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Das Geistliche Wort | 01.04.2024 | 08:40 Uhr

„Österlicher Aufstand“

Guten Morgen!

Wie gut das tut …, morgens frisch und ausgeruht, zuversichtlich und kraftvoll aufzustehen und in den Tag zu starten. – Wie schön, wenn es so ist. Von mir selbst weiß ich: Nicht jeder Tag beginnt so. Manchmal fühle ich mich schon am Morgen bedrückt und kraftlos. Vor allem, wenn ich schon beim Aufstehen an den traurigen Zustand der Welt denken muss, an Krieg, Naturzerstörung und an die Jugendlichen und Erwachsenen mit ihren Nöten und Problemen, denen ich als Schulseelsorger und Geistlicher Begleiter begegne. Von Lebensfreude und Zuversicht – keine Spur. Wie viele Menschen leben bedrückt und traurig? Manche haben sogar richtig Angst: Angst, dass sich die gegenwärtigen Kriege ausweiten, Angst vor der Klimakatastrophe, die von uns selbst verursacht ist und uns die Lebensgrundlage nimmt. Viele haben Angst um unsere Gesellschaft, in der sich menschenverachtende Ansichten und radikale Überzeugungen immer mehr ausbreiten und unsere Demokratie in Frage stellen. Ich denke konkret an eine Kollegin, die voller Angst mit einer Krebserkrankung kämpft und an eine Freundin, die um das Leben ihres kranken Mannes bangt. Viele Sorgen, Belastungen und Ängste gibt es, die alle Lebenskraft nehmen und schwer auf der Seele liegen.

MUSIK I:


Es gibt Vieles, was schwer auf der Seele liegt. Gerade jetzt an Ostern wird das – so finde ich – noch einmal deutlicher, wenn gerade in christlichen Kreisen von Leben und Auferstehung gesprochen wird. Der Bibelwissenschaftler Peter Tummler hat das auf den Punkt gebracht. Er schreibt:


Sprecher:

„Ostern gilt als das größte Fest der Christenheit. Wir feiern Auferstehung, den Sieg des Lebens über den Tod. Doch von Auferstehung und Erlösung ist (oft) wenig zu spüren.“[1]


Ja ich nehme das wahr: Trotz des Osterfestes erleben Menschen und eben auch Christen ihr Leben als düster und dunkel. In der Tat scheinen die Erfahrungen von Tod, Krieg, Gewalt und Hass, sowie die Frage des Überlebens dieses Planeten so übermächtig, dass es mir und vielen schwerfällt, die Freude der österlichen Botschaft von Auferstehung und Lebendigkeit wirklich zu spüren – geschweige denn zu verbreiten.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb feiere ich gerne Ostern, das christliche Fest der Auferstehung vom Tod. Da sind die vielen Zeichen und Symbole der Osternacht, die mir wichtig sind: Da wird das Licht einer einzigen Kerze, der Osterkerze in die dunkle Kirche getragen. Da wird gesungen „Frohlocket!“ Aber mir ist natürlich auch klar, dass das nur äußere Zeichen sind, dass es nicht getan ist mit dem Singen von „Christ ist erstanden“. Ostern muss doch eigentlich mehr sein!

Aber was heißt es dann: Ostern feiern, oder besser: Ostern leben, es existentiell erfahren?

MUSIK II:


Ostern ist für mich viel mehr als ein schöner Gottesdienst mit Zeichen und Symbolen. Ostern ist für mich eine Provokation. Ostern ruft mich zum praktischen Handeln auf. Ich selbst muss aufstehen, auferstehen, sozusagen den Aufstand wagen.

Für mich hat sich das in den letzten Wochen gezeigt: So viele Menschen sind aufgestanden und auf die Straße gegangen, um gegen rechtsextreme und menschenverachtende Ideen, gegen Fremdenhass und Ausgrenzung zu demonstrieren, für eine menschenfreundliche und demokratische Gesellschaft. Und ich habe selbst erlebt, wie wichtig es war und wie es mir selbst Mut gemacht hat, als ich mit vielen Menschen in meiner Nachbarstadt Kempen auf die Straße gegangen bin.

