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Das Geistliche Wort | 10.12.2023 | 08:40 Uhr

„Weihnachten in der City“

Ich möchte Sie heute mitnehmen auf eine Reise: es geht nach London. Die britische Hauptstadt ist immer eine Reise wert. Aber jetzt im Advent hat die Stadt eine besondere Atmosphäre: Die Straßen sind noch viel festlicher geschmückt als hier bei uns, die Geschäfte übertreffen sich mit dem Aufwand ihrer Schaufensterdekorationen, in unzähligen Konzerten erklingt weihnachtliche Musik. Diese Atmosphäre habe ich mit vollen Zügen aufgesogen, als ich mit Freunden vor Weihnachten letztes Jahr einige Tage in London verbringen durfte. Ich bin Domkapitular Markus Bosbach aus Köln und seit kurzem der Präsident des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland. Das ist der Dachverband der katholischen Chöre und Kirchenmusik bundesweit.

Guten Morgen!

Musik I: O come, o come Emmanuel (nach Verfügbarkeit WDR-Archiv)


In London angekommen, waren wir total überrascht von den zahlreichen Gottesdiensten, die in der Adventszeit an Werktagen in den vielen Kirchen der Innenstadt gefeiert werden. Und es sind wirklich viele. Klar, viele kennen die großen Gotteshäuser: die Westminster Abbey, in der die englischen Könige gekrönt werden, wie vor einigen Monaten noch König Charles III., St. Paul’s Cathedral mit der gewaltigen Kuppel, das anglikanische Gegenstück zum römischen Petersdom. Schnell übersehen werden allerdings die vielen kleineren Kirchen, die heute oft zwischen den gewaltigen Hochhäusern der Banken und Versicherungen im Zentrum der Stadt verschwinden.

Hier schlägt eigentlich das Herz des Finanzplatzes London mit seinen Bürohochhäusern, Banken, Versicherungen, Finanzdienstleistern und der Börse. Ziemlich hektisch und schnell schlägt dieses Herz. Und gerade in der Mittagszeit strömen tausende Angestellte in die unzähligen Fast-Food- und Sandwichläden. Aber jetzt im Advent ist das anders: Da opfern einige ihre Mittagspause, um in einen der zahlreichen Gottesdienste zu gehen.

Das zu sehen, hatte meine Freunde und mich neugierig gemacht. Und wir haben uns einfach angeschlossen. So sind wir auch in die kleine Kirche St. Magaret‘s Lothbury gelangt. Die liegt etwas versteckt hinter dem großen Komplex der Bank of England, der englischen Nationalbank. Nette junge Menschen haben uns dort am Eingang mit einem herzlichen Lächeln begrüßt und mit Liedzetteln bestückt. So was können die Engländer einfach richtig gut, dachte ich bei mir: eine Atmosphäre des Willkommens.

Die Kirche war schon ganz weihnachtlich geschmückt. Neben dem Adventskranz ein Weihnachtsbaum mit Lichterketten, eine Krippe und überall im Raum Kerzen und Mistelzweige. Der Gottesdienst dauerte ungefähr eine halbe Stunde, er muss ja in die Mittagspause passen. Es gab tolle Musik mit Trompete, Orgel und einem kleinen Vokalensemble. Die klassischen Advents- und Weihnachtslieder, in England heißen sie Carols, wurden von allen begeistert mitgeschmettert. Schon das erste Lied hielt sich allerdings nicht lange mit dem Advent auf, sondern katapultierte uns direkt in die Heilige Nacht von Weihnachten, in den Stall von Betlehem. „Once in Royal David’s City“ ist in England ungefähr das, was bei uns Stille Nacht ist – darf einfach zu Weihnachten nicht fehlen. Traditionell beginnt eine einzelne Sopranstimme, in die dann nach und nach der Chor und die Gemeinde einstimmen. Hören sie mal:

Musik II: Once in Royal David’s city


Was für eine Musik! Aber dabei blieb es nicht in dem kurzen Gottesdienst in London: Der Pfarrer hielt eine kurze Ansprache – nach guter angelsächsischer Tradition – geistreich und witzig. Die Botschaft war klar: In der Geburt des Kindes von Bethlehem sagt Gott Ja zum Menschen, er schenkt Zukunft auch für dich.

