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Das Geistliche Wort | 03.12.2023 | 08:40 Uhr

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Warten im Advent

Musik 1:
Ich steh im Regen

Musik: Ralph Benatzky; Interpretin: Zarah Leander; Album: The Very Best of Zarah Leander; Label: Cleopatra Records; LC: 65840


Ich steh' im Regen und warte auf Dich, auf Dich

Auf allen Wegen erwart' ich nur Dich, immer nur Dich.


Sprecher:
„warten“: dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint


Autorin:
Ich stehe im Regen und versuche die erste Kerze auf dem Adventskranz anzuzünden. Es hört sich absurd an. Ich weiß. -

Der Adventskranz steht heute Abend vor der Kirchentür und andere Menschen werden auch gleich hier stehen. Adventssingen in der abendlichen Dunkelheit.

Ich stehe also im Regen und versuche, die erste Kerze auf dem Adventskranz anzuzünden.-

Es klappt nicht. Ich versuche es trotzdem nochmal.

Eigentlich weiß ich, dass die kleine Flamme in dem strömenden Regen keine Chance hat.

Ich will aber, dass sie brennt - die erste Kerze!


Trotzig greife ich zum nächsten Streichholz und ärgere mich über mich selbst.

Dieses sentimentale Ritual. Hauptsache die erste Kerze brennt. Warum ist das jetzt so wichtig für mich? Ist das nicht total banal?

Egal wo ich hinschaue und hinhöre dieser Tage. Es ist nicht gut. Das Klima im Wandel, die Völker im Krieg, - wir Menschen drohen unsere Zukunft zu verspielen. Und die unserer Kinder. Wie schlimm kann es überhaupt noch werden?


Ich steh im Regen – und mit jedem neuen Streichholz, dass ich für den Bruchteil von Sekunden zum Brennen bringe, halte ich die Hoffnung wach.

Trotzig scheint die Flamme kurz aufzuflackern gegen meine Enttäuschung.

Immer wieder aufs Neue: Die Kerzen an und die Türchen auf.

Es mag absurd sein, aber ich kann es nicht lassen.

Ich stehe im Regen und warte auf dich. Gott.


Sprecher:

Estragon: Komm, wir gehen!

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ah!


Autorin:
In dem Theaterstück "Warten auf Godot" von Samuel Beckett wirkt das Warten der beiden Hauptpersonen absurd. Sie stehen an einer öden Landstraße, das Warten zieht sich durch das ganze Stück. Estragon und Wladimir scheinen nicht zu wissen, worauf sie warten. Sie wissen weder, wer Godot ist, noch, ob er jemals kommen wird. Sie wissen auch nicht, was dann geschehen wird. - Aber sie warten.

Das Warten scheint völlig sinnlos und wird doch zu einer Art Geländer. Es gibt ihnen angesichts der offenen Zukunft irgendwie Halt.


Immer noch stehe ich im Regen und greife das nächste Streichholz. Es ist wie der Griff nach dem Strohhalm. Natürlich ist die Situation absurd.

Manche würden vielleicht sagen: Völlig sinnlos.

Aber mein Warten auf Gott ist mein Halt angesichts einer bedrohlich offenen Zukunft. Und die erste brennende Kerze auf meinem Adventskranz – sie würde mir das Warten tatsächlich leichter machen.


Musik 2:
Sitting, waiting, wishing

Interpret: Jack Johnson, Album: In between dreams, Label: Universal, LC: 97777


Well I was sitting, waiting, wishing

You believed in superstitions

Then maybe you'd see the signs

But Lord knows that this world is cruel

And I ain't the Lord, no I'm just a fool

Learning loving somebody don't make them love you

Must I always be waiting, waiting on you?

Must I always be playing, playing your fool?


Autorin:
Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung ist das Warten das größte Alltagsärgernis der Deutschen. An der Kasse, beim Arzt, auf die U-Bahn, in der Telefonschleife - warten nervt.

