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Das Geistliche Wort | 07.04.2023 | 08:40 Uhr

Karfreitag

Guten Morgen,

vor genau zwei Wochen war ich im Heiligen Land – eine Pilgerreise ganz besonderer Art, denn ich durfte als Domdechant von Köln den Kölner Domchor dorthin begleiten. Nicht nur den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Kölner Domchors hat diese Reise neben einigen Konzerten die Augen für das Heilige Land geöffnet, auch ich habe viele Heilige Stätten noch einmal neu gesehen und erlebt. Und es stimmt, was schon im 4. Jahrhundert der Kirchenlehrer Hieronymus über die Landschaft des Heiligen Landes sagte: „Es ist das fünfte Evangelium“. Hieronymus meinte damit, dass sich vor Ort die Berichte und Erzählungen der vier Evangelien noch einmal ganz anders lesen – weil man sie mit allen Sinnen erfahren kann. Davon möchte ich heute am Karfreitag etwas erzählen und zwar von den Orten, an denen Jesus an den letzten Stunden bis zu seinem Tod gewandelt ist.


Musik I: Johannes Sebastian Bach Herr, unser Herrscher, aus: Johannespassion BWV 245


Zusammen mit den Sängern des Domchores bin ich auf den Spuren Jesu durch Jerusalem gegangen, auf den Spuren seiner letzten Stunden. Mir ist noch gut in Erinnerung eine Steintreppe, die wir hinaufstiegen in das sogenannte Obergeschoss, den Ort des Letzten Abendmahles.

Hier hatte Jesus am Abend vor seinem Tod seinen Jüngern vor dem Essen die staubigen Füße gewaschen. Klar, denn die Straßen waren zurzeit Jesu staubig und wenn man in ein Haus eintrat, ann war es eigentlich eine Aufgabe von Sklaven, den Gästen die Füße zu wachen. Jesus macht mit der Übernahme dieses Sklavendienstes seinen Jüngern eindrücklich klar, was er von ihnen erwartet: Einsatz für den anderen, aber nicht von oben herab, auch nicht „nur“ auf Augenhöhe, sondern Einsatz für den anderen durch Dienen, in echter Hingabe. Denselben Gedanken formuliert Jesus kurze Zeit später noch einmal und zwar als er davon spricht, dass er sich hingibt, verschenkt in den Gestalten von Brot und Wein. Beides, die Fußwaschung und das Abendmahl, sind Jesu geistliches Testament für die Frauen und Männer, die ihm nachfolgen wollen – bis heute. Ohne viele Worte, und dennoch deutlich zu verstehen, was er hier vormacht (Joh 13,34): „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“

Nach dem Mahl – so wird es im Neuen Testament berichtet – geht Jesus hinaus in die Nacht. Er verlässt die Stadt und besteigt den Hügel auf der anderen Seite, den Ölberg. Auf den Spuren Jesu bin ich mit den Sängern des Kölner Domchors diesen Weg nachgegangen, vom Berg Zion hinab ins Tal, durch das der Bach Kidron fließt und dann auf der anderen Seite den Ölberg hinauf.

Von dort sieht man die Stadt Jerusalem vor sich liegen. Jesus konnte damals noch direkt auf den Tempel sehen, der im Jahr 70 nach Christus von den Römern zerstört wurde.

Hier am Ölberg gibt es einen Garten mit alten Olivenbäumen – daher der Name Ölberg –, die zum Teil viele hundert Jahre alt sind. Wahrscheinlich standen einige hier schon zurzeit Jesu. Dieser Garten ist der Tradition nach der Ort, an den Jesus sich zurückzog um zu beten, begleitet von drei Jüngern. Der Garten Getsemani.


Musik II: Carlo Gesualdo da Venosa, In monte oliveti


Jesus wusste in dieser Nacht im Garten Getsemani, was ihn erwartet. In den Augen der Frommen und Schriftgelehrten hatte er nämlich den Bogen überspannt: Er hatte sich selbst als Gottessohn bezeichnet. Und das war für die Schriftgelehrten damals ganz klar eine Gotteslästerung. Und auf Gotteslästerung stand die Todesstrafe.

Jesus – so verstehe ich ihn – konnte und wollte aber nicht anders von dem sprechen, der ihn gesandt hatte: Und so nannte er Gott seinen Vater, der barmherzig ist und der alle Menschen liebt, besonders die, die am Rand stehen. Ja mehr noch: Er nannte Gott ganz zärtlich „Abba“. Das bedeutet „Papa“. Und er lud die Menschen ein Gott ebenfalls Abba, ihren Papa zu nennen. Jesu Überzeugung: Gott sorgt für alle Menschen wie ein liebender Vater und eine liebende Mutter, denn Gott ist die Liebe (vgl. 1 Joh 4,8).

Jesus erwartet im Garten Getsemani seine Festnahme. Er ahnt, ja weiß, was auf ihn zukommt: die Verurteilung zum Tod.

