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Das Geistliche Wort | 07.04.2024 | 08:40 Uhr

Osteraugen

Liebe Hörerinnen und Hörer!

Leben statt Tod! So lässt sich das Ostergeheimnis kurz und knapp zusammenfassen – zumindest aus christlicher Perspektive.[1] Für mich als Christ und Bischof wird das eindrücklich nachvollziehbar in den Gottesdiensten der katholischen Kirche in den letzten zwei Wochen, also von Palmsonntag über Gründonnerstag, Karfreitag, die Osternacht bis heute, dem sogenannten „Weißen Sonntag“, dem ersten Sonntag nach Ostern. Denn in dieser Zeit tritt erst das Bild des leidenden und sterbenden Jesus in den Vordergrund, und dann berichtet vor allem das Johannesevangelium in eindrücklichen Erzählungen von der Auferstehung Jesu. Und diese wechselvolle Geschichte vom Leiden Jesu zu seiner Herrlichkeit, von seiner Kreuzigung zu seiner Erhöhung und von seiner Passion zu seiner Leidenschaft für uns Menschen mit den Augen des Glaubens zu sehen, davon möchte ich heute Morgen erzählen.

Denn mir hilft es, die heutige Wirklichkeit besser zu verstehen, da ich im Glauben weiß: Wer die Augen vor dem Kreuz verschließt, der verdrängt die Wahrheit der Geschichte Jesu. Und wer im Tod Jesu nicht den Beginn des neuen Lebens sieht, der verkennt das Geheimnis der Geschichte Jesu. Beides gehört zusammen: die Wahrheit der Geschichte Jesu und das Geheimnis der Geschichte Jesu. Der frühere Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat es einmal auf den Punkt gebracht und gesagt: Wer das Geheimnis der Geschichte Jesu und dessen Wahrheit zusammen sieht, der hat „Osteraugen“. Ein wunderbares poetisches Wort für mich: „Osteraugen“. Denn wer „Osteraugen“ hat, der sieht vom Tod bis zum Leben, von der Schuld bis zur Vergebung, von der Trennung bis zur Einheit, von den Wunden bis zu Herrlichkeit, vom Menschen bis zu Gott. Und er sieht noch weiter: von Gott bis zum Menschen und vom Ich bis zum Du. So geht Leben aus österlicher Kraft.

Musik I: Georg Friedrich Händel, Hallelujah aus dem Messias


Leben aus österlicher Kraft. Leben mit „Osteraugen“. Selbst den Frauen und Jüngern, denen Jesus als der Auferstandene erscheint, fällt das zunächst schwer. So jedenfalls die biblischen Texte. Aber in der Begegnung mit Jesus nach seiner Auferstehung werden ihnen die Augen geöffnet. Sie sehen anders, und sie sehen neu. Dabei kommen im Neuen Testament immer zu der Erscheinung Jesu auch seine Stimme und damit ein berührendes Wort hinzu. Und sei es nur der zärtliche Zuruf des Namens, wie bei Maria von Magdala, die Jesus erst für einen Gärtner hält. Dann aber nennt er ihren Namen und sie erkennt ihn als ihren lieben Meister (vgl. Joh 20,15f.): „Rabbuni!“ Ich verstehe diese Begegnung so: Wer „Osteraugen“ hat, also Neues sieht und der Wirklichkeit andere Dimensionen zutraut als bisher bekannt, der kann erfahren, wie umwälzend Ostern ist. Es geht darum, das Leiden Jesu und seine Auferstehung zusammen wahrzunehmen als ein Geschehen, das uns sowohl von der Wahrheit der Geschichte Jesu berichtet, der immer wieder die Grenzen des Todes, der Ablehnung und der Feindschaft durchbrochen hat, als auch vom Geheimnis seines Lebens berichtet, das Versöhnung, Liebe, Trost und Hoffnung gebracht hat.

Es geht darum, dass Ostern die Welt und das Leben aller Menschen verändern kann. Es geht um das Leben gegen den Tod! Und das ist eine bleibende Herausforderung – bis heute!