Die Selbstbestimmung des Einzelnen hat in unserer Gesellschaft einen hohen Wert. Und wer warten muss, kann nicht selbst bestimmen. Er oder sie ist fremdbestimmt. Für viele von uns ist das Warten deshalb im Grunde jedes Mal eine kleine Kränkung.

Und ein weiterer ärgerlicher Aspekt des Wartens: Mensch verliert Zeit. Auch wenn allerlei Erfindungen uns Menschen heute Zeit ersparen, leiden wir doch ständig unter Zeitmangel. Es scheint immer zu wenig davon dazusein. Und wenn man uns warten lässt,bedeutet vor allem: Wir verlieren Zeit.


O-Ton Telefonansage:
„Bitte warten Sie.“


Autorin:
Hilft vielleicht eine kleine Wartehilfe? Fühle ich mich dann weniger ausgeliefert und ohnmächtig? Mit dem ganz alltäglichen Warten kommen die meisten besser klar, wenn sie wissen, wie lange es dauern wird.

Wenn ich am Computer ein Programm herunterlade, wächst ein Fortschrittsbalken – langsam, aber sicher. Das ist so eine Wartehilfe. Oder wenn ich im Warteraum einer Behörde sitze, eine Nummer gezogen habe und die Wartenummern auf dem Display sehe.

Oder aber: Ein Adventskranz! Die Wartehilfe für Weihnachten.


Mittlerweile hält mir jemand seinen Regenschirm hin. Vermutlich ein Akt von Mitleid. Wer versucht schon im Regen eine Kerze am Adventskranz anzuzünden.

Jetzt also brennt sie – die erste Kerze. Ich bin zwar total durchnässt, aber in mir stellt sich eine leise Beruhigung ein. Mein Warten ist heller geworden. Und gefühlt ein wenig wärmer.


Advent – von lateinisch adventus – heißt Ankunft. In der Adventszeit warten Christinnen und Christen auf die Ankunft des Christus. Der von Gott geschickten Rettung.

Im 6. Jahrhundert wurde von Papst Gregor die Zahl der Adventssonntage auf vier festgelegt. Vier Adventssonntage als symbolischer Hinweis auf die angeblich 4000 Jahre, die die Welt auf die Wiederkunft Christi warten muss.


Was die Welt mit dieser Zahl anfangen soll, ist mir ein Rätsel. Und mir selbst hilft sie in meinem Warten auch nicht. Ich warte jetzt. Und ich hoffe, dass sich bald etwas ändert. Zum Guten.

Ich erwarte nichts Geringeres als ein Wunder. Die Nähe Gottes. Frieden auf Erden.


Musik 3:
Waiting for a miracle,

Interpret: Bruce Cockburn; Album: Waiting for a Miracle, Label: Revolver; LC: 06988


And waiting for a, and waiting for a, and waiting for a miracle

Somewhere out there is a place that's cool

Where peace and balance are the rule

Working toward a future like some kind of mystic jewel

And waiting for a, and waiting for a, and waiting for a miracle


Sprecherin:
„Die kostbarsten Güter soll man nicht suchen, sondern erwarten. (1)

Es ist nicht Sache des Menschen, auf Gott zuzugehen, sondern Sache Gottes auf ihn zuzugehen. Der Mensch muss nur zusehen und warten. …

Warten ist verwandeln von Zeit in Ewigkeit.“ (2)


Autorin:
Diese Sätze stammen aus Texten der französischen Philosophin Simone Weil.

