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Das Geistliche Wort | 17.03.2024 | 08:40 Uhr

„Guet Füer“

„Guet Füer!“

Der Gruß klingt ungewohnt, wenn man nicht gerade aus Attendorn im Sauerland kommt. Bis vor kurzem war ich da als Vikar in der Seelsorge im Einsatz und da habe ich diesen Gruß gehört, der nur jetzt in der Fastenzeit, also der Vorbereitungszeit auf Ostern zu hören ist: „Guet Füer!“.

Musik I: Heiliger Tanz: Konstantin Wecker; Album „Ohne Warum“


„Guet Füer!“ Als ich das erste Mal diesen Gruß im sauerländischen Attendorn hörte, dachte ich „Gut, für was?“, denn das sauerländer Platt, aus dem diese Worte stammen, ist für mich wie eine Fremdsprache. Zum Glück wurde ich schnell unterrichtet. „Guet Füer!“ heißt im Hochdeutschen: ein „Gutes Feuer“. Und damit ist nicht der Insidergruß für alle Feuerteufel gemeint, sondern er bezieht sich auf die Osterfeuer in Attendorn und Umgebung. Diese werden am Abend des Ostersonntags abgebrannt. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Osterfeuer gibt es doch im ganzen Land. Allerdings sind die Attendorner Osterfeuer das zentrale Ereignis eines großen Osterbrauchtums, das Mitte des 17. Jahrhunderts zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird.[1] Allein um die Attendorner Innenstadt sind es vier große Osterfeuer und auf den umliegenden Dörfern kommen noch viele weitere dazu. Diese Feuer sind auch keine einfachen Gehölzhaufen, sondern imposante hölzerne Konstruktionen in deren Mitte ein um die 30 Meter hohes Fichtenkreuz steht. Und diese Feuer brennen nicht irgendwann im Laufe des Abends, sondern werden zeitgleich entzündet. Ein imposantes Spektakel – weithin sichtbar.

Für die Vorbereitung dieser Feuer braucht es natürlich viel Zeit und viele helfende Hände. Daher gibt es sogar einen eigenen Osterfeuerverein in Attendorn. Die Mitglieder beginnen schon kurz nach Aschermittwoch mit den Arbeiten, damit an Ostern alles fertig ist. Die hoch gelegenen Plätze am Stadtrand oder außerhalb der Stadt werden vorbereitet, im Wald wird Holz gesammelt, Stroh wird gebündelt. So steht fast die gesamte Fastenzeit im Zeichen der Vorbereitung auf das Osterfeuer. Man ist in Attendorn sehr stolz auf dieses wunderbare Osterbrauchtum, zu dem auch noch viele andere Elemente gehören wie das Segnen von eigenen Ostersemmeln, die eigens für das Spektakel gebacken werden. Und da gefühlt alle Bürgerinnen und Bürger mit verschiedenen Aufgaben in dieses emsige Treiben involviert sind, wünscht man sich auch gegenseitig, dass alles gut gelingen möge. Besonders die Osterfeuer sollen „gute Feuer“ werden. „Guet Füer!“ eben.

Musik II: Feuertanz: Manuel De Falla aus dem Ballett „El amor brujo“


Die Attendorner Osterfeuer haben eine besondere Gemeinsamkeit. Sie werden von der Flamme der Osterkerze entzündet und zwar gleichzeitig, indem die Flamme vorher geteilt und weitergereicht wird. Und die Osterkerze selbst, die wird in der Feier der Osternacht, also einen Tag zuvor entzündet.

Wer schon einmal die Osternacht in einer katholischen Kirche mitgefeiert hat, der weiß: Das ist ein beeindruckendes Ritual. Die Kirche ist zunächst stockdunkel. Und es ist still. Dann wird vor der Kirche ein kleines Feuerchen entzündet. Was sage ich entzündet? Eigentlich soll aus einem Feuerstein ein Funke geschlagen werden, um das Feuer zu entfachen. Aber das passiert nur in den allerwenigsten Fällen. Dann aber wird an diesem kleinen Feuerchen die Osterkerze angezündet und in die Kirche hineingetragen. Und das ist überwältigend zu sehen: Eine einzige Flamme kann einen riesigen Raum erhellen. Dann ertönt der Ruf: „Lumen Christi“, „Licht Christi“. Und Menschen in der Kirche antworten „Deo gratias!“, „Dank sei Gott!“ Und von da an wird das Licht der großen Kerze auf viele kleine Kerzen verteilt, die die Menschen in den Händen halten. Für mich ist das immer ein Gänsehautmoment, weil deutlich wird: Das Licht besiegt die Dunkelheit der Nacht. Für mich ein Bild dafür, dass das Leben den Tod besiegt. Und allgemein für die Christen ein Zeichen der Auferstehung Christi.

Mal ehrlich: Wo wäre der Mensch wohl ohne das Feuer? Sicherlich nicht da, wo er heute ist. Immerhin, schon der prähistorische Mensch hat gelernt, das Feuer zu bändigen und sich seine Kraft zunutze zu machen. Feuer spendet Licht und Wärme. Mit seiner Kraft werden Lebensmittel gebacken, gekocht und gebraten.