Und dann geschieht es: Die Soldaten kommen und mittendrin auch Judas, eigentlich einer seiner Freunde, einer seiner Jünger. Weil der von Jesus enttäuscht ist, will er ihm wohl einen Denkzettel verpassen. Und deshalb gibt er Jesus einen Kuss, den sprichwörtlich gewordenen „Judaskuss“. Mit dem Zeichen der Freundschaft und Liebe verrät Judas seinen Freund und Meister Jesus.

Jesus wird gefangengenommen und in die Stadt gebracht. Und so nimmt am nächsten Tag alles seinen Lauf: Es ist Freitag, der Tag vor dem Pessach Fest, dem jüdischen Festtag der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Eigentlich soll an diesem Freitag alles für das Pessach Fest vorbereitet werden, aber für Jesus wird es der Tag seiner Hinrichtung.

Zunächst wird beim Statthalter, dem Vertreter der römischen Besatzungsmacht, Anklage erhoben und am Ende kurzer Prozess gemacht: Pilatus verurteilt Jesus zum Tode am Kreuz. Zuvor lässt er ihn foltern und mit einer Dornenkrone und einem Mantel ausstaffieren. So wird er als König verhöhnt: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. So steht es schließlich auf dem Anklageschild, das über seinem Kopf hängen wird. Pilatus übergibt den Delinquenten den römischen Vollstreckungsbeamten, nicht ohne zuvor seine Hände in Unschuld zu waschen.


Musik III: Charles Marie Widor, Miserere Mei


Bei meiner Pilgerfahrt mit dem Kölner Domchor haben wir an den Leidensorten Jesu immer wieder die Texte seiner Passion aus den Evangelien gelesen: Oben am Ölberg und dann in Jerusalem an dem Ort, wo Pilatus seine Residenz hatte. An dieser Stelle beginnt heute die so genannte „Via dolorosa“, die „schmerzensreiche Straße“, also der Weg von seiner Verurteilung bis zur Hinrichtungsstätte. Viele nennen den Weg auch „Kreuzweg“. Natürlich kann niemand mit Gewissheit sagen, dass Jesus genau diesen Weg gegangen ist durch die Gassen der Altstadt. Und natürlich ist er nicht über die Steine gegangen die heute da liegen. In 2000 Jahren wurde viel gebaut – und wie üblich: Schicht über Schicht durch die Jahrhunderte.

Aber für mich und die Sänger war es trotzdem ein eindrückliches Erlebnis, denn auch heute kann man sich sehr gut vorstellen, wie der Weg damals für Jesus gewesen ist, was das für ein Spektakel war: Durch die eilende Menge in der Vorbereitung auf das Pessach-Fest hindurch und an den Händlern mit ihren Auslagen vorbei trägt Jesus den Querbalken seines Holzkreuzes durch die engen Gassen hinaus aus der Stadt. Es geht für Jesus als Verurteiltem raus aus der Stadt, denn Todesurteile wurden damals vollstreckt auf einer Anhöhe vor der Stadtmauer, „Golgatha“ genannt. Übersetzt bedeutet das „Schädelhöhe“. Wahrscheinlich hatte dieser Hügel von weitem die Form eines Schädels. Auf jeden Fall ist es ein passender Name für eine Hinrichtungsstätte. Hier, vor den Mauern der Stadt endete Jesu Kreuzweg.

Als Jesus Golgatha erreicht hat, wird der von ihm getragene Querbalken am bereits aufrecht stehenden Kreuzbalken befestigt und Jesus mit Nägeln an das Kreuz festgenagelt. Am Kreuz zu sterben war ein äußerst qualvoller Tod: Für den Gekreuzigten bedeutet es ein langsames Ersticken. Zugleich ist es ein sehr schändlicher Tod. Hier wird man zur Schau gestellt. Hier hängt man, der Kleider und damit jeder Würde beraubt.

Das Matthäus-Evangelien berichtet, dass Jesus am Kreuz laut ruft (Mt 15,34): „Eloi, eloi lema sabachtani“, d.h. übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus zitiert hier Psalm 22. Das Buch der Psalmen ist quasi das Gebetbuch der Juden. Und Psalm 22 wird in Not gebetet – durch die Jahrhunderte bis heute. Jesus betet in dieser entsetzlichen Situation des Todeskampfes und der gefühlten Gottverlassenheit diesen Psalm. Er zitiert ihn in seiner Verzweiflung, in seinem Schmerz, in seiner Angst. Aber Jesus weiß wohl auch, dass Gott da ist, auch wenn er sich im Moment nicht zeigt, auch wenn Gott ganz fern zu sein scheint. Nach einigen Stunden ist es dann vollbracht. Jesus neigt sein Haupt, haucht seinen Geist aus und stirbt. Aus und vorbei. Aus und vorbei – so schien es jedenfalls damals, am Freitagnachmittag vor den Toren der Stadt. Nur noch Totenstille.


Musik IV: Orlando Di Lasso, Tristis est omnia


Für die Christen ist der Todestag Jesu, der sogenannte Karfreitag einer der bedeutenden Feiertage. Deshalb gilt der heutige Karfreitag in ganz Deutschland auch als Feiertag, besser gesagt als Ruhetag. Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, sind untersagt bzw. eingeschränkt. Das wird immer wieder von Nichtchristen kritisiert als Bevormundung.