Außerdem haben mich die Menschen in der Ukraine beeindruckt. Sie geben mitten im Krieg die Hoffnung nicht auf, stellen sich dem Unrecht entgegen, das ihrem Volk widerfährt und beginnen immer wieder neu. Sie lassen sich das Leben nicht verbieten und die Hoffnung nicht nehmen. Eine Nachricht aus der ukrainischen Stadt Odessa hat mich besonders berührt: Mitten in einer Theateraufführung fiel der Strom aus. Die Aufführung war damit aber nicht zu Ende, sondern zahlreiche Zuschauer*innen schalteten ganz spontan die Taschenlampe ihres Smartphones an und trugen es zur Bühne. Und so konnte im Licht von vielen kleinen Lampen die Aufführung fortgesetzt werden.[2] Wenn das kein Zeichen gelebter Hoffnung ist?! Und ich muss sagen: Es stimmt, was Andreas Knapp, Mitglied des Ordens der Kleinen Brüder von Charles de Foucauld über die Hoffnung schreibt:


Sprecher:

„Hoffnung ist eine Energie, die uns dazu befähigt, Vertrauen in uns selbst zu fassen und an ein besseres Morgen zu glauben! Sie ist eine Widerstandskraft, die hilft, Krisen zu bewältigen. Dabei ist die Hoffnung alles andere als ein billiger Optimismus, der sich die Dinge schönredet oder sich naiv ausmalt, dass am Ende irgendwie alles gut wird. (…) Die Hoffnung als „Leidenschaft für das Mögliche“ (Paul Ricoeur) lässt uns tätig werden, um das Erhoffte zu verwirklichen. Wie der Wunsch der Vater des Gedankens ist, so ist die Hoffnung die Mutter der Tat. Sie bewirkt, dass wir handeln, gestalten und Ideen verwirklichen. Hoffnung hängt mit Vertrauen zusammen: mit dem Vertrauen in sich selbst und in die Fähigkeit, mit Schicksalsschlägen umgehen zu können. Mit dem Vertrauen in andere. Und mit dem Vertrauen ins Leben; in eine höhere Macht, die es gut mit einem meint: Mit Vertrauen in Gott.“[3]


Was Andreas Knapp hier beschreibt, ist für mich eine wunderbare Übersetzung für Ostern: Ostern ist Handeln aus Vertrauen. Das hat nichts mit Vertröstung zu tun. Das erinnert mich vielmehr daran, wie Jesus lebte und handelte, wie er den Menschen begegnete, ihnen Mut machte, ihnen die Angst vor dem Leben und dem Tod nahm, wie er sie aufrichtete und ihnen ein unzerstörbares Hoffnungspotential schenkte.

MUSIK III:


Ostern bedeutet Handeln aus Vertrauen. Heute, am Ostermontag wird in vielen christlichen Gottesdiensten die Emmausgeschichte aus der Bibel vorgetragen. Zwei Jünger flüchten aus Jerusalem, weil dort Ihr Freund und Meister Jesus unschuldig hingerichtet worden war.

Für sie gibt es keine Hoffnung mehr. Sie haben alles Vertrauen ins Leben verloren und gehen deshalb enttäuscht und entmutigt zurück in ihr altes Leben. Jerusalem ist für sie zum Grab geworden. Dabei hatten sie zuvor durch Jesus erfahren, was es heißt, neu zu beginnen, aufzustehen, frei zu sein von allem, was das Leben kaputt macht. Es war ein lebendiger Aufbruch in ein faszinierendes Leben, das sie bis dahin nicht kannten, frei von allen Ängsten, voller Zuversicht und Vertrauen.

Doch diese Zeit mit Jesus scheint nur eine kurze Episode gewesen zu sein. Jetzt ist mit seinem Tod alles vorbei. Sogar ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben sie begraben. Aber immerhin: Sie schließen sich nicht irgendwo ein, sondern sie gehen, sind unterwegs. Und: Sie sprechen miteinander über das, was sie so abgrundtief traurig macht, auch wenn sie sich dabei nur immer wieder im Kreise drehen: Wie konnte das alles nur passieren?

Mich erinnert das an so manches Trauergespräch, das ich als Seelsorger führe. Wieder und wieder wird geredet, aber die Mauer kann nicht durchbrochen werden. Es ist so, als würde das eigene Reden nur wie ein Echo zurückhallen. Da braucht es jemand, der aus dieser Echokammer befreit.

Bei den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus mischt sich tatsächlich jemand ein, der sie schrittweise aus der Dauerschleife ihrer Hoffnungslosigkeit herausführt. Er beginnt mit der Frage:

„Was sind das für Reden, die ihr da im Gehen miteinander wechselt?“ Oder anders gesagt: „Wie geht es euch?“ Diese Frage ist keine Floskel. Sie ist ernst gemeint. Das wird spätestens daran erkennbar, dass dieser unbekannte Fragesteller bei ihnen bleibt, mitgeht und zuhört, was sie zu erzählen haben. Und: Er ordnet ein, was sie sagen, stellt neue Zusammenhänge und Verknüpfungen her.