Nach dem Gottesdienst gab es noch auf die Schnelle Glühwein und Minced Pie, kleine Mürbeteigkuchen mit einer Früchte-Nuss-Füllung. Die dürfen in England zu Weihnachten nicht fehlen. Ich kam mit meinem Banknachbarn ins Gespräch, einem jungen Banker. Ob er denn an Weihnachten auch noch einmal zum Gottesdienst gehe, wollte ich wissen. Das käme drauf an, sagte er. Er führe zu seinen Eltern aufs Land, da gäbe es wohl auch einen Gottesdienst, aber da würde nicht so viel geboten wie hier. Und außerdem sei das ja hier seine Kirche und er würde einen Teil der Leute hier kennen. Er besuche hier regelmäßig Glaubensgespräche und Gottesdienste in der Mittagspause. Das helfe ihm, den stressigen Job zu bewältigen, hier könne er auftanken.

Am nächsten Tag gerieten meine Freunde und ich in einer etwas größeren Kirche der Londoner City, St. Mary-le-Bow, in den Weihnachtsgottesdienst der Britisch-Australischen Gesellschaft. Wieder sehr gute Musik, diesmal mit einigen australischen Liedern neben den englischen Klassikern. Und wieder eine witzige und geistreiche Predigt. Auch diesmal boten anschließend Wein und Gebäck eine gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Reverend George Bush erklärte uns, dass er bis zu zehn solcher Gottesdienste als Dienstleistung für Firmen, Banken oder kulturelle Vereinigungen organisiert. Er ließ unerwähnt, dass dafür vermutlich ordentliche Spenden fließen. Nach den Gründen für diese vielen verfrühten Weihnachtsgottesdienste gefragt, sagte er sinngemäß: Wenn nicht jetzt, wann dann? Weihnachten sei für die meisten Menschen in London eben die Zeit, in der Firmen und Freundeskreise ihre Weihnachtsfeiern abhielten. Am 25. Dezember sei Weihnachten dann fast schon wieder vorbei. Er könne sich entscheiden, bis dahin zu warten und dann das Geheimnis von Weihnachten nur noch einer frommen Restgemeinde zu verkünden; oder er macht es jetzt, wenn Herzen und Sinne vieler Menschen dafür offen seien. Gerade weil in den offiziellen Firmenfeiern alles Religiöse außen vor bliebe, aus Christmas greetings neutrale season‘s greetings würden, also aus Weihnachtsgrüßen Jahreszeitliche Grüße, gäbe es doch auch eine Sehnsucht nach dem Kern des Festes. Und ein neugeborenes Kind sei doch die beste Nachricht, die es geben könne.

Musik III: For unto us


Ich habe viel nachgedacht über diese Erfahrungen in der Londoner City. Und mir kam in den Sinn, dass sich hier bei uns mal eine ganze Gemeinde mit dem Pfarrer verkracht hat, weil der der örtlichen Blaskapelle verboten hatte, im vorweihnachtlichen Konzert „O du fröhliche“ zu spielen. Irgendwie kann ich ja verstehen, wenn Pfarrer und Kirchenmusikerinnen sich abmühen, dass Advent Advent bleibt und Weihnachten erst am Heiligabend, also am Vorabend des 25. Dezember beginnt. Und ich kann nachvollziehen, dass sie etwas gegen die permanente Frühgeburt des Christkinds setzen wollen, weil ja spätestens Mitte September die Weihnachtszeit in den Geschäften beginnt mit der Ankunft der ersten Lebkuchen. Gegen das Vorziehen des Weihnachtstrubels steht vielleicht die Ahnung, dass alles seine Zeit braucht: auch das Geheimnis von Weihnachten, das etwas Großes ist. Wie heißt es doch: Vorfreude ist die schönste Freude.

Auf der anderen Seite haben auch die Londoner Erfahrungen ihr Recht. Viele Menschen erleben heute Weihnachten vor allem als die Zeit vor dem 25. Dezember. Weihnachtsmärkte und Weihnachtsfeiern finden in aller Regel vor dem Fest statt. Wer wüsste heute noch zu sagen, dass die Weihnachtszeit bis zum Sonntag nach dem Dreikönigstag dauert?

Für viele Menschen ist mit Weihnachten Weihnachten schon wieder vorbei. Spätestens am 27. Dezember liegen die ersten Weihnachtsbäume als Sondermüll auf der Straße und gehen die Gedanken über zur Gestaltung des Jahreswechsels oder des Skiurlaubs.