Dazu erzählt gerade der Evangelist Johannes in seinen Ostererzählungen von den ersten Jüngerinnen und Jüngern, die den auferstandenen Jesus Christus selbst gesehen haben. Ihnen gibt sich Jesus ja zu erkennen, denn: Sie will er senden.

Wie genau Jesus ihnen erschienen ist, darüber schweigen die Texte letztlich. Vielleicht in Form einer Vision? Allerdings ist eines bei den Berichten im Johannesevangelium immer sehr wichtig: Der, den die Jünger und die Frauen sehen, ist und bleibt derjenige, mit dem sie zuvor gelebt haben, nämlich Jesus von Nazareth, eine konkrete Person der Geschichte. Hier geht es um eine Kontinuität: Jesus ist und bleibt derselbe vor und nach der Auferstehung. Jesus ist nach wie vor der Gesandte, der Sohn Gottes, der für die Menschen da ist vor und nach seinem Tod, vor und nach seiner Auferstehung. Er will mit den Menschen in Kontakt bleiben. Was er vor Ostern begonnen hat, soll nach Ostern weiterwirken!

Musik II: Johann Sebastian Bach, Der Himmel lacht (BWV 31)


Was er vor Ostern begonnen hat, geht nach Ostern weiter. Dazu ein weiterer konkreter Hinweis aus dem Johannesevangelium, das heute in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen wird und noch einmal beschreibt, was „Osteraugen“ Neues zu sehen vermögen.

Jesus erscheint als der Auferstandene und zeigt die Wundmale an seinen Händen, Füßen und an seiner Seite (vgl. Joh 20,20.27): Jesus ist und bleibt stigmatisiert, also von Leiden und Wunden gezeichnet, für immer. Das Johannesevangelium meint mit der Auferweckung Jesu allerdings nicht eine Art Wiederbelebung eines Leichnams, quasi die einfache Rückkehr Jesu ins irdische Leben, mit all den Wunden. Nein! Auferstehung ist Aufbruch ins Himmlische, ins ganz und gar von Gott bestimmte, nicht mehr an Raum und Zeit, nur noch an das von ihm geschenkte Leben gebunden. Das Evangelium macht das dadurch deutlich, dass der Auferstandene – bildlich gesprochen – durch geschlossene Türen hindurch wie aus dem Nichts in die Mitte der Jünger gelangt. Dabei wird im Evangelium nicht das Wunderliche betont, sondern das Wunderbare einer Begegnung mit Jesus, der an keine irdische Grenze mehr gebunden ist. Entscheidend für das Evangelium wie für den Glauben der Jüngerinnen und Jünger ist dabei, dass er kommt, wie er es auch in seinen Abschiedsreden vorher bereits verheißen hat (vgl. Joh 14,8.28). Mich bewegt immer wieder beim Lesen dieser herausfordernden Texte, dass sich der Evangelist Johannes mit traumwandlerischer Sicherheit an der äußersten Grenze des Vorstellbaren und Sagbaren entlang bewegt. Und mir ist sehr bewusst: Uns Christen bleibt heute nichts anderes, als ebenfalls bis an diese Grenzen des Vorstellbaren und Sagbaren zu gehen. Erst da bewähren sich die „Osteraugen“, weil sie mehr und weiter sehen.

Musik III: Johann Sebastian Bach, Konzert für Oboe d'amore, Streicher und Basso continuo A-Dur (BWV 1055R)


