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Das Geistliche Wort | 12.11.2023 | 08:40 Uhr

Licht ins Dunkel bringen - An welchen Leuchten orientiere ich mich?

Guten Morgen!

Ziemlich genau auf den Tag jährt sich zum hundertsten Mal der Hitler-Ludendorff-Putsch. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 versuchten paramilitärische Truppen der NSDAP in München die dortige Landesregierung zu stürzen, um in der Folge nach Berlin zu marschieren und die Reichsregierung durch eine nationalsozialistische Diktatur abzulösen. Der Putsch scheiterte kläglich, doch schon die Folgen, die er hatte, werfen kein gutes Licht auf die Justiz der Weimarer Republik: Adolf Hitler wurde wegen Hochverrats zu einer nur fünfjährigen Haftstrafe verurteilt, bereits nach neun Monaten wurde er wegen guter Führung entlassen. Der gescheiterte Putsch war der Auftakt für eine dunkle Zeit in der deutschen Geschichte.

Ein Ort, wo diese Geschichte heute in Ausstellungen und Führungen aufgegriffen und vermittelt wird – gerade für Schulklassen, aber auch für Firmgruppen – ist die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang im Nationalpark Eifel. Hier arbeitet auch ein Seelsorgeteam des Bistums Aachen, wo ich für einige Monate mitgearbeitet habe – damals noch als Diakon.

Musik I: Keith Jarrett, Blossom


Die NS-Ordensburg Vogelsang erhebt sich über der idyllischen Landschaft der Nordeifel. Es ist ein pompöser Baukomplex aus grauen Bruchsteinen. Ab 1936 diente er den Nationalsozialisten als Nachwuchsschmiede für ihre zukünftigen Führungskräfte in der NSDAP und für das Deutsche Reich. Die Nachwuchskräfte wurden ausgebildet, indem ihnen Härte an- und Mitleid gegenüber Schwachen abtrainiert wurden. Mit Kriegsbeginn 1939 übernahm die Wehrmacht den Komplex, und die jungen Männer wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Kriegsende haben die Alliierten das Gebiet lange als Truppenübungsplatz benutzt, bevor es eine Gedenkstätte wurde.

Bis heute atmet der ganze Bau noch die Weltanschauung des Nationalsozialismus.

Nicht nur die schiere Größe der Gebäude, sondern auch die Skulpturen und Steinreliefs tragen dazu bei. Ein Relief stellt einen etwa fünf Meter hohen Fackelträger dar. Nackt und mit angespannten Muskeln steht er da, die Fackel in der rechten Hand und den Blick entschlossen und grimmig in die Ferne gerichtet. Daneben steht die Deutung: „Ihr seid die Fackelträger der Nation. Ihr tragt das Licht des Geistes voran im Kampfe für Adolf Hitler.“ Als hier noch keine Bäume standen, konnte der Blick über die Hügel und hinunter ins Tal schweifen. Ich stelle mir vor, dass die jungen Männer, die hier erzogen wurden, bei diesem Anblick eine klare Vorstellung bekommen haben, wie sie dieses vermeintliche Licht in aller Herren Länder hinaustragen.

Jedenfalls habe ich das so immer den Jugendlichen erklärt, die dort an Veranstaltungen des Bistums Aachen teilgenommen haben, für das ich mittlerweile als Kaplan arbeite. Die Jugendlichen können hier nämlich einen oder mehrere Tage verbringen. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, sich mit der Geschichte des Ortes im Detail auseinanderzusetzen. Viel stärker geht es bei diesem Angebot um die Frage, wie wir uns heute verhalten, wenn Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer Bildung oder ihrer sexuellen Orientierung. Schon damals, als ich selbst dort als Seelsorger gearbeitet und mit den Jugendlichen darüber nachgedacht habe, wurde für mich ein Punkt sehr wichtig: Im Hintergrund von einem würdigen Umgang steht für mich nicht irgendeine philosophische Haltung, sondern das christliche Menschenbild. Und das konnte ich konkret in Teamübungen, Filmen oder Gesprächen vermitteln. Das gelingt an einem Ort wie Vogelsang auch deswegen noch einmal besser, weil dieser Ort mitten im Nationalpark Eifel liegt, in abgeschiedener Umgebung. Bei einer Nachtwanderung zum Beispiel leuchtet der Sternenhimmel noch einmal ganz anders und viel voller, als wir es gewohnt sind, weil es nur eine geringe künstliche Beleuchtung gibt. Selbst die kleinsten Lichtquellen werden viel besser wahrgenommen, wenn es ringsherum stockdunkel ist. Und damit ist das Thema Licht und Fackel ganz anders zu verstehen als durch die Inschrift neben dem monumentalen Relief des nationalsozialistischen Fackelträgers.