MUSIK IV:


Neue Zusammenhänge und Verknüpfungen lassen Erlebtes in einem neuen Licht erscheinen. Das ist ein Grundprinzip der Seelsorge. Der unbekannte Wegbegleiter der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus blickt zurück auf die Erfahrungen des Volkes Israel. Da gibt es so viele Hoffnungsgeschichten. Sie werden zum Vorbild und zur Antwort auf die aktuelle Frage: Wie kann es wohl weitergehen?

Ich muss noch einmal an die Menschen in der Ukraine denken, und zwar aus folgendem Grund: Für die Ukraine ist die Sonnenblume ein uraltes Symbol. Nicht nur deswegen, weil die Ukraine einer der großen Produzenten von Sonnenblumenöl ist und so die Blume für Wohlstand steht. Sondern es geht um das Besondere an dieser Blume. Tagsüber folgt ihre Blüte dem Verlauf der Sonne. Und über Nacht dreht sie sich in jene Richtung, wo am Morgen die Sonne wieder aufgeht. Ich deute das als ein Zeichen der Hoffnung. Wer nämlich hofft, wendet sich dem Licht einer wünschenswerten Zukunft zu. Auch wenn das Licht noch nicht da ist: Es treibt an, sich zu engagieren und die Gegenwart so zu gestalten, dass man die erhoffte Zukunft herbeiführt. Die Zuversicht entfaltet hier und jetzt ihre Wirkung – unabhängig davon, ob das Erhoffte in der Zukunft auch tatsächlich Wirklichkeit werden wird! Und selbst, wenn sich die Hoffnung nicht erfüllen sollte: sie verändert bereits jetzt das Leben. Der Menschenrechtler und frühere tschechische Staatspräsident Vaclav Havel hat es einmal so formuliert:


Sprecher:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“[4]


Das klingt gut, obwohl solche Einsichten nicht schnell verstanden und nachvollzogen werden. Es braucht Zeit, bis aus dieser Einsicht heraus gehandelt wird. So war es wohl auch bei den Emmausjüngern. Sie brauchten auch ihre Zeit, um zu verstehen und neu aufzubrechen. Später sagen sie (Lk 24,32): „Brannte nicht unser Herz (…) als er auf dem Weg mit uns redete, als er uns die Schriften erschloss?“

Ich erlebe solche langsam wachsende Einsicht in der geistlichen Begleitung in der Seelsorge. Da braucht es manchmal viele Gespräche, ehe jemand zur eigenen Lebenswahrheit durchdringt.

Da müssen manchmal innere Mauern übersprungen werden, ehe die neue Einsicht in die Tat umgesetzt wird.

Bei den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus bricht diese Erkenntnis endgültig durch als der unbekannte Wegbegleiter mit ihnen das Brot bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen Jesus in dem Unbekannten. Und ihre Reaktion: Sie brechen auf und kehren zurück nach Jerusalem. Dort teilen sie ihre neue Erfahrung mit dem lebendigen Jesus den anderen mit. Denn ihre alten Erfahrungen mit Jesus sehen sie nun in einem neuen Licht. Sie erkennen einen Sinn in dem, was sie erfahren haben. Jerusalem, der Ort des Todes und der Trauer wird für sie und die anderen somit zum Ausgangspunkt eines neuen Weges voller Hoffnung und Vertrauen ins Leben.

MUSIK V:


Dieses Vertrauen ins Leben lerne ich von den beiden Jüngern aus Emmaus. Aber auch von den Menschen in dem Theater von Odessa und den Menschen hierzulande, die auf die Straße gehen. Sie alle zeigen mir, was Ostern bedeutet: der Aufstand ins Leben!

Aus Grefrath grüßt Sie Ihr Pfarrer Frank Reyans

Musik VI:



[1] Peter Trummer, Auferstehung jetzt – Ostern als Aufstand. Theologische Provokationen, Freiburg 2023, S. 9.

[2] Vgl. Andreas Knapp in: Mitten in der Welt, Heft 212, Jahrgang 2023, S. 108.

[3] Andreas Knapp in: Mitten in der Welt, Heft 212, Jahrgang 2023, S. 108f.

[4] Vgl. Andreas Knapp in: Mitten in der Welt, Heft 212, Jahrgang 2023, S. 109.

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