Elisabeth Pernkopf, katholische Theologin an der Hochschule in Graz, führt dazu aus:


Sprecherin:
„Warten zu können auf Unbestimmtes hin, ohne sein Ziel und seinen Gegenstand vorwegzunehmen, ist kein ängstliches Abwarten oder gelangweiltes Zuwarten, das sich jeweils auf Bestimmtes richtet. Es bedeutet nicht weniger als „der Zeit [zu] gehorchen. … Die potentielle Wirksamkeit des Wartens, „durch die die Zeit einen aus der Zeit hinausführt“, scheut Simone Weil sich nicht, „Gnade“ zu nennen. Warten ist handelnde Passivität des Denkens. Warten ist verwandeln von Zeit in Ewigkeit.“ (3)


Autorin:
Für meine Situation würde ich diesen Gedanken vielleicht so übersetzen: Hier bin ich mit meiner Wartehilfe Adventskranz. Ich warte auf Gott. Ich stehe hier durchnässt und beunruhigt vom Zustand der Welt. Ich warte verzweifelt hoffnungsvoll. Und wüsste ich, in welche Himmelsrichtung ich Gott entgegen gehen könnte, dann würde ich losgehen. Und wüsste ich, dass Gott bestimmt gleich kommt, sagen wir gleich in einer halben Stunde, dann würde ich erleichtert Platz nehmen und gelassen warten. Aber so einfach ist es nicht. Ich stehe hier und warte und muss mich selbst in meinem Warten aushalten. Und das ist der Moment, in dem sich meine (Warte)Zeit der Ewigkeit öffnet.


So, glaube ich, könnte Simone Weil es gemeint haben. – Was noch lange nicht heißt, dass mir die Gnade eines solchen Wartens gegeben wäre. - Ich selbst bin eher der ungeduldige Typ. Ich bin überhaupt nicht gut im Warten.

Samuel Becketts Figuren Estragon und Wladimir auf der Bühne beim Warten auf Godot zuzusehen, ist für mich kaum auszuhalten. Zarah Leanders schwermütiges Warten im Regen – da würde ich am liebsten schon mal den Teekessel aufsetzen und die Frau zu mir hereinbitten. Und die 4000 Jahre des Wartens, die Papst Gregor im 6. Jh in Aussicht gestellt hat, sind mir auch zu lang.

Trotzdem – hier bin ich mit meinem Adventskranz und der ersten brennenden Kerze.


Musik 4:
Waiting,

Interpret: Jake Bugg (feat. Noah Cyrus); Album: Hearts That Strain; Label: Universal; LC: 97777


Autorin:
Ich pflege das Warten mit meiner Wartehilfe „Adventskranz“ nun schon 53 Jahre meines Lebens. In meinem Leben liegt mehr Wartezeit hinter mir als vor mir.

Ich erinnere mich an Wartezeiten als Kind. Was habe ich gestaunt und wie habe ich mich gefreut! Über Schokolade hinter jedem Türchen und über kostbare Familienzeit rund um den Adventskranz am Sonntagnachmittag. Ich erinnere mich an Adventskränze voll Gold und Glitzer und an Adventskränze aus schlichtem schwarzen Metall, ganz ohne Tannengrün und Schmuck. Ich erinnere mich an Jahre, in denen die Kerzen wieder und wieder ersetzt werden mussten, weil wir die Wartehilfe ständig gebraucht haben. Und ich erinnere mich an Jahre, da haben die Kerzen kaum gebrannt.


So oder so – ich warte immer noch. Ich warte, als ob ich der Zeit gehorchen würde. Mal mit freudiger Ungeduld, mal mit ängstlicher Verzweiflung. Manchmal ist mein Warten auch nur ein gelangweiltes Zuwarten.

Aber das Warten habe ich bisher in all den Jahren nicht aufgegeben.

Mein Warten, durch die Jahre mal dunkel, mal hell gestimmt, gehorcht der Zeit.

In diesem Jahr fühlt sich das Warten an, als ständen ich und die Welt, in der ich lebe, im Regen. Stehengelassen, vergessen. Nass und verfroren. Verschluckt von der Dunkelheit.

Mein Warten gehorcht der Zeit und ist dunkel gestimmt.

Aber nicht völlig ohne Hoffnung.

Als Christin warte ich darauf, dass Gott ein Versprechen erfüllt. Gott hat versprochen zu uns kommen. Sich einzumischen. Uns, seine Schöpfung, nicht allein zu lassen.

