind viele Menschen irritiert und fragen: Wer ist das? Was macht er da? Warum spielen die anderen verrückt?

Wohin das führt, zeigt der zweite Akt des Palmsonntags: Denn alle, die in Jerusalem zurzeit Jesu etwas zu sagen hatten, bebten vor Wut (Mt 26,3f.):


Sprecher*in:

„Da versammelten sich die Hohepriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohepriesters, der Kajaphas hieß, und beschlossen, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen und ihn zu töten.“


Gerade noch Hosanna und jetzt Mordabsichten: Die Stimmung kippt! Nicht alle finden diesen Jesus toll. Die Mächtigen in Jerusalem haben schon so manches von ihm gehört. Dass er Menschen heilt – und das am Sabbat, dem Ruhetag. Dass er sie Ausgestoßene wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückholt – gegen alle Normen. Dass er sich nicht an die strenge Auslegung der jüdischen Gebote hält. Dass er die Mächtigen kritisiert, weil sie das Gesetz und den Glauben engherzig auslegen.

Ja, die Stimmung kippt! Aus dem gefeierten Helden, der wie ein König in Jerusalem eingezogen ist, wird ein tragischer Held. Jetzt ist es die Geschichte vom tragischen Untergang. Es ist die Geschichte, in der der Gefeierte plötzlich zum Feind und zum Gejagten wird.

Wenn dieser zweite Akt im Palmsonntagsgottesdienst vorgetragen wird, dann wird es oft ganz still in der Kirche. Wie bei einem guten Theaterstück, das Menschen von der Bühne aus in seinen Bann zieht. Ja, im Gottesdienst ist es heute wie im Theater. Und die Menschen im Gottesdienst dürfen dabei sein, mehr noch: sie können ein Teil dieses dramatischen Stückes werden. Mir geht es jedenfalls so, wenn ich diesen Gottesdienst mitfeiere.


Musik 3: Olafur Arnalds „This place is a shelter“


Der gesamte Palmsonntagsgottesdienst ist wie eine einzige Inszenierung der letzten Woche im Leben Jesu in Jerusalem. Und die Gottesdienstbesucher sind mittendrin: Denn plötzlich ist in der Kirche Jerusalem. Wer die vorausgegangene Palmprozession mitgegangen ist, hat vielleicht auch noch einen Zweig von einem Baum oder Busch in der Hand. Vor allem Kinder tragen oft Stecken mit grünem Buchsbaum in den Händen mit bunten Bändern geschmückt. Und der Ruf „Hosanna“, den die Menschen vor 2000 Jahren beim Einzug Jesu in Jerusalem gesungen haben, ist dann auch Teil der Lieder bei der Prozession zur Kirche.

Für mich ist dann Jerusalem hier in der Kirche – als wären die Besucher*innen und ich selbst mitten im Geschehen. Für mich ist dieser Palmsonntag einer der Tage im Jahr, wo mein Glaube in Bewegung kommt: Da ist ein Beben zu erleben. Der Palmsonntag hat eine besondere Kraft für mich. Menschen sehen, spüren, schmecken, riechen und sie bewegen sich und können miterleben, was schon vor langer Zeit passiert ist: Die Geschichte der letzten Tage des Jesus von Nazareth. Ich muss dafür nicht erst nach Oberammergau zu den Passionsspielen fahren. Denn hier im Gottesdienst werden viele Details dieser Geschichte nicht nur vorgelesen, sondern ich kann sie sogar miterleben. Dabei hilft mir die kurze Wegstrecke mit dem Palmzweig in den Händen. Das gibt mir das Gefühl, wie es vielleicht Menschen vor 2000 Jahren erlebt haben, als sie am Wegesrand die Zweige festhielten bzw. ausstreuten. Das gemeinsam gesungene Hosanna macht für mich die alte Geschichte wieder lebendig und zeigt mir: Jerusalem ist hier. Es passiert gerade mitten unter uns.

Ja, damit ist es wie ein gutes Theaterstück, das mich ganz gefangen hält. Ich verliere mich in die Geschichte und sie bewegt mich, sie berührt mich.

Was mich am meisten berührt: Die Hauptperson des ganzen Stückes. Und so frage ich mich: Wie mag Jesus das alles empfunden haben, ja ausgehalten haben: erst den Jubel und die Freude und dann den Hass, den Verrat, seine Verurteilung zum Tod und schließlich seine Hinrichtung. Zugleich beeindruckt mich auch der Mut von Jesus, diesen Weg zu gehen – bis zum Ende. Und damit tut er genau das, was er seinen Freunden zuvor gesagt hat (Joh 15,12-14):


Sprecher*in:

„Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“


Jesus geht den Weg zu ende, von dem er glaubt, dass Gott diesen Weg für ihn vorgesehen hat. Sein Leben und sein Sterben bringt die Welt zum Beben. Kein Wunder das es von der Todesstunde Jesu schließlich im Evangelium heißt (Mt 27,51): Da bebte die Erde.

