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Das Geistliche Wort | 05.05.2024 | 08:40 Uhr

Vom Krieg, der Angst, dem Grundgesetz und einer Honigmilch

Neulich -ich fuhr mit meinem Sohn zusammen im Auto und das Radio dudelte so im Hintergrund - da sagte er es aus heiterem Himmel: „Es kommt irgendwie nur noch Krieg im Radio!“.
Und damit begann sein Fragenhagel: „Wer ist denn eigentlich schuld?“ – „Wer hat das eigentlich angefangen?“ – vor allem aber: „Wie kann das denn wieder aufhören?“

Und ich höre in den Fragen: Da ist Neugierde, etwas über diesen „Krieg“ zu erfahren. Etwas zu verstehen. In etwa so wie damals, als dieses neue Virus Corona so fremd war und doch auf einmal ein ganzes Kinderleben bestimmte. Ich merke das bei uns zu Hause oft ganz konkret: Wo bis vor einiger Zeit die Frage danach, wie die Blubberblasen ins Mineralwasser kommen so interessant war, dass wir am liebsten mal „die Maus“ gefragt hätten, da fragen mich heute meine Kinder was eine Vernichtungsdrohne ist, oder was Taurus bedeutet.

Und sowieso ist das alles unvorstellbar. Neulich zum Beispiel: Was sind das alleine für Zahlenkonstrukte: 10675 getötete Zivilisten bis Ende Februar 2024 alleine in der Ukraine. Davon 589 Kinder. Das musst du dir mal vorstellen. Es gelingt mir als Erwachsener kaum und ich gebe zu: irgendwie höre ich manchmal (sicher unterbewusst) schon weg. Vielleicht um mich zu schützen. Solche Nachrichten fliegen uns tagtäglich im Radio um die Ohren, in der Zeitung und im Fernsehen auch um die Augen. Kinder hören das alles bewusster; „Das sind ja 10675 Beerdigungen. 10675-mal traurige Menschen und viele Kinder ohne Mama und Papa!“.

Ja, denke ich. Das stimmt. Und am liebsten würde ich sagen: „wir haben noch nicht mal auf die Soldatinnen und Soldaten geschaut; und auch nicht auf die Seite der Menschen in Russland.“ Von Israel und Gaza wollen wir gar nicht erst anfangen....es
gibt noch viele andere Kriegsschauplätze auf unserer Erde.

Musik 1: Arvo Pärt, Da Pacem (The Hilliard Ensemble)


Irgendwie geht das ja dann auch weiter. Die Nachrichten und deren Sprache verändern unseren Wortschatz. „Das sind unsere Feinde!“ – einen solchen Ausspruch kannte ich bis vor einigen Jahren nicht aus meinem Umfeld. Wenn meine Kinder mal solche Worte in den Mund nahmen, dann pflegte ich in etwa sowas zu sagen wie: „Feinde, Hass, zerstören… das sind sehr harte Worte. Die mag ich nicht!“. Und dann war die Sache auch wieder gut und (im wahrsten Wortsinn) auch befriedet.

Seit über zwei Jahren ist das nun irgendwie anders geworden. Ich erlebe mich selber, wie ich mitten drin in unserem Familienalltag meinen Kindern viel erklären muss. Nicht nur im rollenden Familienauto zu den Nachrichten.

Das alles stecke ich nicht so einfach weg. Und viele Menschen die ich kenne, auch nicht. Auch meine Kinder und viele andere tun das nicht.

Und dann erinnere ich mich an meine eigene Kindheit. Da hat mir die Ur-Oma öfter mal vom Krieg und von der Flucht erzählt. Sie war damals mit wenig Hab und Gut geflüchtet, mitten in der Nacht aus Schlesien. Versteckt hatte sie sich in Scheunen und Wäldern vor Soldaten. Der „bösen Fratze des Krieges“ hatte sie mehrfach ins Gesicht gesehen. Am Ende dieser Erzählungen bekam ich es oft mit der Angst zu tun. Und dann machte die Ur-Oma eine Honigmilch. Sie war ja meine Lieblings-Oma und deswegen hatte sie es auch drauf, mir die Angst zu nehmen. Natürlich nicht mit der Honigmilch alleine. Sondern mit dem, was dabei passierte. Die Honigmilch half mir dabei, meine Ängste zu benennen. Und dann schauten wir sie gemeinsam an. Die Angst vor dem Krieg, die hatte ich tatsächlich irgendwie. Vielleicht, weil meine Uroma so von dieser Erfahrung geprägt war. Ich erinnere mich an diese Worte, als wären sie mir gestern erst gesagt worden.