Es scheint absurd angesichts der Realität. Dieses Versprechen.

Es scheint so berechenbar, wie der wiederkehrende Advent mit seinen Ritualen.

Es scheint so harmlos und naiv angesichts der komplexen Wirklichkeit.

Und trotzdem halte ich das Versprechen Gott fest. Halte mich daran fest.

Licht, dass das Dunkel vertreibt. Schöpfung, die erneuert wird. Himmlisches Jerusalem. Reich Gottes. Frieden auf Erden. – Egal mit welchen Worten, Bildern, Tönen sich das Versprechen Gottes in mir festsetzt. - Es mischt sich in mein Warten. Setzt sich in mir fest und verändert mich und meinen Blick auf die Welt.

Gott hat versprochen zu kommen.

Dann ist ja gut, spüre ich. Dann ist ja gut.

Und im Warten gehorche ich für diesen Moment nicht mehr nur der Zeit, sondern auch der Ewigkeit.


Musik 5:
Waiting for

Komposition: Hufnagl, Häuserer, Hillebrand, Pohn & Miriam Hufnagl; Interpretin: AVEC, Album: What If We Never Forget; Label: Earcandy recordings; LC: unbekannt


Autorin:
Ich stehe immer noch im Regen. Und die weltpolitische Wetterlage hat sich nicht zum Besseren verändert, seit ich hier stehe.

Ich (stehe immer noch im Regen und) warte draußen vor der Kirchentür. Vor mir den Adventskranz mit der ersten brennenden Kerze. Das so ein kleines Licht so viel verändern kann. Der Regen und die Dunkelheit um mich herum sind in Licht getaucht.

Und von dort, wo ich stehe, also von meinem Standpunkt aus, ist da jetzt mehr Licht als Dunkelheit und mein Blick geht, vom Licht gelenkt, ins Weite und der Regen glitzert wie Millionen von Diamanten.

Gott kommt. - In meinem Warten hat sich Gottes Versprechen so eingenistet, dass meine Verzweiflung der Hoffnung Platz gemacht hat.


Sie hat sich jetzt dazugestellt – die Hoffnung. Steht neben mir und meiner Verzweiflung. Und wie das Licht der kleinen Kerze meinen Blick auf die Welt um mich herum verändert hat, so verändert sich mit der Hoffnung mein Warten.


Sprecher:

Hoffnung: Komm, wir gehen!

Ich: Wir können nicht.

Hoffnung: Warum nicht?

Ich: Wir warten auf Gott.

Hoffnung: Ah! Ja. – Sieh mal, da kommt Gott. Ich kann ihn schon sehen.


Autorin:
Wissen Sie was? Warten macht glücklich! Ich stehe immer noch im Regen mit meiner Wartehilfe Adventskranz. Neben mir stehen Verzweiflung und Hoffnung. Und im Licht der ersten brennenden Kerze hat die Hoffnung mir den Blick gelenkt. Durch den glitzernden Regen, der wie Millionen von Diamanten fällt, geht mein Blick in die Dunkelheit. Und ich weiß: Gott kommt.


Sprecher:
Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe,

dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, … Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (aus Sacharja 9)


Autorin:
Und doch hält sie bis heute die Zukunft offen: Gott ist da und muss doch erwartet werden. Dass Sie mit hoffnungsvoller Erwartung heute die erste Kerze anzünden, dass wünscht Ihnen Pfarrerin Anne Kathrin Quaas aus Königswinter.


Musik 5:
Waiting

Interpretin: Norah Jones; Album: The Fall; Label: Blue Note Records; LC: unbekannt



Redaktion:
Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth


(1) In deutscher Übersetzung von Friedhelm Kemp in: Simone Weil, Zeugnis für das Gute, Zürich: Benziger 1998, 52-62.

(2) Simone Weil: Cahiers. Aufzeichnungen. 4 Bände. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, München: Hanser 1991-1998.

(3) https://www.feinschwarz.net/simone_weil_warten/

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