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Das Geistliche Wort | 26.05.2024 | 08:40 Uhr

„Die Einsamkeit Gottes“

Was waren das für wilde Feste damals. Dionysos sorgte dafür, dass es oft feucht-fröhlich daher ging. Und legendär war auch der Zoff unter den Beteiligten – nicht zu vergessen das Gerangel um Liebe, Betrug, Fremdgehen und Versöhnung. Wie eine göttliche Seifenoper. Alles im großen Stil.

Liebe Hörerinnen und Hörer, der heutige Dreifaltigkeitssonntag erscheint mir da als kleiner, überschaubarer Feiertag. Auf dem Olymp in Griechenland aber ging damals gar nichts in klein. Immerhin war man ja unter vielen Göttinnen und Göttern: Zeus und Hera, Apollon und Aphrodite, Poseidon, Hephaistos, Athene, Artemis und all die anderen waren zwar weit entfernt von der Erde auf ihrem heiligen Berg, gleichzeitig aber ein Abbild der menschlichen Gesellschaft mit all ihren Interessen, Charakterzügen, Beziehungen und Intrigen. Wie das in den griechischen Sagen berichtet wird: Das ist alles so überzeichnet! Und doch so menschlich: Zeus versucht als Göttervater seine Kinder unter Kontrolle zu behalten, während er gleichzeitig ständig seine Frau Hera betrügt, Apollon rebelliert gegen seinen Vater und muss dafür als Strafe eine Zeitlang Schafställe ausmisten. Seine Schwester Artemis erschießt aus Versehen ihren Freund Orion und erhebt ihn daraufhin zum Sternbild an den Himmel. Es gibt wenig Menschliches und Übermenschliches, was sich nicht im Götterhimmel der griechischen Sagenerzählungen ereignet hätte. Göttliche Erhabenheit suchen Sie auf dem Olymp vergeblich. Immer herrscht Trubel.

Musik I: Bellowhead „Parson’s Farewell“


Ganz anders als die griechische Götter-Seifenoper ist dagegen der christliche Gott. Der thront einsam auf seinen Wolken. Weit weg im Himmel, fern von allem allzu Menschlichen, wie es scheint. Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig – aber doch eben so fern, dass es wirkt, als ob er in dieser Welt keine Rolle spiele.

Wie es dazu gekommen ist, dass die wilde und bunte Götterwelt von einem einsamen Gott abgelöst wurde; wie es also vom Polytheismus zum Monotheismus kam, darüber rätseln Religionswissenschaft und Theologie immer noch. Klar ist: Der Eingottglaube ist nicht so selbstverständlich und absolut natürlich, wie Christen und Muslime es gerne behaupten.

Eine These der Religionswissenschaft finde ich dabei ganz interessant: Nämlich, dass es die Menschen immer dann zu einem einzigen Gott hin zog, wenn sie sich in einer Krise befanden, wenn sie womöglich sogar ihre Existenz bedroht sahen. Klassiker: das Volk Israel in Ägypten – das Volk Israel in Babylonien. Da, wo das Volk Israel unterzugehen und zu verschwinden droht, findet es neu zu seinem Gott, entwirft es eine neue Glaubenslehre. In dieser kommen die anderen Götter dann irgendwann nicht mehr vor.

Weil ich länger in der Forschung am Alten Testament gearbeitet habe, weiß ich ja, dass die Bibel eben noch viele andere Götter neben dem einen Gott Israels kennt: El, Ba’al oder Marduk sind nur einige prominente Mitglieder anderer Götterfamilien. Für die Israeliten aber lief es immer mehr auf den einen Gott zu, der irgendwann dann auch einzig für die ganze Welt sein sollte. In Krisenzeiten gab es ein größeres Bedürfnis nach Einheitlichkeit und einer strengeren moralischen Ordnung. Die kann ein einzelner, allmächtiger Gott möglicherweise besser bieten als ein Pantheon von Göttern mit ihren eigenen Launen und Konflikten.