Musik II: Keith Jarrett, Spiral Dance


Das Licht spielt für das Leben der Menschen eine ganz bedeutsame Rolle. Dafür sprechen viele Bilder und Metaphern, die das Licht aufgreifen; oft sind die Metaphern mit der Erkenntnis von Wahrheit verbunden. So wollen wir manchmal Licht ins Dunkel bringen oder wir verlangen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Schon in der Antike veranschaulicht der griechische Philosoph Platon mit seinem Sonnengleichnis, was er unter Erkenntnis versteht: Der Mensch benötigt das Licht, um etwas in seiner Umgebung sehen zu können. Und genauso ist es mit dem Licht der Wahrheit: damit kann er mit seinem Denken das Gute erkennen. Das Licht trägt also dazu bei, dass wir erkennen können, was gut und richtig ist, so Platon. Dabei ist bemerkenswert: Das Licht selbst ist weder gut noch schlecht. Und dennoch trägt es dazu bei, die Dinge zu erkennen und zu entdecken: das Licht ermöglicht Fortschritt.

Nicht zuletzt ist die Epoche der Aufklärung mit dem Licht der Erkenntnis verbunden, und im Englischen heißt diese Epoche des 18. Jahrhunderts „Enlightenment“, wörtlich übersetzt: „Erleuchtung“.

Auch die Bibel nimmt immer wieder Bezug auf das Licht. Schon im ersten Schöpfungsbericht ist die erste Schöpfung Gottes das Licht (vgl. Gen 1,3
f.). Beim Auszug aus Ägypten leuchtet den Israeliten das Licht in der Nacht, damit sie den richtigen Weg in ihre Heimat finden (vgl. Ex 40,38). Und auch im Neuen Testament spielt das Licht von Anfang an eine zentrale Rolle; ich denke an den Stern von Bethlehem, der den Sterndeutern aus dem Osten den Weg zu Jesus weist (vgl. Mt 2,1
f.). Oder im Johannesevangelium wird das Licht sogar unmittelbar auf Jesus selbst bezogen (vgl. Joh 1,9), wenn es heißt: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“

Licht wird hier immer mit etwas Gutem verbunden. Ich finde das im wahrsten Sinne des Wortes einleuchtend, auch wenn das Licht manchmal die ungeschönte triste Realität zeigt oder als Überhelle blenden kann, was Schmerzen verursacht. Umgekehrt fühlen wir uns oft unwohl, wenn zu wenig Licht da ist. Viele Menschen tun sich jetzt im November ja eher schwer, wenn es morgens spät hell und abends früh dunkel wird. Licht und Dunkelheit wirken sich also auf unsere Stimmung aus.

Musik III: Keith Jarrett, Solistice


Licht als eine Metapher dafür, dass das Himmelreich, also das Reich Gottes, anbricht, davon erzählt das Evangelium am heutigen Sonntag in den katholischen Gottesdiensten (Mt 25,1–13). Es geht um das bekannte Gleichnis von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen. Alle warten auf einen Bräutigam, der sich verspätet. So wird es Nacht, und alle zünden ihre Lampen an. Nur, dass die Klugen noch Öl für ihre Lampen mitnehmen. Als nun der Bräutigam kommt, können die Klugen ihr Licht leuchten lassen, dank des Öles, das sie ja noch haben. Die Törichten dagegen müssen erst noch welches kaufen und kommen zu spät zur Hochzeit, kommen also im Sinne des Gleichnisses nicht mehr ins Himmelreich.

Ich verstehe das Gleichnis so: Um den Weg zum Himmelreich zu finden, ist es notwendig, bereit zu sein, Licht bei sich zu haben. Um sich zurecht zu finden, ist es hinderlich, wenn das Öl in den Lampen frühzeitig ausgeht.

Es geht Jesus letztlich darum, deutlich zu machen, dass wir Menschen etwas brauchen, das uns Orientierung gibt.

Musik IV: Keith Jarrett, As long as you know


Licht zur Orientierung – das ist richtig und wichtig. Aber leider führt mich nicht jedes Licht unbedingt ans Ziel. Von vornherein kann ich aber nicht immer wissen, welchem Licht ich folgen soll. Nur weil ein Licht besonders hell strahlt, muss es nicht unbedingt das richtige sein. Auch ein unscheinbares und auf den ersten Blick kaum zu erkennendes Licht kann mir den richtigen Weg weisen.

Ich finde es nämlich gar nicht so leicht, immer zu wissen, woran ich mich in meinem Leben orientieren soll. Oft laufe ich Gefahr, mich zunächst an den lautesten Meinungen auszurichten. Ich denke da jetzt wieder an den Fackelträger bei der NS-Ordensburg Vogelsang: Der weist genau in die falsche Richtung: Wohin das führte, wissen wir zu gut: in Tod und Vernichtung. Also: Wie treffe ich die richtigen Entscheidungen und folge keinem Irrlicht?