Ich würde sagen: Jesu Liebe zu den Menschen bringt die Welt zum Beben, wenn er sich für sie einsetzt bis zum Äußersten, bis zum Tod. Denn er machte sich stark für die Leidenden, Trostlosen, Kranken und Verstorbenen. Alle, die Jesus selber Zeit seines Lebens Freunde genannt hat.


Musik 4: Evanescence / Alex Goot, Julia Sheer, KHS Cover „Bring me to life“ (https://www.youtube.com/watch?v=ILlQlGDk6yA)


Ich komme noch einmal zurück auf meine Erfahrung bei der Palmsonntagsprozession in Aachen. Da war damals eine Frau irritiert über die Palmsonntagsprozession und hielt das alles für Theater.

Dabei ist mir heute klar, was das für mich bedeutet und meinen Glauben. Sonst würde ich nicht am Palmsonntag auf die Straße gehen, singen, einen Zweig festhalten und öffentlich beten. Das kann auf Menschen vielleicht befremdlich wirken. Aber für mich ist dieser Jesus wirklich ein Vorbild, dessen Leben darin bestand, sich für andere einzusetzen. Und für diesen Jesus zu demonstrieren, das mache ich gerne am Palmsonntag – ja mehr noch: Ich versuche ihm nachzufolgen. Denn das ist kein Theaterstück, wie es auf einer Bühne zu sehen ist! Auch wenn es hier und heute am Palmsonntag nachgespielt wird. Was dieser Jesus vor gut 2000 Jahren mit vielen Menschen erlebt hat, das kann man auch heute noch erleben: Heute gelobt und morgen verachtet. Wie schnell passiert mir das: erst werde ich geschätzt und dann belächelt. Und umgekehrt: Wie oft ändere ich meine Meinung über einen Menschen: erst der tolle Typ und dann halte ich ihn für einen Idioten. Die Spanne zwischen Jubel und Verachtung, Hosanna und Todesbeschluss. Es gibt sie noch heute.

Aber es gibt auch diesen Jesus, der diese Spanne ertragen hat, um bei den Menschen zu sein, aus Liebe zu den Menschen. Und wie wäre es, Jesus heute wieder eine Gestalt zu geben, indem ich bereit bin, aus Liebe für einen anderen etwas auf mich zu nehmen und für ihn da zu sein.

So gesehen macht dieser Jesus mein Leben heute auch freudebebend und wutbebend. Ich bebe vor Wut, wenn ich die erschütternden Bilder von Krieg und Katastrophen auf dem Bildschirm sehe und bebe vor Freude, über die selbstlose Hilfe über alle politischen und religiösen Grenzen hinweg: Da helfen bei dem Erdbeben die Griechen den Türken. Da spenden Muslime für Christen und umgekehrt. Und ich selbst kann auch etwas dazu beitragen, indem meine Wut über die Ungerechtigkeit, der Bereitschaft weicht, selbst etwas zu spenden und zu tun.

Manchmal sind meine Möglichkeiten für andere da zu sein und ihnen zu helfen beschränkt, in anderen Momenten weiß ich was ich zu tun habe und gehe an meine körperlichen und seelischen Grenzen.

Der Palmsonntag, wie er heute gefeiert wird, erinnert mich daran, dass dieser Jesus von Nazareth vor vielen Jahren ein Beispiel vom Leben gegeben hat, dass gerade heute im Gottesdienst nachgespielt und nachempfunden werden kann. Aber vielmehr kann ich es nacherleben in den verschiedenen Momenten meines Lebens. Vielleicht tue ich das nicht mit dem Risiko für Leib und Leben, wie Jesus es getan hat. Aber ich versuche es Tag für Tag mit dem, was in meiner Macht liegt. Und über eines bin ich mir sicher: Das, worum es Jesus ging und geht, ist kein Theater, sondern hat zutiefst mit dem Leben zu tun: Mich für andere Menschen stark zu machen, mich einzusetzen, gegen Ungerechtigkeit und Not, auch wenn ich dabei schon mal an den Rand meiner körperlichen und seelischen Kräfte komme. Vielleicht weiß ich auch manchmal nicht weiter, wenn ein Mensch bei mir Rat und Hilfe sucht. Aber zuhören kann ich ihm. Und oft erfahre ich, dass mich der Ratsuchende beschenkt durch sein Vertrauen und seine Offenheit.

So sehr ich über die Not und Hilflosigkeit der anderen vor Wut bebe, so sehr bebe ich vor Freude, wenn doch etwas Gutes gelingt. Denn das Leben ist ausgespannt zwischen Trauer und Freude, Tiefpunkten und Hochzeiten, zwischen Tod und Hosanna. Genau das zeigt doch der Palmsonntag im Christentum. Und vielleicht bewegt er auch Sie und mich, diesem Jesus nachzufolgen in der Liebe zu den Anderen.

Aus Aachen grüßt Sie Matthias Fritz


Musik 5: Beth Hart „Mechanical heart“

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