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Kirche in WDR 5 | 11.05.2024 | 06:55 Uhr

Einander verzeihen

Guten Morgen!

Was ist aus der schweren Anfangszeit der Corona-Pandemie in Erinnerung geblieben? Mir hat sich vor allem jener bemerkenswerte Satz im Gedächtnis eingebrannt: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Ein Satz für die Geschichtsbücher. Gesprochen hat ihn der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn; ein Satz, nicht im Vorhinein von Beraterstäben ausgeklügelt und auch nicht strategisch im Redemanuskript platziert. Das Wort fiel bei einer Aussprache im Parlament, eher en passant, spontan, was nur die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit des Anliegens unterstreicht.

Man rufe sich die Situation noch einmal in Erinnerung, damals im April 2020. Es war die Zeit der ersten Schock-Starre, als das ganze Land unter der strengen Ausgangssperre litt, als es noch keine Tests und erst recht keine Impfung gab. Als noch nicht absehbar war, ob es je wieder so werden würde wie vorher. Auch die Regierung konnte nur auf Sicht fahren und musste hoffen, mit den ergriffenen Maßnahmen die Menschen im Land vor dem Schlimmsten zu bewahren. Da ist es berührend, dass ein Politiker offen die Unwägbarkeiten seines Handels bekennt und seine Mitparlamentarier darauf einstimmt – Zitat: „dass wir nämlich miteinander in ein paar Monaten wahrscheinlich viel werden verzeihen müssen.“[1] – Das ist in der Tat das seltene Eingeständnis eines Politikers, der sich der Grenzen seines Handelns bewusst ist – umso peinlicher, dass man seine Bemerkung im Parlament reflexhaft mit Lachen quittierte. Verzeihen, so scheint es, ist offensichtlich keine Kategorie parlamentarischen Handelns.

Aber ich will nicht einfach bloß auf die Politiker schauen. Ich muss mich selbst fragen: Wem müsste ich verzeihen oder wen um Verzeihung bitten? – Nun ja, da fallen mir schon ein paar Namen ein, Menschen, über die ich mich geärgert habe, die mir und vor allem meinen Mitarbeitern das Leben schwer gemacht haben. Aber weiß ich, ob sie sich dessen überhaupt bewusst sind, ob sie nicht ebenso unter Druck gestanden haben, einem inneren Zwang gefolgt sind. Verzeihen, so scheint mir, ist ein großes Wort. Es fiele mir jedenfalls leichter, wenn ich verstehen könnte, was den andern dazu bewogen hat, was ihn angetrieben hat, so zu handeln, wie er gehandelt hat. – Und umgekehrt: Wen müsste ich um Verzeihung bitten? Oft bin ich mir gar keiner Schuld bewusst und merke nicht einmal, ob sich jemand von mir gekränkt, benachteiligt, übergangen fühlt. „Alles verstehen heißt alles verzeihen“ – so eine Sentenz, die Buddha zugeschrieben wird; ein Wort, das so oder so ähnlich auch im Evangelium stehen könnte. Wobei es da nicht darauf ankommt, ob ich Verständnis für den anderen aufbringe. Da gilt es schlicht, Maß zu nehmen an Gott selbst, der groß ist im Verzeihen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36) Das sagt sich so einfach und ist doch so schwer. Wie leicht geht mir als Priester beim Predigen dieses Wort über die Lippen, und wie oft haben wir uns auch als Kirche gegen Andersdenkende, Andersglaubende, Andersliebende versündigt! Und wer gibt mir das Recht, über andere zu urteilen! Wie oft beten wir im Vater unser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, und wie lange braucht es, bis diese Bitte mehr und mehr in mein Denken, Reden und Tun einsickert?!

Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Das ist mehr als nur das rationale Eingeständnis, dass wir alle fehlbare Menschen sind. Es entspricht vielmehr einer Grundhaltung unseres Menschseins, dass wir im letzten aus der Verzeihung durch andere leben, letztlich aus der Verzeihung Gottes. Denn „wenn Gott uns so sehr geliebt hat“, so schreibt der Apostel Johannes an seine Gemeinde, „dann müssen auch wir einander lieben“ (1 Joh 4,19). Vielleicht ist es das, was wir gerade auch in der Krise lernen können. Ich bin mir sicher: Wir würden gestärkt daraus hervorgehen.

Ich bin Peter Klasvogt aus der Kommende Dortmund. Kommen Sie gut durch den heutigen Tag.



[1] Jens Sphan zitiert nach Protokoll der 155. Sitzung des 19. Deutschen Bundestages Dokument - 19. Wahlperiode, 22.04.2020, BT-Plenarprotokoll 19/155 (S. 19211): https://dserver.bundestag.de/btp/19/19155.pdf.

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