„Die Menschen haben gelernt“, hat sie gesagt. „Sie werden so was nicht mehr anzetteln“, das hat sie gemeint. Ich war skeptisch und auch daran erinnere ich mich. Und ich habe frei weg gefragt: „Was macht dich da so sicher?“. Und dann (ich habe es noch bildlich vor Augen) passierte folgendes: Sie öffnete die Kommodentüre im Wohnzimmerschrank. Sie hatte irgendwie nie viele „Stehrümchen“, wie man bei uns am Niederrhein sagt. Wenige Bücher, kaum Deko. Nur das Nötigste. Vielleicht eine Erfahrung eben aus diesem Krieg. Alle wichtigen Dinge waren quasi hinter dieser Türe. Der Plattenspieler mit fünf oder sechs Schallplatten. Ein evangelisches Gesangbuch (in dem, für mich damals verstörend, schon damals ihre Lieder zur Beerdigung angekreuzt waren). Eine Bibel. Und (und jetzt kommt es): ein kleines Büchlein, auf dessen Umschlag ein Goldener Adler prangte. Sie kramte es hervor und schlug es auf: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“, so begann sie zu lesen. Es war (sie haben es sicher erkannt) das Grundgesetzt unserer Bunderepublik Deutschland.

Musik 2: Max Richter, Dream (World Choir for Peace; Nicol Matt)


Heute muss ich sagen: Die Oma, der ich doch sehr vertraute, hatte in einer Sache leider Unrecht. „Die Menschen haben gelernt“, hatte sie gesagt. Und: „Sie werden so was nicht mehr anzetteln“, hatte sie auch gesagt. Da lag sie leider falsch - nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Aber heute, wo mich als Erwachsener selbst oftmals die Angst überfällt, da denke an unser gemeinsames Ritual vor 30 Jahren zurück, mit Honigmilch und Grundgesetz. Damit habe ich zumindest ein kleines Rezept gegen diese Ängste in der Tasche. Und mit dem Grundgesetz auch eine Gebrauchsanweisung und einen Antrieb zugleich. „Das sind die Werte hinter denen ich stehe!“. Und damit bin ich nicht alleine. Gott sei Dank! Das macht Mut zu sehen, wie hier zu Lande tausende Menschen auf die Straßen gehen und ihren Überzeugungen Ausdruck verleihen. Wie sie eintreten für die Demokratie, die Vielfalt und eine friedliche und tolerante Welt. Das ist, so finde ich zumindest, das schönste Geburtstagsgeschenk für dieses kleine Büchlein. Jenes, mit dem golden Bundesadler auf dem Umschlag. Denn: Das Grundgesetz wird 75.

Damals, nach dem 2. Weltkrieg, und schon vor der Londoner Sechsmächtekonferenz wollten die Alliierten, dass die politisch aktiven Deutschen sich Gedanken machen über einen neuen Staatsaufbau. Im Rückblick finde ich das alles unglaublich. Nur zwei Jahre nach dem Ende dieses unfassbaren Krieges, geben die „Sieger“ den Besiegten die Möglichkeit, neu zu beginnen. So forderte der britische Militärgouverneur, Sir Brian Robertson, damals am 12. Juni 1947 seinen Zonenbeirat auf, sich zur Struktur eines deutschen Nachkriegsstaates zu äußern. Ein langer Prozess beginnt. Und an dessen Ende spricht Konrad Adenauer diesen Satz: „Heute, am 23. Mai 1949, beginnt ein neuer Abschnitt in der wechselvollen Geschichte unseres Volkes: Heute wird die Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte eintreten. Wer die Jahre seit 1933 bewusst erlebt hat, der denkt bewegten Herzens daran, dass heute das neue Deutschland ersteht.“ Das Grundgesetz wird unterzeichnet und tritt in Kraft.

Das, was damals unter anderem von Elisabeth Selbert, Carlo Schmid, Adolf Süsterhenn und Theodor Heuss formuliert wurde, hat Geltung bis heute und darf seine Wirkmacht auch nach 75 Jahren nicht verlieren. Es geht um die Grundrechte aller Menschen, die in Deutschland leben. Es geht um die unverlierbare Würde des Menschen und sein Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Es geht um das Recht auf Leben und die Unversehrtheit des eigenen Körpers. Und es geht darum, dass vor dem Gesetz alle, alle, wirklich alle Menschen gleich sind. Egal, was sie denken. Egal wie sie fühlen und was sie glauben. Was für ein Schatz.