Aber dieser eine Gott – muss der dann nicht einsam sein? Ich weiß, das ist natürlich sehr menschlich gedacht. Aber Gott ist doch so etwas wie ein allmächtiger Weltmanager, der sich niemandem anvertrauen, mit niemanden seine Sorgen teilen kann. Und er wartet nur darauf, dass sich die Menschen an ihn, den Allgegenwärtigen wenden. Und: Wartet er meist umsonst? Die Vorstellung, dass Gott als das ultimative Wesen möglicherweise keine direkte Beziehung zu anderen Wesen hat, so wie sie Menschen untereinander haben, diese Vorstellung will mir nicht aus dem Kopf. Obwohl sie vermutlich grundsätzlich falsch ist. Nicht ohne Grund lehnen Judentum und Islam als monotheistische Religionen diese ja auch ab. Keine Bilder von Gott! Nicht gemalt und nicht in Stein gehauen und möglichst auch nicht im Kopf! Und auch der christliche Supertheologe Thomas von Aquin sagte ja: „Das Nonplusultra menschlicher Gotteserkenntnis ist nämlich: zu wissen, dass wir über Gott nichts wissen.“

Und trotzdem finden sich gerade im Christentum Bilder – da ist Gott nicht so ganz allein.

Musik II: Trio Dhoore „Speelhuis“


Wenn wir Thomas von Aquin Glauben schenken, sollten wir uns also möglichst keine Vorstellung von Gott machen. Schon gar keine bildliche. In den letzten 2000 Jahren haben das Christinnen und Christen aber immer wieder ignoriert – was ja auch nur allzu menschlich ist. Wenn ich schon von Gott spreche und sogar mit ihm spreche – also bete – dann werde ich von ihm auch irgendeine Vorstellung haben. Ja, und manche haben ihre Vorstellungen in 2000 Jahren Christentumsgeschichte sogar gemalt. Und so sind in Buchseiten und auf Kirchenwänden unzählige Bilder der Taufe Jesu überliefert worden. Da scheint Gott zwar alleine im Himmel zu sein – manchmal nur als strahlende Sonne dargestellt, manchmal eben als alter Mann. Aber: Vom Himmel gibt es eine Verbindung zur Erde, dahin, wo nämlich gerade Jesus von Johannes getauft wird. Dazwischen aber schwebt die Taube, Zeichen für den Geist Gottes, der auf Jesus niedergeht. Und schon zeigt sich nicht nur eine Verbindung von Himmel und Erde, sondern auch in Gott selbst, der im Himmel und auf der Erde, im himmlischen Schöpfer, im Menschen Jesu und im Geist dargestellt ist. Und so ist Gott vielleicht doch nicht mehr so einsam.

Und doch: Trotzdem noch einer. Und gleichzeitig drei. Mathematisch unmöglich, aber ein zentraler Glaubenssatz des Christentums seit der antiken Kirche. Und der wird heute übrigens gefeiert, am sogenannten Dreifaltigkeitssonntag. Die Gleichung dabei geht aber nur auf, wenn man sich an die alte Weisheit des christlichen Glaubens hält, dass man von Gott nichts sagen kann, was ihm nicht unähnlicher wäre, als es ihm ähnlich sein könnte. Dann geht auch Trinität, dann geht auch 1+1+1=1.

Dass Gott nicht nur als oberstes Wesen im Himmel thront, sondern gleichzeitig eine Gemeinschaft von dreien ist, die sehr wohl auch hier auf der Erde ist und wirkt, das zeigen viele weitere Darstellungen der christlichen Frömmigkeit: Die klarsten sind das dreiblättrige Kleeblatt, das Dreieck mit dem Auge in der Mitte oder der Gnadenstuhl, wo Gott Vater das Kreuz mit dem leidenden Jesu hält, über dessen Kopf die Taube flattert. Mir persönlich gefallen Darstellungen wie die der Ikone Andrej Rubljows. Das ist eine der bekanntesten Ikonen der Orthodoxie. Ich kann sie Ihnen hier schlecht zeigen, aber: Da sitzen drei Gestalten um einen Tisch herum beieinander. Einfach so, in Ruhe, einander zugewandt. Das finde ich passend.

Musik III: Trio Dhoore „Heuvelland“


Sie ist eines der bedeutendsten Werke der orthodoxen Ikonenmalerei, die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow. Aufregend ist es erst einmal nicht, was man sieht: drei Gestalten, die um einen Tisch sitzen. Sind es Männer? Sind es Engel? Für biblisch geschulte Blicke ist der Bezug jedenfalls klar: Dargestellt ist die Geschichte des Alten Testaments, in der die drei am Tisch Abraham darüber informieren, dass er mit 100 Jahren endlich Vater wird und die Geburt seines Sohns Isaak bevorsteht. Gleichzeitig aber stehen diese drei für die Dreieinigkeit Gottes. Und weil sie sich äußerlich nur wenig unterscheiden, verkörpern sie meiner Meinung nach sehr viel besser und tiefgehender die Dreieinigkeit als Bilder von Tauben, bärtigen Großvaterfiguren und klassischen Jesusdarstellungen. Denn auf das Äußere kommt es doch gerade nicht an. Es ist beim Verstehen der Dreifaltigkeit Gottes sogar hinderlich – wenn das mit dem Verstehen überhaupt funktioniert.