Mit der gebändigten Kraft des Feuers werden Erze verhüttet, um Metalle zu gewinnen. Diese wiederum können dann im Feuer verarbeitet und geformt werden. Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung zum modernen Menschen.

Wer das Feuer beherrscht, der hat schließlich Macht – aber auch Verantwortung. Und was nicht vergessen werden darf: Das Feuer hat auch seine destruktive Seite. Durch Brände werden jedes Jahr ganze Landstriche verwüstet. Allein im Jahr 2021 sind in Europa 55000 Hektar Waldfläche ein Fraß der Flamme geworden.[2] Das ist eine Fläche ungefähr doppelt so groß wie das Saarland. Und durch Wohnungsbrände sterben immer wieder auch Menschen. Und dann ist da noch das Feuer, das bewusst vom Menschen eingesetzt wird, um Kriege zu führen. Nicht umsonst spricht man von „Feuerkraft“ um die Zerstörungskraft und Schlagfertigkeit einer Armee zu beschreiben. Ich brauch dazu ja nur die täglichen Nachrichten aus der Ukraine und anderen Kriegsgebieten anschauen: Zerstörung und Elend als Folge vom Dauerfeuer, sprich Dauerbeschuss.

Musik III: Paint It, Black: Titelmusik von Platoon: Samuel Barber - Adagio For Strings OST Platoon: https://www.bing.com/videos/riverview/relatedvideo?q=musik%20kriegsfilm%20platoon&mid=3EE5C9B0FFDAB33A36DC3EE5C9B0FFDAB33A36DC&ajaxhist=0]


Feuer ist Fluch und Segen zugleich. Es kann für Gutes stehen und für Schlechtes, bewirkt Positives und Negatives.

Schon der große deutsche Dichter Friedrich Schiller schreibt in seinem bekannten „Lied von der Glocke“: „Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht.” Und nur wenige Zeilen später heißt es: „Doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft.“

Welche Ambivalenz?! Sie macht sicherlich einen Teil der Faszination des Feuers aus. Und so verwundert es auch nicht, dass die Rede von der Flamme, dem Feuer und dem Brennen auch im übertragenen Sine große Bedeutung gewonnen hat: Da heißt es dann zum Beispiel: „Der brennt wirklich für die Sache“ oder: „Sie ist ganz Feuer und Flamme.“ Wenn so von jemandem gesprochen wird, dann ist klar: Hier begeistert sich jemand ganz und gar. Aber auch in eine andere Richtung kann es gehen: „Der hat sein Feuer verloren“, sagen wir gerne zu Menschen, denen der Antrieb fehlt, die lustlos und schlaff sind. Und wenn wir dann noch vom Feuer der Leidenschaft oder vom Feuer der Liebe sprechen, verhält es sich ähnlich: Wenn das nicht mehr brennt, ist der Ofen halt aus.

Die Ambivalente Bedeutung der Flamme und des Feuers kennt auch die Bibel. Hier brennt es gerne und häufig. Und das mit all seinen Facetten.

Sodom und Gomorrha zum Beispiel fallen den Flammen zum Opfer, die Gott als Gericht vom Himmel regnet lässt. Dann droht Gott selbst oder einer seiner Propheten den Menschen gerne mit „feurigen Flammen“. So schreibt der Prophet Jeremia (vgl. Jes 66,15): „Siehe, der Herr kommt im Feuer heran, wie der Sturm sind seine Wagen, um in Glut seinen Zorn auszulassen und sein Drohen in feurigen Flammen.“ Und für den alttestamentlichen Richter Simson sind brennende Fackeln die Waffe der Wahl, als er gegen die Philister kämpft und ihre Ernte im wahrsten Sinne des Wortes abfackelt (vgl. Ri 15). Selbst Jesus greift auf das Bild vom Feuer zurück, wenn er seinen eigenen Auftrag beschreibt (Lk 12,49): „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Das hört sich nicht gerade nach dem „lieben“ Jesus an, sondern doch sehr zerstörerisch und bedrohlich.

Es gibt aber auch die andere, die positive Seite.

Gott selbst erscheint Mose und zwar in einem Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt (vgl. Ex 3). Und in Gestalt einer Feuersäule begleitet Gott das Volk Israel auf ihrem Weg durch die Wüste (vgl. Ex 13,21-22). Schließlich wird im Pfingstereignis die Gegenwart Gottes besonders deutlich. Es sind Feuerzungen die auf die Jünger Jesu herabkommen. Die Flammen stehen für die Kraft des Heiligen Geistes. Eine wahre Feuertaufe – so könnte man sagen. Und der flammende Geist macht die Jünger zu flammenden Predigern. Sie können freimütig das Evangelium verkünden und sogar in fremden Sprachen reden (vgl. Apg 2).