Musik 3: Johann Sebastian Bach, Konzert A-dur, BWV 1055 Allegro ma non tanto (Albrecht Mayer; Sinfonia Varsovia)


Und trotzdem wackelt diese Ordnung. In unserem Land tut sie es gewaltig. Aber wenn wir in die Welt schauen, dann erleben wir: Das, was uns Fundament ist, ist wo anders undenkbar. Eben da, wo die Kriegsmaschinerie wieder aufgefahren wird. Dort, wo die Rechte der Menschen missachtet und mit Füßen getreten werden. Wo eine Meinungsäußerung nicht frei ist, sondern einen die Freiheit kosten kann. Wo zehntausende Tote an den Fronten und auf den Angriffsfeldern verrückten Idealen geopfert werden. Es gibt sie, diese Realität in der Welt. Davor kann ich die Augen nicht verschließen. Es gibt auch in unserem Land immer mehr Menschen, die unserer Demokratie nichts mehr zutrauen. Dann steht nicht selten der Ruf nach Abschottung im Raum. Dann wird der oder das Andere zum Feind und der oder das Fremde gehört verbannt. Das ist vielleicht bis zu einem gewissen Maße noch verständlich. Ich erinnere mich an meine Kindheitstage: Angst ist kein guter Berater. Und in der Bibel, genau im Alten Testament, da gibt es eine wunderbare Stelle. Kurzgefasst: Mose führt das Volk Israel in die Freiheit. Dieser Weg ist kein Spaziergang. Immer wieder murrt das Volk und sagt unter den Anstrengungen und Entbehrungen: „Wären wir mal in der Gefangenschaft geblieben… dann hätten wir viele Probleme nicht!“. Mose geht Mal für Mal mit Gott ins Gespräch. Aber an einer Stelle wird es brenzlich: Das Volk hat mit feurigen Schlangen zu tun, die über die Menschen herfallen. Wer gebissen wird, der stirbt. Und Gott gibt Mose einen Bastelauftrag: Bau dir einen Stock. Häng eine Schlange aus Metall dran. Jeder, der nun gebissen wird und die Schlange ansieht, der wird nicht sterben. Gesagt – getan. Mose macht sich ans Werkeln und der Plan geht auf.

Das Interessante daran ist ja: Gott lässt nicht die Schlangen verschwinden. Und er sorgt noch nicht mal dafür, dass sie nicht mehr beißen. Er sorgt dafür, dass man trotz Schlangen -und sogar trotz Schlangenbissen- nicht untergeht. Das ist schon fast eine psychologische Lehrstunde, oder? „Schau deine Feinde an! Mach sie ausfindig! Sieh ihnen ins Gesicht!“ – Das macht die Realität nicht anders und lässt die Feinde nicht verschwinden. Aber: Es nimmt ihnen die Macht. Und das, das gibt Kraft sich weiterhin für das Richtige einzusetzen. Mit aller Energie und ohne Furcht.

Musik 4: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Bist du bei mir, BWV 508 (Stuttgarter Kammerorchester; Magali Mosnier; Michael Hofstetter)


Die gebastelte Metallschlange des Moses am Stab und die Honigmilch meiner Uroma: Sie haben eine Gemeinsamkeit. Sie ermöglichen es, die Angst zu identifizieren. Diese Angst ist auch in diesen dramatischen Zeiten kein guter Berater. Ich mag mich gerne an damals erinnern. An die Honigmilch und die Grundgesetzlektion bei der Ur-Oma. Und vielleicht ist dies genau das richtige Geschenk zum „75.“ Des Grundgesetzes. In all der Unsicherheit und der Sorge. In aller Angst um den Frieden und die Demokratie in Deutschland und auf der Welt. Vielleicht machen wir uns in ein paar Tagen, am 23. Mai, einfach mal eine Honigmilch und nehmen uns ein Beispiel an Mose: Schauen wir unsere Ängste und Probleme an und ihnen ins Auge. Da wir hier Gott sei Dank in unserer Demokratie nicht von Schlangenbissen getötet werden, können wir dann mutig für diese Werte eintreten und „suchen, was den Frieden schafft“.
In diesem Sinne: „Herzlichen Glückwunsch, liebes Grundgesetz“. Und: „Wie schön, dass du geboren bist. Wir hätten dich sonst sehr vermisst!“.

Musik 5: Felix Mendelssohn, Verleih' uns Frieden gnädiglich (La Chapelle Royale; Collegium Vocale; Ensemble Orchestral de Paris)


Aus Kevelaer grüßt Sie Bastian Rütten.

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