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Kirche in WDR 5 | 16.09.2023 | 06:55 Uhr

Mein Seelenspiegel: die Psalmen

„Wenn Du auf eine einsame Insel nur drei Dinge mitnehmen dürftest“… diese Frage war heißbeliebt in meiner Kindheit, oft kam die vor in Freundschaftsbüchern. Und als Kind hatte ich ein Ding immer angegeben: die Bibel. Heute weiß ich sogar noch genauer, warum.

Auf eine einsame Insel würde ich die Bibel mitnehmen – vielleicht nicht mal so sehr wegen der Evangelien mit den Jesusgeschichten... Aber ein Buch möchte ich nicht missen: Das Buch der Psalmen. Mein Seelenspiegel.

Es gibt wenige Handlungen, die mir kostbarer sind, als mir immer wieder mal die uralten Worte der Psalmen in den Mund zu legen. Ja – und dann trifft es das am besten, das mit dem Seelenspiegel. Ich kenne viele, die mir sagen: „Aber in den Psalmen, da herrscht doch manchmal Mord und Todschlag“. Stimmt. In meiner Seele auch. Meine Gedanken sind nicht rein genug, als dass ich nicht manchmal jemanden das Übelste wünschen würde. Und sowieso, ist da dann noch Psalm 42, der irgendwie meine Verfassung zu kennen scheint: „Meine Seele, warum bist du so unruhig in mir“?

Die Psalmen kennen das Leben. Ich erkenne mich in den Psalmen: im Klagen, im Jubeln, im Danken. Und obwohl die Worte über 2.500 Jahre alt sind, sind sie ungemein frisch. Finde ich.

Erst vor kurzem hab ich etwas über die Psalmen erfahren, das hat meine Begeisterung noch mal gesteigert. In dem tollen Bibel-Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“ hat die Theologieprofessorin Johanna Haberer gesagt: Das Buch der Psalmen ist jenes Buch, das das „Du“ eingebracht hat in die Gottesbeziehung[1]. Solche Texte, wie die Psalmen, die Gott direkt ansprechen, anklagen, anflehen und anjubeln – das gab es bis dahin nicht in den Religionen. Ich habe das gehört und mir gedacht „Jau, das ist es!“ Dieses „Du“ der Psalmen – das hat mich immer schon fasziniert.

Übrigens, in dem Podcast habe ich erfahren, dass Alexej Nawalny, sie wissen schon: der Kreml-Kritiker, den Putin in der Haft schmoren lässt, dass Nawalny mal gesagt haben soll: Die schlimmen Haftbedingungen würde ich nicht ohne das Buch der Psalmen durchstehen. Die Psalmen: Für viele ein Lebenselexier – nicht nur auf einer einsamen Insel, sondern auch im russischen Knast.

Und jetzt noch etwas: Vor kurzem war ich mit Priestern unterwegs auf Besinnungstagen. Und wir haben zu den Psalmen gearbeitet. Und jeder war dabei eingeladen, einmal selbst einen eigenen Psalm zu schreiben. Das war ganz intim und wunderbar. Auch ich habe da meinen ersten Psalm geschrieben. Und ich bin etwas zögerlich, den jetzt hier vorzutragen. Aber weil ich mir sicher bin, dass dieses „Du“, das in den Psalmen erstmals vor 2.500 Jahren angesprochen wurde, immer noch ansprechbar ist, schicke ich Sie ins Wochenende mit meinem ersten Psalm – und der geht so:

Verstehst Du die Welt?

Ich immer weniger. Meine Welt wird mir fremd.

Verstehst Du, warum wir sehenden Auges unseren Planeten verheizen?

Verstehst Du, warum es bei aller Klimaerwärmung wieder deutlich kälter wird im Miteinander?

Verstehst Du, warum Religiöse in deinem Namen wieder hassen gegen Menschen, die anders sind?

Verstehst Du Wladimir Putin?

Ich nicht.


Ich verstehe mich oft selbst nicht – je älter ich werde.

Verstehst Du mich?

Verstehst Du die Entscheidungen, die ich treffe – und die, die ich nicht treffe?

Verstehst Du, dass ich Dir folgen will – auf sehr krummen Wegen?


Oder verstehe ich Dich falsch?

Ist Verstehen gar nicht so deins: allwissend, allmächtig?

Ist es eher Verständnis? Sympathie? Mitleiden?

Du bleibst mir ein Rätsel und dennoch bleibst Du so nah.


Mir fehlen die Worte: Wenn ich auf die Welt schaue und auf mich.

Und mir fehlen die richtigen Worte, wenn ich Deiner gedenke. Ganz oft.

Ich hoffe, Du hast dafür Verständnis.

Amen.

Aus Köln grüßt Sie, Klaus Nelißen



[1] https://www.zeit.de/gesellschaft/2023-08/buch-der-psalmen-poesie-sammlung-bibelpodcast

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