Warum also nicht die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen und die Botschaft von Weihnachten schon vor Weihnachten verkünden. Kaum ein Konzertsaal käme wohl auf die Idee, Bachs Weihnachtsoratorium nach Weihnachten ins Programm zu nehmen, an den Tagen also, für die Bach die einzelnen Teile komponiert hatte.

Ich hätte da einen Vorschlag zur Güte: Womöglich ist es sinnvoll, ein Weihnachten der zwei Geschwindigkeiten zu feiern. Klassisch und langsam mit Adventszeit und bis in den Januar hinein für die, die das alles bewusst mitvollziehen möchten. Und für andere Menschen mehr Angebote in der Vorweihnachtszeit, die auch schon von der Geburt des Kindes im Stall von Bethlehem sprechen. Ein offenes Weihnachtsliedersingen kann ich mir denken, stimmungsvolle Gottesdienste mit Kerzenlicht, die Herz und Sinne ansprechen. Eine Sehnsucht nach gemeinsamem Singen in dieser Zeit scheint da zu sein, das zeigen Zigtausende, die jedes Jahr zu den großen Weihnachtsliedersingen in die Stadien etwa in Köln oder Dortmund strömen.

Musik IV: „Kommet ihr Hirten“


Das Geheimnis von Weihnachten ist so kostbar, dass es auf jeden Fall besser ist, es zu feiern als es zu verschweigen. Die Botschaft, dass Gott einer von uns geworden ist, damit wir ein Teil von ihm sein können, ist sowieso wert, mehr als nur einen oder zwei Tage gefeiert zu werden.

Und ganz allgemein gesprochen: Die Geburt eines Kindes ist etwas, das kaum einen kalt lässt. Schon gar nicht, wenn dieses Kind in der Armut eines Stalles geboren wird. Die Geburt eines Kindes bedeutet immer Zukunft – auch bei aller Sorge, was aus einem Kind einmal werden mag.

Interessant dabei ist doch: Nach biblischer Tradition wurde bereits viele hundert Jahre vor der Geburt Jesu in Israel die Geburt eines Kindes von einer Jungfrau angekündigt. Damals herrschte König Ahas. Er war korrupt und hatte, um sich selbst zu retten, faule Kompromisse mit Fremdherrschern geschlossen. Von denen erwartete er sich mehr als von Gott. Von diesem Ahas war für Gottes auserwähltes Volk Israel keine Zukunft zu erhoffen. Da musste schon was anderes passieren. Und das formulierte der Prophet Jesaja so (Jes 7,14):

„Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“

Immanuel heißt: Gott mit uns. Gott setzt der Perspektivlosigkeit des Ahas die Zukunft eines Kindes entgegen. Unweigerlich muss ich da an die Situation heute in Israel und dem Gebiet der Palästinenser denken und in anderen Teilen der Welt: Täglich erreichen nicht nur mich Bilder von Terror und Tod, Krieg und Gewalt, von Umweltzerstörung und Perspektivlosigkeit. Es sind Bilder, die das grausame Gesicht des Menschen zeigen. Dagegen steht immer noch der positive Blick auf jedes neugeborene Kind! Und das stimmt mich letztlich optimistisch und vielleicht auch nicht-religiöse Menschen, die mit Weihnachten sonst nichts anfangen können. Die Sehnsucht nach Hoffnung, nach einem menschlichen Antlitz dieser Welt ist groß.

Musik V: All Bells in paradise


Übrigens: Bei dem Besuch in London endete der Pfarrer von St. Mary-le-Bow, Reverend Bush, damals seine Predigt mit diesen Worten: „Diejenigen, die das Jesuskind in Bethlehem feiern, sind verpflichtet, das gute Bild vom Menschen zu verteidigen und mit Ehrfurcht über den Menschen zu sprechen. Niemand ist weniger menschlich als ich, weil er meine Ansichten oder Grundwerte nicht teilt. Das Christkind gehört nicht den Christen, sondern allen Menschen an jedem Ort – es kann ohne Gefahr oder Vorwurf ignoriert oder angebetet werden. Menschen sehnen sich heute danach, dass der Glaube an die Menschheit wiederhergestellt wird. Genau das ist an Weihnachten Gottes Politik!“

Musik VI: Ende von All Bells in Paradise (ca. 4:20)


Eine erfüllte Advents- und Weihnachtszeit und einen hoffnungsvollen Blick auf die Menschen wünscht Ihnen

Ihr Markus Bosbach

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