In der katholischen Kirche wird vielerorts dieser Tag rituell besonders gestaltet. Da wird heute Morgen der letzte Weg Jesu zu seiner Hinrichtungsstätte nachgegangen. Es ist der sogenannte Kreuzweg, der besonders gestaltet ist, begleitet von Gebeten und Liedern. Und zur Todesstunde Jesu um 15.00h beginnt die „Feier des Leidens und Sterbens unseres Herrn Jesus Christus“. Und danach ist es still in den Kirchen. Totenstille. Grabesruhe. Manchmal kommen dann Gläubige und suchen gerade die Stille der Kirchen auf und besuchen ein bildlich gestaltetes Grab Jesu, um zu beten und zu verweilen.

Ich komme noch einmal zurück zur Pilgerfahrt nach Jerusalem mit dem Kölner Domchor. Als wir über die Via dolorosa gegangen sind, um den Kreuzweg Jesu nachzuvollziehen, ist mir noch einmal bewusst geworden, dass das, was damals in Jerusalem geschah, sich bis heute tausendfach tagtäglich wiederholt: Menschen werden ungerechtfertigt erniedrigt, gedemütigt, geschlagen, gefoltert und auch zum Tode verurteilt. Die einen öffentlich, die meisten allerdings unbemerkt und namenlos in schalldichten Verhörräumen, hinter dicken Gefängnismauern oder in Straf- und Arbeitslagern.

Für mich persönlich ist der Karfreitag natürlich in erster Linie der Tag, an dem ich an den Tod Jesu am Kreuz denke. Aber ich denke heute auch an alle, die in unseren Tagen in aller Welt ein von anderen aufgeladenes Kreuz tragen, die leiden und sterben müssen – ob in der Ukraine oder im Jemen, im Sudan oder in Afghanistan.

Mir kommt es so vor, als ob der Kreuzweg Jesu immer noch weitergeht. Ich muss nur einen Blick für die Not der Menschen haben – auch in unserem Land. Übrigens: Das Wort „Sympathie“ heißt vom griechischen Wortsinn übersetzt „Mitleid“. Wenn wir also Sympathie einem anderen Menschen gegenüber empfinden, leiden wir sozusagen mit ihm. Und wie wäre es, das Leiden der anderen – was dann immer auch das eigene Leiden ist – zu verringern? Damit befänden wir uns in guter Gesellschaft. Auf seinem Kreuzweg begegnet Jesus nämlich nicht nur Hass und Gleichgültigkeit. Der Überlieferung nach hilft ein Mann namens Simon von Zyrene Jesus das Kreuz tragen – auch wenn er es nicht freiwillig getan hat. Und der Legende nach reichte eine Frau namens Veronika Jesus ein Tuch, damit er sich sein geschundenes, verschwitztes und blutiges Gesicht abwischen kann: Ein kleines Zeichen der Barmherzigkeit auf dem unbarmherzigen Weg zur Kreuzigung. Ein stilles Zeichen der Liebe in all dem Lärm und Hass.

Ich muss kein Christ sein, um die Idee des Karfreitags aufzugreifen, sympathisch zu sein mit den Notleidenden in der Welt und hilfsbereit. So könnte der heutige stille Feiertag eine gute Gelegenheit und ein inhaltlich gefüllter Tag sein, um in Stille und Solidarität an alle Opfer von Willkür, Gewalt, Terror und Krieg zu denken in den vielen Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt.


Musik V: Maurice Durufle, Ubi caritas


Ich bin noch einmal in Gedanken an der Via Dolorosa in Jerusalem zusammen mit den Sängern des Kölner Domchores. Die Via Dolorosa, der Kreuzweg endet an der Grabeskirche, dem Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde: Golgatha, Schädelhöhe. Heutzutage befindet sich dieser Ort nicht mehr wie zurzeit Jesu außerhalb der Stadt, sondern innerhalb der späteren, mittelalterlichen Stadtmauer von Jerusalem. Der Hügel ist durch eine Kirche überbaut, aber es gibt dort den Ort, wo man noch den Felsen sieht und berühren kann, auf dem der Überlieferung nach das Kreuz Jesu stand. Nach dem Tod wurde Jesus vom Kreuz abgenommen und in ein Felsengrab in der Nähe gelegt. Vor den Eingang wurde ein großer Stein gerollt. Totenstille. Aus und vorbei. Das war es dann wohl mit diesem Jesus von Nazareth.

Nun, es kommt alles ganz anders. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn heute der Kölner Domchor den Kreuzweg musikalisch mitgestalten wird im Dom, dann bin ich mir sicher: Die Sänger mit den Noten in der Hand sind dann in Gedanken sicherlich wieder in Jerusalem, so wie ich heute Morgen, in großer Sympathie mit diesem Jesus von Nazareth.

Ihnen allen wünsche ich als Kölner Domdechant einen stillen, gesegneten Karfreitag

Ihr Robert Kleine


Musik VI: Johannes Sebastian Bach, Sinfonia aus Kantate BWV 75: Was Gott tut, das ist wohlgetan


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