Ok, es geht jetzt nicht um jede alltägliche Entscheidung. Es ist doch relativ egal, was ich morgens anziehe oder was ich mittags esse. Vielleicht greife ich mal daneben, aber davon geht die Welt auch nicht unter. Andere Entscheidungen sind weitreichender. Wenn ich zum Beispiel demnächst mein in die Jahre gekommenes Auto abstoßen muss, muss ich mich entscheiden, was ich danach mache: wieder ein Verbrenner-Auto oder ein E-Auto? Oder doch gleich eine Kombination aus öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad und Carsharing? Da hilft es, mich gut zu informieren, mit anderen zu sprechen, die in einer ähnlichen Situation sind. Und es hilft mir, mein bisheriges Verhalten gut anzuschauen, um zu erkennen, was für mich die beste Lösung ist.

Übrigens: Eine Grundregel für meine Orientierung, um Licht in das Dunkel meiner Entscheidungen zu bringen, finde ich beim Apostel Paulus. Der sagt ganz einfach (1
Thess 5,21
f.): „Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt!“ Paulus schreibt das am Ende seines ersten überlieferten Briefes an die Gemeinde in Tessalonich im heutigen Griechenland und versteht diesen Ratschlag als Ermutigung für die Menschen. Also: Alles genau prüfen!

Und auch das schreibt Paulus, allerdings an eine andere Gemeinde (Phil 4,6): „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ Will heißen: Bete und bringe deine Entscheidung vor Gott!

Gerade bei Entscheidungen, bei denen ich ziemlich auf mich allein gestellt bin, ist mir das sehr wichtig geworden. Als ich mich vor einigen Jahren entschieden habe, meinen Beruf in der IT aufzugeben, um Theologie zu studieren und Priester zu werden, war das alles andere als eine spontane Entscheidung, aber ich konnte mich auch nicht an festen Kriterien orientieren. Letztlich waren es bestärkende Erlebnisse und eine Bauchentscheidung, die ich mit einer gehörigen Portion Gottvertrauen und dem Gebet getroffen habe. Ein paar Jahre nach meiner Entscheidung glaube ich sagen zu können: Es war richtig.

Musik V: Keith Jarrett, Wind up


Noch ein letzter Gedanke zum Licht, das leuchtet, um Orientierung zu geben.

Ich frage mich nämlich: Wie kann ich dazu beitragen, dass andere Menschen sich orientieren können? Bei der Antwort auf diese Frage bin ich auf ein Lied der Band Silbermond gestoßen. Das Lied macht deutlich, dass es oft kleine Dinge in unserem Verhalten und unserem Charakter sind, die anderen als Leuchtfeuer zur Orientierung dienen können. Hören wir kurz hinein:

Musik VI: Silbermond, Krieger des Lichts


„Hab keine Angst vor deinen Schwächen

Fürchte nie deine Fehler aufzudecken

Sei bedacht, beruhigt und befreit

Sei auch verrückt von Zeit zu Zeit

Lass dich nicht täuschen, auch wenn's aus Gold ist

Lass dich nicht blenden, erst recht von falschem Stolz nicht

Lerne vergeben und verzeihen

Lerne zu fesseln und zu befreien

Lasst uns aufstehn

Macht euch auf den Weg

An alle Krieger des Lichts

An alle Krieger des Lichts

Wo seid Ihr

Ihr seid gebraucht hier

Macht Euch auf den Weg

An alle Krieger des Lichts

An alle Krieger des Lichts

Das hier geht an alle Krieger des Lichts

(Krieger des Lichts)

Es ist nicht mehr der martialische Fackelträger von der NS-Ordensburg Vogelsang, der hier als Krieger des Lichts gemeint ist. Ganz im Gegenteil! Es geht um ein paar Anregungen für das Wahre und Gute. Beispielsweise beharrlich an seinen Plänen festzuhalten, selbst wenn ich manchmal den Weg nicht mehr sehe. Es geht darum, sich über seine Stärken bewusst zu werden, aber auch die eigenen Schwächen anzuerkennen. Entscheidungen gut zu bedenken, ruhig, aber auch befreit zu sein; anderen verzeihen zu können, sie im positiven zu binden und zu halten.

Ich glaube ja: Menschen, die so handeln, können zu Fackelträgerinnen und Fackelträgern werden, aber nicht auf die falsche Weise, wie sie das Relief in Vogelsang zeigt. Vielmehr können sie so auf den richtigen Weg führen. Mit dem Licht können sie sich selbst zurechtfinden und auch anderen Menschen Orientierung geben. Aus Viersen grüßt Sie Kaplan Andreas Hahne

Musik VII: Keith Jarrett, Belonging



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