Noch ein letztes biblisches Beispiel, bei dem es auch darum geht, für etwas zu brennen. Es ist die bekannte Geschichte der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus (vgl. Lk 24). Erst kapieren sie nichts und dann kommt ein Fremder, der ihnen erklärt, warum Jesus gestorben und auferstanden ist. Und als sie den Fremden als den tot geglaubten Jesus erkennen und verstehen, dass er lebt, bekennen sie (Lk24,32): „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete.“

Ich kann das nachvollziehen: Wenn man von einer Sache total überzeugt ist und sich dafür einsetzt, dann brennt in einem ein Feuer der Leidenschaft. Auf die beiden Emmausjünger bezogen würde ich sagen: Im neu entfachten Feuer ihres Herzens verbrennt ihre lähmende Trauer über den Tod Jesu. Und mit diesem Feuer verkünden sie dann voller Begeisterung die Botschaft seiner Auferstehung.

Musik IV: Burning Love, Elvis Presley, Album: Burning Love oder Burning Love And Hits From His Movies.


Auch wenn die Rede vom Feuer in der Bibel zwar ambivalent ist, für mich steht seine positive Kraft im Vordergrund. Das Feuer ist für mich ein Bild für die belebende Kraft Gottes, für seine Hinwendung zu den Menschen oder auch ein Zeichen der Orientierung, die er geben möchte, damals zurzeit der Bibel aber auch durch die Geschichte. Es kommt allerdings darauf an, sich auch erleuchten zu lassen, also offen zu sein für ein Licht, das mir Orientierung schenkt. Für mich zeigt sich das in einer Haltung, die fragt und sucht, die neugierig ist und die Gott noch etwas zutraut. Warum sollte er sich nicht auch noch heute den Menschen zuwenden?

Ein Zeichen dafür, dass er es heute noch tut, sehe ich in der Osternachtfeier: Dann wenn die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird, die ein Symbol für Christus ist. Und so, wie die Kerzen in den Händen der Gläubigen nach und nach von der Flamme der Osterkerze entzündet werden, so will ich mich auch von der Botschaft der Auferstehung entzünden lassen. Wie bei den Jüngern von Emmaus soll mein Herz brennen. Und wie bei ihnen die lähmende Trauer über den Tod ihres Freundes Jesu verbrannte, können auch in mir alle meine Sorgen, meine Ängste, meine Trauer, ja alles, was mein Leben dunkel macht, verbrennen. Warum? Weil ich der Auferstehung Jesu Glauben schenke, die stärker ist als Tod und Vernichtung.

Ich bin überzeugt: Gott will mit seinem Feuer auch mein Leben hell und warm machen, gegen alle Bedrohungen des Lebens. Sein Feuer schenkt meiner Seele Kraft, Licht und Wärme. Es ist ein gutes Feuer. Es verstört und zerstört nicht, sondern spendet Leben und Antrieb. Für mein Leben ist dieses göttliche Feuer genauso lebenswichtig wie das physische Feuer.

Schöner als ich das formulieren kann, hat das der Heilige Franziskus von Assisi formuliert in seinem bekannten Sonnengesang. Der ist ein einziges Lob auf Gott durch seine Schöpfung. Franziskus sagt darin: „Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.“

Musik V: Der Sonnengesang: Als Original: Il Cantico Delle Creature; Angelo Branduardi; Album Da Francesco a Francesco oder in Deutsch: Der Sonnengesang: Angelo Branduardi; Album Best of Angelo Branduardi


Ja schön ist das Feuer und fröhlich und kraftvoll und stark. Ich werde daran denken, wenn die Osterfeuer, die in wenigen Tagen auch wieder in Attendorn brennen werden. Mögen diese großen und weit sichtbaren Feuer, ob nun in Attendorn oder sonst wo, für viele Menschen vielleicht nur noch ein gesellschaftliches Ereignis und eine schöne Tradition sein, die die Menschen zusammenbringt. Doch dahinter steckt wesentlich mehr. Diese Osterfeuer sind leuchtende Verkünder der Frohen Botschaft des Lebens, das stärker ist als der Tod. Und sie sagen nicht nur mir: Hab keine Angst. Das Licht der Welt, Jesus Christus, besiegt mit seinem Feuer die Nacht. Sein Feuer macht alle Finsternis hell. Wenn das mal nicht wahrhaft ein gutes Feuer ist.

In diesem Sinne grüßt aus Attendorn Vikar Heinrich Sacha mit: Guet Füer!

Musik VI: Music for the Royal Fireworks: Suite HWV 351: 4. La réjoussance


Literaturtipp: Feuer, Symbol des Lebens und des Glaubens von Claudia Sticher, Verlag Katholisches Bibelwerk.


[1] Vgl. dazu: https://www.lokalplus.nrw/attendorn/osterbrauchtum-in-attendorn-wie-funktioniert-das-eigentlich-71269. Und: https://www.ennesterpote.de/osterbrauchtum/.

[2] Vgl. Umweltbundesamt unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/waldbraende#waldbrande-in-deutschland Stand 31.01.2024.

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