Mit den „Osteraugen“ sehen, heißt Grenzen zu überwinden. Da ist als erstes die Angst der Jünger, die Jesus zu überwinden hilft. Es ist die existentielle Angst zu scheitern. Bereits Petrus treibt diese Angst dazu an, Jesus zu verleugnen (vgl. Joh 18,15-18.25 ff). Petrus hat Angst um das eigene Leben, und Angst, dasselbe Schicksal wie Jesus erleiden zu müssen. Er hat Angst, wegen der Solidarität mit Jesus verfolgt zu werden, Angst vor der Kreuzesnachfolge, Angst vor dem eigenen Versagen. Es geht auch um die Angst des Petrus, seine eigene Sendung als Menschenfischer als Illusion erkennen zu müssen. Scheitert Jesus, scheitert Petrus selbst. Alle diese Ängste sind mehr als verständlich. Und überwunden werden können sie nicht mit Appellen, auch nicht mit Durchhalteparolen und nicht mit Schulterklopfen. Wer diese Angst zu überwinden helfen kann, das ist allein Jesus selbst. Von ihm geht die Initiative aus, als er zu den Jüngern kommt, sich in ihre Mitte stellt, sich ihnen zu erkennen gibt, sie anredet und ihnen seine bleibende Gegenwart zusagt. Jesus überwindet die Angst seiner Jünger, indem er ihnen die Erfahrung vermittelt, bei ihnen zu sein und sie stärkt. Wer solche Erfahrungen macht, kann eine Ahnung von dem Himmel bekommen, der sich öffnet für den, der glaubt und mit „Osteraugen“ zu sehen lernt.

Wer fähig ist, seine Angst zu überwinden, der kann beginnen, zu glauben oder den Glauben in sich wach werden zu lassen. Im Johannesevangelium gibt es dazu die Erzählung der Erscheinung des Auferstandenen vor dem so genannten „ungläubigen Thomas“. Eigentlich eine bleibende Situation aller Christen: Thomas zweifelt an der Auferstehung Jesu. Richtig ist doch, dass Glaube und Zweifel aufs engste miteinander verbunden sind. Entscheidend dabei ist, dass Jesus im Zweifel des Thomas anwesend ist. Jesus ist sozusagen da, als Thomas ihn braucht. Allerdings zeigt Jesus sich ihm so, dass sein Wunsch nach handfester Vergewisserung überholt wird. Jesus ist nämlich bereit, sich anfassen zu lassen. Doch es kommt gar nicht dazu. Die Bereitschaft Jesu allein ist es, die Thomas bekennen lässt: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28). Thomas hat gelernt, was es heißt mit „Osteraugen“ zu sehen.

Um es noch einmal etwas anders zu sagen: Jesus weiß, was im Menschen ist (vgl. Joh 2,25). Er durchschaut menschliche Fixierung auf Wunder als eine Verengung auf Außergewöhnliches und Sensationelles. Jesus will stattdessen einen einfachen Glauben wecken. Denn die zentrale Botschaft der Auferstehung Jesu kann nicht durch einen zwingenden Beweis erbracht werden. Selbst das leere Grab ist kein unwiderlegbares Argument. Es gibt auch nicht eine unaufhörliche Kette österlicher Visionen, mit denen sich Jesus immer wieder zu erkennen gibt. Es gibt schlicht nur das Zeugnis derer, die erzählen, dass sie ihn gesehen haben – und dass sie glauben. Das muss genügen!

Wir heute können Jesus nicht mehr so sehen, wie die ersten Jünger und die Frauen den Auferstandenen gesehen haben. Immerhin: Sie kannten ihn ja aus der Zeit vor seinem Tod. Wir leben im besten Sinne des Wortes vom Hörensagen. Im Grunde gibt es nichts zu sehen. Aber durch dieses Nichts hindurch lässt sich doch Jesus als lebendig erfahren. Seine Gegenwart selbst wahrzunehmen und wie Thomas zu sprechen: „Mein Herr und mein Gott“, ist letztlich ein Geschenk Gottes: Dieser Glaube ist Gnade. Im Letzten können wir diesen Glauben nicht machen.

