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Kirche in WDR 5 | 12.09.2023 | 06:55 Uhr

Gott klopft an: Anatheismus

Die Frage nach Gott ist erledigt. Puh… das ist ja mal ein Einstieg für eine Kirchenverkündigung. Den Satz habe nicht ich gesagt, sondern Richard Kearney. Der lehrt Religionsphilosophie in Boston und ist weltweit ein gefragter Intellektueller. Der Satz muss noch etwas ergänzt werden. Kearney sagt eigentlich genauer: Im Diskurs der Philosophen ist die Frage nach Gott erledigt. Will heißen: Der Jahrhunderte alte Streit zwischen Theisten und Atheisten, zwischen denen, die sagen: „Gott existiert, ich kann ihn sogar beweisen“ und denen, die sagen: „Gott ist tot“ – dieser alte Streit ist irgendwie beigelegt. Weil Gott bei den meisten Philosophen keine Rolle mehr spielt. Die Gottesfrage ist den meisten egal geworden.

Aber, wendet Kearney ein, Gott ist das ziemlich egal, ob die Gottesfrage den Philosophen egal ist. Gott passiert. – Trotzdem. – Gott klopft an.

Dieses Bild, dass Gott anklopft wie ein Fremder, das finde ich einfach nur genial von Kearney. Und er, der sich mit Religionsphilosophie und den Spiritualitätstraditionen auskennt wie wenige andere, er zeigt auf, dass Gott am Anfang jeder Religionsentwicklung „anklopft“ – als Fremder: Der Engel bei Maria. Die Stimme in der Nacht bei Mohammed. Und vor allem: Bei Abraham. Der Stammvater von Judentum, Christentum, Islam. Der bekommt eines Tages Besuch von drei Fremden. Abraham überlegt kurz, wie er sich verhalten soll und gewährt ihnen dann Gastfreundschaft. Kurz darauf wird seine Frau Sara im hohen Alter schwanger. Isaak wird geboren. Der Rest ist Religionsgeschichte.

Gott klopft an. Und Kearney sagt: Wir leben in einer Zeit, in der sich jeder dazu frei verhalten kann: Lasse ich dieses Fremde herein oder nicht? Gewähre ich Gastfreundschaft?

Nicht von ungefähr kommt dieser Gedanke bei Kearney auf: Er wurde von Benediktinern erzogen. Denen ist Gastfreundschaft heilig. Denn: In jedem, der anklopft, könnte Christus Gast sein. Wobei: Kearney wäre dieser Satz womöglich zuviel. Er ist sehr vorsichtig mit christlichen Sprachspielen.

Kearney sagt: Der Gott der Philosophen war der Gott, der von der Antike her kam: von Platon, Aristoteles. Katholische Denker wie Thomas von Aquin haben daraus ein Gottesbild konstruiert, das intellektuell ebenso gezähmt ist, wie auch gefährlich werden kann[1]. Dieser Gott, so Kearney, wurde von Kritikern wie Nietzsche aufs Kreuz gelegt – entschuldigen Sie das Wortspiel. Und spätestens mit den Gaskammern von Auschwitz, so Kearney weiter, hat der „allmächtige Gott“ der Theologen ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Aber Kearney stellt auch fest: Gott klopft weiter an. Der Gott, der sich beziehungsreich und barmherzig immer wieder offenbart: in der Kunst, in der Dichtung, in der Musik, in übermenschlichen Werken der Mitmenschlichkeit. Er klopft immer wieder an im Leben von Menschen. Selbst in Ausschwitz. Ob bei Maximilan Kolbe oder Etty Hillesum, die sich beide für Mitgefangene im KZ geopfert haben. Kearney bringt dafür eine Fülle an Kronzeugen an, vor allem aus der sogenannten „Postmoderne“, in der die Gottesfrage ja – philosophisch – erledigt scheint. Aber: Gott klopft an.

Sie merken das vielleicht: Ich finde, Kearneys Ansatz ist einer der spannendsten im aktuellen Diskurs um Religionen. Er hat dafür einen Begriff geprägt, der trifft es genau, in welcher Zeit wir leben: „Ana-Theismus“[2] nennt er das: Nicht Theismus, nicht Atheismus, sondern „Ana“ – was im Griechischen zwei Bedeutungen hat: einmal heißt „Ana“ übersetzt „nach“, dann heißt es aber auch „zurück“. Also: mit Anatheismus meint Kearney: die Rede von Gott nach Gott. Es ist eine Zeit des Hinter-Sich-Lassens von Gott und gleichzeitig eine Rückbesinnung auf Gott.

Das trifft auch ziemlich genau meine Lebens- und Glaubenserfahrung. Auf der einen Seite erlebe ich den Abbruch jener Kirchlichkeit, die ich noch kennen gelernt habe. Auf der anderen Seite erfahre ich, wie Menschen auf einmal anfangen, sich mit Gott auseinanderzusetzen. Da taucht die Gottesfrage plötzlich in einer Netflixserie auf oder in einem Roman. Oder im Wahlkampf. Oder leider auch als Problem: Gestern war der 11. September. Damals krachte die Gottesfrage mit aller Gewalt in die Türme des World-Trade-Centers. Auch das ist eine Realität. Leider.

Gott klopft an. Und dann ist die Frage: Mache ich innerlich auf oder zu? Und: Wie verändert dieses Klopfen mein Leben.

Aus Köln grüßt Sie herzlich, Klaus Nelißen



[1] https://www.podchaser.com/podcasts/entitled-opinions-about-life-a-51823/episodes/richard-kearney-on-anatheism-a-167207971

[2] https://www.feinschwarz.net/anatheismus-richard-kearneys-religionsphilosophischer-beitrag-zur-gottesfrage-heute/

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