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Das Geistliche Wort | 26.11.2023 | 08:40 Uhr

Ein König?

Guten Morgen!

Es war wohl das Medienereignis des Jahres. Ich weiß nicht, ob sie es andächtig in der Liveübertragung verfolgt oder mit interesselosem Wohlgefallen aus dem Augenwinkel registriert haben. Rund 300 Millionen Menschen weltweit sollen es gewesen sein, die die Krönung von König Charles, dem Dritten vor den Bildschirm locken konnte. Vielleicht hat sie aber auch das ganze Spektakel völlig kalt gelassen. Ich für meinen Teil habe das beeindruckende Schauspiel nicht ohne Kopfschütteln auf mich wirken lassen. Ein ungeheurer Aufwand, eine glanzvolle, perfekte Inszenierung! Aber: Glaubt das jemand? Schwert, Szepter, Reichsapfel werden überreicht: Insignien einer Macht, die der englische König schon lange nicht mehr hat. Charles schwört, mit „Gerechtigkeit und Milde“ regieren zu wollen, aber er regiert ja gar nicht. Und überhaupt: Glaubt jemand noch, dass dieser reichlich betagte Mann aus dem Hause Windsor aufgrund seiner Herkunft besser ist, auserwählt ist, in besonderer Weise unter dem Schutz Gottes steht? Mir kommt der eindrucksvolle Satz der hundertjährigen Holocaust- Überlebenden Margot Friedländer vor dem EU-Parlament in den Sinn: „Es gibt nur menschliches Blut“, sagt sie. “Es gibt kein christliches, kein jüdisches, kein muslimisches Blut“. Ich füge hinzu: Es gibt auch kein blaues Blut!


Musik I: Edward Elgar, Marsch D-Dur. Land of hope and glory, op. 39,1 (Philharmonie der Nationen)


Ich hoffe, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, ich bin niemandem zu nahe getreten mit meiner Skepsis anlässlich einer Königskrönung im 21. Jahrhundert. Die wird für mich auch dadurch nicht moderner, dass man veganes Öl zur Salbung verwendet oder interreligiöse Elemente in das alte christliche Ritual hineinmischt. Ein König? Er passt weder in mein Menschenbild noch in mein Weltbild.

Heute – am letzten Sonntag des Kirchenjahres – feiert die katholische Kirche das Christkönigsfest. Die Frage liegt nahe: Taugt denn dieses Fest für die Gegenwart?

Gilt meine Skepsis, was „Könige“ angeht, auch, wenn die Kirche Christus als „König“ feiert? Klare Antwort: Das kommt drauf an! Wenn ich bedenke, dass dieses Fest - gemessen an der 2000jährigen Geschichte der Kirche – eine „moderne“ Erfindung ist, dann hält sich mein Enthusiasmus schwer in Grenzen. Erst 1925 hat Papst Pius XI. dieses Fest der Kirche verordnet. Damals war gerade die Zeit der mächtigen Kaiser, Zaren und Könige in Europa zu Ende gegangen – und die römisch-katholische Kirche will mit einem klaren Signal unterstreichen, dass für sie die Zeit des monarchischen Prinzips nicht vorbei ist. Ein politisches Signal – wenn man so will. Ein Fanal gegen die moderne Zeit! So hat es Papst Pius ausdrücklich verstanden. Und wenn man „Christus, den König“ feiern lässt, um eigene Machtansprüche von seiner Königsmacht abzuleiten: Dann feiere ich nicht gerne mit!

Ich weiß aber auch aus der jungen Geschichte des Festes: Wer Christus als König feiert und als den eigentlichen „Herrn“ anerkennt, immunisiert sich gegen totalitäre Herrschaftsansprüche, wie etwa gegen die vor 100 Jahren entstehenden Diktaturen mit ihrem Führerkult. Dieses Signal konnte auch von den vielen „Christkönigskirchen“ ausgehen, die nach 1925 aus dem Boden schossen. In meiner Heimatstadt Essen wurde 1935 die riesiggroße Kirche St. Engelbert eingeweiht. Eine der Glocken war eine „Christkönigsglocke“. Wegen der Zerstörung des Glockenstuhls im 2. Weltkrieg steht sie schon seit Jahrzehnten auf dem Kirchplatz und mit Erstaunen liest man die Inschrift. Zwei Jahre nach Errichtung der NS-Diktatur lautet die Botschaft: „Ruft es weit in die Welt hinein: Christ König soll Essens Führer sein!“

