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Kirche in WDR 5 | 03.06.2024 | 06:55 Uhr

Kafkaesk oder verklärt

Was für ein Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Seit 2007 gilt dieser Satz als der zweitschönste erste Satz der deutschen Literatur. Damals gab es einen bis heute einmaligen Wettbewerb[1], an dem sich über 17.000 Leser aus Deutschland und 60 anderen Staaten beteiligten.[2] Gewinner-Satz war übrigens „Ilsebill salzte nach“ aus dem „Butt“ von Günter Grass. Aber auf dem zweiten Platz landete der Satz über Gregor Samsas böses Erwachen. Er stammt aus der Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka, der genau heute vor 100 Jahren verstorben ist: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“

Ich kann die Platzierung im Wettbewerb gut verstehen. Denn als ich den Satz las, da habe ich mich gleich gefragt: Warum wird Gregor Samsa verwandelt? Wie geht das, solch eine Verwandlung? Und was waren das wohl für unruhige Träume? Schließlich dann mein Gefühl: Von dem „ungeheuren Ungeziefer“ geht etwas Bedrohliches und Beängstigendes aus. Und ich habe mich gefragt: Was könnte das wohl für ein Ungeziefer sein? Später im Buch wird klar: Es ist ein Käfer.

Für Franz Kafka zeigt sich hier etwas, das ganz typisch ist in seinen Werken: Er beschreibt nüchtern einen Sachverhalt, der fasziniert und zugleich erschreckt. „Kafkaesk“ hat man das genannt; ein Begriff, der in die deutsche Sprache eingegangen ist und einmal mehr zeigt, dass Franz Kafka einer der ganz großen, prägenden Literaten des 20. Jahrhunderts war und bis heute ist. Und so bedrohlich und dunkel die Erzählung anfängt, so endet sie auch. Gregor Samsa ist ein Handlungsreisender. Durch seine Arbeit füttert er seine verschuldeten Eltern und seine jüngere Schwester durch. Die danken es ihm aber nicht. Nach seiner Verwandlung in das Ungeziefer wandelt sich auch das familiäre Verhältnis zu ihm. Jetzt, wo er Unterstützung durch seine Familie benötigt, wird der frühere Versorger zusehends zu einer lästigen Plage, die weggeschlossen und sogar von seinem Vater attackiert und verletzt wird. Schließlich verhungert Gregor Samsa kläglich. Kein Happy End für ihn durch Rückverwandlung oder eine andere Art der Erlösung. Erlösung gibt es lediglich für den Rest der Familie, die das Ungeziefer endlich los ist. Eine dunkle, unheimliche Erzählung. Kafka verarbeitet damit wohl seine eigene familiäre Situation – vor allem das Leiden unter seinem übermächtigen Vater. Zugleich kritisiert er die gesellschaftlichen Strukturen – zum Beispiel gesellschaftliche Hierarchien, die Menschen herabsetzen.

Kafka spricht mit seiner Erzählung Themen an, die bis heute – leider – aktuell sind: Menschen werden entwürdigt, erniedrigt und ausgegrenzt. Und das vielleicht schlimmste: Menschen werden schlicht nicht gesehen. Wie viele würden sich vielleicht auch gerne einmal verwandeln, um einfach gesehen, wahrgenommen, gar wertgeschätzt zu werden? Und überhaupt: Das Kafkaeske, diese Beklemmung, die beschleicht wahrscheinlich nicht nur mich aufgrund der vielen Probleme in unserer Welt.

Aber so sehr Kafka gerade jetzt zum 100. Todestag auch gewürdigt wird und so sehr ich seine Werke schätze: Der dunklen Apokalyptik einer Verwandlung, die zum Tod führt, möchte ich nicht das letzte Wort geben. Wie wäre es, mit einer hellen Apokalyptik, mit einer Verwandlungsgeschichte, die ins Licht führt? So jedenfalls lese ich als Kontrast zu Kafkas Geschichte die biblische Erzählung von der Verklärung Jesu auf dem Berge Tabor. Da geht es nämlich auch um Verwandlung, um Wertschätzung - ja, auch um die Vaterbeziehung, wenn Jesus vor seinen Freunden in grelles Licht gehüllt wird und eine Stimme sagt (Mt 17,5): „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe!“

Was für ein Satz! Wenn doch Gregor Samsa in Kafkas Erzählung das mal von seinem Vater gehört hätte! – Er wäre sicherlich nicht verhungert.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Pater Philipp Reichling aus Duisburg


[1] Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_sch%C3%B6nste_erste_Satz .

[2] Vgl.: https://www.korrektor.org/der-schoenste-erste-satz.html#gewinner .

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