Für mein Empfinden lässt sich noch nicht einmal feststellen, ob es sich bei Rubljows Darstellung überhaupt um Männer handelt. Es sind Menschen oder Engel, in jedem Fall Wesen, die um einen Tisch sitzen, einander zugeneigt. Sie lassen keine Rangfolge erkennen, alle drei strahlen Ruhe, Entspanntheit und Ernsthaftigkeit aus. Ziemlich gleich also. Man ist sich unter Kennern nicht einmal einig, welche Figur wer aus der göttlichen Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Geist ist. Das Wesentliche ist: Sie sind eine Einheit in Gemeinschaft.

Und das ist für mich wesentliche Botschaft der Evangelien, ja, der ganzen Bibel: Dass wir uns in Gemeinschaft befinden, uns in ihr aber auch zurechtfinden, miteinander leben lernen, dass wir einander ertragen, stützen, verstehen – schlicht: lieben. Wie aber sollte das die entscheidende Botschaft für alle Menschen sein, wenn diese nicht irgendwo in Gott angelegt wäre? Hervorragende Wendung der Theologie daher, dass Gott eben nicht nur eins, sondern eben auch drei ist.

Drei Personen bilden in unserer Welt die kleinste denkbare Gruppe, das kleinste Team, das Mehrheiten bilden kann, dass sich auf diese Weise einig sein muss. Eben kein Alleinherrscher, aber auch keine Partnerschaft, sondern echtes Gremium. Aber natürlich göttlich und daher – wie die Ikone Rubljows zeigt – in Liebe und Verständnis und Harmonie miteinander verbunden.

Musik IV: Trio Dhoore „August“


1+1+1 ist eben doch drei. Zumindest in der christlichen Theologie. Dass Gott nicht an ferner Spitze allein und absolut im Himmel seine Kreise zieht, ist für die christliche Theologie auf mehreren Ebenen absolut grundlegend. Es zeigt zum einen, dass diese Welt eben nicht nur irgendwann einmal geschaffen und dann ihrem Schicksal überlassen wurde. Gott selbst ist in die Geschichte der Menschen eingegangen, ist Mensch geworden, hat geliebt, gelitten und wurde getötet. Aber auch dann ist Gott nicht vergangen und hat sich nach Schöpfung und Menschwerdung verabschiedet, sondern bleibt in jeder Gemeinschaft, die sich in seinem Geist versammelt. Und wird bleiben. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft also. Auf eben diese Art kann Gott als das Geheimnis des Lebens auch von den Menschen erfahren werden: im Blick auf die wunderbare Welt als seine Schöpfung, im Blick auf den einzigartigen Menschen Jesus, sein Leben und seine Lehre, und in der inspirierenden Gemeinschaft von Menschen. Dass Gott also nicht nur einzig, sondern auch dreifaltig ist, nimmt ihm nichts von seiner Erhabenheit, sondern macht ihn zugänglich – auch wenn das Ganze zugegebenermaßen irgendwie unbegreiflich bleibt. Dass Gott in sich Gemeinschaft ist, rückt ihn mir persönlich aber näher.

Für unsere Gesellschaft finde ich den Gedanken spannend, dass nach christlicher Vorstellung das höchste Wesen kein allmächtiger, allgegenwärtiger Herrscher ist, sondern ein 3er-Führungsteam, das Einigkeit und Einheit zeigt. Gott ist neben seiner einzigartigen Unwandelbarkeit eben auch immer teamfähig wandelbar.

Ich kann für meinen Glauben aus diesem Bild viel mehr ziehen, als aus der göttlichen Seifenoper auf dem griechischen Olymp oder aus der starren, eher philosophischen Vorstellung des einsamen, göttlichen Alleinherrschers. Gemeinschaft und Einheit gleichermaßen zu sein, 3 und 1, das ist wahrhaft göttlich.

Was für mich am Dreifaltigkeitssonntag bleibt: An einen Gott, der als Beziehungswesen in sich beziehungsfähig ist und bleibt – an den werde ich gerne glauben.

Musik V: Trio Dhoore „Haven“


Einen gesegneten Sonntag der Dreieinigkeit wünscht Ihnen Christoph Buysch und grüßt Sie an diesem Morgen aus Krefeld.

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