Musik II: Jules van Nuffel, Christus vincit (Franz Josef Stoiber; Regensburger Domspatzen)

Christus als König feiern? Wie ich schon sagte: Es kommt drauf an! Es kommt nicht nur drauf an, wenn ich auf den politischen Gebrauch oder Missbrauch dieses Königstitel schaue. Auch wenn ich die biblischen Berichte sorgfältig lese, die mit dem Königtum Jesu zu tun haben, ergibt sich ein spannendes Bild. Jesus selbst scheint es nicht gerade mit dem „König-Sein“ gehabt zu haben. Der Evangelist Johannes erzählt einmal, Jesus habe sich schleunigst in die Einsamkeit zurückgezogen, als er befürchten musste, dass Volk wolle ihn zum König machen (vgl. Joh 6,15).

Das ist eine Geschichte, werden Sie vielleicht einwenden. Aber am Ende seines Lebens, als man ihm den Prozess machte, da hat er sich doch ganz klar als König bekannt. Damals – vor Pilatus. Wirklich? Ich meine, da sollten wir genau hinhören – in einer ziemlich genauen Übersetzung –, wie der Evangelist Johannes die Geschichte erzählt (Joh 18,33-37).

Pilatus ließ Jesus rufen und sprach zu ihm: Du bist der König der Juden?

Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben es andere über mich gesagt?

Pilatus antwortete: Bin ich etwa ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir ausgeliefert. Was hast du getan?

Jesus antworte: Mein König-Sein ist nicht von dieser Welt. Wenn mein König-Sein von dieser Welt wäre: Meine Helfer hätten für mich gekämpft, damit ich den Juden nicht ausgeliefert worden wäre. Nun aber: Mein König-Sein ist nicht von hier.

Pilatus sprach zu ihm: Also doch: ein König bist du?

Jesus antwortete: Du sagst, ich bin ein König. Ich – ich bin dazu geboren und dazu gekommen in diese Welt, dass ich für die Wahrheit Zeuge bin…

Musik III: Anton Heiller, Dem König aller Zeiten (Regensburger Domspatzen)

Immer wieder weicht Jesus aus: Da kann der römische Statthalter nachhaken, so oft er will. Auf die erste Frage des Pilatus antwortet Jesus mit einer Gegenfrage. Auf die zweite Frage: „Was hast du getan?“ antwortet er wieder nicht. Sondern legt dar – und wiederholt es dreimal - dass seine Art, König zu sein, ganz anders ist als in dieser Welte so üblich. Im Grunde sagt er seinem Richter: Lieber Pilatus, Wenn du „König“ sagst, und wenn ich das sage, dann reden wir über zwei ganz verschiedene Dinge. Ich – ein König? Meinetwegen, aber so anders, dass Du sagen würdest: Kein König!

Und da hakt Pilatus zum letzten Mal nach: Also doch ein König! Und noch einmal weicht Jesus aus und schlägt ein anderes Thema an: Das sagst du, dass ich ein König bin. Ich – ich bin hier, um für die Wahrheit einzutreten.

Jesus hat’s nicht mit dem Königstitel, und in der Situation des Verhörs ist seine Ablehnung auch völlig logisch und entspricht den Tatsachen. Pilatus fragt ja nicht nach irgendwas, was ihm zufällig mal zu Ohren gekommen ist, sondern nach dem Hauptanklagepunkt, der später dann auf der Tafel am Kreuz zu lesen sein wird. Es geht um Aufruhr, um Hochverrat. Wenn Pilatus so beharrlich ein Bekenntnis zum Königsein von Jesus fordert, dann möchte er ein Geständnis: Wolltest du die Macht in diesem Land an dich reißen? Bist du so ein Messiaskönig, wie ihn manche in deinem Volk erwarten, der sich an die Spitze einer Befreiungsbewegung setzt, um uns Römer aus dem Land zu treiben? Das war Jesus nicht und deswegen kann er auch nicht auf die Frage: Bist du der König der Juden? einfach antworten: Ja, ich bin es. Dann hätte er sich im Sinne der Anklage für schuldig bekannt. Und dann könnte Pilatus niemals, wie in allen Evangelien bezeugt, abschließend sagen: Der Mann ist unschuldig.