Musik IV: Johann Sebastian Bach, Magnificat D-dur (BWV 243)


Der Glaube an die Auferstehung ist letztlich ein Geschenk. Und das zeigt sich noch in einem weiteren Aspekt bei den Begegnungen mit dem Auferstandenen in der Bibel. Wenn Jesus erscheint, ist sein erster Gruß auch wie ein Geschenk. Es ist die Zusage Jesu an seine Jünger: Friede sei mit euch![2] Dreimal gibt Jesus diese Zusage (vgl. Joh 20,19.21.26). Damit ist allerdings dieser Friedensgruß Jesu keine Konvention. Es geht vielmehr darum: Diese Zusage des Friedens muss umgekehrt auch angenommen werden. „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“, sagt Jesus einmal an einer anderen Stelle im Johannesevangelium (Joh 14,27). Und der Hinweis: „Nicht wie die Welt ihn gibt“ spricht von einem Frieden, der die Angst, die Furcht, den Kleinmut und die Verzagtheit der Jünger und der Frauen überwindet. Es ist der Friede, der Versöhnung schenkt und lehrt, auf Gewalt und Hass mit Liebe zu antworten. Es ist der Friede, der vom Unglauben zum Vertrauen auf Gott führt.

Damit verbunden noch eine weitere Beobachtung: Am Ende der Erscheinungen des Auferstandenen steht die Sendung des Heiligen Geistes. Das ist das große Versprechen Jesu an die Jünger und die Frauen, wenn er sie anhaucht und sagt (Joh 20,20): „Empfangt den Heiligen Geist!“ Da geht es zu wie bei der Schöpfung, wo Gottes Geist über den Wassern schwebt und Neues schafft. Das, was die Jünger jetzt erfahren, macht sie neu. Sie erfahren, was Gottes Schöpferkraft an ihnen bewirkt: Sie werden zu neuen Menschen mit einem neuen Bewusstsein, einem neuen Denken, neu bestimmten Werten und einer neuen Kraft zum Glauben. Aus verängstigten Anhängern des ermordeten Jesus werden treue und mutige Zeugen seiner Auferstehung und Gegenwart. Mehr noch. Verbunden mit der Sendung des Heiligen Geistes geht nämlich einher die Aufforderung, Sünden zu vergeben (Joh 20,23).

Diese Vollmacht zur Vergebung ist die Vollmacht, verbindlich zu sagen: Gott vergibt durch Jesus Christus die Sünden, durch den Glauben und auf ihn hin. Sünde hat dabei nicht nur mit dem zu tun, was wir Menschen an Unheilvollem und Bösem tun, sondern damit, dass wir es oft gar nicht so sehr lieben, im Licht zu leben, sondern in der Finsternis. Anders ausgedrückt: Es fehlen oft die „Osteraugen“, die mehr sehen als alles hier und jetzt, weil der Glaube die Augen öffnet. Überall nämlich, wo Christen sich von einem solchen Glauben finden und tragen lassen, da kann österliche Freude entdeckt werden und ansteckend wirken. So auch kann der empfangende Friede weitergegeben werden, der sich angesichts des Todes Gott überlässt.

So kann sich im Glauben der verschlossene Himmel für die Menschen öffnen, wenn nicht zuletzt auch die Widersprüche zwischen Lebenserfahrungen und überhöhten Glaubensforderungen von Christen in der Kirche getilgt werden: Wie wäre es wohl, wenn Menschen ohne Verzagtheit, ohne Verunsicherung, sondern schlicht in einem Klima des Vertrauens für und mit anderen die Sehnsucht nach dem geöffneten Himmel leben würden?! Es bräuchte dafür die „Osteraugen“. Ich bin mir sicher: Die Menschen würden mehr und weiter sehen, als nur bis zum Tod.

Musik V: Johann Sebastian Bach, Sinfonia aus Oster-Oratorium (BWV 249)


Ihnen, Ihren Familien, allen Menschen, die zu Ihnen gehören und mit denen Sie leben, frohe Ostertage. Das wünscht Ihnen von Herzen und mit Glauben

Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen.



[1] Vgl. zum Ganzen: Schumacher, Ferdinand, Söding, Thomas, Leben gegen den Tod. Das Ostergeheimnis im Johannesevangelium, Herder Verlag, Freiburg 1994.

[2] Vgl. zum Ganzen: Gnilka, Joachim, Johannesevangelium. Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung. Die neue Echter Bibel, Echter Verlag, Würzburg, 7 2009.

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