Musik IV: Johann Sebastian Bach, Gott ist mein König, BWV 71

Jesus – der ganz andere König: Immer wieder finden sich Zeichen und Zeichenhandlungen für dieses „Anders-Sein“ in seiner Lebensgeschichte. Das deutlichste setzt dieser „andere“ König bei seiner Ankunft in Jerusalem, als er von einer großen Menge begeistert empfangen wird. Er zieht nicht „hoch zu Ross“ in die Stadt ein, sondern lässt sich einen Esel als Reittier bringen. Der Evangelist Matthäus kommentiert das mit Worten des Propheten Sacharja: „Juble laut, Tochter Zion! Dein König kommt zu dir… Er ist demütig und reitet auf einem Esel“ (Sach 9,9; Mt 21,5).

Als die „Magier aus dem Osten“ den „neugeboren König der Juden“ suchen, finden sie ein Kind armer Eltern, nicht in der Hauptstadt, sondern in einem verschlafenen Nest namens Betlehem.

Wer Christus als den König feiern will, muss also andere Bilder in sich wachrufen als Träume von Glanz, Reichtum und Macht wie bei der Krönung von Prinz Charles: das hilflose Wickelkind im Futtertrog, den Rabbi auf dem Esel, den verspotteten und gekreuzigten „König der Juden“ mit der Dornenkrone.

In der Verkündigung der Evangelien ist die „Königsfrage“ beileibe keine Randfrage. Für Jesus ist immer wieder kennzeichnend, dass er entschiedene Vorbehalte gegenüber allen Zeichen und Worten hat, die an menschliche Machtausübung denken lassen, an Überlegenheit, Zwang und Gewalt. Ein „König“ in diesem Sinne will er nicht sein und so will er auch nicht genannt werden. Jesus weiß ganz sicher, wieviel Verführung und Versuchung in der Macht liegt – lesen Sie einmal seine Versuchungsgeschichte! Und auch wie schnell man erst ihn den „König“ nennt und dann eigene Macht und eigene Herrschaftsansprüche daraus ableitet. Der Evangelist Markus erzählt dazu eine charakteristische Geschichte. Unter seinen Leuten, seinen „Nachfolgern“ entsteht ein Streit, indem es letztlich darum geht, wer denn einmal das Sagen haben soll, wenn Jesus nicht mehr da ist. Und da schenkt er Ihnen aber richtig einen ein (Mk 10,42-45):

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“

Musik V: Alexandre Guilmant, Paraphase über "Tochter Zion" (Juliacum Brassers)

Ein letztes, ganz wichtiges Bild von „Christus, dem König“ ruft das Evangelium vom heutigen Christkönigsfest in Erinnerung.

Jesus spricht hier von der Endzeit, von der Wiederkunft, vom – wie wir sagen – „jüngsten Gericht“. In diesem Evangelium (vgl. Mt 25,31-46) erscheint – man übersieht das schnell – Jesus nicht nur als „Richter“, sondern in vielen anderen Bildern: als der Menschensohn, wie ein Hirt, als der Herr und König. Ja, das Christusbild der Evangelien ist vielfältig, schon in diesem kurzen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium. Aber das „Christus-Bild“, das die Hauptsache ist, ist ganz eindeutig. Der Richter-König trennt die Guten von den Bösen, stellt sie links und rechts von sich auf. Und heißt die Gerechten in seinem Reich willkommen! Begründung: Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen, ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben, ich war krank und ihr habt mich besucht, ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

Sie kennen sicherlich diese Aufzählung der „Werke der Barmherzigkeit“. Da fragen die Gerechten erstaunt: Wann haben wir dich gesehen? Hungrig oder durstig, fremd oder nackt, krank oder im Gefängnis? Und der König des Gerichts antwortet ihnen: Ihr habt mich (den König!) gesehen, als ihr die Menschen in Not gesehen habt. Da seid ihr mir begegnet. Was ihr für diese Menschen getan habt, das habt ihr für mich getan.

Das ist das Evangelium, frohe Botschaft des heutigen Christkönigsfestes. Wenn der Mensch in Not dich anschaut – du schaust in das Gesicht Christi. Er ist ein Bild des Königs Christus. Hier ist der Ort, wo der König dir – verborgen – begegnet.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Aus Essen grüßt Sie Herbert Fendrich

Musik VI: John Goss, Praise may soul the king of heaven (Marlowe Brass Ensemble; St. George's Chapel Choir, Windsor)

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